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Eva Lehnen/ DER SPIEGEL

Hoteloffice statt Homeoffice Endlich Ruhe!

Weil Corona-bedingt keine Übernachtungsgäste mehr kommen, entdecken Hoteliers eine neue Zielgruppe: Homeoffice-Flüchtlinge.
Von Eva Lehnen

Man muss es wirklich so sagen: Ich bin auf der Flucht, als ich an diesem Montagmorgen meinen Laptop in den Rucksack stecke und auf mein Fahrrad steige. An jeder roten Ampel rufe ich mir den vierstelligen Geheimcode ins Gedächtnis, der mir am Vortag per E-Mail übermittelt wurde und der mich heute retten soll. Oder besser gesagt, meinen Arbeitstag. Denn der würde zu Hause vermutlich mal wieder nur mäßig funktionieren.

Meine Konzentrationskiller sind vier und fünf Jahre alt. Ich liebe sie von Herzen. Doch als Co-Worker taugen sie nicht. "Kinder, Mama fährt morgen früh in ein Hotel", habe ich ihnen am Vorabend vor dem Einschlafen eröffnet. Ihre Frage, ob ich Urlaub mache, habe ich bejaht. Denn die Aussicht auf einen völlig ungestörten Arbeitstag fühlt sich fast ein bisschen danach an.

Um 8.30 Uhr kette ich mein Rad in einer ruhigen Nebenstraße im Hamburger Schanzenviertel an. Die Schlüsselbox, für die ich den Code brauche, befindet sich links neben dem Eingang des My Place Hotel .

Zwölf charmante Zimmer liegen hinter beige-grau-lilafarbener Fassade. Inhaberin Ingrid Domann, 61, hat sich hier vor zwölf Jahren einen Lebenstraum erfüllt. Übernachtungen kosten ab 84 Euro. Normalerweise.

Doch seitdem nichts mehr normal ist und Touristen und Geschäftskunden Corona-bedingt stornieren, vermietet Domann an Ruhe suchende Homeoffice-Flüchtlinge wie mich. Zwischen 17 und 23 Euro kostet die Raumnutzung zwischen 7 bis 22 Uhr. Den Deal  will ich ausprobieren.

My-Place-Inhaberin Ingrid Domann (r.) mit Tochter Julia, Hotelmanagerin

My-Place-Inhaberin Ingrid Domann (r.) mit Tochter Julia, Hotelmanagerin

Foto: Eva Lehnen/ DER SPIEGEL

Erwartungsvoll beziehe ich das Zimmer "Blankenese". Den Schreibtisch lasse ich zunächst links liegen. Stattdessen nehme ich die frei stehende Badewanne neben dem großen Bett in Augenschein. Ich erwäge, eine E-Mail an meine Chefinnen zu schreiben, um meine Abwesenheit bei der gleich beginnenden Ressort-Videokonferenz zu entschuldigen: "Melde mich später, tauche jetzt erst einmal ab. Deep Work." Es wäre nicht einmal gelogen. Dass "deep" sich in diesem Fall eher auf die Badewannentiefe beziehen würde, müssen sie ja nicht wissen.  

Leider erinnert mich eine Passage in der Buchungsbestätigung an die Regeln. "Der Preis beinhaltet Schreibtischnutzung, Toiletten- und Waschbeckennutzung, Bett und Sessel zum 'mal die Füße hochlegen'". Bye-bye Schaumbad!

Ich setze mich also dahin, wo ich hingehöre: an den Schreibtisch. Dass er wesentlich kleiner und schmaler ist als ein normaler Bürotisch, stört mich nicht. Ich brauche heute sowieso nur Platz für meinen Laptop.

Das Tablett mit einer Flasche Desinfektionsmittel und ein Weckglas mit Einweghandschuhen (die soll man sich anziehen, wenn man unten im Frühstücksraum die Kaffeemaschine benutzt oder sich einen Tee machen möchte) schiebe ich vorerst zur Seite und wähle mich in die Konferenz ein.

Auch das Hamburger Hotel Wedina bietet Arbeitsplätze an

Auch das Hamburger Hotel Wedina bietet Arbeitsplätze an

Foto: Hotel Wedina

Mit Grausen denke ich an eine Teambesprechung in der vergangenen Woche, als die Kinder mittendrin auf meinem Schoß sprangen, um nur mal schnell "Hallo" zu sagen, dann aber noch länglich die Haarfarben meiner Kolleginnen erörtern wollten. Heute also eine Konferenz ohne erhöhten Puls. Danach fange ich an zu recherchieren. Ungestört. Es ist herrlich.

Zu Hause ist ja so: Nicht nur Kinder oder ein anwesender Partner, die Partnerin oder andere Mitbewohner*innen lenken ab, sondern so ziemlich alles andere auch. Heimarbeiter müssen die Kunst erlernen, all die anderen To-dos zu ignorieren, die einem jenseits der Erwerbsarbeit auflauern. Leichter gesagt als getan. Wer sich in der Küche etwas zu trinken holen will, kommt kaum an dem Frühstücksgeschirr vorbei, das eigentlich noch in die Maschine müsste. Wer das Badezimmer aufsucht, sieht natürlich auch den Wäscheberg, der eigentlich mal in die Maschine sollte. Das Angenehme am Hotelzimmer ist: Es will wirklich nichts von einem.

Rund 300 Häuser, die in ganz Deutschland und auch in der Schweiz und Österreich zum entspannten Arbeiten einladen, verzeichnet die Webseite homeoffice-im-hotel  auf einer Karte.

Im My Place hat sich außer mir an diesem Tag noch ein Jurist eingemietet. Am Nachmittag begegnen wir uns kurz auf der kleinen Terrasse im Erdgeschoss. Mit Abstand natürlich. Am liebsten würde Friedolin Röhl, 29, jetzt in der Bibliothek sitzen, um sich in Ruhe auf die mündliche Prüfung des zweiten Staatsexamens vorzubereiten. Doch die hat geschlossen – also investiert er einen Teil seines Referendargehalts in den Lernplatz im Hotel. "Mir ist es das wert", sagt er. "Zu Hause in der Wohnung lasse ich mich schnell ablenken."

Auch ein Ehepaar mit zwei Kindern hat sich für mehrere Tage angemeldet. Morgens kommt sie, um ihre Promotion voranzutreiben, nachmittags checkt er ein, um an einem Forschungsprojekt zu arbeiten.

Insgesamt zwölf Arbeitsplatzbuchungen haben die Domanns bislang erreicht. "Wirtschaftlich helfen die uns natürlich nicht entscheidend weiter, aber wir finden es schön, mit unserem Angebot gerade den Menschen aus der Nachbarschaft ein bisschen durch diese Zeit zu helfen", sagt die Inhaberin.

Während ihre Gäste auf den Zimmern die Ruhe zum Arbeiten genießen, plagen Domann handfeste Sorgen. Eigentlich wäre das Hotel jetzt zu Ostern und in den Folgewochen mit Übernachtungsgästen ausgebucht. Doch seit einigen Wochen bearbeitet Ingrid Domann nun all die Stornierungen. Privatreisende dürfte sie in der aktuellen Lage ohnehin nicht beherbergen, Geschäftsreisende theoretisch schon. Praktisch kommt keiner. Ihre Mitarbeiter hat sie in Kurzarbeit geschickt. Die Gehälter muss sie vorfinanzieren, Einkommens- und Gewerbesteuerzahlungen sind bis Sommer gestundet.

Domann hat ausgerechnet, dass sie so wohl noch zwei bis drei Monate durchhalten könnte. Wenn sich bis dahin nicht ändert, müsste sie Angestellte entlassen. Und dann? Sie macht eine Pause. "Dann würde es dieses Hotel irgendwann so nicht mehr geben", sagt sie. Neben ihr sitzt Tochter Julia. Zusammen mit den Angestellten hatte die 34-jährige Hotelmanagerin die Idee, das My Place vorübergehend zum "My Office" zu machen.

Wo sie können, packen die Frauen gerade selbst an. Genauso wie Ricarda Schröder. Sie gehört zum Geschäftsführer-Trio des Hotel Wedina  im Hamburger Stadtteil St. Georg nahe der Alster. Auch sie geht derzeit persönlich durch die 54 Zimmer, desinfiziert Türklinken und Oberflächen und freut sich über Anfragen von Arbeitsplatzsuchenden . Sechs waren es bisher.

"Es ist also noch recht verhalten, aber es kommt ja auch nicht jeder gleich darauf, in einem Hotel nach diesem Angebot zu suchen", sagt Schröder. Und natürlich sind die derzeitigen Angebote der Hotels auch ein Luxus, den man sich in diesen Zeiten überhaupt leisten können muss.

Geschäftsführerin des Hotel Wedina: Ricarda Schröder

Geschäftsführerin des Hotel Wedina: Ricarda Schröder

Foto: Eva Lehnen/ DER SPIEGEL

Als ich abends im My Place meinen Laptop zuklappe und wieder auf die Straße trete, spüre ich, wie gut mir die ungestörte Arbeitszeit getan hat. Für mich waren das gut investierte 23 Euro.

Trotzdem hoffe ich, dass ich das nächste Mal doch eher als ganz normaler Gast wiederkommen kann. Nach Corona. Wenn aus "My Office" hoffentlich wieder My Place geworden ist.

Denn auch das ist eine Idee, die ich gern mal ausprobieren möchte: Wenn gerade kein großer Urlaub drin ist, dann wenigstens mal für eine Nacht in der eigenen Stadt ein Hotel in einem anderen Stadtteil beziehen. Freunde haben es ausprobiert und fanden es super.

Aber jetzt schnell zurück nach Hause. Die Angehörigen im Homeoffice-Haushalt nach ihrem Tagwerk befragen. Und dann - werde ich vermutlich nach der Wäsche gucken.