Kurioses Archiv im Frankfurter Flughafen "Spucken mit Tell"

Im Keller des Frankfurter Flughafens wacht der 78-jährige Hector Cabezas über ein unterhaltsames Luftfahrtarchiv. Abertausende Sammlerstücke lagert der ehemalige Pilot und Frachtleiter hier - von der Schweizer Spucktüte bis zum Pilotenabzeichen aus Hollywood.

Oliver Keppler

Von Oliver Keppler


Auf einer schweren Brandschutztür klebt ein Schild: "Airline-Archiv". Dahinter beginnt die wilde Luftfahrtwelt des Hector Cabezas. Hier sind die Wände tapeziert mit Fotos historischer Maschinen, in den Regalen stapeln sich Hunderte von Kapitänsmützen, und die Sitzreihe einer Fluggesellschaft dient als Bücherablage. Aus allen Ecken grüßen Werbeaufsteller in Form lächelnder Stewardessen. Über ihren Pappköpfen hängen meterlange Flugzeugmodelle.

Zwar sind es nur sieben Kellerräume, die sich ein paar Meter unter dem Terminal 2 des Frankfurter Flughafens verstecken. Aber es ist kaum zu glauben, welche Entdeckungen in diesen Kellerräumen zu machen sind.

Der Deutsch-Argentinier Hector Cabezas sammelt alles, was mit der Fliegerei zu tun hat. Vieles davon gehört zu längst untergegangenen Fluggesellschaften, zur legendären Pan Am aus den USA zum Beispiel. Vieles dürfte wertvoll sein, so wie die erste Telefonanlage des Flughafens nach dem Krieg, ein hölzerner Kasten mit Hörer und Wählscheibe. Wie viele Stücke hier unten lagern, weiß Cabezas selber nicht. "Vielleicht 300.000?"

Schon 1992 hat er es mit einem Teil seiner Sammlung ins Guinness-Buch der Rekorde geschafft. Er besitzt Tausende Pilotenabzeichen, darunter viele Exemplare fast unbekannter Airlines, wie die Taunus Air oder Aéropostale. Für Letztere war einst Antoine de Saint-Exupéry in die Lüfte gestiegen, bevor er als Autor des Buches "Der kleine Prinz" berühmt wurde. Zu den Kellerschätzen zählt auch ein fiktives Abzeichen der Air America, das im gleichnamigen Hollywood-Film an der Brust von Mel Gibson zu sehen war.

Pilot am Boden

Die Embleme hat Cabezas auf Pappen geklebt, daneben stehen in Schreibmaschinenschrift die wichtigsten Daten. Zwar hat der 78-Jährige einen PC, aber "mit diesem Teufelsgerät kann ich nicht umgehen". Ein Flugzeug fliegen? "Kein Problem", sagt er mit Augenzwinkern, "das kriege ich noch hin. Aber wo war noch gleich der Anschaltknopf des Computers?"

Den Pilotenschein hat er in Argentinien gemacht. Damals war er 17 Jahre alt und durfte offiziell noch gar nicht ans Steuer. Wenig später ging er nach Europa und flog DC-3-Frachtmaschinen für die niederländische Martinair.

Doch eine Diabetes-Erkrankung bedeutete das frühe Aus seiner Laufbahn. Er wechselte zum Frankfurter Flughafen und arbeitete fortan als Cargo-Mitarbeiter. 26 Jahre war er Frachtleiter für die russische Aeroflot. Das sei die schönste Zeit gewesen, sagt Cabezas, die Russen hätten ihn gut behandelt. "Aber schreiben Sie das bloß nicht", sagt er trocken, "sonst denken die Leute noch, ich sei Kommunist."

Wer ein paar Minuten mit Cabezas zusammen ist, merkt schnell: Die Attraktion des Archivs ist Cabezas selbst. Ein kleiner Mann mit grauem Bürstenhaarschnitt und wachen Augen. Er sammelt, seit er denken kann, aber er weiß, dass das hier verrückt ist.

Warum sonst würde man das gerahmte Bild eines stolzen Kosmonauten direkt neben einen Spielzeugflieger stellen, der von einer Ente gesteuert wird. Cabezas liebt, was er tut, und er macht das mit feinem Witz. Wenn er seine Streichholzschachteln mit Airline-Logo präsentiert, dann mit dem Hinweis, dass er in einem anderen Leben wohl Brandstifter geworden wäre.

Um seine historischen Fliegerbrillen präsentieren zu können, hat er Modelköpfe besorgt. Aber statt über die Pionierzeiten der Luftfahrt zu sprechen, beschäftigt sich Cabezas mit der Frage, wie das Ganze lebensechter aussehen könnte. In der Faschingszeit hat er Schnurrbärte zum Aufkleben gekauft. "Aber ich suche noch einen richtigen Moustache, so einen, wie ihn Kaiser Wilhelm getragen hat."

"Alle leer, versprochen"

Und als wäre ein Cabezas nicht schon unterhaltsam genug, trifft man meistens zwei von ihnen. Denn auch seine Frau Paula ist jeden Tag im Archiv. Während Hector nicht mehr so gut zu Fuß ist, wirbelt sie mit Energie durch die Räume. Während er langsam spricht, überschlagen sich ihre Worte. Lachen tun sie beide gern. Ein Schauspiel ist es, wenn sie ihren Gast in die Zange nehmen.

Links präsentiert sie buchdeckelgroße Tickets der Bonanza Air Lines und der Aden Airways. Rechts spricht er über das Fliegen im Zeppelin. Links zeigt sie ein Foto, das vom Hobbypiloten John Travolta signiert wurde. Rechts erzählt er etwas über das Geschirr aus der Concorde. Ihr Akzent, ein deutsch-spanischer Singsang, ist so schön, dass man stundenlang zuhören möchte. Und während Hector noch spricht, zupft Paula schon am Ärmel des Gastes. "Kommen Sie, das müssen Sie sehen."

Beliebt bei Besuchern ist vor allem die Spucktütensammlung. "Alle leer, versprochen", sagt Hector Cabezas und wühlt, bis er ein schönes Exemplar der Swiss Air gefunden hat, die den Schweizer Nationalhelden zeigt. "Kotzen mit Tell", sagt er gedankenverloren, während sein Kopf schon wieder in einer anderen Kiste verschwindet.

Im Anprobenzimmer, so nennen sie einen der Räume, lagern 500 Uniformen, alte Kostüme der Air India und 60 Jahre alte Mechaniker-Blaumänner der Pan Am. Schaufensterpuppen präsentieren den Stoff wie in einem Modeatelier, der Großteil lagert aber in Kisten. Wollte man alles zeigen, bräuchte man eine Flugzeughalle.

"Der Verrückte aus den Katakomben"

Und die Sammlung wächst. Nach wie vor startet Cabezas seine Beutezüge. Die Mitarbeiter der Airlines kennen ihn schon und wissen, dass er hartnäckig sein kann. Wenn er darüber spricht, nimmt er sich mit großer Freude selbst auf die Schippe: "Herrje, Sie mit Ihrer komischen Sammlung, nehmen Sie schon und hauen Sie ab." Und seine Frau Paula fügt flüsternd hinzu: "Passt auf Leute, da kommt der Verrückte aus den Katakomben."

Dort unten, in diesen Katakomben, hat der Flughafenbetreiber Fraport jetzt einen weiteren Raum zur Verfügung gestellt. Zwar ist Cabezas kein Mitarbeiter, aber längst gehört er zur großen Flughafenfamilie. Doch braucht er den Platz überhaupt? "Hören Sie mal. Da draußen gibt es doch noch so viel, dass man sammeln kann." Und überhaupt: Zeit hätten er und seine Frau genug: "In Rente gehen wir mit 120."


Information: Das private Airline-Archiv kann besucht werden, befindet sich aber in einem nicht-öffentlichen Teil des Terminals 2. Anmeldung bei Hector Cabezas unter Telefon 069-69070965. Seine Frau Paula holt Gäste am Schalter der Air France ab.



insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
spon_2350411 07.01.2014
1. Bravo
Gratuliere, das ist super!
mirkor 07.01.2014
2. Einmalige Sammlung!
ich fürchte nur, dass ab sofort das Telefon des netten Mannes ab sofort nicht mehr still sein wird...
mark.hallstein 07.01.2014
3. Zwei wundervolle Menschen
Paula und Hector Cabezas sind zwei wundervolle Menschen. Ich durfte sie schon kennenlernen. Sie sind eigentlich immer positiv gestimmt und können sich an Kleinigkeiten erfreuen. Es gibt so viele griesgrämige Menschen. Aber davon sind Paula und Hector weit entfernt. Jeder Mensch wird herzlich begrüßt. Mit Liebe wird die Sammlung gepflegt. Und ganz bescheiden tuckern sie jeden Tag mit ihrem mindestens zwanzig Jahre alten Fiat Uno zum Flughafen. Die Sammlung und diesen beiden tollen Menschen hätten allerdings mehr Aufmerksamkeit und Publikum verdient, als ein paar dunkle Kellerräume.
mark.hallstein 07.01.2014
4. Zwei wundervolle Menschen
Paula und Hector Cabezas sind zwei wundervolle Menschen. Ich durfte sie schon kennenlernen. Sie sind eigentlich immer positiv gestimmt und können sich an Kleinigkeiten erfreuen. Es gibt so viele griesgrämige Menschen. Aber davon sind Paula und Hector weit entfernt. Jeder Mensch wird herzlich begrüßt. Mit Liebe wird die Sammlung gepflegt. Und ganz bescheiden tuckern sie jeden Tag mit ihrem mindestens zwanzig Jahre alten Fiat Uno zum Flughafen. Die Sammlung und diese beiden tollen Menschen hätten allerdings mehr Aufmerksamkeit und Publikum verdient, als ein paar dunkle Kellerräume.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.