Winzer in Frankreich Querköpfe an der Loire

In der lieblichen Region Anjou-Saumur herrscht Bewegung: Kompromisslose Autodidakten machen aus Chenin blanc die interessantesten Weißweine Frankreichs, setzen dabei auf Biodynamik und kämpfen für die Süßweinkultur.

Das Leben ist ein langer, ruhiger Fluss. Zumindest hier, bei Angers, der sympathischen Stadt zwischen Nantes und Tours. Die Loire flaniert eher ziellos und träge durch die Landschaft, statt zielstrebig auf den Atlantik zuzustürmen. Im Frühjahr, wenn sich ihr Bett an manchen Stellen auf mehrere hundert Meter weitet, gleicht sie gar einem See. Stille liegt dann über der Landschaft, die durch Wiesen, Büsche und Weingärten geprägt wird und die so unendlich weit scheint, als würde nur der Horizont sie begrenzen. Keine Dramatik, nirgends? Oh doch! Mag die Stimmung auf Reisende auch beschaulich wirken, die Weinszene ist in Bewegung.

In der Region Anjou-Saumur ist dafür der faszinierende Chenin blanc verantwortlich. Seine kräftige Fülle wirkt wie ein Paukenschlag, Tiefe und Substanz aber korrespondieren mit der meditativen Stimmung, die diese Gegend und ihre Bewohner zu prägen scheint. So waren es auch Zisterziensermönche, die im Jahr 1180 den Grund für einen der bedeutendsten Weißweine Frankreichs bereitet haben, den Clos de la Coulée de Serrant. Er ist das Urbild eines großen Chenin blanc, und im Jahrgang 2004 wird sich weltweit wohl kaum ein eindrucksvollerer Wein dieser kapriziösen Rebsorte finden lassen.

Der ungemein tiefgründige, konzentrierte Clos de la Coulée de Serrant stammt von der gleichnamigen Anlage bei Savennières, unterhalb des Château de la Roche aux Moines. Gleißend weiß strahlt es, schon von weitem sichtbar, im Sonnenlicht. Für diesen großen Wein ist der clos mit seinen sieben Hektar Rebfläche und eigener Ursprungsbezeichnung (AOC) geradezu prädestiniert: In dem teilweise mit Mauern umfriedeten Gebiet gibt es diverse Hangexpositionen, abwechslungsreiche, vor allem aus Schiefer, vulkanischen Gesteinen, Sanden und Quarziten bestehende Böden sowie ein einzigartiges Mikroklima.

Weinanbau nach Mondkalender

Nicolas Joly muss ein glücklicher Mann sein, denn dies alles gehört ihm. Der ehemalige Bankkaufmann zählt zu den charismatischen Persönlichkeiten der französischen Winzerszene. Wie alle seine Weinberge, so bewirtschaftet er auch den Clos de la Coulée de Serrant seit einem Vierteljahrhundert streng biodynamisch. Synthetische Insektizide, Herbizide, Kunstdünger und andere Chemikalien sind selbstverständlich tabu.

Joly und seine Gesinnungsgenossen richten sich zudem nach dem Mondkalender, wollen Boden und Umwelt in Einklang bringen, verwenden homöopathische Dosen von "dynamisierten" Pflanzen- und Mineralaufgüssen, Kompost und Spezialpräparaten wie Kuhhorndünger. "Was soll alles Reden über terroir", fragt Joly, "wenn der Ursprungscharakter mit allen Mitteln der Chemie bekämpft und der Mangel an Originalität im Keller mit Tricks kompensiert wird?"

Entscheidend für die Bewertung eines Weins ist für die Biodynamiker nicht, ob er gut schmeckt. Wichtig ist, dass er den Charakter seiner Herkunft ungeschönt zum Ausdruck bringt. Wir sind im idyllischen Tal des Layon, der sich durch Schiefer- und Vulkangestein schlängelt. Von hier kommen, zumeist von Quereinsteigern erzeugt, die vielschichtigsten Weißweine Frankreichs – ausschließlich Chenin blanc, vor allem trockene. Das ist erstaunlich, denn das nur 1600 Hektar große Gebiet Coteaux du Layon ist eine Süßwein-Appellation; der gute Ruf der beiden Crus, Bonnezeaux und Quarts de Chaume, reicht über die Region hinaus.

Vorsicht ist aber bei den meisten trockenen, als Anjou blanc AC vermarkteten Chenin blanc geboten: Weil sie aus den unreifen Trauben gekeltert wurden, die für Süßweine nicht gut genug waren, geraten sie derb. Gegen diese bestenfalls zweitklassigen Weine wirken die neuen, mit Sorgfalt erzeugten Chenin wie von einem anderen Stern. Sie haben Frucht, Kraft, Dichte und Alterungspotenzial.

Buschform macht die Rebe widerstandsfähiger

Neben Claude Papin vom Château Pierre-Bise in Beaulieu mit seinen eigenständigen und starken terroir-Weinen erzeugt wohl der Korse Mark Angeli die ungewöhnlichsten Chenin blanc; zuweilen muten sie regelrecht archaisch an. Der Weg zu Angelis idyllisch gelegenem biodynamischem Hof La Ferme de la Sansonnière führt in Savennières über die Brücke nach Rochefort und von dort über Beaulieu den Layon entlang nach Thouarcé. Keine halbe Stunde fährt man mit dem Auto durch die kurvenreiche Flusslandschaft mit ihren charmanten alten Dörfern, und wer etwas Gegenwind nicht scheut, kann die paradiesische Weinroute auch gut mit dem Fahrrad bewältigen.

Bei schönstem Sonnenschein kommen wir bei Angeli an, einem ehemaligen Chemiker, der 1990 an den Layon zog. Er zeigt uns eine Parzelle, auf der er seine Chenin-Reben neuerdings in Buschform erzieht. "Drei mediterrane Sommer in Folge, Trockenheit und Hitze bis in den Herbst hinein – der Klimawandel zwingt uns zum Umdenken", seufzt er. "Die Buschform macht die Rebe widerstandsfähiger und schützt die Trauben vor dem Brand der Sonne." Überhaupt sei Chenin eine schwierige Sorte: "Sie neigt zu starkem Wuchs und reift erst spät aus. Daher steht sie in südlich exponierten Hanglagen mit nährstoffarmen, steinigen Böden am besten." Hier müsse die Rebe zwar mehr kämpfen, dafür bringe sie ihren geringeren Fruchtansatz aber schneller zur vollen Reife.

Weil niedrige Erträge für guten Chenin unerlässlich sind, strebt Angeli in den letzten Jahren schwachwüchsige Reben an. Eine besonders beeindruckende Qualität bringen die 40.000 wurzelechten, also nicht auf reblausresistente Wurzeln gepfropfte, Reben hervor, die er in einer ein Hektar großen Parzelle angepflanzt hat. Von hier stammt sein so ungewöhnlicher wie großartiger "Vignes Françaises en foule", ein unfiltriert und ungeschwefelt abgefüllter Naturwein von brillanter Frucht und eleganter Mineralität. Als Einstieg in die faszinierende Weinwelt des Mark Angeli empfiehlt sich hingegen der "La Lune", ein körperreicher, eleganter, im Alter von fünf Jahren unwiderstehlicher Wein mit dem feinen Duft von Honig, getrockneten Aprikosen, Karamell und Wiesenkräutern.

Lesen Sie im zweiten Teil: Einen Chenin blanc muss man sich erarbeiten

Eigensinnige Winzer treffen wir auch zwölf Kilometer weiter, in St-Lambert-du-Lattay. Die befreundeten Nachbarn Jo Pithon und René Mosse betreiben beide in ihren Weinbergen allen Aufwand, der beim ökologischen Anbau nötig ist. In ihren Kellern hingegen setzen sie lieber auf "kontrolliertes Nichtstun". Die Trauben werden in mehreren Durchgängen gelesen: So willkommen wie die vollreifen, gesunden Beeren sind die überreifen und edelfaulen, die auch den trockenen, stets alkoholstarken Weinen mehr Konzentration und Dichte verleihen.

Nach der Pressung wird in 300-Liter-Fässern ohne Zugabe von Reinzuchthefen vergoren, meistens über mehrere Monate. Erst kurz vor der Füllung wird der Wein von der Hefe gezogen, was ihm besonderen Schmelz verleiht. Dennoch fallen diese Weine selbst dort verblüffend unterschiedlich aus, wo die Reben in unmittelbarer Nähe zueinander wachsen. Liegt das vielleicht doch an den unterschiedlichen Charakteren der Winzer?

Der eine, Jo Pithon, ist ein bulliger, aber liebenswerter Kerl. Der Autodidakt hat sich in gut 25 Jahren vom Viehhirten zu einer der bedeutendsten Winzerpersönlichkeiten des Loiretals gemausert. In diesem Jahr will er einen neuen, größeren Keller bauen, vis-a-vis vom Château de la Roche aux Moines und somit auf Augenhöhe mit Nicolas Joly. Nein, eine Kampfansage sei das nicht, meint er, höchstens Ausdruck eines gestiegenen Selbstbewusstseins. Seine Chenin sind denn auch von einem ganz anderen Charakter. Während Jolys Weine eher zurückhaltend wirken, strahlen die von Pithon eine barocke Sinnenfreude aus – mollige Weine mit reicher Frucht und cremiger Eleganz.

Harte Kritik an den Kollegen

Markant und schnörkellos sind hingegen die Weine von René Mosse, der 1999 aus Tours an den Layon gekommen ist: im Duft betont klar und frisch, im Geschmack geradlinig, in der Struktur straff und überaus mineralisch. Sie erwecken nicht den Eindruck, als wollten sie auf Anhieb jedem gefallen. Auch der sarkastische Mosse tut wenig, um sich beliebt zu machen. Was er von der Arbeit der meisten Kollegen hier hält, verbirgt er nicht: "Sie glauben, man könne harte Arbeit im Weinberg durch Spritzmittel und im Keller mit Säckchen und Döschen ersetzen." Dass diese Winzer nur ihre eigenen Weine als gebietstypisch ansehen, jene von ihm und Freund Pithon hingegen nicht, wundert ihn keineswegs: "Sie kennen eben nur ihre eigenen Weine, und die sind tatsächlich anders – herb, unreif und sauer."

Chenin blanc sind bei Mosse stets trocken; daneben erzeugt er einen vorzüglichen Cabernet Sauvignon, der erst im Alter von fünf bis zehn Jahren geschmeidig wird. Pithon dagegen produziert auch Süßweine, und die zählen zu den besten an der Loire. Allerdings ist ihr Anteil an seinem Programm in den vergangenen Jahren von 80 auf 20 Prozent geschrumpft. "Die Leute trinken lieber die billigen, mit Zucker angereicherten Süßweine als hochwertige Botrytis-Weine", bedauert Jo Pithon. Nur gut, dass er diesen Minderheitenmarkt weiter bedient. Denn der kolossale Quarts de Chaume "Les Varennes" wirkt trotz seiner konzentrierten Fruchtsüße (Aprikosen-tarte!) klar, elegant und präzise.

Sorgen um die Zukunft der natürlich konzentrierten Süßweine der Region macht sich auch der Winzer Patrick Baudouin. Er war früher Bibliothekar in Paris und macht heute in Ardenay unter einfachsten kellertechnischen Bedingungen bemerkenswerte Weine, neben gehaltvollen Anjou blanc und würzigen roten Anjou auch erstaunliche Süße. "Seit Jahrzehnten werden hier vor allem chaptalisierte Weine erzeugt", klagt Baudouin, "die trotz des zugefügten Zuckers unter den hochwertigen Appellationen Coteaux du Layon, Bonnezeaux oder Quarts de Chaume vermarktet werden dürfen."

Das, so meint er, zerstöre mittelfristig die Süßweinkultur, denn die natürlich gereiften Beerenauslesen müssen zwar teurer verkauft werden, können sich aber nicht durch ihre Bezeichnung von den minderwertigen Imitaten abheben. "Im Zweifelsfall greift auch ein Franzose lieber zu einem einfachen Quarts de Chaume für zehn Euro als zu einem, der das Sechs- bis Zehnfache kostet." Als er uns seinen dichten, sirupartig konzentrierten 1997er Les Sens du Chenin serviert, gesteht er: "Ich weiß nicht, wie teuer der Wein sein sollte. Aber bevor ich ihn verramschen muss, trinke ich ihn lieber selbst."

Chenin blanc ist ein intellektueller Wein

Wie hoch das Risiko ist, große Botrytis-Gewächse zu erzeugen, hat Philippe Delesvaux erfahren müssen. Der stille Süßweinstar der Region, dessen Sélections de Grains Nobles in den USA regelmäßig Höchstnoten erhalten und in Frankreich in einem Atemzug mit den feinsten Sauternes genannt werden, hat im vergangenen November mehr als die Hälfte seiner Ernte Heerscharen von Staren überlassen müssen: "Ich habe geschrien, geweint, mit den Händen auf den Boden getrommelt, aber ich habe es nicht verhindern können."

Zum Schluss unserer Reise sitzen wir, berauscht von der Vielfalt des Chenin blanc, bei den Brüdern Didier und Damien Richou in Mozé-sur-Layon. Der Anjou blanc Les Rogeries ist dicht und von feiner, nerviger Mineralität geprägt. "Vorzüglich, sehr geradlinig und von bestechender Eleganz", murmeln wir unser Urteil. "Sie mögen Chenin blanc?", fragt Didier überrascht: "Eine Seltenheit! Heutzutage trinkt man doch nur noch Sauvignon blanc. Der duftet schön und schmeckt eingängig." Chenin blanc sei hingegen eher ein intellektueller Wein, dessen Klasse man sich erarbeiten müsse – erst im Weinberg, dann im Glas. In dieser Hinsicht sei er wie Riesling und Pinot noir. "Wirklich große Weine lassen sich nur aus schwierigen Sorten erzeugen."

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