US-Fluglinien Sparzwang über den Wolken

Hohe Spritpreise, sinkende Gewinne: US-Fluglinien betanken ihre Flugzeuge mit immer weniger Kerosin und setzen Piloten unter Druck, mit möglichst knappen Reserven auszukommen. Experten befürchten, dass die Sicherheit der Passagiere leiden könnte.


Washington - In den USA haben sich Piloten über zunehmenden Druck ihrer Fluggesellschaften beklagt, wegen der hohen Spritpreise mit möglichst wenig Treibstoff im Tank zu starten. Einige befürchten, dass dabei auf Kosten der Sicherheit gespart werden solle. Gewerkschaften und eine Meldestelle der Nasa schlagen Alarm. Dagegen hat die Aufsichtsbehörde FAA nach eigenen Angaben keine Hinweise darauf, dass Sicherheitsbestimmungen missachtet wurden.

Im März dieses Jahres meldete der Pilot eines Regionalflugzeugs, dass er bei einer Landung weniger Kerosin im Tank hatte als vorgeschrieben. Seine Fluggesellschaft erstelle sogar eine Rangliste der Piloten, die mit möglichst wenig Restsprit landeten.

Der Flugkapitän meldete sich bei der Nasa, die Berichte über Sicherheitsprobleme im US-Luftverkehr sammelt. Die Behörde behandelt die Hinweise anonym, um Piloten, Flugbegleiter und Dispatcher (Flugdienstberater) zur Mitarbeit zu ermuntern.

Auf einem Flug nach New York ging bei einer B747 das Kerosin zur Neige, weil der Jumbo über dem Atlantik mit starkem Gegenwind zu kämpfen hatte. Der Pilot meldete der Nasa im Februar, er habe einen Tank-Zwischenstopp einlegen wollen, sei dann aber weitergeflogen. Der zuständige Manager seiner Fluggesellschaft habe ihm gesagt, der Sprit reiche noch. Als er schließlich den John-F.-Kennedy-Flughafen erreichte, hatte er so wenig Treibstoff in den Tanks, dass er bei einer Verzögerung der Landung eine sogenannte fuel emergency hätte erklären müssen, was ihm Priorität eingeräumt hätte.

Tödlicher Unfall wegen Kerosinmangels

Schon im September 2005 gab die Nasa wegen ähnlicher Vorfälle eine Sicherheitswarnung heraus. Seitdem hat sich der Kostendruck durch den dramatisch gestiegenen Ölpreis noch verschärft. Die Fluggesellschaften versuchen immer aggressiver, Kerosin zu sparen. Es sei zu Situationen gekommen, in denen Flugkapitäne den Lotsen mitgeteilt hätten, dass sie wegen Treibstoffmangels sofort landen müssten, sagte die Direktorin des Aviation Safety Reporting System (ASRS) der Nasa, Linda Connell.

Zuletzt führte Kerosinmangel im Januar 1990 zu einem Unfall in der US-Verkehrsluftfahrt. 73 Menschen kamen ums Leben, als einer Boeing 707 der kolumbianischen Gesellschaft Aviancia vor der Landung in New York der Sprit ausging. Nach den Vorschriften der FAA müssen die Jets genügend Treibstoff haben, um den Ziel- oder einen Ersatzflughafen erreichen zu können, plus eine Reserve für weitere 45 Minuten Flugzeit.

In Europa sind Reserven für 30 Minuten Pflicht, wie Niels Stüben von der Pilotenvereinigung Cockpit (VC) erläutert. Zusätzlich muss noch genügend Sprit im Tank bleiben, um einmal durchstarten zu können. Allgemein werden demnach fünf Prozent mehr Kerosin getankt als der errechnete Treibstoffverbrauch - schließlich kann das Wetter einen Umweg erzwingen. Der Flugkapitän habe das letzte Wort, mit wie viel Sprit er letztlich seine Reise beginne, sagt Stüben.

Dem VC-Vizepräsidenten ist nichts davon bekannt, dass sich Piloten in Deutschland unter Druck gesetzt fühlten, mit möglichst wenig Kerosin im Tank zu starten. Er verwies auf die dramatische wirtschaftliche Situation der Branche in den USA.

Beschwerde gegen zwei große Airlines

Zusätzlicher Treibstoff ist in der Kostenrechnung der Airlines zusätzliches Gewicht, das die Betriebskosten erhöht. Auf einem Flug von Washington nach Los Angeles verbraucht ein Airbus A320 mit 150 Passagieren etwa 16.300 Liter Kerosin, was die Fluggesellschaft rund 14.000 Dollar (9500 Euro) kostet. Zusätzliche 830 Liter schlagen mit weiteren 750 Dollar zu Buche.

Gewerkschaften haben bei der FAA Beschwerde gegen zwei große US-Airlines - American und US Airways - eingelegt. Sie hätten Druck auf Piloten ausgeübt, nicht zusätzlichen Sprit anzufordern. American wies die Dispatcher Anfang Juli darauf hin, dass genau beobachtet werde, wie viel Kerosin sie für jeden Flug einplanten. Wer sich dabei nicht an die Richtlinien des Unternehmens halte, könne in letzter Konsequenz sogar entlassen werden.

Die Airline wies darauf hin, dass sich die Treibstoffkosten in diesem Jahr um die Hälfte auf zehn Milliarden Dollar erhöhen dürften. "Die zusätzlichen Kosten für den Transport unnötigen Treibstoffs beeinträchtigen den finanziellen Erfolg von American", heißt es in einem Brief an die Flugdienstberater. Die Gewerkschaften kritisierten, Sicherheit habe offenbar nicht mehr Priorität.

Die Pilotengewerkschaft bei US Airways warf dem Unternehmen Mitte Juli in einer Zeitungsanzeige vor, acht Flugkapitäne wegen hoher Treibstoffanforderungen zu zusätzlichen Schulungseinheiten abkommandiert zu haben. Das sei ein klares Signal an alle Piloten, hieß es. Beide Airlines wiesen die Vorwürfe zurück. Der Grund für die Angriffe der Gewerkschaften sei eher in laufenden Tarifverhandlungen zu suchen.

Der Generalinspekteur im Verkehrsministerium, Calvin Scovel, empfahl der FAA im April, die Praxis der Airlines bei der Kerosinzuteilung landesweit unter die Lupe zu nehmen. Er verwies darauf, dass sich die Zahl der Piloten, die beim Anflug auf den internationalen Flughafen von Newark über nur noch wenig Treibstoff verfügten, seit 2005 verdreifacht habe - wenn auch bei keinem der von ihm aufgeführten 20 Flüge die 45-Minuten-Reserve unterschritten wurde.

Von Joan Lowy, AP



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