Füße im Sand: Das gewisse Etwas, das von einem Strandbesuch in Erinnerung bleibt
Füße im Sand: Das gewisse Etwas, das von einem Strandbesuch in Erinnerung bleibt
Foto: Constantinis / E+ / Getty Images

Sehnsucht nach Strand »Der Sand macht die Füße träge und den Atem langsam«

Kein Strand gleicht dem anderen – und das liegt am Sand. Der Autor Oliver Lück über ein Element, das es längst nicht mehr wie »Sand am Meer« gibt. Ein Auszug aus seinem Buch »Der Strandsammler«.

Eigentlich bringt es nicht viel, einen Strand zu beschreiben: Meer und Sand, Himmel und Wind, vielleicht Dünen, vielleicht Steine. Strände sind immer und überall gleich – könnte man meinen. Guckt man allerdings genauer hin, gleicht kein Strand dem anderen. Und das liegt am Sand.

Wind und Wellen schleppen immer neuen heran oder holen sich ihn. Sie formen die weiche Küste täglich neu. Es gibt eine Geschichte aus Irland von der kleinen Insel Achill, wo nach 33 Jahren ein 300 Meter langer Strand über Nacht wieder auftauchte. In nur wenigen Stunden hatte ein Sturm Hunderttausende Tonnen Sand angespült. Zuletzt hatten die Bewohner des Dorfes ihren Strand im Jahr 1984 gesehen. Hotels und Restaurants hatten schließen müssen damals, da die Besucher ausgeblieben waren. Ohne Sand kein Strand. Und ohne Strand keine Touristen.

Der Sand hat eine besondere Bedeutung für uns Menschen. Er ist das gewisse Etwas, das von einem Strandbesuch in Erinnerung bleibt, das klebenbleibt. Kaum angekommen, ist man auch schon frisch paniert. Man kann gar nichts dagegen tun.

Der Sand macht die Füße träge und den Atem langsam. Er kann so fein sein, dass er bei jedem Schritt leise quietscht. Dann singt der Strand. Und manchmal wirbelt der Sand auch umher wie Staub, dann kann man ihn atmen. Kommt noch mehr Wind hinzu, wird man gesandstrahlt. Jeder kennt das Bitzeln auf der Haut bei einer kräftigen Brise, das angenehm und schmerzhaft zugleich sein kann.

Der Sandsammler von Rügen

Ich kannte mal einen Mann, der Sand sammelte. Er lebte auf Rügen und ging fast täglich an die Ostsee. Er hatte unterschiedliche Körnungen und Farben in Hunderte Flaschen gefüllt. Sand von der Straße gegenüber, dort, wo die Maulwürfe buddelten. Erde aus dem Wäldchen hinterm Haus. Sand vom Spielplatz nebenan. Feinster Sanduhrensand von der Insel Bornholm, wo er so gern Urlaub machte. Mancher war einfarbig, anderer gesprenkelt oder ganz bunt.

Der mittlere Durchmesser eines Sandkorns beträgt fast immer ein achtel Millimeter, egal, wo es auch liegt. Das hatte der Mann mal irgendwo gelesen. Und dann sagte er: »Wenn große Dinge verschwinden, bleiben manchmal winzige Teile von ihnen zurück.« Vielleicht kann man sogar sagen, dass nichts aus der Welt geht, ohne Spuren zu hinterlassen.

Griechischer Strand: 7,5 Trillionen Sandkörner soll es allein an den Stränden der Welt geben

Griechischer Strand: 7,5 Trillionen Sandkörner soll es allein an den Stränden der Welt geben

Foto: Antonis Nikolopoulos / ANE Edition / imago images

Kennen Sie das Buch, in dem ein schüchterner Junge das winzigste und unscheinbarste Geschenk bekommt, das man sich vorstellen kann? Es ist ein Sandkorn und der letzte Rest, der vom sagenumwobenen Land Phantásien übrigblieb. Der Junge heißt Bastian Balthasar Bux. Ihm gelingt es schließlich, aus dem scheinbar Unscheinbaren ganze Städte, Länder und Kontinente, ja, sogar ein ganzes Universum zu erschaffen. Und sehr kurz zusammengefasst erzählt »Die unendliche Geschichte« von Michael Ende natürlich eines: Aus Sand ist die Welt gebaut.

7,5 Trillionen Sandkörner soll es allein an den Stränden der Welt geben. Eine Zahl mit 17 Nullen, Geologen der Universität Hawaii haben sie mal berechnet. Sand, Sand, Sand. Immer ist überall Sand. Und sind wir am Strand, nehmen wir auch jedes Mal etwas davon mit – selbst, wenn wir das gar nicht wollen. Es lässt sich nicht vermeiden.

Sand kriecht überallhin. Er ist ständig in Bewegung.

Ich fahre einen alten VW-Bus, müssen Sie wissen. Seit 25 Jahren bin ich auf diese Weise in Europa unterwegs und schon an sehr vielen Stränden gewesen. Kürzlich habe ich nach zehn Jahren mal wieder die hölzerne Bodenplatte meines Bullis hochgenommen. Was für ein beeindruckender Anblick! Der Sand unzähliger Reisen und Länder hatte sich dort gesammelt. Er war durch Ritzen und Löcher gerieselt. Ostseesand aus Estland. Mittelmeersand von Sizilien. Atlantiksand aus Portugal. Saharasand von Fuerteventura. Sand kriecht überallhin. Er ist ständig in Bewegung.

Wangerooge: Das Meer nimmt den Sand mit

Wangerooge: Das Meer nimmt den Sand mit

Foto: Peter Kuchenbuch-Hanken / dpa

Es überrascht nicht wirklich, dass ein Zehnjähriger in einem Interview mit der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« auf die Frage nach dem größten Abenteuer seines Lebens mal das Besteigen der Dune du Pilat nannte. Dunkelblau ist die Bucht von Arcachon, die hier in den Atlantik mündet. Schwarzblau der Himmel. Sattgrün der endlose Kiefernwald. Und goldgelb leuchtend erhebt sich zwischen Wald und Meer die mit 110 Metern höchste Wanderdüne Europas. Ein Naturwunder, fast drei Kilometer lang. Dort wächst nichts, das ihn festhalten könnte.

Alle Versuche, die Düne zu fixieren, hat man aufgegeben. Und so schiebt der Wind die Massen langsam landeinwärts. Jährlich sollen es fünf Meter sein. Teile des Kiefernwaldes wurden längst verschlungen. Tote Baumgerippe, einst begraben und vom Wind wieder freigelegt, stehen da wie stumme gebeugte Wächter. Gleichzeitig wird der Strand auf der anderen Seite von den Wellen angeknabbert. Sie tragen alles fort.

So ist es auch auf Sylt und auf Wangerooge oder in Kellenhusen oder in Boltenhagen. Die Strände schrumpfen zu schmalen Sandbänken. Jahr für Jahr fressen die Stürme und die steigenden Meeresspiegel ein Stückchen mehr. Was vielerorts bleibt, ist ein Reststreifen. Zehn Meter Urlaub. Kaum einer der Strände an der deutschen Nord- und Ostsee ist heute noch unbeschädigt. Wären sie lebendig, müsste man sie auf die Liste der bedrohten Arten setzen.

Jeder Europäer verbraucht 4,6 Tonnen Sand im Jahr, ohne es zu merken.

Dabei war Sand immer etwas, das im Überfluss vorhanden war. Wie »Sand am Meer« eben. Doch dieses Bild ist nicht mehr zeitgemäß. »Vom Verschwinden des Unerschöpflichen« titelte vor einigen Jahren »mare«, die Zeitschrift der Meere. Und es ist nicht nur das Meer, das den Sand vom Strand wegholt. Es ist auch der Mensch. Theoretisch verbraucht jeder Europäer 4,6 Tonnen im Jahr, ohne es zu merken.

Denn ohne Sand läuft kaum noch etwas: Er steckt vor allem im Beton. Und da die Kiesgruben den Bedarf längst nicht mehr decken können, werden die Strände geplündert. Weltweit kommen 30 Milliarden Tonnen jährlich in der Bauindustrie zum Einsatz. Und nicht bloß das: Ohne Sand gibt es kein Glas, keinen Asphalt und kein Plastik. Auch in Shampoo, Farben oder Zahnpasta steckt der schwindende und immer wertvoller werdende Rohstoff.

Im Sand hinterlassen wir Spuren, die nur von kurzer Dauer sind. Manchmal schreibt man diese auch in den Sand. Findet man keinen Stock oder keine Vogelfeder, nimmt man die Finger. Nachdem Muscheln und andere Gegenstände entfernt sind, wird die Schreibfläche mit den Händen glatt gestrichen. Der Strand als Leinwand.

Und oft sind es Liebesbotschaften: Einmal, das ist jetzt auch schon wieder 15 Jahre oder länger her, beobachtete ich in einer versteckten Badebucht an der nordspanischen Küste drei langhaarige, komplett in Schwarz gekleidete Finnen. Sie waren gerade dabei, mächtige Buchstaben an den Strand zu trampeln. Nach und nach setzte sich der Name einer amerikanischen Heavy-Metal-Band zusammen, bis dieser – auch aus großer Entfernung von der höhergelegenen Steilküste – gut zu lesen war: MANOWAR. Ein großes Werk, mit kleinen Schritten an den Strand gespurt.

Oliver Lück ist freier Autor des SPIEGEL. Dieser Text ist ein leicht bearbeiteter Auszug aus seinem Buch »Der Strandsammler«, erschienen im Rowohlt Buchverlag; 144 Seiten; 20 Euro.