SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

18. Juni 2006, 13:24 Uhr

Vietnam Airlines

200 Passagiere sollen Abschuss nur knapp entkommen sein

Von Marina Mai

Tschechische Kampfjets waren bereits in der Luft. Ihr Auftrag soll der Abschuss eines Flugzeugs gewesen sein, das keinen Funkkontakt hielt. Doch die Piloten der Vietnam-Airlines-Maschine, die auf dem Weg nach Frankfurt war,  hielten offenbar ein Nickerchen.

Wie erst jetzt bekannt wurde, sind im April über 200 Fluggäste der vietnamesischen Fluggesellschaft Vietnam Airlines auf dem Flug von Hanoi nach Frankfurt am Main nur knapp mit dem Leben davon gekommen. Nach einem Bericht des vietnamesischen Online-Magazins "Viet Nam Net" hatte eine Boing 777 in der Nacht vom 17. zum 18. April über den Lufträumen der Ukraine, Polens und Tschechiens 65 Minuten lang keinen Funkkontakt zum Boden gehabt. Weil die Maschine vom Luftkorridor abgewichen sei, sollte sie abgeschossen werden, behauptet "Viet Nam Net".

Flugzeug der Vietnam Airlines: Schlafende Piloten, schmuggelnder Co-Pilot?
DPA

Flugzeug der Vietnam Airlines: Schlafende Piloten, schmuggelnder Co-Pilot?

Jan Pejsek vom Prager Verteidigungsministerium bestätigt den Aufstieg der Kampfjets gegenüber SPIEGEL ONLINE. Um 5.45 Uhr des 18. April hätte die tschechische Luftwaffe ein unbekanntes Flugobjekt gesichtet, das nicht mit dem Flugkontrollzentrum in Prag kommuniziert hatte. Sofort hätten zwei Kampfjets die Verfolgung aufgenommen, da man von einer militärischen Bedrohung ausgegangen sei. Doch das Objekt hatte sich als ziviles vietnamesisches Linienflugzeug erwiesen. Wenige Minuten nach Beginn der Eskorte bestand wieder Flugkontakt, erklärt Jan Pejsek.

Laut vietnamesischen Medienberichten sahen die erstaunten tschechischen Kampfjetpiloten, dass die zwei Piloten der Passagiermaschine ein Nickerchen hielten. "Sie hatten geschlafen und ließen eine Stunde und fünf Minuten lang das Flugzeug durch den Autopiloten steuern", schreibt "Viet Nam Net". Das wird durch das tschechische Verteidigungsministerium weder bestätigt noch dementiert.

Skandalgeschüttelte Staats-Airline

Die staatliche Fluggesellschaft Vietnam Airlines bestätigt gegenüber SPIEGEL ONLINE zwar den Verlust des Funkkontaktes, dementiert aber, dass die Piloten geschlafen hätten. Sprecher Arnaud Pohier: "Das ist ausgeschlossen. Wir haben eine Dienstvorschrift, nach der die Stewardessen alle 15 Minuten die Pilotenkabine aufsuchen, um die Flugkapitäne zu versorgen." Diese Argumentation vertritt auch die Hanoier Flugsicherheitsbehörde gegenüber Tschechien. Dennoch wurde die gesamte Crew vom Dienst suspendiert. Die betroffenen Flugkapitäne und Stewardessen können aber die Fluglizenz zurückerhalten, wenn sie sich erfolgreich nachschulen lassen.

Laut der vietnamesischen Flugsicherheit ist dies der erste Fall dieser Art bei Vietnam Airline. Klaus Busch, Sprecher des Flughafens in Frankfurt, bestätigt die unversehrte Landung der Maschine am 18. April um 7.30 Uhr mit einer Stunde Verspätung.

Der Vorfall wurde bekannt, nachdem die staatliche Airline seit Monatsbeginn in Vietnam von Skandalen heimgesucht wird. Medien hatten aufgedeckt, dass das Unternehmen Kindern von hochrangigen Mitarbeitern, von Parteifunktionären und Ministeriumsmitarbeitern widerrechtlich einen Schulaufenthalt im Ausland gesponsert hatte. Diese Tatsache räumte die Airline inzwischen ein.

Solche Art von Selbstbedienung durch Funktionäre ist in Vietnam weit verbreitet. Erst im April ist ein Korruptionsskandal im Verkehrsministerium in Millionenhöhe aufgeflogen. Der stellvertretende Verkehrsminister sitzt seitdem in Haft. Die Funktionäre, die ihre Kindern auf Staatskosten zur Schule ins Ausland geschickt hatten, sollen das Geld zurückzahlen, hieß es in Hanoi. Das Parlament untersucht, ob die Schulaufenthalte mit Korruption verbunden waren.

Der Staatscarrier Vietnam Airlines hat Ende der neunziger Jahre erfolgreich das Aschenputtel-Image abgelegt und ist durch moderne Flugtechnik sowie die Einrichtung zahlreicher neuer Fluglinien zu einem international anerkannten Unternehmen aufgestiegen. Flugsicherheit, Zuverlässigkeit, vor allem aber die Bedienung an Bord durch Vietnamesinnen in den traditionellen Gewändern und die fernöstliche Küche erhalten gute Noten durch internationale Warentester.

Devisenschmuggel aus Australien

Doch in diesem Monat kommt das Unternehmen nicht aus den Schlagzeilen: In Italien hat es gerade in einem Zivilprozess gegen einen italienischen Anwalt mehr als fünf Millionen Euro verloren. Der Jurist hatte einen Vertrag mit einer Tochterfirma von Vietnam Airlines, die inzwischen Konkurs gegangen ist, und verklagte nun die Mutterfirma auf Schadenersatz. Das Luftfahrtunternehmen hatte die Klage nicht ernst genommen und war gar nicht erst zum Prozess erschienen. Jetzt will es Berufung einlegen.

Und seit dem 3. Juni sitzt der vietnamesische Co-Pilot Tran Van Dang in einem Untersuchungsgefängnis im australischen Sydney. Er hatte versucht, beim Rückflug aus Sydney nach Hanoi eine halbe Million US-Dollar in bar unverzollt auszuführen. Besonders peinlich: Die australische Justiz verweigerte den eigens aus Vietnam eingereisten offiziellen Vertretern der Airline einen Haftbesuch bei ihrem Mitarbeiter. "Viet Nam Net" will von australischen Ermittlern erfahren haben, dass "mehrere Piloten und Stewardessen öfter helfen, Bargeld ins Land oder außer Landes zu bringen. Die Ermittler haben Schwierigkeiten, solche Fälle aufzuklären."

In Australien lebt mit mehr als 150.000 Migranten eine der größten vietnamesischen Auslandsgemeinden. Die Auslandsvietnamesen unterstützen ihre Verwandten in Vietnam finanziell. Banküberweisungen sind jedoch mit hohen Gebühren verbunden, und in Vietnam haben nur wenige ein Bankkonto, so dass man andere Wege finden muss, das Geld zu transferieren.

"Unserem Image schaden die Skandale bisher nicht", sagt Arnaud Pohier, Sprecher von Vietnam Airlines für Deutschland. "Wir haben ein gutes Produkt und verzeichnen steigende Umsätze."

Korrektur: Wir haben den Vorspann vorsichtiger formuliert, denn offensichtlich kommt es zu Fehlinterpretationen. Das tschechische Verteidigungsministerium bestätigt nicht, den Abschuss der Maschine geplant zu haben.

URL:


© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung