Urlaubsgrüße per E-Mail "Wurde überfallen, alles bestens!"

Früher erfuhren Eltern oft erst nach der Rückkehr ihrer Sprösslinge aus dem Urlaub von neuen Tattoos, Drogenexperimenten oder Heiratsanträgen von Stammeshäuptlingen. Per Internet geht das heute schneller. Ein Brite hat die skurrilsten Urlaubsgrüße gesammelt. Wer sie liest, möchte niemals Kinder haben.

Hamburg - Nach dem Abi um die Welt – viele junge Menschen zieht es für ein paar Monate in ferne Länder, bevor der Ernst des Lebens beginnt. Für Eltern kann es zu einer schweren Prüfung werden, wenn der Nachwuchs in Gegenden aufbricht, die sie erst mal im Atlas suchen müssen. Groß ist dementsprechend die Freude über regelmäßige Lebenszeichen per E-Mail. Auch wenn nicht alles beruhigend wirkt, was man da so zu lesen bekommt.

Der britische Kolumnist und Buchautor Simon Hoggart, selbst Vater von zwei Kindern, hat sich mit der Weltreisenden Emily Ward zusammengetan, um besonders haarsträubende Urlaubsgrüße zu sammeln. Das jetzt in Buchform veröffentlichte Ergebnis erzählt nicht nur eine Menge über andere Länder und Sitten – es ist auch ein Dokument der unerschütterlichen Gelassenheit, die Teenager nach ein paar Monaten Rucksacktour an den Tag legen.

SPIEGEL ONLINE dokumentiert eine Auswahl.

Erste E-Mail: "Wurde nachts vom Erdbeben geweckt"

"Bin nach dem Erdbeben wieder eingeschlafen"

Ein Jugendlicher schrieb nach einer Hotelübernachtung in Peru Folgendes nach Hause:

"Wir haben ein absolut fantastisches Hotel mit En-suite-Badezimmern, hohen Decken, Balkonen, Betttüchern und Nachttischlampen. Wir schliefen wie die Babys, nur einmal wurden wir aus dem sanften Schlummer geweckt, als das Erdbeben losging. Keine Panik, Mutter. Nach anfänglicher Verwirrung bin ich fast sofort wieder eingeschlafen, und gesund und munter aufgewacht, trotz unschöner Spalten und Risse an Wänden und Decke."

Zweite E-Mail: "Wurde überfallen, alles bestens!"

Überfälle? Ein alter Hut

Wenig Erbauliches berichtete auch ein Teenager aus Rio de Janeiro:

"Tja, wurde schon wieder überfallen, als ich in strömendem Regen von Cinelândia über die achtspurige Strasse zum Modern Art Museum wollte. Der Typ hatte ein Messer, war aber nicht sonderlich bedrohlich, und er ließ mich die Brieftasche öffnen und ihm die Banknoten geben, anstatt sich alles zu nehmen. Das wäre wirklich blöd gewesen. Schon ok. Ich bin's gewohnt inzwischen."

Dritte E-Mail: "Ich überlege, durchzubrennen"

Mit Pfeil und Bogen Affen jagen

Manchmal sind es weniger die Umstände als die Reisenden selbst, die Anlass zur Sorge geben:

"Liebe Mum, lieber Dad, wie geht's euch? Vielleicht wird euch das schockieren, aber ich denke darüber nach, mit einem meiner Schüler nach Assam durchzubrennen. Er ist vom Naga-Stamm, und ich wäre gerne ein Naga-Mädchen, das mit Pfeil und Bogen nach Affen jagt und mit dem Speer Fische fängt wie die anderen. Danach gibt es Stammestänze bis zum Morgen, das macht unglaublichen Spaß, und die Naga hier sind alle so freundlich und stark und mutig. Klar, die politische Situation in Assam ist nicht ideal, aber ich komme schon zurecht. Hab euch lieb. Ist nur so 'ne Idee im Moment."

Vierte E-Mail: "Ich hing ziemlich lang am Seil"

Im Riesenkleid von der Brücke springen

Die folgenden Beispiele aus der Abteilung "Funsport" sorgten sicher auch in der Heimat für Adrenalinschübe:

"Der dritte Bungee-Sprung in Neuseeland war ein Kinderspiel. Das Seil wird an der Hüfte befestigt, man rennt los und springt – bei nur 43 Metern Tiefe war's total schnell vorbei. Blöderweise musste ich ziemlich lang am Seil hängen, weil ich dem Typen nicht zugehört hatte, wie man die Gurte anlegt – hatte das total falsch gemacht."

"Geburtstagspläne: Erst wollte ich mich in eine Schlucht abseilen und dann einen Sonnenuntergangs-Bootstrip machen, aber ich glaube, wir machen einen Bungee-Sprung von der größten Brücke der Welt (!!!). Werde ein komplett bescheuertes Riesenkleid anziehen, damit mich die Leute nicht vergessen! Hab euch lieb."

Letzte E-Mail: "Ich schicke dir Leute vorbei. Die Namen habe ich vergessen"

"Ich wollte dich nur warnen"

Die Empfänger dieser Mail wünschten sich vermutlich, ihre Tochter hätte lieber einen Pauschalurlaub im Resorthotel gebucht:

"Sind in Bolivien auf einen Vulkan geklettert, war ziemlich aufregend, oben riesiger Krater. Die Dämpfe taten höllisch weh in der Lunge beim Atmen. Habe tolle Fotos von Jed gemacht, wie er in den Krater pinkelt."

Und manchmal ist die Bedrohung sogar unmittelbar, obwohl die Post aus weiter Ferne kommt:

"Hey Ma, nur ganz kurz, weil schon spät. Wollte dich nur warnen, habe gestern Abend ein paar supernette Australier kennen gelernt, die nächste Woche nach London kommen. Habe gesagt, sie können bei dir wohnen, um Geld zu sparen. Und ihnen deine Nummer gegeben, hoffe das war ok, sind total nett. Die Namen weiß ich nicht mehr, aber alle vier sind total lustig und freundlich."


Simon Hoggart and Emily Monk: "Don't Tell Mum. Hair-Raising Messages Home From Gap-Year Travellers". Atlantic Books, 2006.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.