Messe ITB und der Massentourismus Oder soll man es lassen?

Malaysia, Nordafrika, Feuerland - können Sie diese Ziele schon abhaken, waren Sie schon da? Auf der weltgrößten Tourismusmesse in Berlin geht es auch um Gewissensfragen: Sollten wir weiterhin intensiv reisen, nur weil wir es können?

DPA

Was für eine Zahl: 1,5 Milliarden Menschen werden in diesem Jahr verreisen, also ein Fünftel der Weltbevölkerung.

Zu dieser gigantischen Relation passen diese Zahlen aus Berlin: Dort eröffnet am Dienstagabend Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) die Internationale Tourismus-Börse (ITB), mit rund 10.000 Ausstellern aus fast allen Ländern der Welt die führende Messe der Reiseindustrie. Ab Mittwochmorgen gehören die Messehalle dann Zehntausenden Fachbesuchern, die Stimmung dürfte gut sein.

Keine politische Krise oder etwa ein weiterer Terroranschlag belasten die Branche in diesem Jahr. Vielmehr steigen in einigen Ländern nach schwierigen Jahren wieder oder weiter die Besucherzahlen: in der Türkei, in Ägypten und Tunesien. Am Wochenende dann werden Privatbesucher zwischen den Ständen in 26 Hallen flanieren, die mit Postern und Personal in den jeweiligen Landestrachten Spaß, Abenteuer und Kulturerlebnisse verheißen.

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Tourismusmesse in Berlin: Die Themen der ITB 2019

Auf einem begleitenden Kongress sind Kernthemen akute und langfristige Probleme des Tourismus wie Overtourism, Brexit und das Flugchaos des vergangenen Sommers in Europa. Auch wird diskutiert, inwieweit Touristikunternehmen Verantwortung für den Klimawandel, für Menschenrechte und etwa Meeresverschmutzung übernehmen müssen. Was können und sollten Veranstalter, Hotels und Verkehrsunternehmen zur Lösung dieser Menschheitsprobleme beitragen?(Lesen Sie mehr zu den Themen in der Fotostrecke.)

Dürfen wir alle in Anbetracht des 1,5 Grad-Ziels in Zukunft noch so reisen wie bisher? Müssten nicht alle viel weniger fliegen, um den Klimawandel zu bremsen? Weiter wie bisher, das führe in den Abgrund, wie die ITB-Verantwortlichen auf der Messe-Website feststellen. Wie stark in die touristische Entwicklung muss die Politik eingreifen und kann Auswüchse verhindern? In Deutschland fordert der Branchenverband BTW die Regierung zu einer stärkeren Fokussierung auf den wichtigen Wirtschaftsfaktor Tourismus auf.

"Andere Länder haben einen Tourismusminister. Wir bräuchten das auch", sagte der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Tourismuswirtschaft (BTW), Michael Frenzel, der Zeitung "Die Welt". "Das Mindeste wäre aber, dass das Thema Tourismus in der Bundesregierung gebündelt und zentral behandelt wird. Derzeit sind bis zu acht Ministerien mit den Belangen dieser Branche beschäftigt." Der Tourismus sei eine Schlüsselbranche und müsse als solche behandelt werden, sagte Frenzel.

Partnerland Malaysia: Irritation zum Auftakt

Zum Auftakt der Messe sorgte das Partnerland Malaysia für Verständnislosigkeit. Die Frage, ob das Reisen in dem Land für Juden und Homosexuelle sicher sei, wollte Tourismusminister Datuk Mohammaddin bin Ketapi auf einem Podium nicht beantworten. Die ITB sei dafür nicht das richtige Forum. Auf eine weitere Nachfrage sagte er zum Thema Homosexualität: "Ich glaube, wir haben so etwas nicht in unserem Land." Im Januar hatte Malaysia angekündigt, keine Sportereignisse mit israelischen Teilnehmern mehr ausrichten zu wollen. Der Grünenpolitiker Volker Beck warf der Regierung eine Politik gegen Homosexuelle und Juden vor.

Service: ITB und Berlin Travel Festival 2019
Internationale Tourismusmesse Berlin (ITB) (6. bis 10. März )
Ort: Messe Berlin
Öffnungszeiten: für Fachbesucher: 6. bis 10. März, 10 bis 18 Uhr; für private Besucher: 9. und 10. März, 10 bis 18 Uhr
Eintritt: für private Besucher 15 Euro pro Tag, 12 Euro vorab im Internet, 8 Euro für Schüler und Studenten, 8 Euro für alle am Sonntag ab 14 Uhr, kostenlos für Kinder unter 14 Jahren in Begleitung Erwachsener. Für Fachbesucher: vorab im Internet 42 Euro pro Tag und 60 Euro für alle Tage; auf der Messe 62 Euro pro Tag und 90 Euro für alle Tage.
Webseite: https://www.itb-berlin.de
Berlin Travel Festival (8.-10. März)
Ort: Arena Berlin, Eichenstraße 4, 12435 Berlin
Öffnungszeiten: Freitag 12 bis 19 Uhr, Samstag und Sonntag 10 bis 19 Uhr
Eintritt: Ein-Tages-Ticket (Samstag oder Sonntag) für 12 Euro, Familien für 20 Euro; Zwei-Tages-Ticket (Samstag und Sonntag) für 20 Euro; am Freitag, dem Weltfrauentag, erhalten 2000 Frauen freien Eintritt, ansonsten kostet er 8 Euro. ITB-Fachbesucher erhalten freien Eintritt.
Anreise: U-Bahn; U1 Schlesisches Tor; S-Bahn: S8, S85, S9, S42, S41 Treptower Park; Bus: 104, 194, 265, N65 Eichenstraße/Puschkinallee.
Webseite: https://berlintravelfestival.com/de

Die deutsche Tourismusbranche war Anfang des Jahres noch gedämpfter Stimmung - auch wenn sie sich zum Start der Reisemesse wieder optimistisch gibt: Der Beginn des Reisejahres 2019 verlief mit einem Umsatzminus im Januar von neun Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat enttäuschend. Die Ursache ist unklar: "Irgendetwas hält viele Kunden davon ab, jetzt ihren Sommerurlaub zu buchen", sagt René Herzog, Chef der DER Touristik Zentraleuropa vor der ITB. "Es ist vermutlich die Wirkung des Rekordsommers 2018 in Deutschland." Die Branche rechnet "dennoch mit einer leichten Steigerung im unteren einstelligen Prozentbereich", sagt der Präsident des Reiseverbandes DRV, Norbert Fiebig.

Das Lieblingsziel der deutschen Urlauber bleibt im Sommer 2019 - Deutschland. Besonders gefragt hierzulande ist bislang auch die Türkei, ebenso wie Ägypten, Tunesien, Bulgarien und Kroatien. Wachstumstreiber seien zudem Kreuzfahrten, sagte Fiebig. Spanien liegt zum Teil noch unter den Erwartungen.

Der drohende Brexit immerhin hält Deutsche bisher nicht von Buchungen für Großbritannien ab - das zeigen die Zahlen der Veranstalter. Vor allem das schwache Pfund lockt zurzeit, das Trips für Reisende aus dem Euroraum tendenziell günstiger macht. Wie groß die Auswirkungen des EU-Ausstiegs auf den Reiseverkehr sein werden, ist dagegen noch unklar. Auch dies wird ein breit diskutiertes Thema auf der ITB sein.

abl/dpa



insgesamt 10 Beiträge
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claus7447 05.03.2019
1. Reisen wieder teurer machen...
Vielleicht reisen einfach zu viele. Das gilt nicht nur für Deutschland, insbesondere Asien, angeführt von China befeuert die Touristik. Weniger wäre mehr. Wenn nicht jeder Greti und Pleti sich für ein paar Öcken in den Flieger setzen kann und motzt, wenn es in Thailand gerade keinen Sauerbraten oder Spätzle gibt (gilt übrigens umgekehrt auch für ander nationen). Unter den Europäern haben leider wir deutsche mit den schlechtesten Ruf (Ich nehm jetzt mal den BREXIT voraus, um den Ballermann nicht unerwähnt zu lassen).
AllesKlar2014 05.03.2019
2. Kreuzfahrschiffe meiden
19 Superline emittieren soviel Dreck in einem Jahr wie ALLE Diesel Pkw in Deutschland zusammen! Diese Superdreckschleuder sind an Scheinheiligkeit nicht zu ueberbieten! Auf den blauen internationalen Gewässern und bei den nachhaltigen BioLuxus Menues muss das Gehirn eines Gastes ja nicht unbedingt eingeschaltet sein. Wuensche mit eine Meeresweltregierung fuer Klimaschutz.
Newspeak 05.03.2019
3. ...
"Sollten wir weiterhin intensiv reisen, nur weil wir es können?" Ja. Wer zuhause bleiben will, kann ja zuhause bleiben.
Geopolitik 05.03.2019
4.
Es wäre in der Tat schön, wenn das Reisen in entlegene Gebiete etwas beschwerlicher wäre. Dies würde einen gewisses Interesse der Reisenden bedingen. Und Natur und Traditionen schützen. Allerdings hat die bessere Lebensqualität in den schönen Regionen der Welt oftmals in einer Wechselwirkung den Massentourismus erst möglich gemacht und ist deshalb summa summarum wohl gut für die Besuchten.
Hamberliner 05.03.2019
5. Nutzen für Privatreisende
Ich glaube nicht, dass Massentourismus und dessen bekannte Ziele für Privatpersonen ein Grund sind, die ITB zu besuchen. Ich verspreche mir davon eine kompakte Möglichkeit, schwer zu recherchierende Antworten zu erfahren. Sowohl bei onshore-Weltreisen z.B. von hier über Zentralasien (Pamir) bis Wladiwostok und Japann/Korea als auch beim Transport des eigenen Fahrzeugs über den Pazifik und Atlantik entstehen viele Fragen und Bedarf an Dienstleistern, die einem weiterhelfen.
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