Weihe der Frauenkirche Dresdens Herz schlägt wieder

Es war ein Tag der Freude, der Erinnerungen und des Stolzes. Das Wahrzeichen Dresdens ist wieder erblüht: Mehr als 60.000 Menschen pilgerten zur wieder aufgebauten Frauenkirche, um den Weihgottesdienst mitzuerleben, darunter etliche, die vor 60 Jahren ihren Einsturz miterlebten.

Dresden - Lieselotte Rügen blickt auf: fasziniert, ergriffen, erfreut. Vor ihr die Frauenkirche, das wieder erblühte Wahrzeichen Dresdens. An ein Konzert, dem sie als Sechsjährige in der Kirche gelauscht hat, erinnert sich die 75-Jährige genau: "Ich weiß noch, dass ich meine Großmutter gefragt habe, ob oben in der Kuppel der liebe Gott wohnt", sagt sie. Die Akustik sei damals schon beeindruckend gewesen, und heute noch viel mehr.

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Frauenkirche 30.10.2005: Die Weihe eines Wunderwerks

Foto: DDP

Bereits um 10.30 Uhr tummeln sich 60.000 Bewahrer, Erbauer, Förderer und Spender, aber auch Zeitzeugen und Touristen auf dem Kirchenvorplatz. Zwischen Baucontainern, Kränen und großem Presseaufgebot versuchen die Besucher einen Blick auf die digitalen Großbild-Leinwände zu erhaschen. Gespannt und freudig wartet man auf den großen Gottesdienst, der die Frauenkirche wieder zu dem machen soll, was sie war und jetzt wieder ist: ein lebendiges Wahrzeichen und das "Herz" der Stadt Dresden.

"Die Zerstörung der Kirche war doch traurig, furchtbar", sinniert Erhard Gertler und schüttelt den Kopf. Dass viele engagierte Menschen es geschafft haben, sie nach 60 Jahren wieder aufzubauen, beeindruckt den 76-Jährigen. Gemeinsam mit seinen zwei Enkelkindern und seiner Frau verfolgt er den Gottesdienst - ist stolz, dass die Frauenkirche wieder lebt.

Am 13. Februar 1945 nach dem Beschuss alliierter Geschwader ausgebrannt, stürzte das prunkvolle Gebäude zwei Tage später zusammen. Damit war die steinerne Kuppel, die 200 Jahre lang das Stadtbild zeichnete, ebenso wie andere barocke Gebäude von der Silhouette Dresdens verschwunden. Enttäuscht schrieb Dichter Gerhart Hauptmann nach der Bombennacht: "Wer das Weinen verlernt hat, der lernt es wieder beim Untergang Dresdens."

Der Initiative engagierter Bürger ist es zu verdanken, das dieser Zustand nicht so blieb: Bereits Anfang der achtziger Jahre forderten friedliche Demonstranten den Wiederaufbau, möglich wurde dieser aber erst nach der Wende. 14 Bürger legten im November 1989 mit der Gründung einer Bürgerinitiative den Grundstein für die aufwändige Restaurierung. Die Fördergesellschaft sorgte in Zusammenarbeit mit der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsen, der Landeshauptstadt Dresden, dem Freistaat Sachsen und der Dresdner Bank dafür, dass die Frauenkirche wortwörtlich Stein für Stein wieder aufgebaut wurde.

Die meisten hatten am Anfang andere Sorgen als den Wiederaufbau

Damit ernteten die Kämpfer für den Wiederaufbau jedoch nicht nur Applaus. "Ich war am Anfang nicht dafür", betont Sonja Großmann. Die 69-Jährige lebt seit 40 Jahren in Sachsens Landeshauptstadt und hat zu Beginn des Projekts andere Sorgen gesehen. "Die meisten hatten hier noch nicht mal eine Wohnung", erinnert sie sich. "Das zu ändern hätte ich damals wichtiger gefunden."

Was aus den Steuergeldern geworden ist, will sich Sonja Großmann aber trotzdem vor Ort anschauen. Und ist - wie offenbar alle Dresdner - stolz: "Jetzt, wo sie wieder steht, bedeutet es mir schon viel." Gespannt verfolgt sie die beeindruckenden Live-Aufnahmen aus der Kirche: goldene Engelsfiguren, der Blick von unten in die reich verzierte Kuppel und von oben auf die geladene Gemeinde.

Unter den Gästen sitzt mit Bundeskanzler Gerhard Schröder, der zukünftigen Kanzlerin Angela Merkel und dem neuen Bundestagspräsidenten Norbert Lammert, auch Polit-Prominenz aus neuen und alten Reihen. Bundespräsident Horst Köhler lobt in seiner Ansprache nicht nur die Bedeutung der Frauenkirche für die Stadt, sondern auch für Gesamtdeutschland. 1000 Kubikmeter Sandstein, 100 Millionen Euro Spenden und vor allem der unermüdliche Einsatz der Menschen in Dresden habe "Deutschland verändert". Die Partnerschaft der Städte Dresden und Coventry sei ein besonderes Beispiel für den Begriff "Europa als Friedenswerk".

Schmied Smith baute auf, was sein Vater, der Pilot, zerstörte,

Schließlich halfen die Bürger der britischen Stadt nicht nur mit Spendengeldern aus, ein Schmied betätigte sich ebenso in besonderer Weise. Was sein Vater als Pilot im Luftkrieg zerstörte, will Alan Smith wieder mit aufbauen. Als Zeichen der Freundschaft und Versöhnung schmiedete er das neue Kuppelkreuz, das wieder über Dresdens Dächern erstrahlt. Nur ein Beispiel für den besonderen Einsatz, der von vielen Privatleuten geleistet wurde.

Auch Köhler spricht vom wiederbelebten "Herzen der Stadt"; Zivilcourage und Engagement belohnt er mit Anerkennung. Hauptmanns Ausspruch ändert er zur Einweihung der Kirche in den Satz: "Wer die Zuversicht verloren hat, der gewinnt sie wieder beim Anblick der Frauenkirche." Langanhaltender Applaus zeigt, dass das Publikum diese Einschätzung teilt.

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Frauenkirche: Die Krone Dresdens

Foto: SLUB Dresden/Abt. Deutsche Fotothek/Richard Peter sen/ddp

Zwar erntet der Gospelchor, der nach dem Gottesdienst das "Fest der Freude" auf dem Vorplatz startete, Pfiffe und Buh-Rufe - doch die Besucher bleiben. Drei Stunden Wartezeit heißt es für die, die das Innere der Kirche bewundern wollen. Doch das Anstehen wird mit Open-Air-Programm versüßt. Und die Feier geht noch bis Dienstagabend weiter.

Leuchtende Augen bekommt eine Besucherin aus Berlin schon heute. Sie, die in der Frauenkirche konfirmiert wurde und deren Eltern sich dort das Ja-Wort gaben, darf morgen als eine von 1000 Zeitzeugen an dem Reformations-Festgottesdienst teilnehmen. Wenn die gebürtige Dresdnerin von "ihrer Frauenkirche" spricht, füllen sich ihre Augen mit Tränen der Freude, aber auch der tragischen Erinnerung schimmern.

Lieselotte Rügen freut sich nur: "Der Wiederaufbau ist mein schönstes Geburtstagsgeschenk und der größte Wunsch, der sich mir erfüllt", schwärmt sie. Ob der liebe Gott nun in der Kuppel wohnt oder nicht, vermag sie auch heute noch nicht zu deuten. Doch bei einer Sache ist sie sich sicher: Das Herz "ihrer Stadt" schlägt wieder.

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