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Whisky aus Deutschland Hochprozentiges mit Pickelhaube

Bier? Na klar. Wein? Viel besser als sein Ruf. Aber Whisky aus Deutschland? Ein paar kleine Destillerien sagen edlen schottischen Tropfen den Kampf an - sie produzieren kleine Mengen zu hohen Preisen. Den Hohepriester des Hochprozentigen konnte ein Single Malt aus Brandenburg schon überzeugen.
Von Jill Petzinger

Ein Pferd mit Pickelhaube ziert das Etikett, "Preußischer Whisky" steht darunter: In einer Destillerie im beschaulichen Dörfchen Schönermark in Brandenburg entsteht ein Tropfen, der eine hochprozentige Konkurrenz für schottische Single Malts werden soll.

"Mein Whisky wird polarisieren. Er wird die Freiflächen und sanften Hügel der Landschaft hier widerspiegeln - und er wird nicht jedermanns Liebling sein", sagt Cornelia Bohn, die Besitzerin der preußischen Whisky-Destillerie. Sie läuft an ihren 22 Fässern aus amerikanischer Eiche mit 5000 Litern goldener Flüssigkeit entlang. Kälte, Feuchtigkeit und Hitze können in ihrem zum Teil offenen Keller dem Whisky in aller Ruhe Charakter verleihen. Bohn ist erst vor kurzem einem elitären Club beigetreten. Sie gehört zu den wenigen Frauen, die jemals eine eigene Whisky-Marke erschaffen haben.

Bohn ist eine von rund 40 Malt-Whisky-Herstellern in Deutschland. Zu den prominentesten zählen die Slyrs Brennerei in Bayern und die Spreewälder Brennerei in Brandenburg. Der dort hergestellte Sloupisti Single Malt wurde im letzten Jahr von Jim Murray, dem Hohepriester des Whiskys, mit dem "Oscar unter den Whisky-Auszeichnungen" preisgekrönt. Er hat den Sloupisti in die Sektion "Superstar-Whiskys, die uns einen Grund zum Leben geben" in seine "Whisky-Bibel" aufgenommen.

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Single Malt Whisky: Edle Tropfen aus Deutschland

Foto: TMN

Die Slyrs Brennerei, die im Jahr 1999 gegründet wurde, erhielt großen Zuspruch für ihren Single Malt. Wegen der hohen Nachfrage mussten die Verkäufe auf eine Flasche pro Person begrenzt werden. Für Andrea Stetter, Geschäftsführerin von Slyrs, gibt es jede Menge Ähnlichkeiten zwischen Bayern und Schotten: ein Faible für Trachten, schwierige Dialekte, schöne Landschaften und einen ausgeprägten Patriotismus.

Slyrs habe jedoch einen vollkommen anderen Geschmack als Scotch. "Unser Verfahren gibt dem Whisky einen milden, fruchtigen Geschmack. Anders als die traditionellen schottischen Single Malts kann unser Whisky schon getrunken werden, sobald er drei Jahre alt ist."

Nur Schottland kann Scotch

In Deutschland werden zur Herstellung von Whisky oft Obstbrandfässer benutzt. Diese sind kleiner als die Fässer des schottischen Produkts und stellen ein feines Destillat her, das nicht so lange lagern muss und deshalb auch schneller auf den Markt kommen kann. So profitieren sie von der langen Geschichte der deutschen Schnapsherstellung.

Ein unmittelbarer Vergleich zwischen deutschen und schottischen Whiskys ist nach Ansicht von Armin Schüssler, dem Autor des Magazins "Armond Dishers Whisky News", sinnlos. "In Blindtests haben deutsche Whiskys sehr gut abgeschnitten. Weil aber die wirklichen Whisky-Liebhaber in der Regel Fans von Scotch sind, kann man nicht einen drei Jahre alten deutschen Malt mit einem schottischen Malt vergleichen, der zwölf Jahre gelagert hat."

Destillerin Bohn ist der Meinung, dass jeder Whisky individuell beurteilt werden sollte, da sich die Rohstoffe von Land zu Land unterscheiden. Der Maßstab sollte nicht unbedingt Schottland sein. "Deutscher Whisky wird den Markt bereichern, nicht aber eine andere Marke vertreiben", sagt sie.

Single Malt Whisky kann überall auf der Welt produziert werden - ein echter Scotch muss in Schottland hergestellt werden, nur dann darf er sich mit diesem Namen schmücken. Derzeit zählt Japan zu den weltweit größten Whiskyherstellern. "Whisky-Bibel"-Autor Murray kürte im vergangenen Jahr einen wahren Exoten zu seinem Favoriten: den indischen Malt "Amrut".

Torf und Heidekraut

Doch selbst wenn die Qualität stimmt, sind vielen Whisky-Konsumenten doch traditionelle Assoziationen wichtig für das Gesamterlebnis: Torf, Heidekraut - und die Berge Schottlands. Deutsche Whiskyhersteller können nicht die Romantik eines weiten, windgepeitschten Berglands einsetzen, um ihre Produkte zu verkaufen - und das könnte zum Problem werden.

"Etwa 90 Prozent der echten deutschen Whisky-Liebhaber sind nicht bereit, den einheimischen Whisky mit offenen Armen zu empfangen", sagt Theresa Lüning, die eines der größten Whisky-Handelshäuser in Deutschland betreibt. Patriotismus spiele bei deutschen Whiskytrinkern keine Rolle. Nach ihrer Erfahrung gibt es drei Arten von Menschen, die nicht-schottischen Single Malt kaufen: neugierige Experten, Schnaps-Trinker, die ein kleines Abenteuer wagen - und experimentierfreudige Einmal-Probierer.

Billig sind deutsche Malts nicht. Eine 0,7-Liter-Flasche Sloupisti Single Malt kostet im Einzelhandel 69 Euro und ist somit 30 Euro teurer als ein durchschnittlicher Scotch. Der Preis ergibt sich durch die geringen Stückzahlen, die Kostenvorteile einer Massenproduktion fallen hier weg. Im vergangenen Jahr wurden nur etwa 100.000 Flaschen Malt in Deutschland erzeugt - sehr wenig im Vergleich zu den industriellen Mengen aus Schottland.

Für Roland Hoppenheit, den Besitzer der Schick Saphire Whisky Bar im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg, sind deutsche Malt Whiskys wie "Waisenkinder": "Es fehlt ihnen an Identität und vielleicht auch ein bisschen Herz", sagt er. "Es scheint eine psychologische Barriere zu geben, nicht-schottischen Whisky zu kaufen: den Glauben, dass es keinen Ersatz für jahrhundertealte Traditionen gibt."


Richtigstellung: In einer früheren Version des Artikels hieß es "Die Slyrs Brennerei erhielt großen Zuspruch für den allerersten bayerischen Single Malt." Der erste bayerische Malt Whisky wurde jedoch nicht von der Slyrs Brennerei hergestellt - diesen Fehler haben wir korrigiert.

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