Foto: Rick Tomlinson/ EYOTY

Auf der Messe "Boot" ausgezeichnet Diese Jachten haben den Bug vorn

Schneller und schicker: Auf der Messe "Boot" in Düsseldorf haben 20 Fachmagazine die Jachten des Jahres gekürt. Auffällig ist vor allem ein Trend.
Von Jürgen Pander

Welche Schiffsneuheit hat in der kommenden Saison den Bug vorn? Antworten darauf gab es auf der Wassersportmesse "Boot"  in Düsseldorf. Prämiert wurden dort - in unterschiedlichen Klassen - die je fünf besten Segeljachten und die fünf besten Motorboote des Jahres 2020.

Insgesamt waren 42 Neuheiten nominiert, aus denen eine Jury aus den Chefredakteuren von 20 europäischen Fachmagazinen die Gewinner kürte. Bei den Siegertypen - so unterschiedlich sie in Design, Funktion, Preis und Einsatzzweck auch sind - fällt eine Gemeinsamkeit auf: das Bemühen, sich möglichst deutlich vom Mainstream abzusetzen.

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Boote: Jachten 2020

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Ein schnittiger weißer Rumpf mit potentem Motor reicht nicht allein, um künftige Eigner zu überzeugen. "Wer heute ein neues Motorboot kauft, will sich abheben. Und am einfachsten gelingt das durch auffällige Farben und Formen", sagt Torsten Moench, Chefredakteur der Fachzeitschrift "Boote" und Jurymitglied.

Paradebeispiele sind die Modelle Pardo 38 und Solaris Power 48 Open, die beiden "European Power Boat of the Year"-Sieger in den Klassen bis 14 und bis 20 Meter Rumpflänge. Reduziertes Design im Retrolook, luxuriöse Extras wie Cockpit-Küche mit Grill oder Bordgarage fürs Beiboot sowie, im Fall der Solaris, eine wasserblaue Metallic-Lackierung - auch Laien erkennen sogleich den gewollt stylischen Kurs dieser Renner.

Der Wunsch nach Individualisierung ist nicht verwunderlich in einer Preisklasse von mehreren Hunderttausend Euro. Dieses Segment der Motorjachten zwischen zehn und 20 Meter Länge boomt nach wie vor. In den kleineren Klassen hingegen bröckelt die Nachfrage, doch auch hier gilt die Maxime: je ausgefallener, desto besser. Und so bieten immer mehr Bootsbauer Modelle mit Ambientebeleuchtung, Holzvertäfelungen, einer breiten Auswahl an Polsterbezügen für Sitze und Sonnenliegen sowie Unterwasserbeleuchtung an.

Auch am 2020er-Jahrgang der Segeljachten lässt sich das Bestreben nach immer stärkerer Differenzierung ablesen - auf einem Spektrum zwischen komfortablen Familienjachten und sportlichen Regattajachten. Zwei der Siegerboote unter den diesjährigen Jachtneuheiten markieren die vorläufigen Pole dieser Entwicklung.

Mehr Platz dank neuer Rumpfform

In der Klasse der Fahrtenjachten triumphierte die "Beneteau Oceanis 30.1", ein Familiensegler im besten Sinne zum Preis von rund 90.000 Euro. Der Clou des neun Meter langen Schiffs ist eine neuartige Rumpfform, die ein Platzangebot unter Deck möglich macht, wie es bislang nur bei deutlich längeren Jachten üblich war. Vier Erwachsene können hier passabel wohnen, die Fachpresse nennt das Modell "Riesenzwerg".

In der Klasse der Regattajachten wiederum erhielt das deutsche Fabrikat "Dehler 30 OD" die Auszeichnung als "European Yacht of the Year". Jochen Rieker, Chefredakteur der Fachzeitschrift "Yacht" und Chef der "European Yacht of the Year", sagt, dass dieses Schiff den immer stärker werden Trend zu richtig schnellen Ein- oder Zweihand-Seglern markiere. "Jahrelang wurden Segeljachten überwiegend als komfortable Rückzugsorte konzipiert, doch allmählich gewinnen auch die ambitionierten Sportgeräte wieder an Fahrt."

Jachten wie etwa die "Dehler 30 OD" benötigen keine große Crew. Denn es gibt beispielsweise auf beiden Seiten einen Tank für jeweils 200 Liter Wasserballast, der sich per Knopfdruck befüllen oder entleeren lässt. "Mit entsprechend Ballast in Luv lässt sich das Schiff auch bei ordentlich Wind mit viel Tuch fahren", sagt Rieker.

Der Schnelligkeit zuträglich - als Topspeed sind 21 Knoten angegeben, das entspricht 39 km/h - ist auch ein komplett in den Rumpf einziehbarer Propeller sowie konsequenter Leichtbau. Obwohl die 10,30 Meter lange Jacht durchaus wohnlich ist, wiegt sie nur ungefähr halb so viel wie ein normaler Segler dieser Größe. Allein das Mobiliar wurde von sonst üblichen 800 Kilogramm auf lediglich 150 Kilogramm abgespeckt.

Die Wasserballasttanks, das Doppelruder, der einziehbare Propeller - all das sind Details, die es in dieser Klasse bislang gar nicht oder nur sehr selten gab. Zugleich sind sie wichtige Verkaufsargumente, denn Segeljachten sind langlebig, der Gebrauchtmarkt ist daher groß. Weshalb neue und damit deutlich teurere Schiffe nur dann eine Chance haben, wenn sie echte Neuheiten und Vorteile gegenüber älteren Modellen bieten.

Der Mann für besondere Windstärken

Dass dies etlichen Herstellern gelingt, zeigen die Marktdaten. In Deutschland werden nach Angaben des Verbands der Deutschen Boots- und Schiffbauer (DBSV) pro Jahr rund 9300 neue Motorboote und Segeljachten verkauft, was einem Umsatz von gut 1,5 Milliarden Euro entspricht. Insgesamt schätzt der DBSV den Bestand an Freizeitbooten hierzulande auf etwa 480.000.

Nicht nur Boote wurden auf der "Flagship Night" am Vorabend der "Boot" (noch bis 26. Januar) ausgezeichnet. Es wurde auch zum achten Mal der "Seamaster-Award" verliehen, eine Auszeichnung der Messe und des Delius Klasing Verlags. Preisträger in diesem Jahr wurde der Segler Boris Herrmann, der zuletzt mit einem Transatlantik-Törn für Schlagzeilen sorgte, bei dem er die Klimaaktivistin Greta Thunberg zum Uno-Klimagipfel nach New York brachte. Der nächste Plan des Profi-Seglers: Ab November dieses Jahres will er als erster Deutscher an der "Vendée Globe" teilnehmen, einer Non-Stop-Regatta für Einhandsegler, die entlang des Südpolarmeers einmal um die Welt führt.