Vancouver-Bildband Der Blick des Fremden

Über 50 Jahre fotografierte Fred Herzog seine Wahlheimat Vancouver. Sein opulenter Bildband zeigt, worauf es wirklich ankommt, wenn man das Wesen eines Ortes einfangen will: auf die Menschen.

Fred Herzog/ Equinox Gallery/ Hatje Cantz

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Hinter einem reichlich heruntergekommenen, ärmlich wirkenden Holzhaus steht ein nagelneues Auto. In einem Hafenbecken liegen dicht an dicht einfache Boote, die wie ein asiatischer Wassermarkt wirken würden, wäre die Landschaft nicht so offensichtlich nordisch. Kinder in einfacher Kleidung spielen vor Werbetafeln für Güter, die sie nicht haben.

Menschen flanieren unter Leuchtreklamen. Andere stehen an einem Glücksspieltisch: Die Kugel muss rollen, denn die Hoffnung ist ihnen allen ins Gesicht geschrieben. Eine Frau steht vor einer Landschaft und schaut. Viele Menschen stehen vor einem brennenden Haus und schauen. Der Kaffee im Laden kostet 5 Cent, der Barbier hat den Sockel seines Hauses buntstreifig gestrichen. Hinter dem Jungen, der spielend an einem Seil schwingt, humpelt einer mit nur einem Bein, die beiden bemerken sich nicht.

Vielleicht braucht es den Blick des Fremden, des Einwanderers, um das Besondere im Alltäglichen zu erkennen. Fred Herzog, 1930 als Ulrich Herzog in Stuttgart geboren, blieb 1953 als junger Seemann im kanadischen Vancouver hängen und wurde dort zum Auswanderer, weil sesshaft.

Herzogs Bilder machen die Zeit fühlbar

Die Stadt gefiel ihm, und was ihm dort gefiel, kann man heute noch sehen: Herzog, Kriegswaise und gelernter Verkäufer im Eisenwarenhandel, hatte schon als Jugendlicher die Fotografie für sich entdeckt. Vielleicht war es die Kriegserfahrung, Stuttgart intakt, zerbombt und dann langsam wieder erstehend erlebt zu haben, die ihn zu einer Art Stadt-Porträtisten machte.

Vancouver sollte er über 50 Jahre lang porträtieren. Die ältesten Fotos in seinem gerade erschienen Bildband "Modern Color" sind von 1953, die neuesten von 2006. Was aber dominiert und beeindruckt, sind die Bilder der Fünfziger- bis Siebzigerjahre: Ihre schrillen Farben, das Aussehen von Orten und Menschen machen die Zeit fühlbar. Und bei Herzog heißt das immer: Wie sehr sich das Leben verändert hat.

Denn Herzogs Bilder sind selbst dann, wenn sie Baustrukturen zeigen, nicht primär an ihnen interessiert. Herzog zeigt Gebäude und Gegenstände, Fahrzeuge und Gegenden als Faktoren menschlicher Lebenswelten. Selbst wenn kein Mensch auf einem Bild zu sehen ist, spürt man ihn doch: Gebäude sind in Herzogs Bildern nicht Architektur, sondern Teil von Lebensräumen.

Mehr als ein Nostalgietrip

So ergeben sich seine Stadtporträts aus dem nie wertenden Blick auf die Details des menschlichen Alltags. Es ist eine zutiefst humanistische Perspektive.

Kaum einmal sieht man Totalen, Skylines, das große Ganze - und schon gar keinen Glamour. Herzog fotografiert, was ihm auffällt - und es ist ein neugierig explorierender Blick, der im Detail vergleicht: Das hier, sagt jedes Bild, scheint zunächst nicht so, ist aber etwas Besonderes. Menschen, Farben, Moden. Die Art wie jemand seine Tür anstreicht. Die Bilder an der Wand eines Barbiers. Das reibungslose Neben- und Miteinander von Ethnien. Der Farbenmut eines jungen Mädchens, das kreischend orange Strümpfe zum grünen Rock trägt.

Preisabfragezeitpunkt:
09.09.2019, 13:56 Uhr
Ohne Gewähr

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David Company, Michael Koetzle, Jeff Wall
Fred Herzog

Verlag:
Hatje Cantz Verlag
Seiten:
320
Preis:
EUR 33,22

Es ist die Perspektive eines leicht Außenstehenden, der Überraschung erlebt, dokumentiert und mag, was er sieht und wo er ist. Herzog fotografiert auch Armut, die nicht arm wirkt: Spannend ist sie, weil sie ständig mit den Zeichen des Reichtums konfrontiert wird - in Werbung und Leuchtreklamen, in Form glänzender Limousinen oder dem Glamour der Clubs, an denen man im Regen nur vorbeieilt.

Es macht die Sammlung auch zum Dokument einer Welt kurz vor der Durchkommerzialisierung des Alltags. Pop ist schon da, aber er prägt das Leben noch nicht. Statussymbole leistet man sich, aber erkauft durch Verzicht, erheblich zulasten der Lebensqualität. Der Neuwagen hinter der Bretterbehausung? Eine aus dem Lot geratene Prioritätensetzung, Werte im Fluss. Arbeitsweltbilder zeigen: Wer so etwas will, schuftet hart dafür.

Sehenswürdigkeiten? Fehlanzeige!

All das summiert sich zu einem Bild der kanadischen Metropole zu Beginn ihres Booms, wie man sie in Druckwerken sicher selten sieht. Was Herzog dagegen offenbar nicht für würdig hält, im Bild festgehalten zu werden, sind Sehenswürdigkeiten. Stattdessen zeigt er Vororte und Hinterhöfe, Gassen, Industrie- und Gewerbegebiete, Secondhandshops und Straßenalltag.

Es ist das Leben, was das Wesen der Stadt beschreibt. Herzog tut das, ohne aufdringlich zu werden. Beiläufig, hier und da regelrecht aus der Hüfte.

Im Grunde ist das ein Lehrstück darüber, wie man Orte wirklich abbildet. Wie und was fotografieren wir, wenn wir an einem anderen Ort sind? Was macht seinen spezifisch andersartigen Charakter für uns aus? Was sind die Dinge, die uns wirklich auffallen? Was ist es wert, dass wir uns daran erinnern? Meist nicht das, was man später auf unseren Fotos sieht: Sehenswürdigkeiten und Selfies.

"Wenn deine Bilder nicht gut genug sind", hat der berühmte Pressefotograf Robert Capa einmal gesagt, "warst du nicht nah genug dran." Fred Herzog hat er damit wohl nicht gemeint.



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