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20. Dezember 2010, 13:45 Uhr

Wolkenkratzerprojekt in Mekka

Jetzt schlägt's gigantisch

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Schwäbische Präzision trifft arabisches Machtstreben: In Mekka hat ein Stuttgarter Architektenbüro die größte Uhr der Welt gebaut. Der Auftrag kam von Osama Bin Ladens Halbbruder - allein die Minutenzeiger an dem Wolkenkratzer sind 22 Meter lang.

In keiner Stadt der Welt schauen die Menschen so oft auf die Uhr wie in Mekka, keine Stadt hängt so sklavisch an der Zeit. Auch wenn die Mehrheit der Muslime nicht jedes der fünf vorgeschriebenen Gebete des Tages einhält - wenn sie als Pilger in Mekka sind, lassen sie ungern eines aus. Die Gebetszeiten für diesen Montag: 5.32 Uhr, 12.18 Uhr, 15.22 Uhr, 17.43 Uhr, 19.13 Uhr. Sie stehen in den Zeitungen, sie werden vom frühen Morgen an im Fernsehen wiederholt und laufen auf elektronischen Schriftbändern, die zu Dutzenden in der Stadt herumstehen.

Seit diesem Sommer sind sie auch auf einem tagsüber weißen, nachts grünen, 43 mal 43 Meter großen Ziffernblatt abzulesen, hoch über der Stadt auf dem "Mecca Royal Clock Tower". 601 Meter wird der Uhrturm nach seiner Fertigstellung messen. Schon heute, wenige Monate vor seiner Fertigstellung, ist er mit 550 Metern der nach dem Burj Chalifa in Dubai (818 Meter) zweithöchste Wolkenkratzer der Welt. Zwei deutsche Muslime haben maßgeblich zu seiner Entstehung beigetragen.

Der Turm ist Teil eines 1,7 Millionen Quadratmeter großen Hotel-, Apartment- und Shopping-Komplexes, Abradsch al-Bait genannt und unmittelbar südlich von der Großen Moschee gelegen. Vor acht Jahren hatte der Baukonzern Saudi Binladin Group unter dem Druck ständig wachsender Pilgerzahlen begonnen, dort eine historische Osmanenfestung abzutragen. Die Türken beschwerten sich, die Saudis beschwichtigten: In den geplanten Hotels und Apartments würden schließlich Pilger untergebracht, die Einkünfte flössen dem Erhalt und Ausbau der Pilgerstätten zu.

Ein Big Ben für die Pilgerstadt

Etage um Etage wuchsen seit 2004 die sieben Türme des Wolkenkratzer-Ensembles empor, sechs von ihnen bis zu einer Höhe von je etwa 250 Metern, genug, um einen Schatten zu werfen, der fast bis zur Kaaba im Zentrum der Großen Moschee reichte. Der siebte Turm, von den anderen sechs eingerahmt, wuchs weiter. Hier sollte ein Hotel der "Fairmont"-Kette einziehen, in ein Gebäude, das, je höher es wurde, immer stärker dem Empire State Building in New York ähnelte.

Am Weihnachtstag 2006 klingelt beim Stuttgarter Architekten Bodo Rasch das Telefon. Am Apparat ist Osama Bin Ladens Halbbruder Bakr, der Chef des Baukonzerns. König Abdullah, sagt Scheich Bakr, habe es sich anders überlegt. Der Turm solle, den bisherigen Plänen zum Trotz, eine Uhr bekommen, mit vier Ziffernblättern in alle Himmelsrichtungen. Nicht mehr New York also, sondern London, nicht Empire State Building, sondern Big Ben.

"Des isch grad, was mir no g'fehlt hat", beschreibt Rasch seine erste Reaktion. Dann macht er sich an die Arbeit. Er ist an impulsive Auftraggeber gewöhnt. Rasch, 67, hat beim Stuttgarter Leichtbaupionier Frei Otto studiert und, seit er Mitte der siebziger Jahre Muslim geworden ist, viel im Auftrag des Hauses Saud gebaut: mobile Kuppeln auf dem Dach der Propheten-Moschee in Medina, Wohnhäuser am Roten Meer, ein luftiges Shopping-Center in Riad und - nach einer verheerenden Brandkatastrophe 1997 - eine feuerfeste Zeltstadt für Zehntausende von Pilgern in Mekka.

Nun also entwirft er die größte Uhr der Welt - als Krönung eines Projekts, mit dem er bislang nichts zu tun hatte. Die Dimensionen sind enorm, die Vorgaben schwierig. Der bereits halb fertiggestellte Turm ist im Grundriss kein Quadrat, sondern ein Rechteck. Nur die beiden Ziffernblätter auf der der Kaaba zugewandten Nord- und auf der Südseite sind Kreise, die auf den schmaleren Ost- und Westseiten sind stehende Ellipsen.

Auch müssen die Ziffernblätter wegen der Windverhältnisse in mehr als 450 Metern Höhe konkav nach innen gewölbt sein - sonst könnten die Winterstürme die Uhrzeiger aus ihren Verankerungen reißen: 22 Meter messen die Minuten-, 17 Meter die Stundenzeiger der Nord- und der Süduhr. Beide sind von innen begehbar, weil irgendwann die Leuchtdioden ausgewechselt werden müssen, mit denen die gesamte Anlage in einem Gittermuster von zehn Zentimetern ausgestattet ist.

Technik aus Calw

Die vier Uhrwerke, jedes davon so groß wie ein kleiner Schiffscontainer, liefert die Turmuhr-Manufaktur Perrot aus dem schwäbischen Calw, und auch für das Finish, für die Abertausenden, teils vergoldeten, teils mit arabischen Kalligrafien versehenen Quadratmeter Verbundstoff, ist ein Deutscher zuständig: der Unternehmer Hannes Weimer, 48, der als Yachtbauer im bayerischen Jettingen begann und nun in Dubai mehr als 700 Männer und Frauen damit beschäftigt, die Spitze des "Royal Clock Tower" in Mekka auszugestalten. "Das Design", sagt Waimer, "ist schon sehr speziell. Vors Wohnzimmerfenster würde ich mir so einen Turm auch nicht stellen. Aber hier nach Mekka passt er hin."

Waimer hat lange in Malaysia gelebt, hat dort geheiratet und ist wie Rasch Muslim geworden. Auch seine 70 Ingenieure und Monteure auf der Baustelle sind ausnahmslos Muslime: Türken, Bosnier, Inder, Pakistaner. Nicht-Muslime dürfen Mekka nicht betreten. Das hat, neben der zähen saudi-arabischen Bürokratie, Konsequenzen für die Logistik, weil auch Unternehmen aus anderen europäischen Ländern beteiligt sind, eine italienische Fliesenfabrik zum Beispiel, eine Elektronik- und Beleuchtungsfirma aus Salzburg. "Manchmal denke ich mir: In der Antarktis wäre es vielleicht einfacher gewesen", sagt Waimer. "Auf der anderen Seite: S'ischt doch ebbes Schönes, wenn die Muslime so was zustandebringen."

Ungern sprechen Rasch und Waimer darüber, wie viel von den etwa drei Milliarden Dollar für den gesamten Komplex allein ihr Projekt ausmacht. Es dürfte eine dreistellige Millionensumme sein.

Neue Bahnlinie, neue Brücke

Doch über Geld wird im Königreich zurzeit auch sonst nicht viel gesprochen. Es geht eher darum, es auszugeben. Das Land hat in den Jahren des Ölpreis-Booms so viel eingenommen, dass es Schwierigkeiten hat, die Petrodollars loszuwerden. Deshalb die hektische Bautätigkeit in allen Provinzen, deshalb landauf, landab neue Eisenbahnlinien, neue Universitäten, neue Industriestädte - und deshalb auch die Neugestaltung der Pilgerstadt Mekka, die einem Neubau gleichkommt: Voriges Jahr wurde die Dschamarat-Brücke fertiggestellt, ein fünfstöckiges, fast einen Kilometer langes Gebäude, in dem die Pilger beim Hadsch symbolisch den Teufel steinigen; Anfang November ging, nach nur zwei Jahren Bauzeit, der erste Abschnitt der Pilger-Metro in Betrieb; und inzwischen ist selbst die Große Moschee von einem solchen Wald von Baukränen umstellt, dass die Kaaba, das spirituelle Zentrum der Stadt, kaum mehr auszumachen ist.

Der Uhrturm allerdings ist das Prestigeprojekt der Saudis. Noch fehlen ihm etwa 50 Meter bis zum Richtfest, und noch ist nicht im Detail bekannt, was in den obersten Stockwerken untergebracht werden soll. Auf den zehn Etagen hinter den Ziffernblättern, deutet Architekt Bodo Rasch an, werde wohl ein astronomisches Observatorium eingerichtet. Ein schöner Plan in einem Königreich, das sich mit der modernen Wissenschaft bislang so schwer tut.

Er würde die lang vergangene Zeit der großen muslimischen Astronomen feiern - und das besondere Verhältnis der Muslime zur Zeit: "Wir wollen der Greenwich Mean Time den Zeitstandard von Mekka gegenüberstellen", sagt Mohammed al-Arkubi, der Direktor eines der Hotels, die zum Komplex gehören. "Darum geht es."

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