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Schusseliges Zugpersonal: Verpasste Halte, vergessene Schaffner

Foto: Frank Rumpenhorst/ picture-alliance/ dpa

Zerstreutes Zugpersonal "Dat iss jetz peinlisch"

Ein ICE verpasst seinen planmäßigen Halt - und rast einfach ohne Stopp durch Wolfsburg. Ein Einzelfall bei der Bahn? Nein. Und auch Schaffner werden schon mal am Bahnsteig vergessen. SPIEGEL-ONLINE-Leser berichten, wie zerstreut Zugpersonal sein kann.

Wolfsburg? War da was? Der Lokführer eines Hochgeschwindigkeitszugs der Deutschen Bahn hat am Dienstag einfach einen Halt ausgelassen und ist durch den Bahnhof der niedersächsischen Großstadt und an wartenden Passagieren vorbeigesaust. Wie die "Neue Westfälische" berichtet, seien Dutzende Reisende und Pendler Stunden zu spät gekommen.

Denn zur vermuteten Vergesslichkeit des Fahrers kam noch eine wenig serviceorientierte Unflexibilität der Bahn: Die Reisenden mit Ziel Wolfsburg durften erst im 200 Kilometer entfernten Berlin-Spandau aussteigen - ein außerplanmäßigen Zwischenhalt an einem näheren Bahnhof wurde ihnen verweigert, berichtete die Zeitung. Drei Stunden dauerte es, bis sie endlich in Wolfsburg ankamen.

Auf der Wolfsburger Station scheint ein Fluch zu lasten - denn auch der SPIEGEL-ONLINE-Leser und erklärte Bahn-Fan Thomas Kley berichtet, dass im vergangenen Jahr sein ICE auf der Rückfahrt von Berlin in Richtung Köln Wolfsburg links liegen ließ: "Verdutzte Aussteigewillige - darunter auch ein Bahn-Mitarbeiter mit Snack-Verkaufswagen - wunderten sich sehr", schreibt Kley. "Die Durchsage: 'Meine Damen und Herren, der Lokführer hat leider vergessen, in Wolfsburg zu halten!' trug zur allgemeinen Erheiterung bei - zumindest derer, die ohnehin nicht in die Autostadt wollten."

Sein ICE allerdings habe dann immerhin außerplanmäßig im nächsten Städtchen gehalten - in Fallersleben. "Das war wohl der einzige Tag, an dem jemals ein ICE in Fallersleben anhielt", erzählt Kley. Dort erstaunte eine weitere Durchsage die Bahnfahrer: "Wer hier aussteigen möchte, wird gebeten, in die Mitte des Zuges zu kommen!" Warum das? "Nun ja, der ICE ist ein wenig länger als der Bahnhof von Fallersleben", erklärt der Bahnfahrer aus Wuppertal.

"Scheeeeiße!" aus der Fahrerkabine

Die Wolfsburger sollten die Vergesslichkeit von ICE-Lokführern nicht persönlich nehmen. SPIEGEL-ONLINE-Leser berichten Ähnliches aus vielen Städten der Republik. Auch diese wurden von den Menschen in den Führerhäusern von Nahverkehrszügen und S-Bahnen schon mal mit Nichtachtung gestraft.

Frank Penner saß in einem Regionalexpress von Frankfurt nach Mannheim, als der Zug ungebremst am Bahnsteig des planmäßigen Haltebahnhofs Bensheim vorbeiraste: "Aus der Fahrerkabine des Steuerwagens war ein lautes 'Scheeißeeee!!!' zu hören, es folgte eine Vollbremsung", erzählt der Leser. Lokführer und Zugchefin hätten daraufhin deutlich hörbar beraten, wie man sich bei der Zugleitstelle herausreden könnte. Denn die musste die Rückwärtsfahrt an den Bahnsteig genehmigen. Nach einer knappen Stunde sei der Zug endlich wieder an den Bahnsteig zurückgefahren.

In der Kölner S-Bahn war der langjährige Bahnfahrer Arnd Tüffers Zeuge folgender Durchsage im kölschem Akzent: "Dat iss jetz peinlisch. Dat iss mir auch noch nie passiert. Aber isch bin jrad an Lövenich [einem S-Bahn-Haltepunkt] vorbeijefahren!"

Ramona Fiala erlebte im vergangenen Sommer auf dem Weg zur einem Festival in Haldern folgendes Fiasko: "Plötzlich bremste die Bahn auf freier Strecke. Kurz darauf hörte man die verlegene Stimme des Zugführers, die verkündete, dass wir gerade versehentlich an dem Bahnhof in Essen-Zollverein vorbeigefahren seien." Es habe etwa sieben Minuten gedauert, bis der Fahrer auftauchte und einmal durch den ganzen Zug ans andere Ende rannte. Dann sei er zurück zum vergessenen Bahnhof gefahren und habe die wartenden Fahrgäste eingesammelt.

Schaffner per Taxi

Doch nicht nur Bahnhöfe werden von zerstreuten Lokführern manchmal vergessen - auch Schaffner haben es manchmal nicht leicht, zu ihrem Arbeitsplatz zu gelangen. Manfred Kreuwen zum Beispiel saß im Regionalexpress von Köln nach Aachen, als sein Zug in Köln-Ehrenfeld hielt und längere Zeit stehen blieb. Endlich habe sich eine Stimme aus dem Lautsprecher gemeldet: "Wir haben den Schaffner am Kölner Hauptbahnhof vergessen. Er kommt mit dem nächsten Zug nach. Sobald er an Bord ist, fahren wir weiter." Kreuwen berichtet: "Als ein paar Minuten später am Nebengleis der Zug nach Mönchengladbach hielt, stieg tatsächlich ein Schaffner mit hochrotem Kopf in unserem Wagen ein und erntete fröhlichen Applaus."

Katja Denker erlebte Ähnliches zur Hauptpendlerzeit am Nachmittag im RE 7 nach Rheine. Ihr Zug hielt in Emsdetten und fuhr einfach nicht mehr weiter. Nach einigen Minuten habe sich der Lokführer wohl genötigt gesehen, einen Grund für diesen langen Halt zu nennen: "Wir haben unsere Zugbegleitung in Greven vergessen. Sie wird mit einem Taxi von Greven nach Emsdetten gebracht. Erst dann können wir weiterfahren!" Nach weiteren 20 Minuten ging die Fahrt endlich weiter, erzählt Denker: "Dumm nur für die Zugbegleitung, dass sie noch einmal durch alle Abteile musste, um die Fahrkarten zu überprüfen!"

"Der Idiot!"

Vergesslichkeit bei der Bahn kann aber auch weniger missliche als amüsante Folgen haben, wie Leserin M. Wreg berichtet. Ihr Zug musste mitten auf der Strecke Oldenburg-Wilhelmshaven unplanmäßig anhalten. Die Erklärung des Schaffners: "Aufgrund eines auf den Gleisen stehenden Lkw verzögert sich die Weiterfahrt um ein paar Minuten. (Knisterknister und dann leise:) Der Idiot! Wo hat der denn bitte seinen Führerschein her... tja klar, und jetzt auch noch dämlich grinsen und winken... So einer sollte nicht mehr in den Straßenverkehr gelassen werden... OH VERDAMMT!!! (Nun wieder deutlich lauter:) Es tut mir leid, dass Sie diese Unterhaltung mit anhören mussten, wir sind nun bereit zur Weiterfahrt!" Der Schaffner hatte vergessen, das Mikro auszustellen.

Zur Belustigung der Fahrgäste auf dem überfüllten Kölner Hauptbahnhof trug eine zerstreute Bahn-Mitarbeiterin mit ihrer Durchsage bei. Da sich ein IC nach Hamburg wegen Schneefalls um 15 Minuten verspätete, entschuldigte sie sich mit: "We apologize for any convenience", erzählt Frank Linzen aus Aachen. "Wir entschuldigen uns für jede Annehmlichkeit!" "Da hat die Dame wohl das 'in' vor 'convenience' vergessen", bemerkt der Leser.

Viel "convenience" hatten die Wolfsburger ICE-Fahrgäste am Dienstag allerdings nicht erlebt. Immerhin entschuldigte sich die Deutsche Bahn ausdrücklich bei den 25 um ihren Zughalt geprellten Reisenden. Wenn sie sich meldeten, werde ihnen der Fahrpreis voll erstattet, wie ein Sprecher SPIEGEL ONLINE am Mittwoch sagt. Die Bahn entlastet das Bordpersonal - nicht diese hätten den Halt vergessen, sondern die Fahrplan-Planer: Aufgrund einer "seltenen Verkettung unglücklicher Umstände" sei "der planmäßige Halt in Wolfsburg versehentlich gestrichen" worden. Kurz gesagt: verschusselt.


Haben Sie auch solche amüsanten Erlebnisse an Bord von Zügen erlebt? Schildern Sie uns Ihre Erfahrungen und mailen Sie sie an spon_reise@spiegel.de, Betreff "Bahnfahrten". 

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