Wohnschiff "The World" Allein auf der Erde

"The World" ist ein Luxuskreuzer und doch kein Kreuzfahrtschiff, es ist ein Apartmenthotel für Reiche und doch kein Altersheim: Zora del Buono hat 48 Stunden auf der teuersten Yacht der Welt verbracht - und erzählt vom Besuch einer Besitzlosen unter Besitzenden.
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"The World": Wohnschiff für Millionäre

THIS Is not a Cruise Ship (Kurze Betrachtung aus der Ferne)

Das ist sie also.

Gestern noch auf einer Fähre übernachtet, verspiegelte Buchenholzästhetik aus Plastikguss, bunt gemusterte Teppiche, fleckenresistent und feuchtelnd, Dauermusikberieselung aus Flurlautsprechern auch nach Mitternacht, Lastwagenchauffeure hinter Biergläsern, haarige Passagiere mit Rucksäcken, Kleinfamilien auf Urlaubsreise; der Fährhafen von Marseille war vollgestopft mit wartenden Nordafrikanern gewesen, Männer hatten barfuß in der Halle gesessen, Hitze, ein Hauch von Maghreb, südfranzösischer Alltag. Dann die Nacht auf See, und jetzt also Ajaccio, Korsika, sehr hübsch.

Ich darf sie heute noch nicht betreten, erst morgen, zwei Tage und Nächte werden mir gewährt auf dem Schiff der Schiffe, das, wie ich als Erstes lernen werde, vieles ist, nur kein Kreuzfahrtschiff. Ich darf sie nicht betreten, aber aus der Ferne schauen, das kann ich. Sie liegt draußen in der Bucht auf Reede, ein riesiger Kahn, groß glänzen die Buchstaben: THE WORLD. Am Kai ausgerollt ein roter Teppich, daneben ein schattenspendender Schirm, Erfrischungstücher, Sitzgelegenheiten, eine Abschrankung.

Es gibt die hinter dem Zaun und die vor dem Zaun. Dahinter, das sind ein paar neugierige Einheimische, eine Handvoll Touristen, die Gerüchte gehört haben, rauchende Taxifahrer mit zerknitterten Mittelmeergesichtern und ich. Davor, das sind Crewmitglieder, Champagnereinschenker etwa oder philippinische Matrosen mit Tauen in der Hand, daneben Passagiere, die auf das Tenderboot warten, das sie an Bord bringen wird, und an Bord bedeutet hier: nach Hause. Wir lehnen zwei Meter entfernt von ihnen und schauen sie an. Sie beachten uns nicht, sind es wohl gewohnt, über Zaungäste hinwegzusehen.

Gähnende Langeweile und Totenstille

Viel ist nicht los, drei kommen, zwei gehen, sie werden abgeholt von einem Fahrer, er stand vorhin neben mir am Zaun, rauchte Kette, gelbe Zähne, gelbe Finger, jahrzehntealtes schwarzes Jackett. Ist es nicht langweilig auf "The World"? Doch sehr, sagt der eine Matrose. Gähnende Langeweile. Also ist es still an Bord? Oh ja, totenstill. Sind ja heute nur 130 Bewohner und 250 Crewmitglieder auf einem Schiff, das so groß ist, dass es im normalen Leben 1800 Passagiere und 1200 Menschen Besatzung fassen würde.

Aber was heißt schon normales Leben? Das hier ist auch normales Leben. Für die vor dem Zaun. Die hinter dem Zaun freilich flüstern über Prominente, die gesichtet worden seien, was ziemlicher Unfug ist, denn Berühmtheiten gibt es kaum an Bord, abgesehen von einem Mitglied des monegassischen Fürstenhauses. Einer der Matrosen hat schon vor Jahren ins Innerste der fürstlichen Seele geschaut, Dinge habe er da gesehen, die könne er gar nicht benennen, das dürfe er auch nicht, Diskretion gehe über alles. Sagt es und schweigt. Hat schon zu viel geredet, der gute Mann.

Spätabends vom Hotelzimmerfenster aus sehe ich sie hell erleuchtet in der Bucht liegen. Ich steige noch einmal zum Hafen hinunter, buntes Ajaccio, Menschen in Gassen, mediterrane Luft. Zwei Crewmitglieder halten Wache, sie scherzen mit Heimkehrern, ein fast schon intimer Umgang. Ich nicke grüßend ins Leere. Natürlich kennt mich keiner, ich kenne ja auch keinen, warum also sollten sie mich grüßen? Morgen gehe ich an Bord. Morgen wird alles anders.

Das Schiff - was es ist

Der Matrose hatte recht, es ist unfassbar still hier, geisterschiffstill. Vorhin auf dem Tender war es nicht so ruhig gewesen, der Motor lärmte, ich saß auf dem Oberdeck des orangefarbenen Bootes, ganz allein, unten der Bootsführer und oben ich, Gischt spritzte, die Fassaden von Ajaccio wurden kleiner, "The World" immer größer, sie türmte sich vor mir auf, ein elfgeschossiger Riese, wir legten an, schwankend, Koffer an Bord, fertig. Da stand ich. In dieser enormen, menschenleeren, ruhigen Halle. Im teuersten und eigenwilligsten Apartmenthaus der Welt.

Mein Apartment ist eine Kabine, auch wenn sie Studio genannt wird. Eine geschmackvoll gestaltete Kabine mit Balkon, das Design mutet ein wenig japanisch an. Eine Glaswand zwischen Bad und Zimmer, das ist originell, in der Badewanne liegen und nach draußen schauen können, Hafenlichter sehen oder nachts die Dunkelheit des Meeres ahnen. Die Kabine könnte ich kaufen, aber eine Kabine kaufen ist nicht das, was man sich hier wünscht; wenn, dann müsste es schon größer sein, eine richtige Wohnung, zwei, drei Zimmer mit Küche und allem Drum und Dran. Die Kabine würde 600.000 Euro kosten, das ginge ja noch, so für 30 Quadratmeter. Aber der Unterhalt, der Unterhalt würde mich umbringen, 5000 Euro im Monat.

Man lässt mich in Ruhe, das ist gut. Ich spaziere durch den Deli auf Deck 5, schönes Gemüse und Obst, glänzend und frisch, Wein, Barilla Spaghetti, Tomatensaucen, Crème fraîche, alles da, was man zum Kochen braucht. Aber ich habe ja keine Küche. Also fahre ich im Fahrstuhl ganz nach oben und denke an den 24.000-Euro-Essensgutschein, den man als Bewohner im Lauf eines Jahres verfuttern muss; schwer würde mir das nicht fallen, ich würde Freunde zum Essen einladen, die in Savannah, vielleicht den in New York, die beiden in Kapstadt, man hat ja Freunde auf der ganzen Welt, nicht wahr; ach, die Speisekarten der vier Restaurants sehen gut aus, vor allem das asiatische Fischrestaurant auf Deck 11 gefällt mir, die Glastür ist verschlossen, Ruhetag oder so, also fahre ich wieder nach unten.

Wo sind sie nur alle?

Ich sehe kaum jemanden. In der Bibliothek hüstelt ein alter Mann. Das Sortiment ist breit, viele Sprachen, ich klappe Bücher auf, klappe Bücher zu, studiere einen Atlas, ja, hier war ich schon und da und dort. Der Mann hüstelt noch immer. Gut, dann schaue ich mir das Pooldeck an, es ist ein Uhr mittags. Schweigsame Crewmitglieder pützeln den Tresen, zwei Menschen in Turnschuhen drehen Runden auf der Laufstrecke, zwei andere Menschen mit Tennisschlägern schauen vorbei. Ich trinke einen Kaffee und dann noch einen, ich muss aufpassen, dass ich keine Herzrhythmusstörungen kriege vor lauter Kaffeetrinken aus Langeweile. Wo sind sie denn alle?

Endlich passiert etwas. Ich darf eine alte Dame besuchen, die seit Jahren auf "The World" lebt, eine Engländerin, sehr gut aussehend. Nicht viele wohnen ganzjährig auf dem Schiff, nur sechs sind es zurzeit, sie ist eine davon. Die Engländerin führt mir ihre Pelzmäntel vor, einen nach dem anderen, ein Defilee für die einzige Zuschauerin. Sie streicht mir über die Wange, fragt mitleidvoll, warum such a nice girl denn auf einem Schiff arbeiten müsse. Ich bin 46, von girl kann keine Rede sein, aber mit Mitte 80 sieht das wahrscheinlich anders aus.

Sie will keine Antwort hören, schon gar nicht, dass Arbeiten Freude machen kann und Schreiben eine durchaus angenehme Tätigkeit ist, und überhaupt, Geld muss ja auch verdient werden. Ihr Mann hat sein Geld mit Immobilien gemacht. Sie zeigt mir ihre Wohnung, drei Zimmer, auch hier wieder: sehr gepflegt, Satindecken überall. Über Geschmack lässt sich streiten, aber streiten möchte ich nicht, es wäre ein ungerechter Streit, Hollywood-Kitsch träfe auf radikale Moderne, ich wäre arrogant und würde mir anmaßen, es besser zu wissen, und das bringt doch nichts.

Ich muss raten, welche Orchideen echt sind und welche falsch, ich irre mich dauernd, was aber nicht so schlimm ist, die griechischen Säulen mit ihren bunt bemalten Kapitellen im Wohnzimmer sind ja auch nicht echt. Die Dame zeigt mir ein Fotoalbum, von den anderen Bewohnern zu ihrem Geburtstag gemacht, ein wichtiges Wort fällt: residents. Und dann das nächste: community. Ob ich denn schon His Excellence kennengelernt hätte? Ein großzügiger Mann, ein so wundervoller Mensch, seine Exzellenz, hier, ein Bild von ihm.

Ich sehe einen dickbäuchigen Mann mit behaarter Brust in roter Badehose. Wer ist das bloß?, frage ich mich. Ist es der Fürst? Nein, den hätte ich erkannt, auch ohne Kleider. Die Dame bemerkt meine Irritation, schließt schnell das Buch, zurück zur Diskretion. Sie verabschiedet mich, schenkt mir belgische Guylian-Schokomuscheln, sie hortet sie, jeden Abend liegen zwei auf ihrem Kopfkissen, und jetzt sind sie alle im Schrank, Hunderte Schokomuscheln, ordentlich aufgetürmt.

Das Schiff - was es nicht ist

Okay, okay, ich habe es verstanden (habe ich das wirklich?), es ist der meistgehörte Satz, den man mir wie ein Mantra entgegenhält: Dies ist kein Kreuzfahrtschiff. Wir sind keine Kreuzfahrer! Wir verabscheuen die Masse! Wir sind keine Herdentiere! Wir waren noch nie auf einem Kreuzfahrtschiff, noch nie! Aber es gibt doch auch kleine Kreuzfahrtschiffe, luxuriöse, intime, entgegne ich schwach, ich kenne so eines. Aber wir fahren um die Welt! Das tut mein kleines Kreuzfahrtschiff doch auch, wage ich zu sagen. Das glauben sie mir nicht.

Und überhaupt, falls das stimme, dann nicht so langsam! Da allerdings haben sie recht. Und schon gar nicht selbstbestimmt, die Bewohner nämlich legen die Route fest, immer im Vorjahr werden die Stationen gewählt, Kreuzchen werden hinter Ortsnamen gemacht, und auch der Kapitän hat einen Wunsch frei, Captain's Choice. Acapulco stand dieses Jahr auf dem Programm, die kanadische Westküste, Wladiwostok, China, Vietnam, die Südsee und Australien.

Auf alle Fälle gilt: "The World" ist kein schwimmendes Altersheim, das Durchschnittsalter liegt bei 56 Jahren. Die Älteren waren Makler, solche im großen Stil, manche auch Investmentbanker, einer war Verleger und hat seinen ganzen Laden zum richtigen Zeitpunkt an Barnes & Noble verkauft. Die Jüngeren haben ihr Geld an der Börse oder mit Computern gemacht, geniale Programme geschrieben, irgendwo im Silicon Valley in hochgekühlten Häusern mir unverständliche Dinge erfunden.

Kein Mangel an Zeit und Geld

Mit Mitte 40 haben sie sich zurückgezogen aus dem Business und sich eine Wohnung an Bord ausgesucht, drei Zimmer für drei Millionen Dollar vielleicht, womöglich auch fünf für sieben Millionen. Oder gleich eine Zweitwohnung dazu für Gäste. Sie haben einen Vermögensnachweis erbracht, zehn Millionen muss man besitzen, bevor man kaufen darf, denn nicht der Erwerbspreis ist das Problem, der Unterhalt ist es, der zählt, bei einer Dreizimmerwohnung können das 150.000 Euro im Jahr sein. Liegegebühren, Lotsen, der Sueskanal, die Crew, die Wartung, der Diesel, alles muss bezahlt werden, alles kostet viel Geld, bei so einem großen Schiff. Und jetzt sind sie also hier und fahren um die Welt. Nur, wo sind sie eigentlich?

Abends endlich sehe ich ein paar, sie kommen zurück von ihren korsischen Ausflügen, die meisten waren zu zweit unterwegs oder in kleinen Gruppen, im Mietwagen, mit einem Chauffeur. Gleich besuchen sie eine Cocktailparty, das Ehepaar aus Québec lädt ein, der kanadische Nationalfeiertag ist der Anlass. Danach kochen sie oder gehen zum Dinner in eines der Restaurants, meine Kontaktpersonen nehmen mich mit, exquisite Gerichte, wir sitzen lange. Außer Geld haben die Menschen hier vor allem eines: Zeit. Hektik herrscht keine an Bord. Auch die Crew ist entspannt. Meine Güte, ist die Crew entspannt.

Das Schiff - der Solitär

So also fühlt man sich, wenn man sich alleine fühlt. Die Nacht auf See hatte ich kaum wahrgenommen, was für ein leises Schiff, unglaublich, es schwebte wohl von Korsika hinüber nach Toulon. Das Herrliche wie bei jeder Seereise: morgens ein neuer Blick auf einen neuen Ort, vor meinem Kabinenfenster Hebekräne, gestapelte Container, eine unromantische Hafenanlage, ich liebe das. Das Schiff noch geisterhafter als gestern, ich höre meine Schritte in der Halle.

Alle sind sie weg. Es ist ein außergewöhnlicher Tag für die Bewohner. His Excellence hat zu einem Konzert der Gypsie Kings nach Arles geladen. Mich nicht natürlich, Seine Exzellenz und ich hatten ja noch nicht das Vergnügen. Aber alle residents und die gesamte Crew; die meisten sind mitgefahren, in Bussen quer durch Südfrankreich, bis ins Amphitheater zum Privatkonzert, mit anschließendem Fingerfood-Dinner, wirklich großzügig, der Mann. Manchmal schenkt er jedem Crewmitglied eine Telefonkarte, für Gespräche in die Heimat. Wenn ich nur wüsste, wer er ist, niederländisches Königshaus vielleicht?

David weiß es ebenfalls nicht. Aber David weiß auch nicht genau, welche der drei Blondinen mit den blauen Drinks in der Hand seine Ehefrau ist. Alle Kalifornierinnen sähen gleich aus, sagt er bissig, während die drei auf die Tanzfläche stöckeln. Die eine ist seine Frau, but don't ask me which one, die andere seine Schwester, die dritte seine Schwägerin. Look at their big boobs! Auch mir fällt es schwer, sie zu unterscheiden, in Los Angeles scheint es nur ein Kunsttitten-Modell, einen Blondinen-Glatthaar-Frisör und einen allgemeingültigen Body-Mass-Index zu geben (er dürfte bei 19 liegen).

Davids Ironie ist ätzend, dennoch sind er, sein dicker Bruder, sein hübscher Schwager und die schneeweiß lächelnden Klone meine Rettung. Join us!, rufen sie und schleppen mich auf die leere Tanzfläche. Ein wunderbares Volk, diese Amerikaner. Nehmen dich auf in ihren Kreis und bescheren dir eine gute Zeit, bevor sie dich wieder vergessen. Wir tanzen, wir trinken, wir scherzen und haben die Bar ganz für uns, was aber nicht allein an den Gypsie Kings in Arles liegt, die uns die Mitreisenden entführt haben, sondern daran, dass die Bewohner kaum in die Bar gehen, die ist mehr für die Gäste da.

Abschied um fünf Uhr früh

Gäste können nämlich Wohnungen mieten, sich für mindestens sechs Tage hier zu Hause fühlen, was ihnen aber nicht gelingen wird, weil sie eben Gäste sind und nicht Bewohner, gut zahlende und dadurch zu tolerierende Fremde im ansonsten bekannten Gefüge der Eigentümergemeinschaft, die immer mal wieder darüber abstimmt, ob das mit den Gästen überhaupt sinnvoll ist. Nicht nur ich empfinde, dass durch mich hindurchgeschaut wird, auch dem kalifornischen Sixpack geht es so. Aber so was ist ja auch mal eine Erfahrung. Und warum eigentlich sollen sie sich mit jeder Fremden gleich verschwestern? Das tut man in Manhattan oder in Berlin schließlich auch nicht im Apartmenthaus auf dem Flur.

Vereinzelt muss sich auch eine andere Frau an Bord fühlen. Morgen verlässt sie "The World" für immer, verkauft ihre Wohnung, es werde eng mit den Finanzen, die Wirtschaftskrise, you know, hatte mir eine katzenhafte Rothaarige zugeraunt, bevor sie sich mit ein paar anderen Frauen überlegte, ob sie die ehemalige Mitbewohnerin überraschen sollen zum Abschied.

Um fünf Uhr in der Früh wolle die Frau von Bord gehen, damit niemand sie sieht, damit es keinen Abschiedsschmerz gibt, vielleicht erträgt sie auch einfach die Demütigung nicht und will sich alleine an Land schleichen, rechnet nicht mit dem Damenabschiedskomitee, das den Wecker gestellt hat auf Viertel vor fünf.

Über das Reisen

Ich habe die community nicht zurückkommen sehen von ihrem Ausflug nach Arles, bin früher zu Bett gegangen, bin über lange, in sanftes Beige getauchte Flure in meine Kabine geschwebt, Erinnerungen an andere Schiffe wurden wach, die Fahrt mit der "QE2" über den Atlantik, das Schwanken, sechs ungestörte Tage auf See, herrlich. Ich habe gut geschlafen, die Hafengeräusche, Träume von fremden Orten, alles war in meinem Kopf, Port Said mit seinen Straßenhändlern mitten in der Nacht, die Anfahrt auf Reykjavík, Möwengeschrei, Istanbuls Leuchten im Abendlicht.

270 Tage im Jahr liegt "The World" in Häfen. Liegezeiten von einer knappen Woche sind durchaus normal. In Kapstadt war das so, in New York natürlich, in Monte Carlo. Was macht man sechs Tage in Monte Carlo? Man kann ja nicht jeden Tag ins Casino gehen (oder etwa doch?). Im Hubschrauber nach Paris sausen zum Beispiel, mit dem kleinen Gepäck, wie praktisch. Ein paar Tage Hauptstadtflair im Grandhotel, dann im Learjet nach Barcelona weiter und dort wieder an Bord gehen, zurück in die vertraute Wohnung. Ein Paar erzählt mir von seinen Erkundungen in Japan, mit dem Zug sind sie zwei Wochen über die Inseln gefahren, einen Guide hatten sie dabei, der Sprache wegen.

Auf der Transatlantikstrecke bleibt das Schiff fast leer, die meisten fliegen, die Seefahrt lockt nicht viele, eher schreckt sie, schlechtes Wetter, hoher Seegang, nichts zu tun. Ich beginne zu verstehen: Wer hier eine Wohnung besitzt, muss die Welt erkunden wollen, muss sich selbst beschäftigen können, muss eigenständig denken, lesen, sich vorbereiten. An Bord passiert nicht viel, ab und zu musizieren lokale Größen, mal gibt es einen Vortrag über das nächste Reiseziel, jeden Abend einen Film im Kino, das ganze Wellnessprogramm natürlich, Börsen-TV im Fitnessraum.

Man geht essen, trifft sich zum Cocktail, macht den Haushalt, wenn man ihn nicht machen lässt. Es ist in der Tat anders als auf einem Kreuzfahrtschiff, für Unterhaltung muss man selbst sorgen, daher die große Bibliothek. Es ist auch anders als auf einer Privatyacht, weniger anstrengend, nicht diese lästige Verantwortung, keine Probleme mit aufmüpfigem Personal, kein Engegefühl, mehr Kontakte. Einige hatten Yachten früher, alle sind sie froh, die Dinger los zu sein.

Mir wird auch klar, warum dauernd von der community gesprochen wird. Wer hier wohnt, entfernt sich stetig von der Festlandwelt, der Mikrokosmos Schiff wird zur allgemeingültigen Realität, ein Leben unter Gleichgesinnten. Einige schreiben Rundmails nach Hause, doch sie hätten das Gefühl, keiner würde sie lesen, einfach ignoriert würden die Erzählungen ihrer Erlebnisse aus Samoa, Sydney und Hawaii. Neid sei es, der ihnen entgegenschlüge von den meisten Freunden in der Heimat, Aggression schon fast und totales Unverständnis. Nur die Familien, die genössen es, kämen zu Besuch, während der Sommerferien seien manchmal 40 Kinder mit an Bord.

Es ist interessant, auf "The World" haben die Bewohner mit dem gleichen Problem zu kämpfen wie jedes Crewmitglied auf jedem Schiff der Welt: Entfremdung von der Heimat.

Und doch: Es ist und bleibt ein Schiff

Wir kichern wie Kinder, die drei Klone und ihre Gatten quetschen sich in meiner Kabine um das Bett herum. Ist das eng!, rufen sie. Ich habe sie beim Frühstück wiedergetroffen, sie sind laut und schrill, come on, darling, have a seat; kein Wunder, schauen die Bewohner indigniert. Danach begleite ich sie in ihr temporäres Zuhause, ein zusammengelegtes Apartment mit drei Bädern, sicher 250 Quadratmeter, volle Sicht voraus, verglaste Front, eine Terrasse auf der ganzen Länge, das Interieur ein gnadenloser Pomp, in Plüsch gehalten; 3200 Euro die Nacht für zwei Personen, lese ich später irgendwo, Kaufpreis gut viereinhalb Millionen Euro.

Im Moment stehen 21 Wohnungen zum Verkauf. Fünf Designs von führenden Innenarchitekturbüros gab es zur Auswahl, als das Schiff 2003 vom Stapel lief, Musterwohnungen waren in Salzburg aufgebaut, Interessenten konnten darin herumgehen, sich entscheiden zwischen historisierendem Schwulst aus amerikanischer, englischer und italienischer Hand oder eleganter Edellinie mit nordischem Flair.

Mehrere Eigentümer haben alles rausgerissen, sich neu eingerichtet, die schmucke Rothaarige etwa, die bewohnt ein wirklich stylisches Apartment mit Dingen aus aller Welt. Man sieht ja unterwegs so vieles und will es auch haben, ein künstliches Aquarium in Ermangelung echter Haustiere etwa oder Bilder, die sich in Fernseher verwandeln, vielleicht auch bezaubernde Wandmalereien aus Asien, in tagelanger Handarbeit von einem genialischen Künstler aufgetragen, wie bei ihrer Freundin zwei Decks über ihr.

Die Rothaarige und ihr Mann stehen mehr auf Flugzeuge und Schiffe als auf asiatische Tapisserien; aerodynamische Skulpturen, moderne nautische Malerei, hochwertige Kunst ringsum. Zum Beispiel dieses hölzerne Schiff, das so dekorativ auf einem Sockel steht. Ein grobes, kraftvolles Stück, das sie auf einem afrikanischen Markt entdeckt hat, irgendwo in Kenia. 37!, hatte der Verkäufer ihr zugerufen, gut, dachte sie, 37.000 Dollar für solch ein großes Objekt, das ist ein fairer Preis, in New York würde es das x-Fache kosten. Sie war dann etwas erstaunt und nicht unangenehm berührt, als der Künstler abwinkte, als sie ihre Kreditkarte zücken wollte, und er 37 Dollar aus ihrer Börse nahm.

Wo die Crew wohnt, weiß niemand

Manchmal veranstalten die residents Versteigerungen, gelegentlich muss eine Wohnung umdekoriert werden, all die Neuerwerbungen von unterwegs, ach, wo sollen sie bloß hin. Vor allem die Crew steigert mit und stellt die zu einem Spottpreis erworbenen Fernseher, Sofas und Käseraspler so lange in den Tiefen des Schiffes ein, bis "The World" wieder im jeweiligen Heimathafen ist, wo die Verwandten die beinah nagelneuen Sachen abholen und freudig von Bord schaffen. Mit der Crew ist es sowieso so eine Sache, man ist vertraut mit ihr, besorgt um ihr Wohl, es gibt einen Fonds für Härtefälle, schließlich ist man eine Gemeinschaft; für viele Crewmitglieder ist das Schiff Endstation, wohin sollten sie auch wechseln, besser geht nicht mehr.

Aber wie sie wohnen an Bord, das weiß keiner. Obwohl die Bewohner zu ihrem Schiff ein so obsessives Verhältnis haben wie jeder Yachtbesitzer, obwohl sie alles mitbesitzen, die Maschine, die Brücke, jedes Rettungsboot, einfach alles, obwohl sie überall hinkönnen, wann immer sie wollen, weil es ihnen gehört, eines kennen sie nicht: die Crewdecks. Bewohnern ist es verboten, nach unten zu gehen. Wie auf allen Kreuzfahrtschiffen (ja, ich weiß!) lautet das Argument: Diskretion, auch die Crew will ihre Privatheit haben. Aber in erster Linie schläft es sich wohl oben besser, wenn man nicht weiß, wie es sich unten lebt.

So oder so, man schläft ruhig. Das Schiff hat viel zu mächtige Stabilisatoren, weil es größer geplant als gebaut wurde. "The World" ist aus ökonomischen Gründen geschrumpft, die Stabilisatoren sind geblieben, angenehm, es fährt sich wie auf Schienen. Die Idee des norwegischen Erbauers war genial, eine Megayacht, die rund ums Jahr um die Welt tuckert. Ein modernes Schiff, höchster Standard in allen Bereichen, Diesel statt Schweröl, Entschleunigung statt Stress, eine Arche Noah mit lauter glücklichen Menschen an Bord, die die Route selbst bestimmen, den Konfliktherden auf der Welt ausweichen und sich in aller Ruhe der Schönheit der Welt widmen können.

Wenn es warm ist und die See ganz ruhig, dann hält der Kapitän die Maschine einfach an, lässt im Heck die Außenwand hinunter, die sich in einen riesigen Badesteg verwandelt, und schon springen sie jauchzend in den offenen Ozean, all die glücklichen Menschen.

Um halb drei gehe ich in Toulon so leise von Bord, wie ich gekommen bin. Ich werde nichts vermissen. Eine dicke, schwitzende Frau im Hafengebäude ruft mir ein Taxi. Ich beeile mich, ihr zu sagen, ich sei nur Gast an Bord gewesen. Ich möchte vermeiden, dass sie denkt, ich gehörte auf das Schiff, sei Teil der community, es wäre mir peinlich. Das ist albern, und ich weiß es. Im Taxi riecht es nach kaltem Rauch. Der Fahrer fragt mich, ob ich auch auf der Party des Scheichs in Arles war, es soll toll gewesen sein, ein rauschendes Fest, sowieso stelle er es sich großartig vor, auf einem Kreuzfahrtschiff zu leben.

Er fährt schnell, ich öffne das Fenster und schaue mir Toulon an, eine Militärstadt, hart und abweisend. Ach ja, der Scheich; Seine Exzellenz ist ein so großzügiger Mann, sage ich zu dem Taxifahrer. Aber Monsieur, ergänze ich dann und blicke zum Hafen hinab, das da unten, das ist kein Kreuzfahrtschiff.

Fakten und Zahlen

Stapellauf: 2003
Entwickler: Knut U. Kloster, Norwegen
Eigentümer: Die Bewohner von "The World"
Flagge: Bahamas
Maße: 43.524 Bruttoregistertonnen, 196,3 Meter Länge, 12 Decks
Geschwindigkeit: maximal 18,5 Knoten
Bislang besuchte Länder: 125
Crew: 250 Personen aus 40 Nationen
Durchschnittliche Bewohnerzahl: 157
Apartments: 40 Studios à 31 Quadratmeter, 125 Wohnungen zwischen 63 und 300 Quadratmeter, ein Penthouse
Designer: Nina Campbell, Juan Pablo Molyneux, Luciano Di Pilla, Yran & Storbraaten, Hirsch Bedner & Ass.
Sport: Tennisplatz, Pool, Spa, Golfsimulator, Fitnesscenter, Sauna, Personal Trainer, Cigar Club, Casino
Zurzeit zu verkaufen: 21 Wohnungen und das Penthouse von 390 Quadratmetern
Jährliche Unterhaltskosten: 60.000 Euro für ein Studio, für eine kleine Wohnung 100.000 Euro
Jährliche Verpflegungspauschale: 24.000 Euro
Wohnen auf Zeit: 950 Euro bis 3200 Euro je Nacht, Mindestbuchungsdauer: sechs Nächte. Alle Apartments zu buchen und zu kaufen über www.aboardtheworld.com 

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