Weihnachtsbräuche in aller Welt Oh, du komische

Sie stehen vor einer Reise und fürchten, die schöne Weihnachtsstimmung zu verpassen? Keine Angst: Weihnachten wird rund um den Globus gefeiert. Nur manchmal etwas anders, als man denkt.

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Es ist Heiligabend und Zeit für die Bescherung. Mit glänzenden Augen nähern sich die Kinder dem Tió de Nadal. Der sieht aus wie ein kleiner, in eine Decke gehüllter Baumstamm mit Gesicht. Mit wachsender Begeisterung verprügeln die Kinder mit ihren Stöcken den "Weihnachtskerl", so die Übersetzung des Namens, auf dass seine Verdauung angeregt werde. Und als sie am Ende die Decke zurückschlagen, geht ein Jauchzen durch den Raum: Süßigkeiten und kleine Geschenke hat er geschissen! Hurra, es ist Weihnachtszeit!

Das finden Sie vulgär? Ist aber so: Die Kinder haben den Tió schließlich auch zwei Wochen lang gefüttert. Da kann man erwarten, dass hinten auch etwas herauskommt. Teil der katalanischen Zeremonie ist das Singen von Liedern, in denen die Kinder den Tió auffordern, Geschenke zu scheißen ("Caga tió") - sonst setze es was.

Zu seltsam? Dann ist australische Weihnachten vielleicht besser für Sie, mit einem zünftigen, weihnachtlichen Grillabend am Strand! Oder begehen Sie die heilige Nacht beim Feuerwerk unter dem Ziegenbock in Schweden. Oder freuen Sie sich mit den Kindern in Italien, wenn die Hexe Befana den Kamin herabfährt, um die Geschenke zu bringen - allerdings erst in der Nacht zum 6. Januar, denn die eigentliche Bescherung gibt es in den romanischen Ländern am Mittelmeer erst Anfang Januar.

Andere Länder, andere Sitten sagt man ja, und das gilt trotz aller Kommerzialisierung auch noch für Weihnachten. Das Fest hat in den letzten 120 Jahren zwar eine popkulturelle Vereinheitlichung erfahren, aber noch gibt es Vielfalt in Sachen Brauchtum. Und oft haben diese Bräuche herzlich wenig mit dem Christentum zu tun.

In der Weihnacht zeigt sich das Nachwirken älterer Kulte

Denn vieles davon ist weit älter als die Weihnacht selbst, was allerdings kaum verwunderlich ist. Dass wir heute Christi Geburt kurz nach der Wintersonnenwende feiern, verdanken wir einer beliebten Strategie christlicher Missionare: Wenn du eine "heidnische" - also nicht-christliche - Tradition nicht ausmerzen kannst, dann versuche, sie zu überdecken.

Ursprünglich konkurrierten verschiedene Tage als potenzielle Geburtstage des Herrn. Wann das wirklich war, wusste man schon nicht mehr, als 60, 70 Jahre nach Christi das erste Evangelium aufgeschrieben wurde. Klar ist nur, dass es keinesfalls im Jahre Null stattfand, sondern irgendwann vor dem Jahr 4 vor Christus.

Nur, dass es der 25. Dezember sein sollte, das galt schon im dritten Jahrhundert als sicher. Denn da feierte man in Rom den Geburtstag des Sonnengottes Sol invictus und in vielen anderen Ländern ausschweifende Sonnenwendfeste. Wie praktisch, dachten sich da offenbar die Frühchristen: Umwidmen ist ja so viel leichter als neu einführen - und legten Jesu Geburtstag auf den bewährten Feiertag. Was den heute interessanten Nebeneffekt hat, dass in verschiedenen Ländern Reste und Rudimente älterer Glauben und Traditionen ins Fest einfließen.

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Schrille Nacht: Schräg, schräger, Weihnachten

Das gilt auch für unsere Weihnacht: Dass ein meistens weiblich imaginiertes Christkind oder ein per Rentierschlitten aus dem Polargebiet einreisender Weihnachtsmann die Geschenke bringt und diese Lieferung durch den Schornstein erledigt, drängt sich nach Lektüre des Neuen Testaments ja auch nicht unbedingt auf. Da wimmelt es von Aramäern und Arabern und Wüstendünen, Palmen und Olivenbäume müssten eigentlich zur Standard-Weihnachtsdeko gehören. Zumindest klimatisch ist das Barbecue am australischen Strand also näher dran am historischen Kern der Weihnacht, als das, was wir so feiern.

Schräge Bräuche

Manche Bräuche erinnern an Winteraustreibungen oder Karneval: In Slowenien ziehen in der Vorweihnachtszeit junge Frauen in Gruppen durch die Gegend, um Männer zu erschrecken. In Ungarn wird über den Advent ein Stuhl gebaut, auf dem stehend man Heiligabend die Hexen sehen und vertreiben kann. In Großbritannien gehört zu den beliebtesten Weihnachtsbräuchen die frivole "Pantomime", bei der zweideutig gescherzt und schräg gesungen wird: Die wichtigsten Frauenrollen werden dabei von überschminkten Männern in schrillen Outfits gespielt. Und manche Männerrollen von Frauen.

In Skandinavien hat es der alte germanische Donnergott Thor, repräsentiert durch den Julbock, sein altes Symbol, zu einer weihnachtlichen Karriere gebracht. Zumindest im Süddeutschen geht der als Habergeiß bei den Perchtenläufen zu Nikolaus auch noch um - Dämonen sind in etlichen Ländern fester Bestandteil der Weihnacht. So haben auch die amerikanischen "Elfen" des Weihnachtsmanns ihre Karriere wohl als isländisch-skandinavische Kobolde begonnen - und wer Kobolde nur für kleine, niedliche, freundliche Wesen hält, hat zu viele Disneyfilme gesehen. Immerhin: Auf Island bringen sie Kindern Geschenke.

Manche Bräuche stehen sogar im Widerspruch zueinander: Brachte in Ihrer Familie der Weihnachtsmann oder das Christkind die Geschenke? Beides geht nicht, man muss sich da entscheiden - und oft glauben die Kinder des Nachbarn etwas anderes.

Seis drum, man muss das alles nicht so ernst nehmen: Völlig ab von ihrem natürlich auch religiösen Kontext schaffen Festtage und Traditionen wie Weihnachten Ankerpunkte, die dem Jahr ein emotionales Gerüst geben. In dieser Hinsicht sind sie selbst für Atheisten wertvoll. Alle Traditionen waren dabei einmal neu und haben als Erfindung begonnen. Dass das auch heute noch so ist, können Sie anhand der Bildergalerie sehen, die wir für Sie zusammengestellt haben: Weihnachten ist auch heute noch ein Fest, das ständig neue Bräuche gebiert.

Es gibt Menschen, die so etwas nicht gut finden, aber letztlich zeigt es nur, dass Weihnachten noch lebt: Ein Fest, das sich nicht verändert, ist nur noch eine Erinnerung.

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insgesamt 8 Beiträge
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Julian B. 18.12.2016
1. Bräuche in Spanien
In Spanien begeht man auch einige ungewohnte Weihnachtsbräuche. Dort sitzen am Abend des 22. Dezember alle Spanier vor dem Fernseher, um der Ziehung der weltgrößten Lotterie beizuwohnen. Und am Vorabend des Dreikönigstags am 6. Januar legen Kinder etwas Heu und eine Schale Wasser für die Ankunft der Kamele vor die Haustür, um die Zeit bis zur Bescherung zu verkürzen (Quelle. https://www.marcelremusrealestate.com/blog/artikel/weihnachten-auf-mallorca/)
serbskisokol 18.12.2016
2. Eine Muh, eine Mäh eine Tschingterätäte - bringing is the Weihnachtsmen ;)
Zitat von Julian B.In Spanien begeht man auch einige ungewohnte Weihnachtsbräuche. Dort sitzen am Abend des 22. Dezember alle Spanier vor dem Fernseher, um der Ziehung der weltgrößten Lotterie beizuwohnen. Und am Vorabend des Dreikönigstags am 6. Januar legen Kinder etwas Heu und eine Schale Wasser für die Ankunft der Kamele vor die Haustür, um die Zeit bis zur Bescherung zu verkürzen (Quelle. https://www.marcelremusrealestate.com/blog/artikel/weihnachten-auf-mallorca/)
serbskisikol las das. Nun ja, mag ja sein und keine Widerrede.Andere Länder, andere Sitten sagt man ja, und das gilt trotz aller Kommerzialisierung auch noch für Weihnachten. Das Fest hat in den letzten 120 Jahren zwar eine popkulturelle Vereinheitlichung erfahren, aber noch gibt es Vielfalt in Sachen Brauchtum. Und oft haben diese Bräuche herzlich wenig mit dem Christentum zu tun. Wo uns SPON aber einen Riesenbären aufbindet ist das Bild mit dem Kind in Australien am Meeresstrand und dem Känguru. Das Kind hat eine Weihnachtsmann-Mütze auf! Das ist doch wirklich frei erfunden!Ich wette, der Fotograf hat extra eine mitgebracht und sie dem Kind aufgesetzt. Muß doch nicht sein. Wie war das gleich in Spanien am 6.Januar? Welche Politiker oder wer kommt da doch gleich vorbei? Ach übrigens, ehe ich es vergesse- alles Lesern hier einen schönen 4.Advent
serbskisokol 18.12.2016
3. Morgen kommt der Weihnachstmen, coming with Geschenke :)
Zitat von Julian B.In Spanien begeht man auch einige ungewohnte Weihnachtsbräuche. Dort sitzen am Abend des 22. Dezember alle Spanier vor dem Fernseher, um der Ziehung der weltgrößten Lotterie beizuwohnen. Und am Vorabend des Dreikönigstags am 6. Januar legen Kinder etwas Heu und eine Schale Wasser für die Ankunft der Kamele vor die Haustür, um die Zeit bis zur Bescherung zu verkürzen (Quelle. https://www.marcelremusrealestate.com/blog/artikel/weihnachten-auf-mallorca/)
serbskisokol las das.Nun ja, mag ja sein und auch keine Widerrede.Andere Länder, andere Sitten sagt man ja, und das gilt trotz aller Kommerzialisierung auch noch für Weihnachten. Das Fest hat in den letzten 120 Jahren zwar eine popkulturelle Vereinheitlichung erfahren, aber noch gibt es Vielfalt in Sachen Brauchtum. Und oft haben diese Bräuche herzlich wenig mit dem Christentum zu tun. Das Fest hat in den letzten 120 Jahren auch eine popkulturelle Vereinheitlichung erfahre, aber es gibt noch eine Vielfalt in Sachen Brauchtum. Bei den Sorben in der Lausitz kommt z.B. das dzecatko, dürfte wenig bekannt sein.Oft haben diese Bräuche aber wenig mit dem Christentum zu tun. Serbskisokol moniert aber, das uns SPON einen Riesenbären mit dem Bild zu dem Beitrag aufbindet. Dort sieht man an Australiens Badeküste ein kleines Kind nebst Känguru.Das Kind hat eine Weihnachtsmannmütze auf. Also nu is gut, ja? Dort? Das ist doch frei erfunden und der Kameramann hat extra eine Mütze mitgebracht und sie dem Kleinen fotogen aufgesetzt. Bajsewej- heute ist ja 4.Advent- meine Glückwunsch allen dazu.Und in nun nicht mehr einer Woche is comming the Weihnachtsmen and bringing the Geschenke :)
Miere 19.12.2016
4. Hauptsache lecker Essen.
Für mich als Hobbit ist jetzt erstmal nicht so wichtig, welche erfundene Wesenheit da nicht durch den Kamin passt, sondern eher, ob es Gans gibt oder Ami-Puter oder (nicht so dolle) Kochwurst mit Kartoffelsalat, oder gar Herrn Wagners vegane Experimente. Also, das Essen sollte schon was Festliches und Besonderes sein, finde ich. Und Gans oder Schwein passt besonders, finde ich, weil das die Tiere waren, die man im Spätherbst schlachten musste, weil sie dann fett waren und man nicht so viel Futter einlagern konnte.
wdiwdi 19.12.2016
5. @serbskisokol
"Wo uns SPON aber einen Riesenbären aufbindet ist das Bild mit dem Kind in Australien am Meeresstrand und dem Känguru. Das Kind hat eine Weihnachtsmann-Mütze auf! Das ist doch wirklich frei erfunden!Ich wette, der Fotograf hat extra eine mitgebracht und sie dem Kind aufgesetzt. Muß doch nicht sein.". Unwahrscheinlich. Das Tragen von Weihnachtsmützen an den Weihnachtstagen an den Stränden (und sogar beim Surfen!) von Australien ist wirklich eine lokale Tradition, nicht nur bei Kindern.
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