Antje Blinda

Coronakrise und das Reisen Kleine Welt, ganz groß

Antje Blinda
Ein Versuch über das Fernweh von Antje Blinda
In Zeiten der Globalisierung ist die Welt geschrumpft, nur wenige Flugstunden trennten die Kontinente und Kulturen. Jetzt sind die Distanzen wieder groß. Unüberwindlich groß. Dabei ist Reisen so wichtig.
Weite Welt: Grenzen sind unüberwindlich, Reisen unmöglich

Weite Welt: Grenzen sind unüberwindlich, Reisen unmöglich

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Christoph Wagner/ Getty Images

Ich habe meinen Schreibtischstuhl aus Studienzeiten aus dem Keller geholt. Und meinen Koffer runtergetragen und ihn zum restlichen Gerümpel gestellt. Mit ihm wollte ich auf die Internationale Tourismusbörse in Berlin. Mehr als drei Wochen ist das jetzt her. Die Messe war wegen der sich anbahnenden Coronakrise abgesagt worden. Die Welt steht seitdem Kopf.

Jetzt also Homeoffice. Auf meinem alten Stuhl, an dem eine von fünf Rollen fehlt. Und Tourismus und Reisen? Damit scheint erst mal Schluss zu sein, für Wochen, für Monate?

Überhaupt, die Welt. Hat nicht jeder darüber gestaunt, dass sie in Zeiten der Globalisierung längst ganz klein geworden ist? Nur neun Stunden dauert die Reise nach New York, knapp elf nach Bangkok und zwölf nach Kapstadt: einfach ins Flugzeug steigen, einmal geschlummert, dreimal gegessen, und schon empfängt einen das Brausen einer US-amerikanischen Großstadt, der Korianderduft von asiatischen Straßenküchen oder das gleißende Licht Afrikas.

Der Spruch, dass die Seele Zeit benötigt, um hinterherzukommen - der passte für mich so oft. Erst Tage nach dem schnellen Ankommen in der Ferne habe ich wirklich begriffen, wie fremd die Fremde ist. Gelernt, die mir unbekannte Kultur ein wenig zu verstehen. Etwas mehr Postkutschen- statt Flugzeugtempo bei der Anreise hätte die Umstellung erleichtert, aber wer will das schon.

Nun ist die Welt wieder ganz groß. Die Distanzen sind unüberwindlich. 6000 Kilometer über den Atlantik sind nicht mehr mit einem Hüpfer per Flugzeug zu überqueren. Zum einen gibt es kaum noch Flüge, das Virus hat den Luftverkehr in den USA und Europa lahmgelegt. Und zum anderen hätten selbst die Pilger der "Mayflower" keine Chance, ihren Fuß an Land zu setzen: Als Europäer, besonders als Deutscher, ist man zurzeit in den USA - wie in vielen anderen Ländern - nicht erwünscht, auch wenn es dort so viele Infizierte gibt wie sonst nirgends.

Unterwegs in einer Illusion von Sicherheit

Ein ungewohntes Gefühl. Der deutsche Pass hat mich noch überall hingebracht - im Ranking der mächtigsten Reisedokumente steht er an dritter Stelle. Und zusammen mit dem Geld, das wir als reisefreudige Nation in viele Ecken der Welt getragen haben, fühlte ich mich meist willkommen. Auch wenn es sich manchmal wie ein Abenteuer anfühlte - am Ende war es doch ein Reisen in einer Blase. In einer Illusion der Sicherheit, die viele Urlauber, insbesondere Pauschalreisende, bis auf die Seychellen, in die Karibik, nach Guatemala oder Australien begleitet hat.

Diese Blase ist geplatzt, zerstört durch Sars-CoV-2. Etwa 200.000 Deutsche blieben hängen, als sich nach und nach die Grenzen vor ihnen schlossen, Flüge abgesagt und Quarantänen verhängt wurden. Weder Pass noch Geld können helfen, Europäer gelten als Virenverbreiter, wie nicht nur Donald Trump meint. Die meisten werden heimgeholt durch ihre Reiseveranstalter und das Auswärtige Amt, die rund um die Uhr mit anderen Regierungen verhandeln. Manche werden lange Zeit weit weg von zu Hause bleiben müssen, zum Teil unter schwierigen Umständen. So groß ist die Welt plötzlich geworden.

Eine Freiheit, die oft zu selbstverständlich war

Ob ich in Zukunft, wenn wir uns nicht mehr gegenseitig durch Infektionen gefährden, wenn die Grenzen sich wieder öffnen, wenn Reisen also wieder möglich ist, so reisen werde wie bisher? Der Corona-Schock wird tief sitzen, das Virus vermutlich niemals ganz aus der Welt verschwinden.

Die Frage klingt wie eine Lappalie. Immerhin sollte Reisen aufgrund der Klimakrise immer nachhaltig geplant werden und gehört als Urlaubsform zu den eher verzichtbaren Dingen im Leben. Anders als zurzeit etwa Klopapier, Nudeln oder Atemschutzmasken. Anders als ein Job oder eine Firma, die in Gefahr sind, Kinder, die betreut werden wollen, Eltern, um die man sich sorgt.

Aber Reisen ist für mich seit Jahrzehnten mehr als Urlaub. Vielmehr Freiheit in einem Sinne, die mir oft zu selbstverständlich war: nämlich Grenzen überqueren, wann und wo ich will. Natur und Kultur genießen. Menschen treffen, die so ganz anders leben als ich und an die ich mich immer erinnern werde.

Wie die Guides und Maultierführer in Marokko, die mit mir und meiner Trekkinggruppe stundenlang am Lagerfeuer tanzten und sangen. Wie der Mönch in Myanmar, der uns vom Leben in der Militärdiktatur erzählte. Wie die Beduinin im Jemen, die ein Zicklein für uns schlachtete. Wie der Omaner, der uns zwei Freundinnen einfach zum Tee in ein Männercafé einlud. Oder wie das alte Ehepaar in Ostfriesland, das bei strömendem Regen meinen Freund und mich auf einer Fahrradzelttour in ihrem Gartenhäuschen übernachten ließ, uns bewirtete und erzählte, dass sie noch nie in Hamburg waren.

Reisen heißt für mich daher: mich infrage stellen, Vorurteile loslassen, mutig sein, Glücksmomente spüren. Und danach oft mein Zuhause und meine Heimat umso mehr schätzen. Auch, weil sich Frieden und Sicherheit in so manchen bereisten Ländern als so fragil erwiesen.

Was auf der Bucketlist bleibt

Seit Jahren plane ich nach dem Motto: "Wenn ich morgen nicht mehr reisen könnte, was will ich erlebt haben?" Gedacht habe ich dabei an die finanzielle Situation, an Krankheit und auch was aus Rücksicht auf die Umwelt möglich ist. Ich wollte jederzeit zufrieden sein mit dem, was ich schon gesehen habe, Erinnerungen sammeln, um sie später immer wieder hervorzuholen. Und zufrieden wäre ich schon längst gewesen. Auf meiner Bucketlist stehen zurzeit Länder wie Usbekistan, Seekajaktouren in Griechenland und Norwegen, Vier-Wochen-Weitwanderungen durch Nordspanien oder Deutschland und ein Kurzzeitausstieg auf einer Insel. Nichts davon ist zurzeit möglich. Mein Koffer und mein Rucksack bleiben im Keller.

Mir geht es finanziell und gesundheitlich gut. Dafür bin ich dankbar. Dass mich ein Virus stoppen könnte, damit habe ich nicht gerechnet.

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