Anna von Boetticher vor Pico Island, Azoren
Anna von Boetticher vor Pico Island, Azoren
Foto:

Nuno Sá

Apnoetaucherin Anna von Boetticher »In der Tiefe nehme ich das Licht in mich auf«

Luft anhalten und in die Tiefe des Meeres sinken ist eine mentale Höchstleistung. Hier erzählt Deutschlands erfolgreichste Apnoetaucherin von ihrer neuen TV-Dokureihe – und wie sie sich vor Grönland unter einem Eisberg verirrte.
Ein Interview von Andreas Haslauer

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SPIEGEL: Frau von Boetticher, die ARD bringt eine vierteilige Dokumentation  über Sie heraus. Sie sind zwar eine sehr erfolgreiche deutsche Sportlerin, die aber kaum jemand kennt. Warum über sie und nicht über Stars wie Steffi Graf oder Katarina Witt?

Anna von Boetticher: Ich bin in einer absoluten Randsportart zu Hause: dem Apnoetauchen. Aber dafür sind meine »Sportplätze« doch ein wenig schöner zu filmen als eine Eishalle oder ein Tennisplatz, womöglich liegt es daran. Das hört sich jetzt vielleicht abgedroschen an, ist aber so: Für mich geht ein Traum in Erfüllung.

SPIEGEL: Sie waren für die Reihe auf den Azoren, in Island, Mexiko und Ungarn – was war für Sie wichtig bei der Auswahl der Dreh- und Tauchorte?

Von Boetticher: Ich liebe es, mich Orten auszusetzen, die nicht unbedingt auf den ersten Blick schön sind. Ihre wahre Magie zu finden, macht das Erleben viel intensiver. In der Dokureihe läuft vieles nicht glatt. Einmal spielt das Wetter nicht mit, ein anderes Mal gerate ich unter Wasser in Schwierigkeiten. Der Hamburger Filmemacher Henning Rütten und ich waren uns einig: Wenn wir was zeigen, dann genau so, wie es war. Wir nehmen die Zuschauerinnen und Zuschauer mit auf die Reise, inklusive Kakerlaken und hilflosem Kameramann.

Umringt von Fischen: »Mein Herz staunt jeden Tag«

Umringt von Fischen: »Mein Herz staunt jeden Tag«

Foto: Daan Verhoeven

SPIEGEL: Sind Sie als Apnoetaucherin eine Extremsportlerin?

Von Boetticher: Wenn Extremsport extremer Sport ist, dann ist das, was ich mache, Extremsport. Für mich fühlt sich das aber nicht immer unbedingt so an. Ruhe und Entspannung sind in unserem Sport wichtig. Wenn ich weit nach unten kommen möchte, muss ich jeglichen inneren Widerstand aufgeben. Dabei braucht man für extreme Tauchgänge ein hohes Maß an körperlicher Fitness, aber die allein reicht nicht – ein Tauchgang ist auch eine mentale Anstrengung.

»Damit meine Lunge das unbeschadet übersteht, muss ich absolut entspannt und trotzdem hoch fokussiert sein.«

SPIEGEL: Inwiefern?

Von Boetticher: Auf dem Weg nach unten höre ich in einer Tiefe von 30 Meter auf zu schwimmen und lasse mich nur noch fallen, um Energie zu sparen. Ich habe die Augen geschlossen und brauche meine ganze Konzentration dafür, den steigenden Wasserdruck auszugleichen, der auf meine Ohren, Neben- und Stirnhöhlen wirkt. Würde ich das nicht machen, würde das Trommelfell reißen. Mit zunehmender Tiefe wird das immer schwieriger. Gleichzeitig wird meine Lunge immer mehr komprimiert. Damit sie das unbeschadet übersteht, muss ich absolut entspannt und trotzdem hoch fokussiert sein.

SPIEGEL: Was nehmen Sie wahr?

Von Boetticher: Obwohl ich die Augen geschlossen habe, nehme ich meine Position im Wasser wahr, die Geschwindigkeit, mit der ich in die Tiefe falle, den Druck, der auf mich wirkt, das Licht, das verändert durch meine Lider scheint. Die Eindrücke, die ich verarbeite, sind enorm, ebenso wie die physische Belastung auf den Körper, der sich an den hohen Druck in der Tiefe anpassen muss. Er ist inzwischen im Sauerstoffsparmodus, verteilt das Blut aus den Gliedmaßen in die Körpermitte, verlangsamt den Herzschlag und fährt den Stoffwechsel herunter. Auf diese Weise kann ich auch lange auskommen, ohne zu atmen.

Verharren in der Tiefe: »Ich sehe ja kein Ende des Tunnels, sondern nur blaues Wasser«

Verharren in der Tiefe: »Ich sehe ja kein Ende des Tunnels, sondern nur blaues Wasser«

Foto: Daan Verhoeven

SPIEGEL: Wie ist es beim Auftauchen?

Von Boetticher: Das Aufsteigen ist psychisch und physisch anstrengend. Ich sehe ja kein Ende des Tunnels, sondern nur blaues Wasser. Dann kommt der Atemreiz, ich bekomme Zwerchfellkontraktionen – das Bedürfnis nach Luft kann ich nicht unterdrücken, ich kann es nur ausblenden, denn ich weiß: Es ist ein falscher Alarm, in Wahrheit habe ich noch genug Zeit. Irgendwann fangen die Muskeln an zu brennen. In einem Tauchgang erlebt man eine Reihe von mentalen und körperlichen Belastungen – verdichtet in eine Zeitspanne von drei Minuten, statt wie bei einem Marathon über mehrere Stunden verteilt.

SPIEGEL: Wie trainieren Sie zu Hause in Berlin?

Von Boetticher: Apnoetauchen ist der ultimative anaerobe Sport, schließlich sollen meine Muskeln möglichst wenig Sauerstoff verbrauchen. Joggen und Radfahren, also alles, was mit Ausdauer zu tun hat, vermeide ich und trainiere Intervalle und Sprints. Am liebsten gehe ich jedoch zum Crossfit. Wenn ich mich in risikoreiche Situationen begebe, muss ich mich auf meine Fitness verlassen können.

»Über mir nur dickes Eis.«

SPIEGEL: Ein Beispiel?

Von Boetticher: 2019 war ich in Ostgrönland, um dort unter dem Eis zu tauchen. Im Fjord von Tasilaaq frieren Eisberge zusammen, sodass sich unter der 80 Zentimeter dicken Eisdecke eine Landschaft verrückter Formen bildet. Normalerweise taucht man unter Eis immer mit einer Leine – hier hätte das nicht geklappt, ohne mich zu verfangen. Ich tauchte mit Tobias Friedrich, einem der besten Unterwasserfotografen der Welt. Das Wasser war sehr klar und die Orientierung gut, daher beschlossen wir, ohne Leine zu arbeiten. Einmal bin ich unter einen sehr großen Eisberg getaucht, habe mich gedreht, ohne es zu merken – und bin auf der falschen Seite wieder hoch. Dort war aber kein Loch. Über mir nur dickes Eis.

Vor Tasiilaq, Grönland: Unter Eis

Vor Tasiilaq, Grönland: Unter Eis

Foto: Tobias Friedrich

SPIEGEL: Was haben Sie gemacht?

Von Boetticher: Ich bin wieder abgetaucht – entgegen dem Instinkt –, um mir einen größeren Überblick über die Eisdecke zu verschaffen und das kleine Dreieck des Ausgangs hoffentlich im Gegenlicht zu erkennen. Hätte ich panisch das Loch gesucht, hätte ich es bis heute nicht gefunden. Ich war gerade auf dem Weg nach unten, da kam Tobias und zeigte mir, in welche Richtung ich musste. Das Einzige, was in solchen Situationen zählt, ist die Frage: Was ist mein nächster Schritt?

SPIEGEL: Die nächste Weltmeisterschaft steht bereits im September vor der Türe. Machen Sie mit?

Von Boetticher: Ich habe 34 deutsche Rekorde geholt und einen gültigen Weltrekord in der Tasche. Die Gier, noch einen Titel zu sammeln, habe ich gerade nicht. Aus zwei Gründen: Zum einen macht Jennifer Wendland, eine Apnoetaucherin aus Essen, einen tollen Job. Zum anderen ging es mir noch nie darum, die Welt allein in Metern und Minuten zu erfassen. Mir geht es darum, die Magie besonderer Orte und Augenblicke festzuhalten – das steht gerade im Vordergrund.

Unter Wasser vor den Azoren: Begegnung mit einem Blauhai

Unter Wasser vor den Azoren: Begegnung mit einem Blauhai

Foto: Nuno Sá

SPIEGEL: Welche besonderen Augenblicke unter Wasser haben Sie bereits erlebt?

Von Boetticher: Im Training sah mir in Scharm al-Scheich ein Weißspitzen-Hochseehai zu, im Ras-Mohammed-Nationalpark eskortierte mich eine Schildkröte, im norwegischen Tromsø tauchte ich mit einer Orca-Gruppe. Als ein riesiges Orca-Männchen nur wenige Meter von mir entfernt war, spürte ich plötzlich ein mächtiges Brummen, ein Vibrieren.

SPIEGEL: Was war das?

Von Boetticher: Sein Echolot, mit dem er mich kleinen Menschen abtastete. Das rund 4000 Kilogramm schwere Tier umkreiste mich, beschloss dann, dass ich mit meinen 60 Kilogramm wohl keine allzu Gefahr für seine Familie war. Wie soll man so ein Erlebnis erfassen? Solche Momente lassen sich nur in der Seele festhalten.

»Ein Tag ohne Abenteuer war bei uns ein verlorener Tag.«

SPIEGEL: Was fühlen Sie, wenn Sie in die Tiefe des Meeres absinken?

Von Boetticher: Der Bergsteiger Hans Kammerlander hat mal auf die Frage, was er von den Bergen gelernt habe, geantwortet: »Demut, Demut, Demut«. Mir geht es genauso. Egal, ob Berge oder Meer, alles ist so viel größer als wir Menschen. Wir sollten der Schöpfung gegenüber demütig sein: gegenüber dem Meer, der Wüste, dem Leben und dem Licht.

SPIEGEL: Dem Licht?

Von Boetticher: Wenn die Leute mich fragen, was ich da unten gesehen habe, sage ich immer, dass ich das Licht der Tiefe in mich aufgenommen habe. Mit diesem Licht bin ich ein Teil des Ozeans, Teil dieser absolut faszinierenden und wunderschönen Welt. Ich finde das bis heute unglaublich. Ich hänge da an einem Seil, hundert Meter unterhalb der Wasseroberfläche – und unter mir geht es gefühlt noch endlos abwärts.

SPIEGEL: Woher kommt Ihr Drang nach Abenteuern?

Von Boetticher: Von meinen Eltern. Sie haben mir eine wahre Neugierde auf das Leben vererbt. Mein Vater hat mit uns die tollsten Weltreisen unternommen – und zwar alle von Icking in Oberbayern aus. Von dort aus haben meine Brüder und ich mit unserem Vater den Ozean überquert, sind auf Berge geklettert und haben Wälder durchstreift. Ein Tag ohne Abenteuer war bei uns ein verlorener Tag.

SPIEGEL: Wann wurde Ihnen klar, dass Sie ein Tauchtalent besitzen?

Von Boetticher: Durch ein Missgeschick meines Bruders bei einer Segelreise zu den Ionischen Inseln. Er wollte nur das Spülwasser ins Meer kippen – und kippte unser Besteck über Bord. Der Versuch meines Vaters, es wieder vom Grund hochzuholen, missglückte mehrfach. Er bekam den Druckausgleich in den Ohren nicht hin. Also versuchte ich es. Ein paar Minuten später hatte ich alle Messer und Gabeln vom 16 Meter tiefen Meeresgrund hochgeholt.

SPIEGEL: Heute leiden Sie unter der Autoimmunkrankheit Hashimoto-Thyreoiditis, einer chronischen Entzündung der Schilddrüse. Wie haben Sie das gemerkt?

Von Boetticher: Ich nahm mit 32 Jahren plötzlich zwölf Kilogramm in sechs Wochen zu. Dann, von einem auf den anderen Tag, konnte ich nicht mehr die vier Stockwerke zu meiner Wohnung hochlaufen, bekam Haarausfall, Sehstörungen, schlief den ganzen Tag. Das waren die körperlichen Auswirkungen. Dazu kamen psychische, weil mein Hormonhaushalt ins Wanken geriet: Morgens verließ ich gut gelaunt das Haus, zwei Minuten später stand ich heulend an der Bushaltestelle. Ich wusste aber nicht warum. Die Diagnose war ein fürchterlich langwieriger Prozess.

SPIEGEL: Wie belastet Sie das heute?

Von Boetticher: Ich bin gerade auf Teneriffa, um zu trainieren. Während die anderen ständig ins Wasser springen, muss ich viel öfter Pausen machen. Das nervt! Apnoetauchen ist jedoch eine größere Belastung, als man denkt, und ich muss immer etwas vorsichtiger sein, um nicht ins Übertraining zu geraten. Mittlerweile habe ich mich aber mit meiner Krankheit arrangiert, lasse mich durch sie nicht unterkriegen.

SPIEGEL: Wie lange wollen Sie das alles noch machen?

Von Boetticher: So lange, wie es mir noch Spaß macht. Schließlich habe ich kein Ablaufdatum, ich bin doch kein Joghurt. James Cameron, der Regisseur von »Titanic« und »Avatar«, ist mal in einem U-Boot 10.000 Meter zur tiefsten Stelle des legendären Marianengrabens abgetaucht. Später wurde er gefragt, warum er dieses Risiko eingegangen ist. Seine Antwort: »Weil es mein Herz mit Staunen erfüllt.« Mein Herz staunt jeden Tag.

Am Sonntag, 10. Juli, um 19.15 Uhr zeigt die ARD die erste Folge der vierteiligen Reihe »Waterwoman« . Sie ist ab 9. Juli ein Jahr lang in der ARD Mediathek  verfügbar.

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