WM-Ratgeber Vor Ronaldinho niemals die Nase putzen!

32 Nationalteams kommen zur WM, aus noch mehr Ländern reisen Fans an. Damit Hotelangestellte und Taxifahrer wissen, wie sie die Gäste angemessen behandeln, haben die Organisatoren einen Leitfaden erstellt. Herausgekommen ist ein Sammelsurium der Kuriositäten.

Von Florian Harms


Hamburg - Die Absicht ist gut. In einer Zeit fast täglicher Berichte von fremdenfeindlichen Übergriffen in Deutschland muss den Organisatoren der Fußball-Weltmeisterschaft das Image der Bundesrepublik besonders am Herzen liegen. In diesen Tagen reisen die ersten der 32 Nationalteams an, in Kürze werden die Fans folgen: Tausende von Ausländern, die in Deutschland ihrer Lust am Fußball frönen wollen. Die Deutschland kennen lernen wollen. Die Medien aus aller Welt werden ihre Kameras und Mikrofone in jeden Winkel des Landes halten, jede Ausfälligkeit gegen WM-Gäste wird aufmerksam registriert werden.

Deshalb ist die gemeinsame Initiative des Organisationskomitees der WM und der Deutschen Zentrale für Tourismus (DZT) clever: Mit finanzieller Hilfe der Bundesregierung haben sie ein Schulungsprojekt aufgelegt. Bis zum Beginn des Sportspektakels werden Hotelangestellte, Kellner, Flughafenmitarbeiter, Taxifahrer und andere Dienstleister sowie die rund 15.000 freiwilligen WM-Helfer zum korrekten Umgang mit Gästen aus Nah und Fern angeleitet. "Unser Ziel ist es, das positive Image Deutschlands nachhaltig zu stärken", sagt DZT-Vorsitzende Petra Hedorfer.

Basis des interkulturellen Erziehungsprogramms ist ein 80-seitiges Schulungshandbuch mit dem schönen Titel "Album der Gastfreundschaft", das den Mitarbeitern als "ein stets verlässlicher Begleiter" ans Herz gelegt wird. Ebenso bunt wie das Layout des Heftes ist sein Inhalt. Und fast ebenso trivial.

Auf jeweils einer Doppelseite wird dem Leser mehr oder weniger Wissenswertes über die 32 WM-Nationen präsentiert: von der korrekten Begrüßung in der Landessprache über Nationalspeisen bis zum Stellenwert des Fußballs in der Bevölkerung. Kleine Kästen versammeln Kuriositäten aus der Geschichte des runden Leders. So erfährt man, dass die niederländische Nationalhymne 16 Strophen hat und dass es im Vatikan eine eigene Liga mit 17 Mannschaften gibt. Mindestens ebenso aufschlussreich erscheint, dass die "Toten Hosen" in Argentinien größere Konzertsäle füllen als in Deutschland und dass es ein gewisser Adnan al-Deayea für Saudi-Arabien auf sage und schreibe 166 Länderspiele gebracht hat. Da dürfte sogar der deutsche Rekordnationalspieler Lothar Matthäus ins Staunen geraten.

Portugiesen bitte auf Suaheli ansprechen!

Weiterhin berichten die Autoren, dass ein arbeitsloser Schwede kürzlich versucht hat, mit einem Rekord-Lottogewinn von 13 Millionen Euro seinen Lieblingsspieler Zlatan Ibrahimovic von Juventus Turin zu seinem Lieblingsclub zu locken, einem schwedischen Zweitligisten. Japanischen Fans hingegen scheint laut dem "Schulungshandbuch" der sorgfältig gepackte Picknickkorb für den Stadionbesuch fast wichtiger zu sein als das Spiel selbst. Die polnischen Fans wiederum neigten angesichts der oft bescheidenen Spielkunst ihrer Nationalkicker zu Masochismus - sportlicher Art selbstverständlich. Auch in die Zukunft können die Autoren schauen. So prophezeien sie, das halbe Team von Costa Rica werde nach der WM ins Fußballrentner-Paradies Katar wechseln.

Wer sich nach all diesen bemerkenswerten Details immer noch nicht ausreichend für ein Fachsimpeln mit den Fußballgästen gerüstet sieht, mag die Ausführungen des Ratgebers zu "Dos & Don'ts" studieren: Zu jedem Land erklären die Autoren, was das Herz des fremden Fans höher schlagen lässt und was ihn erzürnen könnte. So sollte man einem Anhänger des deutschen Gruppengegners Costa Rica bei der Begrüßung stets herzhaft die Hand drücken, statt ihm nur schlaff die Finger zu reichen. Wenn man ihn dann noch mit einem spanischen "Hola" statt auf Englisch anspricht, steht einer Freundschaft eigentlich nichts mehr im Wege.

Einen Fan aus Trinidad und Tobago darf man hingegen keinesfalls zur vereinbarten Zeit zum Frühstück erwarten, denn Pünktlichkeit scheint ihm ein Graus zu sein. Gut zu wissen auch, dass sich Ecuadorianer köstlich über Missgeschicke wie etwa unfreiwilliges Stolpern amüsieren können - wenn sie anderen widerfahren. Kommt die Sprache hingegen auf ihren Lieblingsfeind Peru, verstehen sie plötzlich keinen Spaß mehr. Einen Portugiesen wiederum sollte man nie und nimmer auf Spanisch ansprechen, es sei denn, man will ihn tödlich kränken. Lieber soll man auf Suaheli ausweichen. Auf Suaheli? Jawohl, steht im "Schulungshandbuch".

Nachtruhe in Köln? Nicht mit Angolanern

Sogar zu iranischen Frauen ist den Autoren etwas eingefallen. Denen sollten die deutschen Fanbetreuer nämlich nicht zu nahe kommen, ja ihnen noch nicht einmal aus dem Mantel helfen. Begründung? "Die strengen moralischen Wertvorstellungen des Islam". Ob die Verfasser bedacht haben, dass zur WM vor allem Vertreter der iranischen Oberschicht anreisen dürften, die sicherlich großen Wert auf gepflegte Umgangsformen legen?

Eher leuchtet da der dezente Hinweis zu Angola ein, der vor allem Verteidiger der deutschen Nachtruhe in Köln, Hannover und Leipzig interessieren dürfte, wo die Afrikaner kicken werden: "Verbietest du einem Angolaner nach einem Spiel das Feiern, egal ob seine Mannschaft erfolgreich war oder verloren hat, beleidigst du ihn zutiefst."

Ach ja, und dann ist da natürlich noch Weltmeister Brasilien. Dass die Fans vom Zuckerhut gern ausgelassen feiern, dürften alle deutschen Hotelangestellten wissen, auch die Kellner im Kempinski-Hotel in Königstein im Taunus, wo die Ballkünstler absteigen. Schon eher von Nutzen dürfte für sie ein anderes Höflichkeitsgebot sein: In der Gegenwart der Brasilianer sollten sie sich auf keinen Fall die Nase schnäuzen. Denn wer will schon in den Augen eines Fußballgottes als trotteliger Rüpel dastehen?



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