Verbotene Stadt Der Himmel baut mit

Der Mittelpunkt der Welt, das Abbild himmlischer Ordnung auf Erden: Kaiser Yongle ließ die Verbotene Stadt in Peking bis 1421 als eine gewaltige Macht-Demonstration errichten. Der Architekt des achten Weltwunders überließ nichts dem Zufall.
Von Matthias Messmer

In Europa schrieb man das Jahr 1402, als in China eines der ehrgeizigsten Bauvorhaben der Menschheit begann. Peking war damals eine Garnisonsstadt im Norden, hieß Beiping ("Nördlicher Frieden"), nachdem es unter der Herrschaft der mongolischen Yuan-Dynastie den Namen Dadu ("Große Hauptstadt") oder Khanbalik führte. Das Herrscherhaus der Ming hatte die Mongolen 34 Jahre zuvor gestürzt und regierte das Reich der Mitte von Nanjing aus, vom Süden. Erst Kaiser Yongle, der dritte Ming-Herrscher, entschied sich in jenem Jahr seiner Machtübernahme, die Hauptstadt des Riesenreichs in den Norden zu verlegen.

Für diese Entscheidung gab es eine Menge Gründe. Peking lag strategisch sehr günstig. Durch Bergketten mit nur wenigen Pässen war das künftige Machtzentrum nach Norden geschützt. Außerdem wäre der neue Regierungssitz ein strategisch gut gelegener Ausgangspunkt für militärische Operationen gegen die Mongolen. Im Südosten erfüllte der Kaiserkanal bis nach Hangzhou alle Voraussetzungen für einen wirtschaftlichen Aufstieg.

Der entscheidende Grund aber lag in der Art, wie das chinesische Kaisertum seine Legitimation schuf: Das A und O kaiserlicher Herrschaft war das Mandat des Himmels (tianming), der allen Dingen übergeordneten Instanz im traditionellen chinesischen Denken. Der Kaiser war der Himmelssohn (tianzi) und Bindeglied zwischen Himmel und Erde, zwischen Kosmos und dem Irdischen. Tugenden und Leistungen eines Herrschers sicherten somit nicht nur den Frieden im Reich, sondern auch die Harmonie zwischen Himmel und Erde. Doch ebenso wie der Himmel das Mandat verlieh, konnte er es einem Regenten bei unzulänglicher Herrschaft wieder entziehen. Darin unterschied sich das Himmelssohn-Prinzip vom christlich-abendländischen Gottesgnadentum, das auch eine schlechte Herrschaft legitimieren konnte – im Reich der Mitte eine Unmöglichkeit.

Brutaler Umsturz sicherte Yongles Macht

Yongle war jedoch auf eine Weise an die Macht gekommen, die durchaus geeignet war, den Frieden zu stören: Er hatte seinen Neffen Jianwen mit Gewalt abgesetzt. Nach diesem Umsturz bot Kaiser Yongle alles auf, um seine Herrschaft zu legitimieren und dem ihm verliehenen Mandat gerecht zu werden. Insbesondere konfuzianische Wertvorstellungen sollten die Grundlage seiner Regentschaft sein, doch auch bei ihm lagen Theorie und Praxis weit auseinander. Durch Gewalt war der Kaiser an die Macht gekommen und Zeit seines Lebens darauf bedacht, diese zu sichern und auszubauen. Dazu waren ihm auch brutale und rigide Maßnahmen recht, die im Gegensatz zu den Lehren des Konfuzius standen. Dokumente deuten an, dass Kaiser Yongle nach der Absetzung seines Neffen von Gewissensgebissen geplagt war, doch könnte er sich auch durch die alten Seilschaften seines Vorgängers bedroht gesehen haben. In Nanjing zumindest schien Yongle sich nicht mehr sicher zu fühlen, er brauchte eine neue Hauptstadt.

Vielleicht war es gerade die Kombination aus Härte und Kultiviertheit, die Yongle in schwierigen Zeiten zum Initiator des "Projekts neue Hauptstadt" prädestinierten. Denn dies war ein Megaprojekt. Stadtplanung bedeutete in der chinesischen Tradition seit alters her mehr als nur reine architektonische Anordnung. Geopolitik und Ideologie waren ebenso wichtig wie Aspekte der Ästhetik und Geomantik (fengshui).

Manche Stadthistoriker führen den Ausbau Pekings zur Hauptstadt sogar auf die so genannten Riten der Zhou (zhouli) zurück. Das "Zhouli" ist eine Schrift über den Aufbau und die Administration während der Zhou-Dynastie (1045-221 v. Chr.). Ebenso führt das "Zhouli" die Prinzipien für den Bau von Häusern, Dörfern und Städten auf. "Hier, wo Himmel und Erde in perfekter Einigkeit sind, wo alle vier Jahreszeiten zusammenkommen, wo Winde und Regen sich sammeln, wo die Kräfte von Yin und Yang sich entsprechen, an dieser Stelle soll man eine Stadt bauen", heißt es darin.

Strenge Symmetrie im Reich der Mitte

Für Kaiser Yongle schien Peking diese Harmonie zu verkörpern. Der Baubeginn war 1406, bereits 15 Jahre später war die Stadt fertig. Denn so kompliziert die Symbolik, so einfach die Bauweise. Die schnelle Fertigstellung der Verbotenen Stadt war unter anderem deswegen möglich, weil man sich einer frühen Form der Holzskelettbauweise für die Dächer bediente. Die Hauptstadt war, nach Fertigstellung im Jahre 1421, zum Idealtypus einer Stadt im Reich der Mitte geworden. Dazu gehört vor allem die in einem Rechteck angeordnete Umschließung der Stadt durch mächtige Mauern. Innerhalb dieser fanden sich wiederum kleinere ummauerte Einheiten, eine sich stets im Kleineren wiederholende Struktur. Die streng symmetrische Anordnung dieser ineinandergefügten räumlichen Stadteinheiten umfasste – von außen nach innen gehend – die Hauptstadt (ducheng), die Kaiserstadt (huangcheng) und schliesslich die Purpurne Verbotene Stadt (zijincheng).

Im Laufe der Jahrhunderte wurde die eine oder andere städtebauliche Veränderung notwendig, wie beispielsweise der Bau der so genannten Äußeren Stadt (auch Südliche Stadt). Nach dem Sturz der Ming-Dynastie im Jahre 1644 und der Machtübernahme der Mandschus mussten die Han-Chinesen den nördlichen Teil der Stadt verlassen und in diese "Südstadt" umziehen – deshalb auch "Chinesenstadt" genannt. Hier entstand in der Folge das "Montmartre" Pekings, ein belebtes Quartier mit Ateliers, Märkten und Gaststätten. Aber auch Theaterbühnen wurden hier eröffnet – denn im Norden der Stadt war der Bau von Theatern untersagt. Jener nördliche Teil (von den Ausländern "Mandschustadt" oder "Tatarenstadt" genannt) war den Mandschu-Bannern zugewiesen worden, militärisch-administrativen Einheiten, die den Kern der Qing-Herrschaft bildeten.

In der Mitte dieser Ansammlung verschiedener Städte lag das Zentrum der kaiserlichen Macht: die Purpurrote Verbotene Stadt. Purpurrot, weil dies als Farbe des scheinbar unbeweglichen Polarsterns galt – und den Kaiser als das irdische Spiegelbild der im Kosmos waltenden Ordnung symbolisierte. Den Herrschaftsbereich der Verbotenen Stadt nutzte der Kaiser für politische Repräsentation, hier empfing er in den Audienzsälen (waichao), der Innere Hof (neiting) beherbergte die Gemächer des Himmelssohns und die seiner Gefolgschaft inklusive Frauen, Konkubinen und Eunuchen.

"Eindrücklicher als der Petersdom"

Außerhalb der Verbotenen Stadt waren die Paläste der Prinzen angeordnet, lagen die Gärten, Seen, Werkstätten und Lagerhäuser. Innerhalb dieser geographisch-hierarchischen Einheit befand sich auch der Shejitan, der Altar des Bodens und des Getreides. Ihn suchte der Kaiser jeweils im Frühjahr und Herbst auf, um Opfer darzubringen. Gegenüber dem Shejitan, an der Ostseite der kaiserlichen Nord-Süd-Achse, stand der Taimiao, der Tempel, in dem huldigten die Herrscher den Geistern ihrer Vorfahren.

Weiterhin waren in der Hauptstadt, außerhalb der Verbotenen Stadt und der Kaiserstadt, eine Reihe von Regierungsgebäuden, die Residenzen von hohen Beamten, und das Guozijan, die Kaiserliche Akademie, entstanden. Ein Vorgängerbau des Kongzi Miao, des Konfuzius-Tempels, war bereits während der Mongolen-Herrschaft errichtet worden.

Kaiserliche Nord-Süd-Achse

Das Haupteingangstor einer chinesischen Kaiserstadt lag normalerweise im Süden, und zwar auf der zentralen, das gesamte Stadtbild prägenden Nord-Süd-Achse. In Peking betrug deren Länge ungefähr 7,5 Kilometer, sie führte mitten durch den kaiserlichen Palastkomplex. "Süden" bedeutete in der chinesischen Vorstellung "Sommer" und "Feuer". Es ist jene Himmelsrichtung, der der Kaiser auf dem Drachenthron in der "Halle der Höchsten Harmonie" gegenübersaß. Der Norden hingegen symbolisierte "Winter" und "Kälte", und nicht selten kamen neben widrigen Winden auch Unglück und Katastrophen von dort. So ordnete Kaiser Yongle an, ganz im Sinne der Geomantik, unmittelbar hinter der Palastanlage eine künstliche Erhebung aufzuschütten, die als "Kohlehügel" bekannt ist.

Zwei andere architektonische Symbole an der kaiserlichen Achse sind heute Wahrzeichen Pekings: der Himmelstempel sowie der Trommel- (Gulou) und der Glockenturm (Zhonglou). Sie bilden den nördlichen Abschluss der Achse. Die Trommel erklang nachts, die Glocke während des Tages. Beide Zeitmesser, ein kleines Stück nördlich des Kohlehügels gelegen, wurden noch zur Zeit des Palastbaus errichtet. Den astrologischen Tierkreiszeichen entsprechend, war der chinesische Tag in zwölf Einheiten eingeteilt. Das bedeutete, dass die Trommel lediglich etwa alle zwei Stunden geschlagen wurde, eine ungefähre Zeitangabe, nur um sieben Uhr abends wurde die Zeit genau überprüft.

Der Klang der Weiblichkeit

Noch heute lädt die Gegend um diese beiden eindrucksvollen Bauten zum Verweilen ein, vor der ansonsten grassierenden Abrisswut blieb sie bisher verschont. In der durch die traditionelle Stadtarchitektur mit ihren Hutong (Gassen) und Siheyuan (einstöckige Häuser mit viereckigem Innenhof) geprägten Umgebung kann man mit Wehmut der untergegangenen Welt chinesischer Kultur und Traditionen nachsinnen. Oder über die Legende von der Tochter des Glockenschmieds, die sich in die Gussmasse aus Kupfer geworfen haben soll, um den nötigen sanften Resonanzklang zu erzielen, "yin" beziehungsweise einen Ausgleich an "Yin-Essenz" beizusteuern – ist das Symbol der Weiblichkeit und der Weichheit.

Tiantan, der Himmelstempel im Süden der Chinesenstadt, wo der Kaiser sich vor dem Himmel zu rechtfertigen hatte und Opfer darbrachte, um ihn gütig zu stimmen, erregte seit jeher die Faszination westlicher Besucher. Ein Reisender bezeichnete ihn als "eindrücklicher als das Innere des Petersdoms in Rom".

Zum vollkommenen Design der Kaiserstadt bedurfte es gemäss chinesischer Tradition auch der Errichtung von Blickfängen. Diese sollten einer neuen Hauptstadt neben der strategischen Sicherheit auch den für die menschliche Glückseligkeit zentralen geomantischen Stellenwert verleihen und zugleich die Vortrefflichkeit als kulturelles Zentrum unterstreichen. Nach dieser Vorgabe entwarfen Dichter und Maler die so genannten "Acht großen Orte", deren entzückende Anmut sich vielleicht am besten mit einer stimmungsvollen chinesischen Landschaftsmalerei vergleichen lässt.

Ihre Beschaulichkeit vermittelte jenen Frieden, den sich der Kaiser für seine neue Hauptstadt erwünschte. Die Auswahl der Namen lässt auch heute noch auf ihre vollendete Schönheit schließen: darunter "Herbstwind am Taiye-See", "Reiner Schnee auf den Westbergen", "Sonnenuntergang über der Goldenen Terrasse". Obwohl künstlich angelegt, gehörten diese Orte der Poeten über Jahrhunderte zur Identität Pekings. Der Bau der Kaiserstadt, seine vollendete Planung und bautechnische Perfektion, ist eine der größten architektonischen Leistungen der chinesischen Geschichte. Peking genügte höchsten architektonisch-künstlerischen Ansprüchen. Überdies entsprach die schachtelartige Anordnung dem Credo des Himmelssohns, wonach seine Macht und Präsenz sich durch das Verbergen hinter Mauern noch verstärkte. "Die Verbotene Stadt versteckte, um zu beeindrucken", heißt es.

20.000 Arbeiter ziehen tonnenschwere Platte

Von Hunderttausenden Häftlingen und Zwangsarbeitern ist die Rede beim Bau Pekings. Spezialisierte Handwerker arbeiteten als Schreiner, Verputzter, Steinmetze, Maler, Keramiker, Dachdecker, bis die Kaiserstadt stand. Für den Transport einer etwa 200 Tonnen schweren Steinplatte, die Besucher heute vor der "Halle der Höchsten Harmonie" bewundern können, wurden etwa 20.000 Arbeiter benötigt. Dieses Unterfangen war allerdings nur im Winter möglich, da man das für dekorative Stück auf Eis in die geplante Hauptstadt ziehen und dafür in regelmäßigen Abständen einen Brunnen bohren musste, um mit dem Wasser den Weg rutschig zu machen.

Ende des 16. Jahrhunderts lebten in Peking zwischen 700.000 und einer Million Menschen. Die einzige Hauptstadt, die zu dieser Zeit ähnlich große Einwohnerzahlen aufwies, war Konstantinopel. Nach der Errichtung der Südstadt zur Zeit der Qing-Dynastie blieb der Grundriss Pekings nahezu unverändert, mit Ausnahme von Namensänderungen für Paläste oder dem Bau weiterer Tempel und Altäre. 24 Kaiser (14 der Ming-Dynastie und 10 der Qing-Dynastie) wohnten in der Verbotenen Stadt. Der letzte, Puyi, durfte bis zu seiner Vertreibung 1924 in seinen Privatgemächern bleiben.

Der Gegenwart dienen

Das Ende für das imperiale Design Pekings kam ziemlich erbarmungslos. Es begann mit der Niederschlagung des Boxer-Aufstands durch Truppen der imperialistischen Mächte, deren architektonische Projekte den Chinesen als Demütigungen erscheinen mussten. Eigene Modernisierungserwägungen gesellten sich hinzu: Stadttore mussten vergrößert oder abgerissen werden, um den Bau von Straßenbahnlinien und breiteren Straßen zu ermöglichen. Die Kaiserstadt erschien vielen als lästiger Hemmschuh für die Erneuerung des Landes. Andere, auch ausländische Stimmen, beklagten die Vernachlässigung der historischen Bausubstanz. In "Search of Old Peking" von L. C. Arlington und William Lewisohn aus dem Jahr 1935 heißt es: "Nichts ist schmerzhafter als widerwilliger Zeuge eines langsamen, aber sicheren Todes zu sein, und zwar von einem Ort, den man gelernt hat zu lieben wegen seiner beruhigenden Schönheit und der wunderbaren Tradition, welche ihm innewohnt."

Noch einmal ein paar Jahre später, nach Ausrufung der Volksrepublik 1949, wurde aus dem kaiserlichen Raum Volkes’ Platz im stalinistischen Stil. Liang Sicheng, Architekt und Sohn des bekannten Reformers Liang Qichao, versuchte zu retten, was zu retten war: Er schlug vor, die Kaiserstadt als Museum zu bewahren und eine neue Regierungsstadt in der Nähe der Westberge aufzubauen. Seine Idee einer polyzentrischen Struktur der chinesischen Hauptstadt fand allerdings keine Gnade bei Mao und seinen Genossen, die den Rat russischer Experten vorzogen. Glücklicherweise wurden jene Ideen nicht realisiert, die beispielsweise die Schleifung der "feudalistischen" Palastanlage und den Bau eines Vergnügungsparks zur Folge gehabt hätten.

Renommierprojekt der "Roten Kaiser"

Heute bemüht sich die kommunistische Führung mit allen Mitteln und dem Slogan "Lasst die Vergangenheit der Gegenwart dienen" Profit aus der alten Kaiserzeit zu schlagen, die sie doch einst so verteufelte.

So startete man 2005 ein Restaurierungsprojekt, um innerhalb der nächsten Dekade alle Gebäude der kaiserlichen Palastanlage wieder auf den Zustand der letzten Kaiserzeit zu bringen. Denn, und das wissen auch die "roten Kaiser": Ohne die Purpurne Verbotene Stadt, den Himmelstempel und die architektonischen Relikte von Yongle und seinen Erben entbehrte Peking jenes würdevoll stolzen Charakters, der die Stadt auf dieser Erde einzigartig macht.

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