Virus an Bord "Wir haben uns nur noch per Ellbogen begrüßt"

Was ein Traumurlaub werden sollte, endete für viele als Alptraum: Auf US-amerikanischen Luxus-Linern häufen sich Fälle von Magen-Darm-Infektionen. Hunderte Passagiere erkrankten auf zwei Kreuzfahrtschiffen. Darunter litten sogar die sozialen Umgangsformen an Bord.


Kreuzfahrt-Schiff "Amsterdam": Putzkolonnen statt Passagiermassen
AP

Kreuzfahrt-Schiff "Amsterdam": Putzkolonnen statt Passagiermassen

Miami - Auf dem Disney-Kreuzfahrtschiff "Magic" hat es vergangene Woche mindestens 100 Passagiere und Besatzungsmitglieder erwischt: Durchfall, Erbrechen, Magenschmerzen. Was eine Luxus-Kreuzfahrt werden sollte, wurde für viele der 3200 Reisenden zu einem Lazarett-Aufenthalt: Passagiere berichteten, in den Gängen habe es nach Erbrochenem gerochen, Erkrankte hätten sich ständig übergeben müssen.

Experten vermuten, dass es sich bei der Erkrankung um den Norwalk-ähnlichen Virus handelt. Dieser ist sehr infektiös und verbreitet sich über Wasser und Lebensmittel sowie durch Kontakt mit Infizierten und sogar mit Gegenständen, die diese berühren - ein Schiff, wo viele Menschen auf relativ engem Raum zusammen leben, ist prädestiniert für die Verbreitung einer solchen Erkrankung.

Schon wieder unterwegs

Nach der Ankunft der "Magic" am Samstag in Florida ließ Disney das Schiff sowie die Busse, mit denen die Passagiere bei Landbesuchen umher gefahren wurden, reinigen und desinfizieren - eine Sache von gut zwölf Stunden. Erkrankte Reisende sollen entschädigt werden, eine Unterbrechung des Kreuzfahrt-Programms der "Magic" war jedoch nicht geplant.

Noch am selben Tag ist die "Magic" zu ihrer nächsten Kreuzfahrt in See gestochen - mit über 2500 Passagieren an Bord. Die scheinen den Worten von Disney-Kreuzfahrtchef Matt Ouimet zu glauben, die "Magic" sei nach der Desinfektion nun sicher. Alle neuen Gäste seien über die Situation an Bord informiert worden, aber nur vier Prozent hätten die gebuchte Kreuzfahrt zu den Bahamas abgesagt.

Grundreinigung nötig

Dabei hat sich auf einem anderen Schiff gezeigt, dass es mit einer "einfachen" Reinigung anscheinend nicht getan ist. Am vergangenen Donnerstag legte das Kreuzfahrtschiff "Amsterdam" in Florida an: Dort war es wieder zu Erkrankungen am Norwalk-ähnlichen Virus gekommen - zum vierten Mal in Folge. Über 500 Passagiere hatten sich auf dem Schiff bereits mit dem Virus infiziert - trotz mehrmaliger Desinfizierung des Luxus-Liners.

Diesmal soll es knapp 80 Passagiere und Besatzungsmitglieder erwischt haben: Sie mussten sich nach eigenen Angaben stundenlang erbrechen, kranke Passagiere sind in ihren Kabinen unter Quarantäne gestellt worden. Als Vorsichtsmaßnahmen wurden Salz- und Pfefferstreuer von den Restaurant-Tischen entfernt, Passagiere durften sich nicht mehr gegenseitig am Büffet oder der Salatbar bedienen - jeder direkte oder indirekte Körperkontakt sollte vermieden werden. Auch bei der Begrüßung: Statt sich die Hände zu reichen rieben sich die Menschen nur noch die Ellbogen, wie ein Passagier berichtete.

Aus dem Verkehr gezogen

Vor der letzten Fahrt war die "Amsterdam" rund zehn Stunden lang gereinigt und desinfiziert worden - gebracht hatte das jedoch offensichtlich zu wenig. Daher haben die Holland America Lines ihren Luxus-Liner nun einer zehntägigen Generalreinigung unterzogen und dafür einen Trip in die Karibik abgesagt.

Die "Amsterdam" ist das zweite Kreuzfahrt-Schiff in den Vereinigten Staaten, das in diesem Jahr aus dem Verkehr gezogen wird - bei geschätzten 7,4 Millionen Passagieren jährlich in den USA relativ wenig. Auch in den vergangenen zwei Jahren sind nach Angaben des Center for Disease Control and Prevention, einer Behörde des US-Gesundheitsministeriums, nur zwei weitere Schiffe kurzzeitig außer Betrieb gewesen.



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