Auswirkungen von Thomas-Cook-Pleite "Ein Fall von Staatshaftung"

Die Reise antreten oder lieber nicht? Bekomme ich mein Geld zurück? Viele Deutsche, die mit Thomas-Cook-Unternehmen gebucht haben, sind verunsichert. Ein Verbraucherschützer erklärt, was zu tun ist.
Condor-Maschinen am Flughafen Düsseldorf

Condor-Maschinen am Flughafen Düsseldorf

Foto: FRIEDEMANN VOGEL/ EPA-EFE/ REX

SPIEGEL: Herr Methmann, der britische Reisekonzern Thomas Cook hat Insolvenz angemeldet und seinen Betrieb eingestellt. Laut Unternehmensangaben sind gerade rund 140.000 Touristen mit deutschen Veranstaltern von Thomas Cook im Urlaub. Worauf müssen diese Kunden sich einstellen?

Methmann: Auf einen Urlaub, der kein wirklicher Urlaub ist. Alles ist unklar. Alle sind verunsichert. Denn große deutsche Thomas-Cook-Ableger wie Thomas Cook GmbH, Thomas Cook Touristik GmbH, Bucher Reisen und Öger Tours GmbH haben noch keinen Insolvenzantrag gestellt. Vieles deutet aber darauf hin, dass es am Mittwoch passiert.

SPIEGEL: Wie sollte ich mich denn verhalten, wenn meine Reise unmittelbar bevorsteht? Kann ich einfach darauf verzichten und mein Geld zurückfordern?

Methmann: Juristisch gesehen müssen Sie sich erst einmal an das Reiseunternehmen wenden. Wenn Sie da am Telefon nicht durchkommen, müssten Sie aufs Geratewohl an den Flughafen fahren.

SPIEGEL: Und wenn es dann heißt: "Wir fliegen"?

Methmann: Sie müssten einsteigen, sonst verfällt Ihr Anspruch auf Beförderung. Aber dann gehören Sie am Urlaubsort vielleicht zu den Gestrandeten. Ich rate Ihnen: Bleiben Sie lieber zu Hause, nehmen Sie sich einen Rechtsbeistand und machen Sie dann Ihre Ansprüche beim Reiseveranstalter geltend. Es darf nicht sein, dass dieser Schwebezustand zulasten der Reisenden geht.

Zur Person
Foto: Gert Baumbach

Felix Methmann, 42, ist beim Bundesverband der Verbraucherzentralen juristischer Referent für Mobilität und Reisen.

SPIEGEL: Was sollten Urlauber tun, wenn die deutschen Thomas-Cook-Ableger Insolvenz eingereicht haben und sie am Urlaubsort festsitzen? Dann erst greift ja auch die Insolvenzversicherung.

Methmann: Schauen Sie in Ihren Reise-Sicherungsschein. Der ist bei den Unterlagen zu jeder Pauschalreise dabei. Da steht die Versicherung drin. Die sollten Sie dann unbedingt so schnell wie möglich kontaktieren - denn die Versicherung ist dann unter anderem dafür zuständig, Sie schnellstmöglich zurückzubringen. Eine Möglichkeit ist, dass Sie sich selbst in Absprache mit der Versicherung einen Rückflug suchen und die Kosten dann einreichen. Oder die Versicherung kann auch selbst eine Maschine chartern.

SPIEGEL: Welchen Teil des Reisepreises kriegt man zurückerstattet?

Methmann: Das hängt davon ab, welcher Teil des Urlaubs ausfällt. Wenn die Hälfte schon vorbei ist, gibt es die Hälfte zurück. Wurden nur 20 Prozent in Anspruch genommen, gibt es 80 Prozent zurück.

SPIEGEL: Muss man unbedingt sofort nach Hause fliegen? Oder kann man noch seinen Urlaub zu Ende bringen?

Methmann: Das hängt maßgeblich von Ihrem Hotelier ab. Wenn Ihr Hotel schon sein Geld vom Veranstalter bekommen hat, können Sie bis zum geplanten Ende bleiben - sofern die Versicherung damit einverstanden ist und Sie einen späteren Rückflug finden.

SPIEGEL: Und wenn Thomas Cook den Hotelier noch nicht bezahlt hat? Medienberichten zufolge haben einige Hotels offenbar schon Urlauber gezwungen, das Hotel zu verlassen.

Methmann: Dann sollten Sie sich erstens um einen sofortigen Rückflug bemühen und sich zweitens schriftlich vom Hotel geben lassen, dass das Zimmer nicht bezahlt ist. Wenn es dann bis zum nächstmöglichen Rückflug ein paar Tage dauert, muss Ihnen die Versicherung die Kosten für Ihr Zimmer in diesem Hotel oder einem anderen Hotel einer ähnlichen Kategorie erstatten. Wichtig ist: Dokumentieren Sie alle Vorgänge, sammeln Sie die Belege.

SPIEGEL: Viele Pauschalreisen bieten einen Direktflug vom Heimatort zum Ferienort und wieder zurück. Habe ich auch bei einer Insolvenz Anspruch auf einen ähnlich schnellen Heimflug?

Methmann: Nein. Ihnen werden nur die notwendigen Kosten für einen möglichst baldigen Rückflug erstattet. Sie können nicht den erstbesten Business-Class-Flug nach Hause nehmen; ich empfehle sowieso dringend, jeden selbst organisierten Rückflug mit der Versicherung abzusprechen. Und wenn die Versicherung einen Charterflug organisiert, müssen Sie den im Zweifelsfall nehmen.

SPIEGEL: All diese Versicherungen sind gedeckelt: Die Haftungssumme beschränkt sich in Deutschland auf maximal 110 Millionen Euro. Reicht das überhaupt für so viele Urlauber?

Methmann: Ich habe meine Zweifel. Hier geht es um einen der drei größten Veranstalter. Rechnen Sie mal: Wenn 140.000 Urlauber gestrandet sind und der Rückflug pro Person 500 Euro kosten würde, dann wären schon 70 Millionen von den 110 Millionen Euro weg. Und dann kommen erst die Ansprüche Zehntausender oder Hunderttausender Kunden, die ihre Reise noch gar nicht angetreten haben. Es ist gut möglich, dass die Reisenden draufzahlen müssen - und einen Teil ihrer Kosten nicht erstattet kriegen.

SPIEGEL: Und dann?

Methmann: Meiner Meinung nach wäre das ein Fall von Staatshaftung. Das heißt: Der Bund müsste die restlichen Kosten tragen.

SPIEGEL: Wieso?

Methmann: In der EU-Pauschalreiserichtlinie steht, dass jeder Staat dafür Sorge tragen muss, dass die Kundengelder wirksam abgesichert werden. Und die Obergrenze stammt noch aus den Neunzigerjahren. Das hier ist eine Katastrophe mit Ansage. Wir Verbraucherschützer haben immer wieder angemahnt, dass die 110 Millionen Euro nicht mehr zeitgemäß sind, zuletzt 2016. Damals hat das Justiz- und Verbraucherschutzministerium erklärt, es werde ein Gutachten einholen.

Deutsche Thomas-Cook-Tochterunternehmen: Logos von Öger Tours und Neckermann

Deutsche Thomas-Cook-Tochterunternehmen: Logos von Öger Tours und Neckermann

Foto: Silas Stein/dpa

SPIEGEL: Und was kam heraus?

Methmann: Als ich vor einem halben Jahr beim Ministerium angerufen habe, hieß es, das Gutachten sei noch nicht erstellt worden. Und als sich die Probleme bei Thomas Cook abzeichneten, hat im März die Bundestagsfraktion der Grünen beantragt, die Haftungsobergrenze zu erhöhen. Aber nichts ist passiert. Die Reiseveranstalter wollen die Kosten für die Versicherungsprämien niedrig halten. Das ist eine mächtige Lobby.

SPIEGEL: Was ist, wenn ich wegen eines verspäteten Rückflugs nicht rechtzeitig zur Arbeit komme?

Methmann: Streng genommen sind Sie dann unentschuldigt der Arbeit ferngeblieben und könnten abgemahnt werden. Rufen Sie Ihren Arbeitgeber an, erzählen Sie, was passiert ist, und es wird in der Regel keinen Ärger geben. Aber Sie müssen Urlaub für Ihre Fehltage nehmen.

SPIEGEL: Zu Thomas Cook gehört auch die Fluggesellschaft Condor, und auch für sie wird es jetzt eng. Was geschieht im Fall einer Condor-Pleite mit Flugtickets, die Kunden außerhalb einer Pauschalreise gebucht haben?

Methmann: Da haben Kunden gar keine Ansprüche. Nach jetziger Rechtslage ist das Geld weg. Wir Verbraucherverbände fordern seit Langem, dass beim Ticketkauf eine Insolvenzversicherung abgeschlossen wird, so wie bei der Pauschalreise. Oder wenigstens, dass bei der Buchung nur eine Anzahlung fällig wird - und der Rest dann wenige Tage vor dem Reiseantritt. Aber dagegen wehren sich die Airlines mit Händen und Füßen. Und auch sie haben eine mächtige Lobby.