Foto: Kai Schwoerer/ Getty Images

Rückholflüge aus Neuseeland "Heiko, come fly for me"

In Neuseeland läuft endlich die Rückholaktion: Mehr als die Hälfte der 12.000 deutschen Urlauber hat das Land verlassen. Es gibt viele Tränen - und ein Kapitän flog eine Dankesrunde über Christchurch.
Von Anke Richter, Christchurch

Um 5 Uhr früh reichte die Schlange vom internationalen Terminal bis zum Parkhaus, mit Sicherheitsabstand - vier Stunden waren für die Eincheckzeit angesetzt. Um 7 Uhr früh sind die Hallen des Flughafens Christchurch wieder menschenleer, bis auf ein Abfertigungsteam in Neonwesten.

Emma Thomsen, 20, und Ben Kurstjens, 19, hasten durch die Schiebetür, mit Gitarre und halb offenem Rucksack bepackt. Nach wochenlangem Warten hatten die Abiturienten nur wenige Minuten zum Packen, als der entscheidende Anruf kam: Ohne Ticket rücken sie jetzt auf den täglichen Rückkehrerflug nach Frankfurt nach. In diesen Corona-Tagen muss man spontan sein.

Kurz darauf sitzen die Backpacker in der Businessclass, erleichtert, auch wenn sie dort keine warme Mahlzeit bekommen werden. Durch den rigiden Lockdown in Neuseeland gibt es kein Catering mehr. Nach dem Auftanken in Bangkok, wegen Ansteckungsgefahr darf niemand aussteigen, müssen Thomsen und Kurstjens für die zweite Hälfte des 25-Stunden-Flugs auf Notsitze wechseln, trotz langer Beine.

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Rückholaktion aus Neuseeland: Songs und Schlangestehen

Foto: Anke Richter

Ein kleiner Preis dafür, in der größten Rückholaktion der bundesdeutschen Geschichte als eine der Letzten sicher Richtung Heimat zu fliegen - und symbolisch für das zermürbende Auf und Ab der in Neuseeland Gestrandeten. Jeden Tag landen rund 1200 von ihnen in der Heimat. Als Dankeschön an die Deutsche Botschaft in Wellington schickte eine Mutter in Deutschland sogar eine Videokonzertbotschaft , glücklich darüber, dass ihr Sohn auf dem Weg zurück war.

Schokohasen für die Crews

In Christchurch melden sich die Last-minute-Passagiere an einem Empfangspult mit deutscher Flagge, ihre Namen werden in einer Excel-Tabelle erfasst, damit die Flugzeuge auch bis zum letzten Platz über die ständig aktualisierte Reserveliste gefüllt sind. Gerade läuft eine soeben aus Bangkok gelandete deutsche Lufthansa-Crew durch die Halle, eine Stewardess hat feuchte Augen. "Ich war selbst im Urlaub in Südafrika, als es losging", sagt sie und bleibt kurz stehen. "Ich weiß, wie das ist."

210 Crewmitglieder wechseln sich diese Woche in Schichten auf zehn neuseeländischen Sonderflügen der Lufthansa ab. "In weniger als einer Stunde nach dem Aufruf für die Rückkehrerflüge nach Neuseeland hatten sich weit mehr Piloten und Flugbegleiter freiwillig gemeldet, als nötig gewesen wäre", so ein Unternehmenssprecher zum SPIEGEL. Auf jedem Flug beklatschen Passagiere die Crew; einige schenken ihnen Schoko-Osterhasen.

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Einer der sieben Helfer im deutschen Team in Christchurch ist Tobias Knuth vom Europäischen Auswärtigen Dienst in Brüssel. Bis zum Lockdown war er selbst als Tourist in Elternzeit unterwegs. Seit dem 1. April ist er statt im Homeoffice jeden Morgen ab 4 Uhr am Flughafen, er hat auch Schweden, Kroaten und eine verzweifelte Polin auf den deutschen Maschinen untergebracht.

"Man muss Ruhe wahren und Verständnis haben", sagt Knuth hinter seiner Maske. Er hat viele Tränen gesehen. Abreisende drücken ihm noch Autoschlüssel in die Hand, die sie nicht mehr abgeben können, er wirft sie später bei den Mietwagenfirmen in den Kasten. Selbst ausfliegen wird er mit seiner Familie wohl erst in zwei Wochen. "Wir gehen ganz zum Schluss, wir haben keinen Einfluss darauf."

Touristen als Gesundheitsrisiko

Der Aktion waren viele Verzögerungen vorausgegangen: Seit Premierministerin Jacinda Ardern Ende März den vierwöchigen Lockdown verhängte, darf man sich nicht mehr öffentlich fortbewegen oder seine Unterkunft wechseln. 12.000 Deutsche, viele davon in Campervans oder als Aupairs und Austauschschüler im Lande, meldeten sich beim Rückholprogramm des Auswärtigen Amts an.

Unter dem Ansturm der 200.000 Registrierungen aus aller Welt kollabierte das überalterte System und musste auf die Schnelle erneuert werden. Zwei Tage bevor die Sonderflüge aus dem Südpazifik starten sollten, wurde die Aktion überraschend gestoppt - nicht in Berlin, sondern in Wellington: Ardern wollte verhindern, dass Tausende Touristen auf dem Weg zu den Flughäfen zum Gesundheitsrisiko werden, obwohl die Ausnahme für "notwendige Reisen" offiziell bestand.

Das traf die Zurückgebliebenen fern von zu Hause hart. Sie konnten ihre Hostelzimmer kaum noch verlassen und wussten nicht, wie lange ihr Geld reichen würde. Die Verunsicherung entlud sich in flammenden Facebook-Posts und Petitionen.

Nur eine Boeing 747 der Lufthansa, die bereits in Auckland bereitstand, durfte noch abheben und wurde bis ins Cockpit gefüllt. Zu den Härtefällen zählte eine Schwangere, die nur Tage später nicht mehr hätte fliegen dürfen, eine 13-Jährige ohne Familie und eine YouTuberin, die zuletzt als Obdachlose nächtelang vor dem Flughafen campiert hatte.

Nach einem Telefonat zwischen den Außenministern Winston Peters und Heiko Maas starteten die gecharterten Maschinen endlich mit einer Woche Verspätung - erst ab Auckland, seit dieser Woche auch ab Christchurch. Air New Zealand fliegt zusätzlich täglich im Wechsel von Christchurch und Auckland. Pauschalreisende, die nicht im Rückholprogramm sind, werden zusätzlich von Condor ausgeflogen, Austrian Airlines und Swiss Airlines schickten ebenfalls Flieger für ihre Leute.

Extrarunde über Christchurch

Da es auf der neuseeländischen Südinsel noch nie eine Lufthansa-Maschine zu sehen gab, lockte das Kranich-Symbol etliche Planespotter, die trotz Lockdown-Regeln zum Flughafen fuhren. Am Dienstag flog der Captain des Flugs LH355 eine Extrarunde über Christchurch, die er sich vorher hatte genehmigen lassen - als Dankeschön an die krisenerprobte Stadt dafür, wie gut sie sich um die "Germans" vor Ort gekümmert hat.

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Einer von ihnen ist Alf Mayer aus dem Taunus. Der 68-Jährige war mit Ehefrau Vera, 67, seit zehn Wochen unterwegs. An der Westküste erreichte sie die Nachricht, dass der für Ostern gebuchte Rückflug gestrichen war. "Eine neue Buchung mit Emirates hielt nicht mal bis zum Frühstück, und bis zum Lunch platzte auch das nächste Ticket über Tokio", sagt Mayer. Bald war die Kreditkarte durch weitere Buchungen überzogen. "Wir erlebten mit, wie Neuseeland binnen 48 Stunden in den Lockdown ging. Auf freundliche Weise ernsthaft, ganz und gar unbiestig."

Durch Zufall bekamen die Mayers Kontakt zu einem Paar, dessen Nachbar sie spontan in seiner Einliegerwohnung aufnahm - "ein cooler Rechtsanwalt mit ordentlich Humor und gutem Weinvorrat". Dort verharrten sie, bis sie auf dem ersten deutschen Flugzeug aus Christchurch über Vancouver das Land verlassen durften. "Das war keine Tortur, sondern eine andere Form des Urlaubs. Wir haben eine großartige Gastfreundschaft erlebt."

Zu den gestressten bis glücklichen Heimkehrern, um die sich die deutsche Botschaft in Wellington kümmert, zählen auch 150 Deutsche, die auf Fidschi festsaßen und am Dienstag in einer konzertierten Notaktion über Australien ausflogen. Kurz bevor der durch die Südsee tobende Wirbelsturm "Herold" den Inselstaat erreichte.

Deutsche in Fidschi: "Heiko, come fly for me"

Deutsche in Fidschi: "Heiko, come fly for me"

Foto: privat

Mitarbeiter der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in der Hauptstadt Suva schafften es jedoch nicht mehr zum internationalen Flughafen in Nadi; 55 weitere sind noch auf anderen Pazifikinseln verstreut. In den bangen Tagen vor dem Rückflug nahm eine Gruppe von Touristen in Fidschi "Leaving on a Jet Plane" im Chor auf, um die Rückholaktion musikalisch anzufeuern.

Eine Zeile darin dichteten sie um: "Heiko, come fly for me".

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