Urlaubskataloge Was "Meerseite" und "naturbelassen" wirklich bedeuten

Zwischen Dichtung und Wahrheit ist in Reisekatalogen schwer zu unterscheiden. Die Veranstalter hübschen ihre Prospekte gern ein wenig auf. Wo Traumurlaub suggeriert wird, lauert mitunter touristisches Grauen - ein kleiner Sprachführer durch das Katalog-Chinesisch.


Traumstrand (auf den Seychellen): Vorsicht beim Prospektlesen
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Traumstrand (auf den Seychellen): Vorsicht beim Prospektlesen

Auf den ersten Blick verheißen die Angebote in den Reiseprospekten stets einen Urlaub der Extraklasse: "Direkt am Meer" heißt es dort oder "naturbelassener Strand". Das ist nicht zwangsläufig stumpf gelogen, aber häufig sprachlich geschönt. Solche Beschreibungen können Interessenten mächtig in die Irre führen.

Bei nachträglichen Beschwerden und Reklamationen ist entscheidend, was genau im Katalog steht. Damit sich niemand foppen lässt, geben die Verbraucherzentralen Tipps zum Verständnis der Prospekt-Sprache:

  • "Idylle in ruhiger Lage": Die Unterkunft liegt fernab der touristischen Infrastruktur, bis zu Geschäften oder Bushaltestellen ist es ein weiter Weg.
  • "Direkt am Meer": Das Hotel liegt an einer Steilküste oder am Hafen, nicht jedoch am erhofften Badestrand.
  • "Meerseite": Den Blick aufs Meer garantiert das nicht - vermutlich ist er vielmehr durch andere Häuser versperrt.
  • "Naturbelassener Strand": Dahinter verbirgt sich wahrscheinlich ein ungepflegter Strand. Mit feinem Sand kann der Urlauber nicht rechnen, eher mit Kieselsteinen und manchmal sogar mit Müll.
  • "Aufstrebende Gegend": Derart angepriesene Urlaubsorte erweisen sich oft als eher unterentwickelt. Zudem stören womöglich zahlreiche Baustellen das Urlaubsvergnügen.
  • "Verkehrsgünstige Lage": Das Hotel liegt wahrscheinlich an der Hauptverkehrsstraße. Lärmbelästigungen rund um die Uhr durch Autos werden den Gästen kaum Ruhe und Erholung gönnen.
  • "Unmittelbar an der Strandpromenade": Was sich nach gepflegter Spaziermeile anhört, bedeutet oft eine viel befahrene Küstenstraße.
  • "Relativ ruhig inmitten der Altstadt": Die Gäste sollten am besten tagsüber schlafen, denn nachts ist Trubel zu erwarten.
  • "Internationale Atmosphäre": Der Begriff lässt befürchten, dass sich Kampftrinker aus aller Welt lautstark amüsieren möchten.
  • "Familiäre Atmosphäre": Es ist damit zu rechnen, dass die Tischnachbarn in Bikini oder Jogginganzug das Abendessen einnehmen. Das muss man mögen.
  • "Kinderfreundliches Haus": Ruhebedürftige sollten sich hier nicht einquartieren. Kinder sind nun mal etwas lauter.
  • "Zweckmäßig eingerichtete Unterkunft": ein Hinweis auf Minimalausstattung ohne jeglichen Komfort.
  • "Unaufdringlicher Service": Die Kellner sind hier mitunter so unaufdringlich, dass es mit dem Abendessen etwas länger dauern kann.
  • "Kontinentales Frühstück": Auf den Tisch kommen nur Brot, Marmelade, Butter, Kaffee und Tee. Spricht der Katalog von einem "verstärkten Frühstück", dann gibt es vielleicht auch noch Wurst oder Käse und ein Ei.
  • "Beheizbarer Swimmingpool": Das garantiert noch lange nicht, dass das Wasser auch tatsächlich erwärmt wird - "beheizbar" und "beheizt" ist nun mal nicht das Gleiche.
  • "Werbung": Nicht alles, was im Reiseprospekt steht, wird auch als Reisebestandteil vereinbart. Vieles dient nur der Werbung. Welche Leistungen letztlich vereinbart wurden, ergibt sich laut Verbraucherzentrale NRW aus dem Reisevertrag oder den Beschreibungen des zum Buchungszeitpunkt gültigen Katalogs. Grundsätzlich gilt, dass der Reiseveranstalter in seinem Prospekt klar und deutlich auf alle Gegebenheiten vor Ort hinweisen muss.

jol/AFP



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