Winterwetter Eurostar-Zug bleibt im Ärmelkanaltunnel stecken

Im Eurotunnel ist wieder ein Schnellzug liegengeblieben - das Unternehmen empfiehlt seinen Kunden, Fahrten zu stornieren. In China wird der Strom rationiert, in den USA fallen die Leguane von den Bäumen: Schneefälle, klirrende Kälte und sintflutartige Regenfälle machen Mensch und Natur weltweit zu schaffen.

Paris - Europa, China und die USA kämpfen gegen die Folgen extrem kalter Wintertage. Während heftige Schneefälle Großbritannien in ein Verkehrschaos stürzen, wird in China die Energie knapp, und in den USA fürchten die Farmer um ihre Zitrusfruchternte.

Auch die Eurostar-Verbindung zwischen Frankreich und Großbritannien ist erneut durch Schneetreiben beeinträchtigt. Am Donnerstagvormittag blieb einer der Hochgeschwindigkeitszüge auf dem Weg von Brüssel nach London im Tunnel unter dem Ärmelkanal liegen. Zwei Stunden lang ging nichts mehr, sagte ein Sprecher. Der Zug mit knapp 260 Passagieren wurde nach London geschleppt, wo bereits Hunderte Fahrgäste auf die Abfahrt ihrer verspäteten Züge warteten. Der Grund für die Panne sei noch unklar: "Alle Fahrgäste sind in Sicherheit."

Am Nachmittag forderte Eurostar seine Fahrgäste auf, auf nicht unbedingt nötige Fahrten zu verzichten. "Wenn Sie nicht reisen müssen, empfehlen wir, ihre Fahrt zu stornieren oder zu verschieben", teilte das Unternehmen auf seiner Website mit. "Wegen der schlechten Wetterbedingungen in Nordeuropa" werde es in den nächsten Tagen nur "einen beschränkten Zugverkehr" geben. Eurostar zog die Abfahrtszeiten mehrerer Abendzüge auf den Strecken Paris-London und Brüssel-London am Donnerstag auf die Zeit vor 19.30 Uhr vor. Die Kapazitäten seien aber "sehr beschränkt", betonte das Unternehmen.

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Winterwetter: Schnee, Regen und Kälte sorgen für Chaos

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Zwei Züge hätten London in Richtung Tunnel nach der Panne verlassen, hätten aber wieder umkehren müssen, sagte ein Bahnvertreter am Londoner Bahnhof St. Pancras. Die Informationen wurde von Eurostar zunächst nicht bestätigt. "Es wird keine Aussetzung des Verkehrs erwartet", sagte ein Sprecher am Nachmittag in London. "Die Züge fahren weiter." Nach der Panne hatte ein Eurostar-Sprecher am Mittag in Brüssel angekündiigt, das Unternehmen schicke keine Züge in den Tunnel mehr, bis die Ursache des Problems geklärt sei.

Schon am Mittwoch waren wegen des Wetters je zwei Züge auf den Strecken London-Brüssel und London-Paris abgesagt worden. Noch keine drei Wochen her ist das Chaos bei der Eurostar-Verbindung, bei dem rund 2000 Passagiere stundenlang in dem Tunnel ausharren mussten. Drei Tage lang wurde der Verkehr nach dem 19. Dezember unterbrochen. Damals war Pulverschnee Grund für die Panne, der in die seitlichen Lüftungsschlitze der Eurostar-Loks eingedrungen war und Kurzschlüsse verursachte. Durch den Ausfall konnten rund 75.000 Menschen ihre geplanten Reisen nicht antreten.

Großbritannien: Längste Kältewelle seit 30 Jahren

Schnee und Glätte sorgen seit einigen Tagen in Europa für Verkehrschaos. Heftiger Schneefall steht auch weiterhin an: Tief "Daisy" zieht nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes "vollgepumpt mit Feuchtigkeit" vom Mittelmeer Richtung Polen. In der kalten Luft kann am Freitag im Süden und Osten Deutschlands viel Schnee fallen, wie Meteorologin Dorothea Paetzold in Offenbach erläuterte. Hinzu komme ein stürmischer Wind, der für Schneeverwehungen sorgen könne. Die "sehr brisante Mischung" bringe am Freitag und Samstag Unwettergefahr. Nach Ansicht von Jörg Kachelmann vom Wetterdienst Meteomedia steckt in der Lage zwar "Potential, aber ob ein Drama passiert, ist alles andere als sicher".

Großbritannien hat das Schneechaos gerade überwunden, nun hält die bittere Kälte das Land im Griff. Besonders tief sanken die Temperaturen in der Grafschaft Oxfordshire, teilte der Wetterdienst mit - eine ähnlich lang anhaltende Kälte- und Schneewelle gab es in Großbritannien zuletzt 1981.

Auf den vereisten Straßen und Flughäfen gab es weiter Behinderungen. Der Billigflieger Easyjet strich am Donnerstag etwa 70 Flüge. Auch British Airways kündigte Streichungen und Verspätungen an den Londoner Flughäfen Gatwick und Heathrow an. Daneben blieben weiter Hunderte Schulen geschlossen. Rund 20.000 Menschen waren zudem von einem Stromausfall in der südenglischen Grafschaft Hampshire betroffen.

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Wetter: Der Winter stellt Europa kalt

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In Frankreich dringe der Winter vom Westen immer weiter ins Landesinnere und nach Süden vor, teilte der Wetterdienst am Donnerstag mit. Der Verkehr war in weiten Teilen des Landes beeinträchtigt, in mehreren Départements durften weder Lastwagen noch Schulbusse fahren. In Paris waren die Dächer und die weniger befahrenen Straßen am Morgen weiß. Für den Abend wurde Schneefall auch in der südlichen Region Provence-Alpes-Côtes d'Azur erwartet - mit bis zu zehn Zentimetern Neuschnee in der Fläche und bis zu 40 Zentimetern in Höhenlagen über 500 Meter.

Die Kältefront lässt auch die Italiener bibbern. In Ravenna wurde am späten Dienstagabend ein im Schnee steckengebliebenes Auto von einem Zug überrollt - die Insassen, ein Ehepaar, konnten sich aus ihrem Wagen flüchten. Andernorts in Nord- und Mittelitalien führten starke Regenfälle zu Überschwemmungen. Mehrere Häuser in der Provinz von Livorno wurden sicherheitshalber evakuiert.

Auf Albanien gehen seit Tagen sintflutartige Regenfälle nieder. "Das ist eine echte Notlage, eine mögliche Katastrophe", sagte Regierungschef Sali Berisha in Tirana nach einer Sondersitzung seines Kabinetts. Er appellierte an die Einwohner im nördlichen Distrikt von Shkodra, die zum Teil schon drei Tage auf den Dächern ihrer Häuser ausgeharrt hatten, die Krisenregion zu verlassen. Die Armee des Landes werde einen Evakuierungsplan ausarbeiten, kündigte Berisha an. Fast der gesamte Nordwesten Albaniens steht rund 40 Zentimeter unter Wasser. 3800 Hektar Ackerfläche sind überschwemmt.

China: Kohlereserven reichen nur noch für wenige Tage

In China lässt eisige Kälte sogar die Energie knapp werden. Landesweit war der Stromverbrauch am Donnerstag weiterhin rasant angestiegen. In Peking sanken die Temperaturen am Mittwoch auf minus 16,7 Grad, den niedrigsten Wert seit knapp 40 Jahren. In sieben Provinzen musste die Stromversorgung für Industriebetriebe rationiert werden. Oberste Priorität hat die Versorgung der Privathaushalte, Krankenhäuser, Schulen und wesentlichen Verkehrseinrichtungen.

Das kalte Wetter soll noch zehn Tage anhalten. Der hohe Energieverbrauch strapaziert die Kohlereserven, so dass die Behörden in Zentral- und Ostchina Alarm schlugen. Einige Kraftwerke hätten nur noch Vorräte für drei Tage, meldete die Zeitung "Guangdong Ribao". Chinesische Medien titelten, dass die Städte nicht ausreichend auf die Kältewelle eingestellt seien. Bereits Ende letzten Jahres sei in den Lagern des zentralchinesischen Energieversorgers lediglich Kohle für zehn Tage vorrätig gewesen, obwohl diese für 15 Tage ausgelegt seien.

Im Süden der USA hat die klirrende Kälte in den vergangenen Tagen mindestens sechs Menschen das Leben gekostet. Seit dem Wochenende erfroren im Staat Tennessee vier Menschen und in den Staaten Mississippi und South Carolina jeweils einer, wie die Behörden am Mittwoch mitteilten. In Florida bemühten sich Farmer, Gemüse und Zitrusfrüchte vor der Kältewelle zu retten. In einigen Regionen war es so kalt, dass Leguane erstarrt von den Bäumen fielen.

Das Winterwetter hat aber auch positive Auswirkungen: In Deutschland erfreut der Schnee Kinder und Wintersportler, und bei vielen Hoteliers und Liftbetreibern in Skigebieten klingeln die Kassen. "Wir sind rundherum zufrieden", sagte der Sprecher des Skilift-Verbandes Sauerland, Meinolf Pape, in Winterberg. In Berlin gibt es in vielen Läden keine Schlitten mehr zu kaufen. Die Niederländer läuten nach Tagen des Dauerfrosts die Schlittschuhsaison ein.

abl/dpa/AFP/AP
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