Wohnungstausch Biete Strandvilla gegen Stadtwohnung

Die Wohnung in Hamburg zwei Urlaubswochen lang gegen eine exklusive Strandvilla im kalifornischen Malibu eintauschen? Was 1953 als Austauschprogramm für amerikanische Universitätsmitarbeiter begann, hat sich zur Urlaubsform entwickelt.

Von Helge Sobik


Immer mehr Deutsche interessieren sich inzwischen für den Wohnungs- oder Haustausch auf Zeit - "darunter vielfach Freiberufler", so Manfred Lypold, Vorsitzender von Holiday Service e.V. in Deutschland. Er betreut nebenberuflich die hiesige Niederlassung der Non-Profit-Organisation "HomeLink International" aus den USA, die aus kleinen Anfängen heraus seit über 40 Jahren Ferienaustausch arrangiert und inzwischen Niederlassungen in 30 Ländern unterhält. Rund zwanzig Prozent Mitgliederzuwachs verzeichnet die Tausch-Organisation pro Jahr.

Mitunter lässt sich eine Stadtwohnung für den Urlaub gegen einen veritablen Palast tauschen
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Mitunter lässt sich eine Stadtwohnung für den Urlaub gegen einen veritablen Palast tauschen

Ralph Stange, Marketing Manager eines Chemieunternehmens, ist bereits seit zehn Jahren dabei und hat sein Haus in der Pfalz schon auf Zeit mit Anwesen in fast allen Ländern Westeuropas getauscht: "Hotelurlaub kommt für uns nicht mehr in Frage. Und eine Enttäuschung haben wir beim Haustausch noch nie erlebt", erzählt er. "Die Lage ist das, was letztlich zählt. Wir haben unser Haus mal gegen eine kleine Stadtwohnung mitten in London getauscht - optimal! Ein anderes Mal hatten wir eine Villa südlich von Los Angeles nur fünf Minuten vom Pazifik."

Für einen Jahresbeitrag von derzeit 220 Mark (reine Internet-Mitgliedschaft 195 Mark) werden Interessierte Mitglieder des Vereines, bekommen automatisch ein telefonbuchdickes "Tauschbuch" mit Tausenden von Angeboten für Haustausch rund um den Globus auf rund 500 Seiten zugeschickt und sind im nächsten von jährlich fünf solchen weltweit an HomeLink-Mitglieder verschickten Tauschbüchern selber mit ihrer Offerte vertreten. Insgesamt umfasst das Angebot rund 17.000 Tausch-Offerten. Dabei gilt es, das eigene Quartier so ehrlich wie möglich zu beschreiben und die wichtigsten Ausstattungsmerkmale (Einbauküche, Mikrowelle, Pool, Garten, Kinderspielplatz in der Nähe, Entfernung zur nächsten Stadt usw.) festzuhalten. Gegen einen Aufpreis von 25 Mark wird auf Wunsch ein Foto des Anwesens veröffentlicht - ein Angebot, das die meisten Interessenten wahrnehmen.

Adresse mit Berufsangabe

Veröffentlicht wird ebenfalls die vollständige Adresse mit Berufsangabe und Telefonnummer, darüber hinaus das favorisierte Tauschziel. Unbegrenzt viele Tauschurlaube sind im Jahr der Mitgliedschaft durch die Grundgebühr abgedeckt. Die Verlängerung ist mit einem neuen Inserat verbunden und kostet wiederum 220 Mark im Jahr.

Andreas Stadler, pensionierter Manager aus Hamburg: "Wir bekommen im Schnitt 15 Tauschangebote pro Jahr, schreiben selber über 20 Briefe. Das meiste läuft dabei inzwischen über E-Mail." Stadler bietet im Tauschbuch seine 160-Quadratmeter-Wohnung im feinen Hamburger Stadtteil Uhlenhorst nur 300 Meter von der Alster an, hat per Wohnungstausch schon die halbe Welt kennen gelernt und gleich beim ersten Tausch 1989 einen Volltreffer gelandet: "Eine Wohnung in einem Haus mit Doorman in San Francisco mit Traumblick auf die Golden Gate Bridge und Pool auf dem Dach!"

In die Qualitätskontrolle nach einer Reise schaltet Homelink sich wieder ein: Jeder Tauschurlauber wird gebeten, auf einem Formular das genutzte Quartier an Hand verschiedener Kriterien zu beurteilen - insbesondere was die Korrektheit der Beschreibung im Katalog angeht. Wer in seinem Inserat das Blaue vom Himmel zusammengedichtet und völlig falsche Hoffnungen geweckt hat, dem droht der Ausschluss.

Anonymer Ringtausch ist nicht vorgesehen

Kosten über den Mitgliedsbeitrag hinaus entstehen nicht. Die Wohnungen und Häuser dürfen ausschließlich miet- und provisionsfrei weitergegeben werden. Lediglich über eine Kostenerstattung für Strom- oder Wasserverbrauch können sich die Partner individuell einigen.

Der Verleiher legt seinen "Gästen" Handtücher und Bettwäsche bereit. Sie dürfen seinen gesamten Hausstand bis hin zum Spielzeug der Kinder benutzen. Ratsam ist auch, ein Heft mit zusammengetragenen Tipps, Erläuterungen, Empfehlungen und den Telefonnummern von Nachbarn und Freunden bereit zu stellen.

Anonymer Ringtausch ist nicht vorgesehen. Jeder Interessent hat direkt mit demjenigen zu tun, dessen Wohnung er bezieht und der im Gegenzug bei ihm einziehen wird. Das soll Verantwortungsbewusstsein gegenüber dem Eigentum des anderen gewährleisten. "Mir ist aus der über 40-jährigen Geschichte von HomeLink kein einziger Fall von Diebstahl oder Vandalismus bekannt," so Vereinsgeschäftsführer Lypold. Für den Fall der Fälle ist dennoch vorgesorgt: Jedem Mitglied stehen im Schadensfall 5000 Mark aus einem Garantiefond zu. "Klar, dass ich meine Gehaltsabrechnung nicht offen auf den Küchentisch lege. So was schließt man weg. Und man kann sicher sein, dass niemand herumschnüffelt. Weggekommen ist bei uns noch nie irgendetwas", so Marketing-Mann Stange.

Im Vordergrund steht die Philosophie des Konzeptes: "Ferientauscher sind tolerante und freundliche Menschen, die im Gastland fernab von Touristenpfaden Land und Leute kennen lernen möchten", sagt Lypold. Mitgliedern wird empfohlen, einen Tag zeitversetzt zu verreisen, um die "unbekannten Freunde" noch vom Flughafen abholen und ihnen Haus und Umgebung zeigen zu können.



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