Camping: " Im besten Fall werden sie mit einem unvergesslichen Erlebnis belohnt"
Camping: " Im besten Fall werden sie mit einem unvergesslichen Erlebnis belohnt"
Foto: Daniel Sadrowski/ plainpicture

Camping-Boom in Deutschland "Zelten war mal Survival. Das ist es jetzt halt nicht mehr"

Rückenschonende Isomatten und Zelte, die sich von allein aufstellen: Camping ist was für Warmduscher geworden. Oder? Der Outdoor-erprobte Buchautor Björn Staschen über den Urlaubstrend des Corona-Sommers.
Ein Interview von Julia Stanek

SPIEGEL: Sehr viele Deutsche verbringen die Ferien diesen Sommer auf Campingplätzen. Nur, weil es eine verhältnismäßig pandemietaugliche Urlaubsform ist?

Staschen: Corona mag das Phänomen verstärkt haben. Aber Camping boomt seit Jahren - und das liegt meiner Ansicht nach vor allem daran, dass es das spießige Image langsam losgeworden ist. Auf vielen Plätzen haben in den vergangenen zehn Jahren Generationswechsel stattgefunden - bei den Betreibern, aber auch bei den Gästen. Corona bringt nun noch mehr Menschen auf die Idee, mal Campen auszuprobieren. Die stellen dann fest: Ist ja ganz anders, als ich gedacht habe.

SPIEGEL: Was ist heute anders als vor 30 Jahren?

Staschen: Viele Plätze, vor allem die kleineren, haben sich von Jägerzäunen, Parzellen und Platznummern verabschiedet. Es geht dort locker zu, oft sind sogar Lagerfeuer erlaubt. Sicher gibt es auch andere Beispiele: Große populäre Plätze - die in der ersten Reihe - können es sich noch leisten, so zu bleiben, wie sie immer waren.

SPIEGEL: Was hat sich bei den Bedürfnissen der Urlauberinnen und Urlauber verändert?

Staschen: Viele erkennen, wie gut es tut, der Natur näherzukommen. Was suchst du in einer hochkomplexen Welt, die du immer weniger durchschaust? An technologisierten Arbeitsplätzen, in überfüllten Städten? Camping dagegen bringt uns der Urform des einfachen Lebens näher. Da finden viele, was sie brauchen.

SPIEGEL: Für so eine Stippvisite in die Einfachheit rüsten sich die Leute aber ganz schön aus. Nach einem Besuch im Outdoor-Geschäft ist man schnell mehrere Hundert Euro los. Ist das nicht widersinnig?

Staschen: Manche Menschen - oft sind es Männer - neigen zu Ausrüstungsfetischismus, wenn sie etwas Neues wagen. Das ist beim Campen unnötig, vor allem am Anfang, wenn man es erst mal ausprobieren möchte.

SPIEGEL: Was gehört in die Grundausstattung?

Staschen: Wenn man im Sommer campen will, dann reichen ein zweiwandiges Zelt für 200 Euro, eine Isomatte für 50 Euro und ein Schlafsack für 30 Euro. Außerdem unbedingt ein paar extra Abspannleinen mitnehmen, falls doch Sturm aufzieht, und ein paar Flicken, falls die Zeltplane reißt. Ich persönlich brauche einen kleinen Campinggrill und meine Espressokanne.

Beim Packen sollte jeder auf sich selbst hören. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es umso entspannter ist, je weniger man dabei hat. Wir hatten als Familie anfangs immer viel zu viel mit - und haben mit der Zeit gelernt, dass sich manche Dinge für unterschiedliche Zwecke nutzen lassen: Ein Bodyboard zum Surfen etwa ist auch eine fantastische Wickelunterlage.

SPIEGEL: In Kleinanzeigen-Portalen findet man haufenweise Inserate von Leuten, die nach dem ersten Campingurlaub offenbar die Nase voll hatten - und die teure Ausrüstung wieder verkaufen.

Staschen: Echte Anfänger sollten es wirklich erst mal ausprobieren, bevor sie viel Geld für Utensilien ausgeben. Es gibt inzwischen auf vielen Plätzen aufgebaute Tipis, dickwandige Zelte mit Einbauküche und echten Betten, Mietwohnwagen oder bunte Zirkuswagen.

SPIEGEL: Stichwort glamouröses Camping, kurz: Glamping. Was hat das noch mit Zelten zu tun?

Staschen: Sicher fehlt das Spartanische, das Zelten für viele auszeichnet. Aber es ist ein unkomplizierter Einstieg ins Campingabenteuer.

SPIEGEL: Für Familien kann Glamping auch ein guter Kompromiss sein - etwa, wenn die Kinder campen wollen, aber ein Elternteil noch nicht so überzeugt ist. Viele schreckt ja der mangelnde Komfort ab. Welche Nacht im Zelt haben Sie als Zumutung empfunden?

Staschen: Im Pfälzer Wald wurden mein Sohn und ich mal gegen Mitternacht von Mäusen überfallen. Sie nagten an der Innenzeltplane, auf der Suche nach etwas Essbarem. Ich fand die Situation ein bisschen eklig, aber irgendwie auch albern und absurd. Meinen friedlich schlummernden Sohn - damals neun Jahre alt - hab ich dann geweckt, und wir sind zum Waldparkplatz gewandert, wo wir den Rest der Nacht im Auto geschlafen haben. Es dauerte ein paar Stunden, bis ich darüber lachen konnte.

SPIEGEL: Ob man im Herzen ein Camper ist, weiß man, wenn…

Staschen: …der erste Waschhausbesuch und der erste Regen im Zelt überstanden sind und man die ersten drei Mahlzeiten hinter sich hat. Da können Details auch mal nerven, es darf einem aber auch nicht nur auf den Geist gehen.

SPIEGEL: Und wer gern zelten möchte, aber ganz auf einen Campingplatz verzichten will...

Staschen: ...der findet selbst in Deutschland Orte, an denen wildes Campen erlaubt ist, zum Beispiel in einem Biosphärenreservat in Rheinland-Pfalz . Oder auf einem anderen Trekkingplatz, von denen es zwischen Schleswig-Holstein und dem Schwarzwald inzwischen Dutzende gibt. Kein Komfort - aber mehr Naturnähe geht kaum. Für mich ein Traum.

SPIEGEL: In Ihrem Buch schreiben Sie von einem "Spannungsfeld zwischen Grusel und Verheißung". Irgendwo dort liege die Faszination von Zelten. Was sagt das über Camperinnen und Camper aus?

Staschen: Dass sie es prinzipiell schätzen, sich mal auf etwas ganz anderes einzulassen. Im besten Fall werden sie mit einem unvergesslichen Erlebnis belohnt. Im schlimmsten Fall erleben sie eine Campingpanne nach der anderen. Dabei ist Camping in vielen Punkten heute viel einfacher als früher. Als man noch Giebelzelte mit schwerem Gestänge aufbauen musste, war das ja eine echte Leistung. Man konnte regelrecht stolz sein, wenn das Zelt endlich stand. Das hatte was von einer Bergbesteigung. Heute schafft jeder Dussel, ein Zelt aufzubauen.

SPIEGEL: Einige Modelle lassen sich sogar aufpumpen oder zum Aufbauen einfach hinwerfen. Sind also auch die besseren Materialien ein Grund, warum Campen immer mehr Menschen machbar erscheint?

Staschen: Gut möglich. Im Schlafsack bekomme ich keine kalten Füße mehr und auf meiner sieben Zentimeter dicken Isomatte tatsächlich keine Rückenschmerzen. Wenn ich nur an die neoprenartigen Luftmatratzen denke, auf denen wir früher schliefen! Die waren immer klamm, die Kälte kroch in den Körper hoch. Legendär war auch das Aufpusten. Das Mundstück schmeckte nach Gummi, gemischt mit der abgestandenen Luft des Winters. Danach war man dann auch so leicht high.

SPIEGEL: Heute dagegen…

Staschen: …dreht man das Ventil auf, und die Isomatte bläst sich von selbst auf. Zelten war mal Survival. Das ist es jetzt halt nicht mehr.

SPIEGEL: Klingt, als würden Sie das bedauern.

Staschen: Die Rückenschmerzen vermisse ich nicht. Außerdem ist Camping durch den Komfort inklusiver geworden. Mehr Leute trauen sich das jetzt zu. Aber man kann nicht mehr so richtig schön Campergarn stricken.

SPIEGEL: Sie meinen, Camping wird auch langweiliger, wenn das Legendäre und Improvisierte schwindet?

Staschen: Ja. Wir müssen uns schon auch fragen, warum es uns heutzutage so schwerfällt, die Komfortzone zu verlassen. Wenn ich mit meiner Familie zelten gehe, dann lege ich das Handy morgens weg - und vermisse oft den ganzen Tag über nichts. Mich macht Camping sehr glücklich - selten am ersten Tag, aber danach umso mehr.

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