Urlaub hinter Gittern Häftling für eine Nacht

Kein Grund zur Flucht: Eine Nacht in einem Gefängnis kann sogar recht gemütlich sein. Vom Vier-Sterne-Hotel in Boston bis zum Backpacker in Neuseeland gibt es weltweit umgebaute ehemalige Knastgebäude - für das ganz besondere Flair.

Von Yasmin Schulten


Von Luxus in ihren Zellen konnten die Verbrecher des 19. Jahrhundert im Bostoner Charles-Street-Gefängnis nur träumen. Heute aber sind hier Zimmer mit Flachbildschirmfernsehern und Minibars ein Standard, den auch Promis wie Mick Jagger oder Meg Ryan gerne nutzen. Denn aus dem Knast, der vor 17 Jahren wegen unmenschlicher Bedingungen geschlossen wurde, ist das luxuriöse Liberty Hotel entstanden.

Vom Gefängnis zur Unterkunft für jedermann - pfiffige Hoteliers auf der ganzen Welt setzen auf den Gruselfaktor und bauen aufgegebene Knast-Gebäude für Touristen um. Während bei manchen – wie dem Liberty Hotel - das Luxusambiente deutlich überwiegt, schlafen die Gäste in anderen Unterkünften auf spartanischen Pritschen in kargen Zellenzimmern.

Nach fünf Jahren Renovierung für rund 100 Millionen Euro hat der ehemalige Bostoner Knast im September als Vier-Sterne-Hotel seine Türen geöffnet. Das Motto bei der Eröffnung: "Be captivated" - sei gefangen. Neben der äußeren Fassade des Gebäudes erinnern vor allem die Eingangshalle des Edelhotels mit den alten Backsteinwänden und riesigen vergitterten Fenstern sowie die beiden Restaurants "Clink" und "Scampo " – übersetzt "Kittchen" und "Flucht" – an den früheren Gebrauch des Gebäudes. Aber nur 18 der insgesamt 298 Zimmer befinden sich im originalen Gefängnisgebäude. Hier blicken die Gäste auf die gleichen Backsteinwände und durch die gleichen, wenn auch stilvoll renovierten, vergitterten Fenster ins Freie wie die früheren Insassen.

Backpacker-Hostel oder Knast-Feeling

Vornehm präsentiert sich auch das Malmaison Hotel im englischen Oxford. Die Betreiber konnten zwar die Originaleisentüren der früheren Zellen erhalten. Doch dahinter verbergen sich heute keine dunklen Kämmerchen mehr, sondern noble Suiten mit allem, was das Hotelgastherz begehrt – inklusive Betten aus dunkler Eiche und einer freistehenden Badewanne. Imposant wirkt auch die Außenfassade aus massivem Gestein, die das Hotel wie eine Burg aus dem Mittelalter erscheinen lässt.

Wer im Luzerner Jailhotel Löwengraben Gefängnisluft schnuppern will, hat die Auswahl zwischen drei Zimmerkategorien: von der originalgetreuen Gefängniszelle bis hin zur Suite im ehemaligen Büro des Direktors. Gäste in diesem Hotel übernachten in den gleichen Räumen wie die Häftlinge in der Zeit zwischen 1862 und 1998, als der Löwengraben noch als Schweizer Zentralgefängnis genutzt wurde. Obwohl die Zellenzimmer noch immer mit vergitterten Fenstern und den schweren Holztüren von früher ausgestattet sind, müssen die Insassen von heute nicht mehr auf Annehmlichkeiten wie eine Dusche auf derselben Etage verzichten.

Mit etwas wohnlicherem Flair, aber noch immer mit ausreichender Knastatmosphäre lädt Neuseelands ältestes Gefängnis in Napier auf der Nordinsel seine Gäste zur Übernachtung ein. 1993 wurde der Knast geschlossen und zum Hostel für Rucksackreisende umfunktioniert. Immerhin schlafen die Touristen hier noch in normalen Betten in beheizten Räumen.

Ganz anders sieht das in Lettland aus: Im Soldatengefängnis Karosta in Liepaja muten die Betreiber ihren Gästen einiges zu. Denn dort schlafen die freiwilligen Häftlinge auf alten Pritschen unter rauen Armeedecken und müssen sich am nächsten Morgen mit kaltem Wasser in der Dusche zufrieden geben. Für alle, die für eine Nacht dem wahren Leben im Knast nahe kommen wollen, ist Karosta die richtige Adresse.

Gefängnishotels in Deutschland

Auch in Deutschland wollen zwei Rechtsanwälte ihre Gäste hinter Gitter bringen - und das völlig ohne Anklage. Nach längerer Verzögerung soll das Hotel Alcatraz in Kaiserslautern noch in diesem Jahr offiziell seine ersten "Insassen" in den insgesamt 58 Zellenzimmern begrüßen. Für einen Übernachtungspreis von 45 Euro versprechen die Betreiber Michael Koll und Andreas Kirsch wahres Knastgefühl – mit Pyjamas im Häftlingslook, Gefängnisfrühstück und echten Gefängnisbetten.

Das Alcatraz ist damit das zweite Hotel seiner Art in Deutschland. Bereits im März dieses Jahres nahm Hotelier Uwe Klein sein Knasthaus Fronveste im thüringischen Meiningen in Betrieb. Bis Ende der siebziger Jahre wurde das Gebäude noch als Gefängnis genutzt. Beim Umbau legte er viel Wert darauf, den historischen Charakter des Gebäudes zu bewahren. "Auch wenn einige Ideen nicht zu verwirklichen waren, so bekommt jeder Gast dennoch das Gefühl, in ein ehemaliges Gefängnis zu kommen, sobald er das Gebäude betritt", sagt Klein. Die 39 Zimmer würden räumlich den früheren Zellen entsprechen, seien allerdings gemäß heutigen Hotelstandards eingerichtet.

"Man kann in Deutschland allein aus Sicherheitsgründen keine schweren Eisengittertüren in die Zimmer einbauen. Da würde die Bauaufsicht nicht mitspielen", erklärt Klein. Dafür sollen Teile der Einrichtung an ein Leben im Kittchen erinnern: Statt über Emaille-Waschbecken putzen sich die Hotelgäste ihre Zähne über Edelstahlwaschschüsseln auf Eichentischen. Im hoteleigenen Irish Pub sind die Auflagen weniger streng als im Hotelbereich, so dass hier kleine Spielereien möglich werden. "Wer will, isst hier in schwarz-weiß gestreifter Sträflingsuniform und bekommt die Suppe im Blechnapf serviert", erzählt Klein.

Themenhotels sind in Deutschland nicht neu. Knasthotels sind dabei nur eine Kategorie, berichtet Stefanie Heckel, Pressesprecherin des Hotel- und Gaststättenverbandes Dehoga. Es gebe auch Hotels in Bäumen, im Leuchtturm oder in Zelten. Als Grund für den Trend zu außergewöhnlichen Übernachtungsmöglichkeiten sieht sie den wachsenden Erlebnisdrang vieler Touristen: "In Zeiten der Massenhotelerie sehen sich viele Gäste nach ausgefallenen Hotels um. Themenhotels entwickeln sich daher immer mehr zum profitablen Marktsegment."



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.