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Extremsportler Martin Szwed: Unsichtbar am Südpol

Foto: DPA/ martin-szwed.com

Zweifel an Südpol-Rekord Kalt erwischt

Der deutsche Extremsportler Martin Szwed will einen neuen Rekord für eine Solotour zum Südpol aufgestellt haben. Zeugen will er nicht nennen, weil bei deutschen Behörden ein Verfahren gegen ihn läuft. Ist das glaubhaft?

Die Geschichte von Martin Szwed klingt einfach zu schön, um wahr zu sein: begeisterter Kletterer, Bergsteiger, Extremsportler und studierter Physiker - und dann, mit 24 Jahren, der Schock: ein Tumor am Halswirbel, nicht zu operieren. Die Ärzte geben ihm noch drei Jahre.

Aber Szwed will sich nicht unterkriegen lassen. Statt um Physik kümmert sich der Mann, der in Balingen lebt, nur noch um das, was ihm Spaß macht und guttut - den Sport. Er unterrichtet an einer Kletterschule und unternimmt etliche riskante Expeditionen. Zu seinen Zielen gehörten auch die "Seven Summits", die jeweils höchsten Berge der sieben Kontinente. Einige Gipfel hat er schon erklommen, 2016 soll der Mount Everest folgen. Seine Krankheit hält er durch den Sport in Schach.

Und jetzt die Krönung seiner Abenteurerkarriere: In nur 14 Tagen und 18 Stunden rennt er alleine zum Südpol - fast zehn Tage schneller als der bisherige Rekordhalter Christian Eide aus Norwegen. Ein neuer Weltrekord.

Oder doch nicht?

An der Leistung von Szwed sind Zweifel aufgekommen. Neben anderen meldete sich auch Eide zu Wort: Er glaubt nicht, dass der 33-jährige Deutsche die über 1100 Kilometer lange Strecke bewältigt haben kann und am Südpol war - schon gar nicht in der Zeit. Dazu noch allein und ohne Hilfe, so wie es die Regeln bei einer Soloquerung vorschreiben.

Zwei Marathons am Tag?

Eide schreibt Szwed auf Facebook an und fragt nach, will Details zu der Reise wissen. Der Deutsche bestätigt seinen Rekord. Aber beweisen könne er die Expedition derzeit nicht, weil er Probleme mit dem Umweltbundesamt (UBA) habe - erst nach dem Abschluss will er seine GPS-Daten veröffentlichen, mit denen er Route und Zeit belegen könne.

Tatsächlich hat die Behörde ein Verfahren gegen den Extremkletterer eingeleitet, weil er ohne Genehmigung losmarschiert war. Doch Eide reicht das nicht als Begründung, er schickt den Chatverlauf an eine Nachrichtenseite, die darüber berichtet  und auch einen Screenshot der Facebook-Unterhaltung zeigt.

Was Szwed sagt:

  • Zu Beginn seiner Reise sei er mit einer Tagesstrecke von 55 Kilometern gestartet - dabei hat er einen Schlitten mit 116 Kilogramm gezogen - im Reiseverlauf nahm das Gewicht aber etwas ab, da er Benzin und Proviant verbrauchte.
  • Der längste Abschnitt der Strecke sei die letzte Etappe gewesen. Er habe im Angesicht des nahen Rekordes sein Gepäck zurückgelassen und sei 112,58 Kilometer bis zum Südpol marschiert, erklärt er.

Im Schnitt hat er so knapp zwei Marathons am Tag absolviert. Aufgrund dieser Angaben folgten etliche Berichte in deutschen Medien - auch von SPIEGEL ONLINE.

Die Spur verliert sich in Chile

Belegt ist aber nur, dass Szwed am 30. Dezember mit einem Reiseveranstalter zum Union Glacier in der Antarktis geflogen ist und von dort am 5. Januar auf den Gipfel des Mount Vinson kletterte - den mit 4892 Metern höchste Berg des Kontinents. Der US-Veranstalter Adventure Network  bestätigt, dass er nach dem Abstieg die Antarktis am 9. Januar Richtung Chile verlassen hat. Dann verliert sich seine Spur.

Offen sind aber zahlreiche weitere Fragen:

  • Wie will er noch mal in die Antarktis gereist sein und dort seinen Rekord unbemerkt von Zeugen aufgestellt haben?
  • Warum hat Szwed am Südpol niemand gesehen? Nur wenige Hundert Meter vom Pol entfernt liegt die US-amerikanische Amundsen-Scott-Station, auf der das ganze Jahr über Wissenschaftler leben. Aber die verantwortliche National Science Foundation weiß nichts von einem einsamen Abenteurer.
  • Fraglich ist auch, wie er vom Südpol wieder weggekommen sein will und sein zurückgelassenes Gepäck wieder eingesammelt hat.

Zu diesen Fragen will sich der Sportler nicht äußern. Szwed behauptet nur, er habe die erneute Anreise privat organisiert, um Kosten zu sparen, und deshalb auf eine weitere Zusammenarbeit mit Adventure Network verzichtet. Zudem hatte er ja keine UBA-Genehmigung. Wollte er die Reise heimlich absolvieren?

"Wegen des Verfahrens des Umweltbundesamtes kann ich mich gegen die Vorwürfe derzeit nicht wehren. Das hat mir mein Rechtsbeistand geraten. Deshalb werde ich keine Angaben zu meiner Route oder zu Zeugen der Expedition machen", erklärt Szwed.

Facebook-Chat mit Eide? Eine Lüge, sagt Szwed

Wer in die Antarktis will, braucht eine Genehmigung der Behörde. Um die Natur zu schützen, haben sich mehr als 50 Staaten im Rahmen des Umweltschutzprotokolls zum Antarktisvertrag darauf verständigt, dass jede menschliche Aktivität auf dem Eiskontinent vorab geprüft werden muss. Szwed argumentiert, er habe sich an die Vorgaben gehalten und etwa allen Müll mitgenommen. Dem Amt hatte er jedoch falsche Angaben zum Zeitpunkt seiner Reise gemacht. Doch die Bürokraten kamen ihm durch die Berichterstattung und über soziale Netzwerke auf die Schlichte. Inzwischen hat Szwed seinen Twitter-Accout gelöscht. Nur einige Fotos gibt es von der Reise.

Zwar hat er sich bei der Behörde für seinen Fehler entschuldigt. Ein Verfahren wurde dennoch gegen ihn eingeleitet - schlimmstenfalls könnte ihm eine Strafe von bis zu 50.000 Euro drohen. Das ist laut Umweltbundesamt aber sehr unwahrscheinlich. "Ein Bußgeld wird in dem Verfahren nicht automatisch verhängt. Das wurde bisher noch nie getan, da es sich um geringfügige Verstöße gehandelt hatte", teilte das Amt mit. Ein Grund, seine GPS-Daten sowie Zeugen zu seiner Entlastung zurückzuhalten, hat Szwed also nicht zwingend. Zudem betont das Amt, dass Abenteurer nur dann keine Genehmigung bekommen, wenn es Anhaltspunkte gebe, das Umwelt- und Sicherheitsvorschriften nicht eingehalten werden würden.

Und der Facebook-Chat mit Eide? Eine Lüge, sagt Szwed. "Diese Konversation mit Christian hat es nicht gegeben. Ich hatte nur im Vorfeld der Expedition Kontakt mit ihm. Ich vermute, dass er von Adventure Network bezahlt wird. Anders kann ich mir seine Vorwürfe nicht erklären." Der Norweger war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Szwed vermutet, dass der Veranstalter seine Leistung nicht ohne Grund anzweifelt. So wollten die Amerikaner verhindern, dass bekannt wird, dass solche Expeditionen auch ohne ihr Logistik-Know-how möglich seien.

Dennoch sehen auch andere Experten den Rekord von Szwed kritisch. Arved Fuchs, der einst selbst zu Fuß zum Südpol gelaufen war, erklärt: "Wenn Szwed top trainiert ist, ist diese Leistung vielleicht möglich. Aber dieses Niveau über 14 Tage zu halten, macht mich schon stutzig." Tatsächlich ist die Verifizierung solcher Expeditionsrekorde schwierig - gerade bei Solotouren -, ein Profi wie Szwed muss das eigentlich wissen.

Fuchs hatte 1989 bei seiner Tour einen Satellitensender dabei, der permanent seine Position funkte. Er selbst konnte die Daten des Chips aber nicht einsehen, überwacht wurde der Sender von neutralen Beobachtern. Bei dem Rekord von Eide 2011 war seine Route im Internet abrufbar  und mitzuverfolgen.

"Ich wiederhole die Leistung gerne vor Zeugen"

Etliche Videos  zeigen Szwed beim Training für seine Tour. Spätestens mit der öffentlichen Ankündigung der Expedition dürfte er unter Druck gestanden haben. Sportlern, die solche Rekorde aufstellen, winken Aufmerksamkeit, Anerkennung, Ruhm - und Sponsorengelder. Nur Szwed selbst kann jetzt die zahlreichen Widersprüche zu seinem Rekord auflösen. Indem er Beweise liefert. Aber wird er das? "Ob ich mich nach Abschluss des Verfahrens äußern und Belege meiner Rekordreise bekannt geben werde, weiß ich noch nicht", sagt er.

Immerhin gibt Szwed zu, dass er naiv an die Sache herangegangen ist. "Mit einem solchen Shitstorm habe ich nicht gerechnet", sagt er. "Ich kann nur anbieten: Wenn mir jemand die Expedition finanziert, wiederhole ich die Leistung gerne vor Zeugen. Noch mal kann ich sie mir aus eigener Tasche finanziell nicht leisten."

Eines aber ist glaubhaft: Einer seiner Sponsoren hat die Zusammenarbeit vorerst eingestellt. Solange es keine Beweise für seinen Rekord gibt, wolle man den Extremsportler nicht mehr unterstützen.

Aktualisierung am 26.2.2015: Die dpa hat das Bild, das Martin Szwed am Südpol zeigen sollte, inzwischen zurückgezogen. Szwed habe gegenüber der Presseagentur eingeräumt, dass das Foto manipuliert war.

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