Wein-Special Am Kap wird es elegant
Die gute Nachricht vorweg: Südafrikas Spitzenwinzer bringen in ihrer Mehrzahl elegante Rotweine hervor. Auch wenn einige der großen wineries, zum Beispiel Bushmans Creek, noch Getränke produzieren, die nach kalifornischem Kindergeburtstag schmecken die besten Hersteller nehmen sich die europäische Stilistik zum Maßstab. Das belegen vor allem die Cuvées und die Pinot noir.
Zwar wachsen in der Kapregion auch schöne sortenreine Cabernet, Merlot und Syrah, etwa auf den Weingütern Flagstone, Neil Ellis, Rustenberg, Saxenburg, Slaley, Waterford und vor allem Springfield. Doch gerade dann, wenn die Afrikaner das Bordelais und Burgund im Sinn haben, erreichen ihre Weine wahre Klasse.
Klein Constantia: Die Rebflächen liegen bis zu 300 Meter hoch
Foto: Hendrik HollerPinot noir, die kapriziöse Burgunderin, fühlt sich sichtlich wohl auf dem Weingut Bouchard Finlayson. Die ersten Reben wurden dort 1990 gepflanzt. Seither hat sich viel verändert, und auch der französische Partner Bouchard ist nicht mehr dabei. Peter Finlayson wird erst zutraulich, wenn jemand etwas Vernünftiges, gerne auch Kritisches über seinen Wein sagt. Er weist auf die Besonderheiten seiner Weinfarm hin: Die liegt tief im Süden, in Meeresnähe, Wale und Pinguine sind nicht weit.
Zur Lese brennt die Sonne vom Himmel
Es ist kühl und windig hier, nahe gelegene Berge ziehen Wolken an, also auch Niederschläge. Auf dem Kalkboden, der über einer Wasser speichernden Tonschicht liegt, kämpfen dicht gepflanzte Burgunderreben um Nährstoffe und bringen dabei den derzeit besten Pinot noir des Landes hervor. Allerdings muss auch hier, wie fast überall am Kap, der Boden bewässert und der Most nachgesäuert werden. Denn obwohl es in dieser Gegend wie in der Toskana aussieht, ist es eben doch Afrika, und im Februar, wenn gelesen wird, brennt die Sonne.
Finlaysons Pinot noir "Galpin Peak" überrascht in jüngeren Jahrgängen mit animalischem Bukett. Doch dann tritt in Duft und Geschmack feinste Frucht in den Vordergrund, etwas Schokolade ist auch dabei. Dieser Wein geht nach England; nach Frankreich hingegen exportiert Finlayson seine Galpin Peak Tête de Cuvée mit ihrem strengeren, komplexeren Stil, die es nur in guten Jahren gibt. Bemerkenswert: Schon 1994, da waren die Reben erst vier Jahre alt, brachte Finlayson einen Wein hervor, der auch heute noch kraftvoll und vielschichtig auftritt.
Finlayson hat seit Jahren am Kap einen großen Namen. Einst war er winemaker auf dem benachbarten Gut Hamilton Russell, wo es ebenfalls gute Pinot noir gibt, die aber nicht die gleiche Klasse haben. Möglich allerdings, dass neben den Veteranen Finlayson bald ein anderer seiner Generation tritt und ihm den Ruhm streitig macht: Jan Boland Coetzee aus Stellenbosch. Ihm gehören die Domaines Paradyskloof, die teilweise unter "Vriesenhof" vermarktet werden. Den ehemaligen Rugby-Star kennt in Südafrika jeder, und der 58-Jährige scheint immer noch in Topform zu sein, wenn er, nach präsentablen Fassproben suchend, über die aufgetürmten Barriques klettert.
Zwölf Jahre Vorbereitung für Pinot Noir
Bedächtig wie Peter Finlayson, scheu geradezu, nähert Coetzee sich den Besuchern. Ähnlich vorsichtig war er mit seinen Pinot noir die hat er, der immerhin schon 1968 sein önologisches Diplom gemacht hat, erst kürzlich nach zwölf Jahren Vorbereitung auf den Markt gebracht. Verfügbar ist zurzeit der Jahrgang 2001, sehr burgundisch, durchaus leicht, gleichwohl charaktervoll. Demnächst erscheinen zwei 2002er Pinot noir mit Tiefe, Eleganz und Komplexität, und die 2003er Fassproben lassen strahlkräftige, geradezu klassische Weine erwarten.
Coetzee war auf seinen Besitztümern ein Sozialreformer, als das Land noch tief im Rassismus steckte. Immerhin, unter den Winzern gab es Gleichgesinnte, und heute finden sich gerade unter den besten solche, für die das Ende der Apartheid nicht bloß das Ende des marktzerstörerischen Boykotts, sondern auch den Anfang eines lebenswerteren Südafrikas bedeutet hat. Auf ihren Landgütern wohnen Arbeiterfamilien, die zumeist den sogenannten Farbigen, den coloureds, zugerechnet werden. Sie stammen nicht von schwarzen Afrikanern ab, sondern überwiegend von malaiischen Sklaven.
Die persönliche Abhängigkeit dieser Landarbeiter haben die neuen Gesetze gemindert. Etliche Weinproduzenten nutzen die veränderte Situation und motivieren ihre Land- und Kellerarbeiter, sich weiterzubilden und zum Teil auf eigenem Grund und Boden selber Wein anzubauen. Die Qualifikation, die dadurch entsteht, kommt letztlich der ganzen Branche zugute. Das ist auch die Strategie von Paul Cluver, der gleichfalls zur Avantgarde der Produzenten von Pinot noir europäischen Stils gehört.
Schwarze Afrikaner sind in der Kapregion weniger präsent als im Rest des Landes. Ihre Kultur ist dem Wein bisher ferngeblieben, doch das könnte sich ändern. So leitet beispielsweise eine junge Schwarze den Probenraum auf dem Gut Fairview des umtriebigen Charles Back (der auf seinen Etiketten zum Ärger der Franzosen gern die Côtes du Rhône zu "Goats do Roam", "Ziegen streifen umher", verballhornt).
Wein als Botschaft
Die schöne Frau, die sich als Bongi vorstellt, stammt aus den Slums von Durban, der großen Stadt im Nordosten. Nach dem Ende der Apartheid nahm sie sich vor, etwas zu erreichen. Sie hatte keine Ahnung von Wein, hatte aber zufällig gehört, dass Charles Back nicht auf die Hautfarbe, sondern auf Engagement und gute Arbeit Wert legte. So reiste sie Hunderte von Kilometern und bekam ihre Chance. Mittlerweile hat sie schon Proben in Stockholm und auf der Düsseldorfer Messe ProWein geleitet. Ihr Ziel: "Ein Weingeschäft in Durban." "Aber da wird doch kein Wein getrunken?" "Eine Frage der Bildung. Und meine Leute dort kennen mich ja, die werden mir schon glauben, dass Wein etwas Gutes ist."
Die enormen Investitionen am Kap zeugen vom Vertrauen in- und ausländischer Firmen. Wer Weinberge kauft, kultiviert und noch dazu große Gutsgebäude errichtet, lässt sein Geld ja nicht auf kurzfristigen Abruf im Land. Wahre Paläste und Kellerkathedralen entstehen derzeit, und zuweilen fragt man sich, ob das nicht alles ein bisschen zu protzig daherkommt.
Doch die Qualitäten überzeugen, nicht zuletzt bei den roten Cuvées nach europäischem Vorbild. Sie kommen aus Weingütern wie Klein Constantia, Veenwouden, Vergelegen und Morgenster. Deren Blends beginnen dem Pionier dieses Genres, dem Gut Rust en Vrede, den Rang abzulaufen. Und demnächst könnte das, was in den Fässern des kapitalkräftigen Newcomers Quoin Rock lagert, zur Spitze vorstoßen.
Qualität zeigt sich nicht zuletzt daran, ob ein Weingut außer einzelnen Spitzen auch ein ganzes Spitzenprogramm zu bieten hat. In dieser Disziplin führt Boekenhoutskloof aus Franschhoek, aber das vielseitigste Angebot präsentiert der quirlige Bruce Jack. Sein Weingut Flagstone bringt sehr persönliche Spitzenweine hervor, auch einen opulenten Pinot noir namens "Poetry Collection".
Das interessanteste Projekt dieses Mannes, der offenbar an mehreren Orten gleichzeitig zu sein vermag, ist jedoch die Gründung einer neuen Weinregion im rauen Seeklima von Elim, gemeinsam mit drei schwergewichtigen, bärtigen Naturburschen, die bisher Schafe gezüchtet haben. Die freundlichen Bären, denen Bruce Jack an Leibesumfang nicht nachsteht, arbeiten an Marken mit maritimen Namen wie "Land's End" und "The Berrio" so hieß das erste Schiff, das einst das Kap umfahren hat. Bald schon könnte diese neue Wein-Armada ganz vorn in der heimischen Produktion segeln.
Die Zeiten sind also vorbei, in denen südafrikanischer Roter lediglich "noch so ein Wein aus Übersee" war. Man kann ihnen nur die Daumen drücken: Bruce, Bongi und dem ganzen Land.