Foto: Premiere Pro/ Alessandro Leonardi/ SPIEGEL TV

Corona macht Metropolen zu Geisterstädten "Ich sehe kein Licht am Horizont, gar nichts"

Fluglärm weicht Vogelgezwitscher, Radfahrer nutzen Hauptstraßen: Wie verändert das Coronavirus New York, London, Venedig und Paris? Für Arte war SPIEGEL TV in den vier verwaisten Städten unterwegs.
Von Nicola Burfeindt

Viel wird in diesen Tagen diskutiert über Fall- und Todeszahlen, Infektionsgeschehen und Mindestabstand, Corona-Koller im Homeoffice und die bange Frage, welches Land in diesem Sommer seine Grenzen für Urlauberinnen und Urlauber öffnen wird.

In Deutschland streiten Virologen und Politiker leidenschaftlich darüber, ob Lockerungen der beste Schritt zurück zur Normalität oder - im Gegenteil - der Auftakt zur gefürchteten zweiten Welle sind. Dabei geht fast unter, welchen beeindruckenden Einfluss die Ausgangssperren auf das öffentliche Leben haben.

Die Straßen sind frei wie letztmals an autofreien Sonntagen, die Innenstädte historisch verödet. Vormals überbevölkerte touristische Sehnsuchtsorte und Weltmetropolen wurden fast über Nacht zu Geisterstädten: surreal und faszinierend, bedrückend und beängstigend, aber auch schön und verstörend.

Im Auftrag von Arte waren zeitgleich vier Teams von SPIEGEL TV in Städten unterwegs, die vor der Coronakrise von Millionen Touristen jährlich besucht wurden: New York, Paris, London und Venedig. Städte, die nie zum Stillstand kamen und unter der Masse von Menschen, dem Müll, den die hinterließen, dem Lärm und dem Verkehr litten. So sehr, dass Anwohnerinnen und Anwohner vielerorts gegen die Überfüllung protestierten.

Wie empfinden sie den plötzlichen Wechsel? Fühlt es sich an wie ein unwirklicher wochenlanger Feiertag? Und wie haben sich diese Metropolen, deren Ansichten sich ikonografisch in das Gedächtnis der ganzen Welt eingebrannt haben, durch die Lockdowns und die strengen Corona-Maßnahmen verändert?

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Venedig: "Die Leere ist atemberaubend"

"Die Stadt ist jetzt so, wie sie sein sollte - selbstverständlich nicht menschenleer, eher menschengerecht", sagt der Bootstischler Paolo Brandollioso in Venedig. "Das Wasser ist ruhig, die Luft ist rein. Man hört die Möwen kreischen und nicht die lärmenden Rollkoffer auf dem Bürgersteig."

Kaum eine Stadt ist mehr mit Tod, Ansteckung und Seuchen konnotiert als Venedig. Während der Pest-Pandemie im 14. Jahrhundert beschloss die Stadt, ankommende Schiffe 40 Tage lang zu isolieren. Von dieser Zahl - italienisch quaranta - leitet sich der Begriff Quarantäne ab, die roten Pflastersteine zur Kennzeichnung zieren noch heute die Straßen.

Venedig ist leidgeprüft, durch absackende Fundamente, überflutete Gebäude und zu viele Touristinnen und Touristen. Vor der Coronakrise besuchten 30 Millionen jährlich die im historischen Kern nur 50.000 Menschen zählende Stadt. Jetzt sind alle Restaurants und Hotels geschlossen. Venedig gehört wieder den Venezianern.

Eine von ihnen ist die Künstlerin Sarah Tirelli: "Venedig war mit Mailand eine der ersten Städte Europas, in der eine Ausgangssperre verhängt wurde. Die Stadtverwaltung sah sich gezwungen, den Karneval abzusagen. Das war noch niemals zuvor passiert."

Tirelli genießt die Stille, das deutlich hörbare Vogelgezwitscher und den Anblick des klaren Wassers der sonst eher schlammgrünen Kanäle: "Die Leere ist atemberaubend. Sie füllt einen völlig aus. Niemand zuvor hat jemand Venedig so gesehen, nicht mal die Alten."

Paris: "Von extremer Gewalt in ein Niemandsland verwandelt"

Während es in Italien nur 200 Meter sind, die man sich von seiner Wohnung entfernen darf, ist in Paris immerhin ein Kilometer gestattet. Trotz Corona machen die Pariser die Erfahrung: Ihre Stadt sieht leerer schöner aus. Autos im Dauerstau und Horden von Touristen haben den Blick abgelenkt.

Wie in einem Dornröschenschlaf liegt die Metropole jetzt da, seltsam entschleunigt: "Vor ein paar Monaten war es hier voll mit Gelbwesten-Demonstranten, schreienden Menschen, Verletzten. Es ist, als ob wir uns von extremer Gewalt in ein Niemandsland verwandelt haben. Das ist ein unglaublicher Kontrast", berichtet der Pressefotograf Simon Lambert.

Dank einer Akkreditierung als Journalist kann er sich in Paris frei bewegen und nutzt die Gelegenheit, um Fotos von Sehenswürdigkeiten zu machen, vor denen nicht die üblichen Touristenströme auf Einlass warten.

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Vier Metropolen, vier Geisterstädte: Venedig und Paris, New York und London

Foto: Markus Langen/ SPIEGEL TV

New York: "Der letzte Nagel in unserem Sarg"

Kaum eine Stadt der westlichen Welt wurde so hart von der Coronakrise erfasst wie New York. Die Bronzestatue "Fearless Girl" an der Wall Street - sie trägt in diesen Wochen eine Schutzmaske. Sechs Wochen blieb der Taxifahrer Michael Klem zu Hause, seit drei Tagen erst ist er im nahezu menschenleeren Manhattan unterwegs, auf der Suche nach Kunden: "Was die Konkurrenz mit Uber und Lift nicht geschafft hat, das hat das Coronavirus erreicht. Es ist der letzte Nagel in unserem Sarg."

Dass er sich selbst mit Covid-19 infizieren könnte, fürchtet Klem nicht. Vielmehr bedrückt ihn die Frage, wie seine Branche jemals wieder Fuß fassen will: "Ich weiß nicht, ob wir uns davon erholen werden. Das ist schon sehr, sehr schlimm. Ich habe den 11. September erlebt, Hurrikan Sandy und 20 Jahre Krieg gegen den Terror. Aber das hier ist etwas anderes. Ich sehe kein Licht am Horizont, gar nichts."

London: "Wie die Apokalypse"

Wer in diesen Tagen in London unterwegs ist, hat das Gefühl, einer Beerdigung beizuwohnen. So sehr Premierminister Boris Johnson anfänglich gezögert hatte, die Briten in den Lockdown zu schicken, so heftig war die Gegenreaktion, nachdem klar wurde, mit welcher Wucht sich das Virus auf den Inseln verbreitet.

"Es fühlt sich an wie ein Horrorfilm. Diese Leere ist wie die Apokalypse - ein bisschen wie Wahnsinn. Es ist niemand da", sagt der Fahrradkurier Leonardo d'Ambroso, der die Hauptverkehrsadern der Metropole fast für sich allein hat.

Und ein Passant, den das Team von SPIEGEL TV abends in Soho trifft, wundert sich: "Manchmal fragst du dich, ist das wirklich wahr? Ist es nur ein Traum? Wo sind bloß alle hin? Aber wir alle wissen, dass sich die Menschen hinter diesen Mauern befinden. Das ist wie ökonomische Kriegsführung. Man braucht keine Bomben, Kugeln, Gewehre oder Flugzeuge. Man verbreitet einfach ein Virus, einen Keim oder ein Nervengift. Die Gebäude bleiben stehen, aber die Menschen verschwinden."

Die Venezianerin Sara Tirelli wünscht sich die Rückkehr zur Normalität - zugleich aber erfüllt sie die Vorstellung mit Wehmut, dass die historisch einmalige Situation, ihre Stadt menschenleer zu erleben, bald vorüber sein wird. "Die Apokalypse bedeutet nicht das Ende der Welt. Sie ist eine Chance, sich eine andere, bessere Welt vorzustellen."

 "Die Corona-Geisterstädte - Metropolen im Lockdown" wird noch einmal am Montag, 18. Mai, um 12.15 Uhr auf Arte ausgestrahlt und ist auch in der Mediathek verfügbar.

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