Im Zug von Sambia nach Tansania Herr Ngwananogu fährt ins Glück

52 Stunden benötigt der "Tazara"-Express für rund 1900 Kilometer zwischen Sambia und Tansania. 52 Stunden mit galoppierenden Giraffen, Goldschürfern und unmoralischen Anfragen.

Thilo Thielke

Wie alt er genau ist, weiß Moses Ngwananogu nicht. Dafür kennt der Tansanier das Rezept für ein langes Leben: frischen Knoblauch, dazu einen Schluck stilles Mineralwasser. Beherzt beißt der Alte in eine Zehe, schmatzt behaglich, lässt sich auf seine Liege plumpsen und reibt sich den Bauch.

Grund für die Stärkung hat er. Uns steht eine lange Eisenbahnreise bevor: 52 Stunden werden wir für die rund 1900 Kilometer vom sambischen Kapiri Moshi ins tansanische Daressalam brauchen. Mit der "Tazara", der Tanzania Zambia Railway.

Neben Herrn Ngwananogu sitzen in Wagen 1004, Abteil 4, noch Godfrey, 43, aus Sambia und ich. Durch trübe Scheiben blinzeln wir in die tropische Sonne. Drei Mann in einem Viererabteil, Erste Klasse, Kostenpunkt rund 60 Dollar. Und schon rumpelt der Zug aus dem verschlafenen Nest im legendären Copper Belt, wo sich Kupfermine an Kupfermine reiht, Richtung Küste.

Die Chinesen haben die Strecke in den siebziger Jahren gebaut. Damals herrschte auch in Afrika Kalter Krieg - und Sambia war Frontstaat. Im Süden, dem heutigen Simbabwe, herrschten die weißen Rhodesier, in Südafrika die Buren und balgten sich mit den Kommunisten in Angola und Mosambik.

Auch in Sambias Hauptstadt Lusaka wurde so manche Kabale zwischen ANC-Kriegern und anderen Rebellen und Agenten verfeindeter Staaten ausgefochten. Autobomben explodierten, Aktivisten wurden gekidnappt, und in Peking sorgte man sich wie heute um die Versorgung mit Kupfer.

Der Wind pfeift durch die Abteile

Bereits die Briten hatten 1947 über eine Verbindung ihrer Kolonien Nordrhodesien und Tanganyika nachgedacht, die Idee aber als unökonomisch verworfen. Rotchina sah das anders und investierte die Irrsinnssumme von rund 500 Millionen Dollar in die Bahnstrecke.

Zweimal wöchentlich geht es auf die Reise, dienstags und freitags gegen 16 Uhr. Um neun Uhr am nächsten Morgen sollen wir die Grenze in Nakonde erreichen. Altersschwach ist der Zug. Er klappert und ruckelt, durch die Abteile pfeift der Wind. Viele Touristen verirren sich nicht in die "Tazara". Nur ein paar jugendliche Weltenbummler mit Rucksack: Eine Gruppe von Briten hat den Treck in Südafrika begonnen und arbeitet sich nun langsam nach Norden vor. Eine Deutsche will weiter nach Ruanda.

Moses Ngwananogu hantiert mit seinem Handy. Noch hat er Empfang und telefoniert schnell noch ein paar seiner sechs Kinder durch. Sie leben in Daressalam, Arusha, London und sonstwo. Der Vater will sie schnell wissen lassen, dass er sich gerade um eine Lizenz für Schürfrechte bemüht und deshalb nach Dar muss. "Das ganze Land steckt voller Gold und Diamanten", erklärt er und strahlt.

Sein aktives Berufsleben hatte der in Moskau ausgebildete Ingenieur bei der Ölpipeline in Sambia verbracht, hat nebenbei ein Transportunternehmen aufgebaut. Nun geht es um Gold - ein Geschäft, das noch viel lukrativer zu werden verspricht.

Godfrey und ich staunen über Ngwananogus Zukunftspläne. Godfrey fährt bloß nach Daressalam, um zwei aus Japan importierte Gebrauchtwagen am Hafen abzuholen. Ich hingegen möchte einfach günstig reisen und suche nun den Speisewagen. Dort gibt es gekochtes Huhn mit Maisbrei und eine Art Spinat. Aber das dauert eine Dreiviertelstunde, wie die mürrische Kellnerin mich wissen lässt. Ich bestelle ein Bier.

Ngwananogu träumt vom Gold, Godfrey schnarcht

Draußen zieht die Savanne vorbei. Ngwananogu träumt bereits von seinem Gold, und Godfrey schnarcht gleichmäßig vor sich hin. Im Abteil nebenan keifen ein paar Frauen. Wecken werden uns am nächsten Morgen die Geldwechsler, die mit dicken Bündeln durch die Abteile streifen und "Change, change" rufen. Schon bald folgen die Grenzbeamten.

Moses Ngwananogu und Godfrey nutzen die Gelegenheit, sich mit Bananen, Erdnüssen und Zuckerrohrstangen einzudecken, die von Händlerinnen durchs Waggonfenster gereicht werden. Ich versuche derweil, einer Gruppe von Glücksrittern zu entkommen. Die drei behaupten, sie säßen auf einer Smaragdmine, es fehle ihnen aber an Dynamit. Das soll ich ihnen nun kaufen. Ich lehne ab. Als ich später wieder mit Gold-Moses und Auto-Godfrey zusammensitze, überkommen mich schon Zweifel. Smaragd? Hört sich auch nicht schlecht an.

Gemeinsam schauen wir einer Giraffenfamilie nach, die durch den Selous-Nationalpark galoppiert. Es sieht aus, als wenn sich die Tiere mit ihren langen Beinen in Zeitlupe an knorrigen Affenbrotbäumen und stacheligen Akazien vorbeibewegten. Es ist ein schönes Bild, und jeder hängt nun seinen eigenen Gedanken nach.

Ankunft in der Megacity

Ostafrika boomt. In Uganda und Kenia fanden sie Öl, Tansania erlebt einen Goldrausch. Mittlerweile ist das Land viertgrößter Produzent des Kontinents. Dazu kommen alle möglichen Edelsteine, etwa der berühmte Tansanit. Nun wollen sie auch noch Uran abbauen, und in der ehemaligen deutschen Kolonialhauptstadt Bagamoyo entsteht ein Großhafen. Daressalam, das "Haus des Friedens", kann die vielen Menschen seit Jahren fast nicht mehr aufnehmen. Nach einem Bericht der BBC wachsen nur Lagos in Nigeria, Chittagong in Bangladesch und die indische Stadt Surat noch schneller.

Das einst verschlafene Nest am Indischen Ozean hat sich in den vergangenen Jahren in eine wuselige Megacity mit über vier Millionen Einwohnern gewandelt. Als wir nach mehr als 52 Stunden Bahnfahrt endlich ankommen, herrscht wilder Trubel. Taxifahrer und Minibus-Fahrer fallen über die ankommenden Passagiere und einander her, Händler rufen durcheinander, Bettler recken den Fremden ihre Hände entgegen.

Schnell verliere ich Godfrey und Ngwananogu aus den Augen. Sie sind im Dunkel der afrikanischen Nacht verschwunden und suchen ihr Glück.



insgesamt 7 Beiträge
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metalslug 23.04.2014
1. Gute Artikel, schwache Fotos
Ein Foto vom Trubel am Bahnhof wäre noch schön gewesen. Und Giraffen sehe ich leider auch keine. Schade.
ulrichflender 23.04.2014
2.
Ein paar kleinere Anmerkungen: Es heisst Kapiri Mposhi und ist nicht im Copperbelt sondern in der Central Province. Der Fisch ist auch nicht gegrillt sondern getrocknet und geräuchert - und auch nicht für den Direktverzehr gedacht.
Gustav_Kuchenbecker 23.04.2014
3. Von Johannesburg nach Darressalam..
....ist eine ähnliche Zugtour, die ein privater Unternehmer aus Australien anbietet. Die Reiselänge und -zeit ist etwa ähnlich. Darüber gab es vor ein paar Jahren in Phönix einen interessanten Reisebricht über mehrere Teile. In youtube findet man es auch. Es ist eine aufregende Reise, weil die Zugfahrt an sich das Abenteuer ist. Der Kontinent Afrika und seine Menschen sind extrem interessant. Vor allem die natürliche Fröhlichkeit, die man fast überall sieht, unterscheidet ihn vom materiellen Europäer. In dem Film sah man tatsächlich sprintende Nashörner, die den nicht sehr schnellen Zug in der Savanne ein Stück begleiteten.
lug&trug 23.04.2014
4.
Zitat von ulrichflenderEin paar kleinere Anmerkungen: Es heisst Kapiri Mposhi und ist nicht im Copperbelt sondern in der Central Province. Der Fisch ist auch nicht gegrillt sondern getrocknet und geräuchert - und auch nicht für den Direktverzehr gedacht.
Korrekt. Und der im Artikel erwähnte Selous-"Nationalpark" ist kein Nationalpark, sondern ein "Game Reserve", in dem explizit (gegen Geld und unter Auflagen) gejagt werden darf.
h.rechsteiner 23.04.2014
5. Von Sambia nach Tansania
Der Ort in Sambia heisst nicht Kapiri Moshi sondern "Kapiri Mposhi". Ich habe einige Jahre in Sambia gelebt.
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