Almabtrieb im Allgäu Runter mit dem Rind

Lange Wimpern, sahnefarbene Mäuler, Kränze auf dem Kopf: Die vierbeinigen Hauptdarsteller beim jährlichen Almabtrieb im Allgäu sind echte Hingucker. Voller Stolz präsentieren die Hirten ihr geschmücktes Vieh - doch für manche ist die Rückkehr ins Tal ein Kulturschock.

Wolfgang B. Kleiner

Von "Alpin"-Autorin Franziska Horn


In Bad Hindelang ist das Datum 9/11 ein Festtag. Denn immer am 11. September treiben die Hirten ihr Vieh von den Bergweiden ins Tal. Aus der Ferne kann das mitunter auch bedrohlich klingen, wenn sich donnernde Hufe mit Schellen- und Glockengeläute mischen.

An der Viehscheidwiese im Dorf wird die Herde getrennt, und die Tiere werden den Besitzern übergeben. Ein wichtiger Tag für die Menschen, das Dorf und das Ostrachtal. Der Viehscheid von Bad Hindelang gilt als einer der größten im Allgäu. Das wird gefeiert: Die Kinder haben dann schulfrei, und bis zu 20.000 Zuschauer besuchen den 5000-Seelen-Ort.

Florian Karg, 40, ist Meisterhirte der Plättele Alpe im Obertal, einem Seitental des Hintersteiner Tals. Er mag den Trubel des großen Viehscheid nicht. Darum zieht er einfach ein paar Tage später hinunter. Rund hundert Sommertage hat er dann auf der Alpe gelebt, rund hundert Stück Galtvieh gehütet - "galt" heißt trocken und bezeichnet Jungvieh, das noch keine Milch gibt -, dazu vier Milchkühe zweimal täglich gemolken. Allesamt bildschönes Allgäuer Braun- und Grauvieh mit wachen, langbewimperten Samtaugen und sahnefarbenen Mäulern.

Drei Generationen am Holztisch

Seit 30 Jahren lebt und arbeitet Familie Karg im Sommer auf der "Plättele", einer uralten Alp auf 1340 Metern: Großvater Norbert mit Ehefrau Traudl, Sohn Florian mit Frau Heidi und die vier Kinder. Und jeder hat eine Aufgabe: Opa Norbert, 69, käst und buttert fünfmal pro Woche. Sein Weichkäse hat es sogar schon in Feinschmeckermagazine geschafft.

Traudl macht die Küche, Florian hütet das Vieh, die semmelblonde Schwester Bernadette kümmert sich um Brotzeiten für die Tagesgäste. Auch Florians Kinder Clara, Maria, Johannes und Benjamin helfen mit. Abends sitzen die drei Generationen um den Holztisch in der Stube - bei Kerzenschein. Denn Strom gibt es nicht, gekocht wird auf dem Gasherd. Ein kleiner Benzinmotor liefert Energie für die Melkmaschine.

Manchmal hört der vollbärtige Florian den Wetterbericht im batteriebetriebenen Radio, damit er besser planen kann. "Die Schweizer machen den besten Wetterbericht", sagt er. Eigentlich wollte er Zitherspieler werden, hat auch mal Zimmermann gelernt, dann an der Musikhochschule in München Gesang studiert. Danach kehrte er in die "Huimat" zurück, ins Obertal: "Weil's in den Bergen einfach schöner ist." Wer seine Alpe gesehen hat, versteht: Der Florian hat recht. Als echter Bergler redet er nicht viel, beobachtet lieber aus ruhigen, klarblauen Augen.

Enge Verbundenheit von Mensch und Natur

Wie vor hundert Jahren bestimmt der Rhythmus der Natur sein Leben. Seit er "drizzäh", also 13 ist, geht Florian auf die Alpe. "Nur wenn kein Unglück passiert, gibt's ein geschmücktes Kranzrind bei dem Viehscheid", sagt er - wenn also kein Rind vom Blitz getroffen wurde, es über Felsen stürzte, sich das Bein brach oder von Kreuzottern gebissen wurde.

Hier oben sind Mensch und Tier noch eng verbunden. Die Arbeit der Hirten ist schwer und verantwortungsvoll. Viel hängt davon ab. Da versteht sich, dass sie ein hohes Ansehen haben. Bis auf 2000 Meter Höhe treibt Florian das Vieh im Hochsommer, lebt dann samt Frau acht Wochen in einer kleinen Holzhütte, die noch mal eine Gehstunde über der "Plättele" liegt.

Noch weiter oben stehen die Gipfel von Laufbacher Eck und Rotkopf mit 2178 Metern. Auf einer Anhöhe unter dem Östlichen Wengenkopf erblickt man das Doismen-Älpele auf 1680 Metern. "Zur Doismen haben wir unsere Hochzeitsreise gemacht", verrät Traudl und krault dabei ein Kätzchen im Arm.

Über der Feuerstelle blinkt ein großer, gehämmerter Kupferkessel. "Nicht hinlangen", sagt Norbert, "sonst läuft er an." Dann grinst er: "Gell, der sieht aus wie der Zaubertrankkessel von Miraculix." Der selbständige Schreiner hat die Plättele Alpe von Grund auf saniert, verputzt, geschindelt. Gelebte Almen mit intaktem Gefüge wie hier sind selten.

Sobald die Weiden abgefressen sind, die Milch dünner und das Buttern schwieriger wird, beginnen die Frauen, Kränze zu binden. "Wir geben einen Spiegel in den Kranz, auf dass sich die bösen Geister beim Reinblicken erschrecken und abhauen", erklärt Traudl. Aus Latschen, Vogelbeerzweigen, Silberdisteln, Enzian, Erika und Bärlapp bindet Heidi eine stattliche Krone. Dem Alperer sind diese Vorbereitungen am Saisonende heilig. Wer täglich die Gewalt der Elemente zu spüren bekommt, wird dankbar: vor allem, dass Mensch und Vieh gesund ins Tal zurückkehren dürfen.

Kuh und Kranz müssen sich vertragen

Mit der Ruhe ist's dann allerdings vorbei. Ein Viehscheid macht nervös, schließlich präsentiert der Hirte die Arbeit des ganzen Sommers. Das springt vom Mensch aufs Tier über. Touristen, Freunde, Nachbarn, Bauern - alle werden da sein. Am Tag vor dem großen Auszug treibt Florian das Vieh in eine Koppel neben dem geschindelten Alphaus. Mit Helfern ersetzt er die kleinen Schellen durch große, schwere: Fünf bis sechs Kilo wiegt so ein Trumm.

Fünf Stunden ziehen Mensch und Tier ins Tal. Auch jetzt, wo Wolken durchs Tal wabern und Regen den lehmigen Boden aufweicht, soll sich niemand verletzen. Die Hirten arbeiten konzentriert, die Leiber der Kühe dampfen vor Kälte und Aufregung. Auf einer Weide vor dem Dorf rasten Hirten und Helfer, putzen die Kranzkühe noch mal mit Schwämmen heraus, bevor es auf den "Catwalk" geht.

"Die Kränze binden wir immer erst kurz vorher auf", sagt Florian. Ein beherzter Griff in die Nüstern der Kuh, schon hält sie still und lässt sich den prächtigen Kopfschmuck aufzäumen. Ob Kuh und Kranz sich vertragen, hat Florian bereits vorher ausprobiert. Er kommt jedes Jahr mit gemischten Gefühlen ins Tal. "Das ist jedes Mal ein Schock. Wenn'st dir den Alltag im Tal anschaust, meinst, die sind verrückt da unten! Es dauert immer ein paar Tage, bis ich mich wieder eing'wohnt hab."

Die schönsten Almabtriebe in Bayern und Tirol
    Plättele Alpe im Allgäu
    Was in Bayern Almabtrieb heißt, nennen die Allgäuer Viehscheid. Und eine Alm firmiert als Alpe. Am Ende des Alpsommers treiben die Hirten das Vieh ins Tal und geben es feierlich den Besitzern zurück, es wird "geschieden", vom Oberhirt oder Meistersenn aussortiert. Mit ca. 1000 Tieren zählt der Hindelanger Viehscheid zu den größten im Allgäu, er findet am 11. September statt. Von Hindelang aus bieten sich zahlreiche Wandertouren im südlich gelegenen Hintersteiner Tal, im Obertal oder Bärgündeletal an. Steiler unterwegs ist man am Hindelanger Steig oder dem Salewa Klettersteig am Iseler.
  • Touristinfo Bad Hindelang: 87541 Bad Hindelang, Tel. +49 8324 8920, www.badhindelang.de
  • Schlechtenbergalm im Chiemgau
    Mitten im stark frequentierten Kampenwandgebiet lebt Familie Scheck auf der Schlechtenbergalm noch immer ein Stück traditionelles Almleben. Was Wanderer davon haben? Frische Alm- oder Buttermilch in Bio-Qualität, dazu selbst gemachten Käse und einen weitschweifenden Blick auf Voralpenland und Chiemsee. Wer zuvor in rund 2 ¾ Std. den nach wie vor lohnenden Kampenwandgipfel erobert hat, dem schmecken Topfenstrudel oder Speckbrot doppelt so gut. Ihren Almabtrieb organisieren Lorenz und Ingrid Scheck im privaten Rahmen.
  • Chiemgau Tourismus: 83278 Traunstein, Tel. +49 861 9095900, www.chiemgau-tourismus.de
  • Berchtesgadener Land
    Beim Berchtesgadener Almabtrieb setzen die Kühe von Salet- und Fischunkelalm auf Transportbooten über den Königssee. Erst danach werden sie geschmückt. Ab dem 24. August darf mit dem "Kranzen" begonnen werden - falls Mensch und Tier kein Unglück erlitten haben. Beim Abtrieb tragen die Rinder den typischen Kopfputz, Latschenboschen oder auch "Fuikln": mehrstöckige, kugelförmige Kronen aus Tannengipfeln. Bis Anfang Oktober kehren die Kühe ins Tal zurück, wo man sie in Ramsau und Schönau am Königssee mit einem großen Fest empfängt. Mitwandern ist - mit Respekt und Abstand - ab der Bindalm möglich, ein Almfest findet an der Infostelle Nationalpark Klausbachhaus (Parkplatz) statt. Die passiert auch der schöne Zug von der Bindalm hinab.
  • Berchtesgadener Land Tourismus: 83471 Berchtesgaden, Tel. +49 8652 6565050, www.berchtesgadener-land.com
  • Wildschönau in Tirol
    Das Ende des Bergsommers feiern die "Alminger" der Wildschönau traditionell mit der Gru-Nacht. In der letzten Nacht (heuer am 21.09.) treffen sich Alpbauern, Familie und Nachbarn in der Hütte zu einem "Hucker", manchmal mit Musikbegleitung, doch immer mit kräftigem Essen wie dem Melchermus - einer einfachen, gehaltvollen Mehlspeise aus der Eisenpfanne. Robin Silberberger von der Farnkaseralm beschreibt das als wehmütigen Moment des Abschieds. Auch auf der tiefer liegenden Schönangeralm, wo 260 Tiere sömmern, wird gefeiert. Am Ende der Nacht werden die Tiere gemolken, die Sachen gepackt und die Kühe geschmückt - "aufgebischt". Gemeinsam geht es talwärts. Die urige Farnkaseralm auf der gegenüberliegenden Talseite ist bekannt für ihr Almfrühstück. www.schoenangeralm.at
  • Wildschönau Tourismus: A-6311 Wildschönau, Tel. +43 5339 8255, www.wildschoenau.com
  • Krün in Oberbayern
    Wenn die beschauliche 2000- Seelen-Gemeinde alljährlich am 15.09. Almabtrieb feiert, ist das ganze Dorf auf den Beinen: Dann kehren mehr als 100 Rinder von den Bergweiden zurück. Jährlich rund 5000 Zuschauer lassen sich das nicht entgehen. Denn hier steht noch altes Brauchtum im Mittelpunkt, wenn die Hirten das Weidevieh durch den Ort zum Festplatz treiben. Ein traditioneller Bauernmarkt mit heimischen Produkten rundet den Festtag ab. Und wo Bayern feiern, darf ein Bierzelt nicht fehlen, natürlich mit Blasmusik und Tracht.
  • Touristinfo Krün: Tel. +49 8825 1094, www.kruen.de, www.alpenwelt-karwendel.de
  • Finkenberg in Tirol
    Früh am Morgen des 14. Septembers (2013) machen sich Senner und Hirten an der Berliner Hütte im Zemmgrund auf, um mit einem langen Zug von Haflingern und Bergschafen den 30 km langen Heimweg anzutreten. Wer mag, kann sich anschließen und bis ins Tal nach Finkenberg mitwandern. Etwa um die Mittagszeit treffen die Älpler dann im Festzelt in Finkenberg im Tuxer Tal ein.
  • Zillertal Tourismus: A-6262 Schlitters, Tel. +43 5288 87187, www.zillertal.at
Dies ist ein gekürzter Text aus der Zeitschrift "Alpin", Ausgabe 9/2013



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Seite 1
Rainer Helmbrecht 11.09.2013
1.
Zitat von sysopWolfgang B. KleinerLange Wimpern, sahnefarbene Mäuler, Kränze auf dem Kopf: Die vierbeinigen Hauptdarsteller beim jährlichen Almabtrieb sind echte Hingucker. Voller Stolz präsentieren die Hirten ihr geschmücktes Vieh - doch für manche ist die Rückkehr ins Tal ein Kulturschock. http://www.spiegel.de/reise/deutschland/allgaeu-almabtrieb-als-festtag-a-921376.html
So unterschiedlich wird Kultur gesehen. Ich bin vor Jahren im Baskenland heimisch geworden und als Bayer war ich sehr begeistert als ich zum Almabtrieb eingeladen wurde. Ich schwärmte unserer Gastgeberin von dem zu erwartendem Brauch vor und schilderte in glühenden Farben von dem zu erwartendem farbenfrohen Erlebnis vor. Sie hörte mir zu, aber schwärmte nicht mit. Als ich sie fragte ob Franzosen den Almabtrieb nicht kennen, antwortete sie, ebenfalls begeistert, vom Almabtrieb im Baskenland, aber das hörte sich völlig anders an. Sie Erzählte von einen großartigem Essen, nachdem man die Tiere von der Alm geholt hat. Vermutlich haben die Kühe den Almabtrieb auch nicht für etwas tolles gehalten, aber ob sie die Fete der Menschen mehr beeindruckt, weiss ich auch nicht. MfG. Rainer
dr.joe.66 11.09.2013
2. Die 4 Kinder ...
... sind zu beneiden. Großes Haus, einen ganzen Berg als Spielplatz und den ganzen Tag draußen - und die Eltern sind nicht in Meetings oder auf Dienstreise, sondern da... Klar sehnen die Kids sich wahrscheinlich auch mal nach iPhone, Facebook, Fernsehen, und sonstiger "Action". Aber ich wette, dass sie es nicht auf Dauer in einer Stadt und der so genannten "Zivilisation" aushalten werden.
Ratzbär 11.09.2013
3. Durchgehen
"Donnernde Hufe"? Das ist Frau Horn wohl ein wenig die Tastatur durchgegangen ...
Airkraft 11.09.2013
4. Kulturschock...
Kulturschock für wen? Für für die Hirten, die Rindviehcher oder für beide?
gsinill 11.09.2013
5. Heimweh...
Bin gebürtiger Allgäuer und vor über 15 Jahren in die USA gezogen. Sitze gerade in meinem zimmerlosen Projektraum (im eigentlich recht schönen North Carolina) und nutze die 10 Minuten bevor der Rest der Kollegen eintrudelt für meinen allmorgentlichen "news Flash" via SPON. Es sind Bilder wie diese, die mich ins Grübeln bringen ob mein Entschluss damals der richtige war. Bestätigung, dass man den Wald manchmal vor lauter Bäumen nicht sieht, denn ich kann wahrscheinlich an einer Hand abzählen, wie oft ich in den mehr als 30 Jahren in denen ich in der Region gelebt habe, selbst beim Viehscheid gewesen bin. Gerade jetzt würde ich mich am liebsten ins Flugzeug setzen und über den Teich fliegen... Und, ja, die Kinder dort oben auf der Alm wissen wahrscheinlich gar nicht wie gut sie's haben... Insbesondere verglichen mit dem wohlbehüteten, bis in die letzte Minute verplanten und von propeller moms zur dance class, zum Fussballtraining und dann zum Klavierunterricht chauffierten Nachwuchs in meinem Bekanntenkreis. Naja, wie sagt man hier so schön: "The grass is always greener on the other side..." :-)
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