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168 Hektar Eis: Winterzauber in Hamburg

Foto: Christian Charisius/ dpa

Alstervergnügen in Hamburg 168 Hektar Winterparty

Volksfeststimmung auf der Alster: Bei Deutschlands größter Eisparty in Hamburg freuen sich Schlittschuhverleiher und Caipirinha-Buden über riesigen Andrang. Die mobile Sauna findet dagegen weniger Zuspruch als erwartet - ein Striptease bei minus fünf Grad ist offenbar nicht jedermanns Sache. 

Fauchende Kufen, klackende Hockeyschläger - halb Hamburg gleitet dieser Tage verzaubert übers Eis. Die Kälte der vergangenen Wochen frostete den Stausee der Stadt und bescherte ihren Bewohnern ein Volksfest, wie sie es seit vielen Wintern nicht erlebt haben. Mit der Nase im Wind gleiten Männer und Frauen über die fast zwei Kilometer lange Außenalster. Manch einer steht einfach mit geschlossenen Augen da, lauscht dem Ächzen des Eises, das unter seinen Füßen arbeitet.

"Es ist wie in Ontario", sagt eine Hamburgerin, die ihre Kindheit zum Teil in Kanada verbrachte. Stundenlang habe sie den Nonnen von Kingston beim Schlittschuhlaufen zugesehen, bewundert, wie sie ihre Trachten zum Tanzen brachten. "Bei den Pirouetten wurden die sich drehenden Röcke zu schwarzen Kreisen auf dem weißen Eis", sagt die Frau im Pelzmantel. Unter ihrem Arm trägt sie ihre Stiefel, an den Füßen Schlittschuhe.

Das letzte offizielle Eisvergnügen auf der Alster im Herzen Hamburgs fand vor 15 Jahren statt. Damals standen Dutzende Buden auf dem Eis, was dieses Mal streng verboten ist, die Hamburger Umweltbehörde hat Würstchen- und Glühweinverkäufer an den Uferrand verbannt. Letztes Mal sei einfach zu viel Müll auf dem Eis geblieben, sagt Behördensprecherin Kerstin Graupner. Und was nicht entsorgt werde, könnte später in der Alster landen - der Umweltschutz gehe vor.

Rutschpartie auf 168 Hektar

Die Hamburger finden das gut. "Die Natur sieht doch ohne Buden viel schöner aus", sagt die 63-jährige Ingeborg Klostermann. "Die Stände machen nur Dreck und Lärm." Ihre Enkelinnen Anna und Janina haben das Spektakel von 1997 nicht miterlebt. Die Zwillinge feiern dieses Wochenende ihren 14. Geburtstag - auf Schlittschuhen und mit ihrer siebenjährigen Schwester Mia-Maria im Schlepptau.

Die 168 Hektar große Eisfläche, die das Zentrum Hamburgs bildet, zieht dieses Wochenende die Massen an. Hunderttausende Menschen werden erwartet, allein für den Samstagvormittag meldete die Polizei bereits 80.000 Besucher. "Passiert ja nicht alle Tage", sagt nüchtern, wen immer man auf der Alster danach fragt, warum er hier ist. Es ist schon erstaunlich, wie ein simples Naturphänomen, das Produkt aus H2O und klirrender Kälte, zum Happening gemacht wird. Rund um die Außenalster herrscht Volksfeststimmung. Ein Eisläufer hat sich mit den Spitzen seiner Kufen gar im Eis verewigt: "Danke, Hamburg" schrieb er auf drei, vier Metern Breite. Die Einkerbung hat er mit Schnee gefüllt, so dass sich der weiße Schriftzug gut vom dunklen Eis abhebt.

"Habt ihr auch Spikes für die Schuhe?" Nein. "Ist noch ein Paar in Größe 43 da?" Ja. Zwei junge Hamburger versorgen an diesem Wochenende die Massen mit einem begehrten Gut: mit Schlittschuhen. "Wir haben 250 Paare", sagt Kufenverleiher Sören - zumindest war das am Morgen noch so. Inzwischen leeren sich seine Kisten, eine Frau mit Größe 40 muss einen Moment warten, bis jemand die 90 Minuten auf dem Eis hinter sich hat. So lange darf die knallig orangefarbenen Schlittschuhe behalten, wer vier Euro zahlt. Das Geschäft laufe gut, sagt Sören, "aber ganz schön kalt ist es". Nach Feierabend werde er sich auch sein Paar unterschnallen und dann eine Runde Eishockey spielen. Die Schläger stehen schon in einer Zeltecke bereit.

Gassigehen auf Glatteis

Während die Alster im Sommer ein Spielplatz für Wassersportfans ist - zwischen März und September streiten sich hier Segler, Ruderer und Paddler um Wind, Wellen und den begrenzten Platz - nutzt ganz Hamburg das Binnengewässer nun für andere Freizeitaktivitäten: Jugendliche veranstalten Wettrennen auf Kufen, junge Eltern fahren ihre Säuglinge spazieren, Hundehalter führen ihre Vierbeiner aus. "Wir müssen ja eh raus", sagt die 22-jährige Eileen Giffey, die mit ihrer Mutter und ihren zwei Bolonka Zwetnas über die Alster glitscht. Gassigehen auf Glatteis, da stimme einfach die Atmosphäre. Die Tiere sind dick eingepackt: Fienchen in eine rosa Steppjacke, die trächtige Maggie in ein mit Perlen besticktes Wollkleid "Die Rasse hat kein dickes Unterfell und friert schnell", erklärt Hundezüchterin Giffey. Bolonka Zwetna ist russisch und bedeutet übersetzt "bunter Schoßhund."

Farbenfroh geht es auch am Ufer zu: Händler bieten ihre Ware feil, verkaufen bunte Strickschals, afrikanisches Erdnusscurry mit veganen Zutaten und Caipirinha. Von einem Stand dröhnt der Bacardi-Sound, aus einer anderen Richtung Marianne Rosenberg. Hanseatischer geht es dagegen bei Peter Kleinworth zu, einem Hamburger, der jeden Sonntag auf dem Fischmarkt Käse verkauft. Dieses Wochenende geht er fremd, er hat von Freitag bis Sonntag einen Stand auf den Alsterwiesen gepachtet. "Das hier konnte ich mir doch nicht entgehen lassen", sagt der Geschäftsmann mit der gelben Schürze. "War ja froh, dass ich den Zuschlag für einen der Plätze bekommen habe." Mehr als 1000 Bewerbungen habe es in den letzten Tagen gegeben, nur ein paar Dutzend kriegten eine Lizenz. Nun darf Kleinworth Schmalzbrote und Käsespieße verkaufen. "Man muss Prioritäten setzen."

Ein paar Meter weiter hat Philipp Neumann-Wolff seine mobile Sauna aufgebaut, eine Röhre aus Holz, in der ein Feuer im Ofen lodert. Die Hütte darf betreten, wer sich traut, zuvor in einen Bottich mit eiskaltem Wasser zu springen. "Wir suchen den härtesten Hamburger", sagt Neumann-Wolff. In Finnland, wo die Sauna erfunden wurde, seien die Leute auch hart im Nehmen. Interessieren tun sich viele für die Sauna - doch das Eisbad schreckt die meisten schon ab, bevor sie auch nur einen Finger hineingesteckt haben. Nur ein Quietscheentchen dümpelt auf der Wasseroberfläche.

Tauchgang bei Minusgraden

Einen Ruck geben musste sich auch Anne Goltz. Die Reifen ihres Rollstuhls gleiten geräuschlos über die gefrorene Alster, zum allerersten Mal. "Ich war erst unschlüssig, ob ich's machen soll", erzählt die 65-Jährige, während sie mit den Armen Gymnastik macht, um sich aufzuwärmen. "Aber als ein junger Mann sah, wie ich verstohlen auf das Eis blickte, fragte er mich und meinen Mann, ob er uns behilflich sein könne." Er konnte und trug Anne Goltz über die Böschung. "Mein Rollstuhl ist kein Hindernis", sagt sie und die Sonne blitzt über ihr strahlendes, von einem Fellkragen umrandetes Gesicht.

Was ihr entgangen wäre, hätte sie sich nicht auf Eis gewagt? Kinder bei übermütigen Rutschpartien auf einem kaputten Regenschirm. Väter, die in einem Sportgeschäft ein letztes Paar Schlittschuhe ergattert haben und die Beute nun aus einer bunten Plastiktüte hervorzaubern. Hunde, deren Beine sich beim Sprint fast verheddern. Leises Ächzen unter dem 20 Zentimeter dicken Eis. Und gleißendes Sonnenlicht. Es bringt gerade so viele Millimeter der hervorstehenden Eisplatten zum Schmelzen, dass ein feuchter Film drauf entsteht.

Am Nachmittag endlich entschließen sich zwei junge Männer für einen Saunagang. Sie entblößen sich bei minus fünf Grad auf den Alsterwiesen, hüpfen in den eisigen Wasserbottich, tauchen einmal unter - und retten sich danach schnell in die Holzröhre mit 90 Grad Lufttemperatur. Jeder einzelne Muskel hat sich unter Wasser verkrampft. Das also sind die kernigsten Hamburger? Nicht ganz - die zwei Männer in der Sauna kommen aus Düsseldorf.

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