Initiative der Deutschen Bahn Tür zu, Zug weg - aber pünktlich!

Wie könnte man die Deutsche Bahn wieder pünktlicher machen? Rechtzeitig losfahren wäre eine Möglichkeit, meint Bahnchef Rüdiger Grube. Darum sollen die Zugtüren bald früher geschlossen werden.

Tür zu heißt künftig Tür zu
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Tür zu heißt künftig Tür zu


Ab und zu, glaubt Bahnchef Rüdiger Grube, müsse man den einen oder anderen Fahrgast ganz einfach stehen lassen: Die Deutsche Bahn will pünktlicher werden, indem sie die Türen ihrer Züge früher und dann konsequent schließt. Die Abfahrt am Bahnhof solle künftig sekundengenau erfolgen - wie im Flieger, "Boarding completed", Tür zu und ab geht es. Zu diesem Zweck sollen die Türen früher geschlossen werden. Wer dann im Wortsinn "last Minute" auftaucht, könne eben nicht mehr mitfahren.

Im Gespräch mit der "Frankfurter Allgemeinen Woche" äußerte Grube Verständnis für möglichen Ärger bei zurückbleibenden Fahrgästen. Ihm sei es auch schon passiert, dass er 30 Sekunden zu spät gekommen sei und am Bahnsteig vor verschlossenen Türen gestanden habe. "Aber die 500 Reisenden im Zug waren zufrieden, weil es auf die Sekunde pünktlich losging."

Was natürlich nur klappt, wenn auch der Zug rechtzeitig im Bahnhof steht. Genau da hat die Bahn seit Jahren echte Probleme. Offiziell liegt die sogenannte Pünktlichkeitsquote im Fernverkehr bei 74,4 Prozent (2015). Als unpünktlich gezählt werden allerdings nur Züge, die mit mehr als sechs Minuten Verspätung an ihrem Zielbahnhof ankommen. Offizielles Ziel der Deutschen Bahn ist eine Pünktlichkeitsquote von 80 Prozent im Fernverkehr.

Die hofft Grube zu erreichen, indem die planmäßigen Abfahrten energischer durchgesetzt werden - wenn die Tür einmal zu ist, soll es auch losgehen mit der Fahrt. Ob und wie gut das klappe, teste die Bahn bereits aus. Bei einem Pilotprojekt in Frankfurt am Main dürften Zugführer derzeit die Türen eine Minute vor der angesetzten Abfahrt schließen: "Der Zug kann nun exakt zur fahrplanmäßigen Zeit losfahren." Die Kunden verlangten zu Recht, dass der Zug "zum Zeigersprung" starte.

In grauer Vorzeit galt die Deutsche Bahn einmal als Inkarnation der Pünktlichkeit, nach der man seine Uhr stellen konnte. Die Tür-zu-Initiative ist nicht die einzige Maßnahme, mit der Grube hofft, die Bahn wieder näher an ihren Ruf heranbringen zu können. Seit einiger Zeit überwachen Spezialteams an wichtigen Bahnhöfen die Einhaltung der Abfahrtzeiten - laut Grube mit Erfolg. Im Schnitt habe jeder große deutsche Bahnhof seine Pünktlichkeitsquote um 15 Prozentpunkte verbessert. "Derzeit", so Grube, laufe es gut in Sachen Pünktlichkeit: "Wir liegen bis Ende Oktober bei rund 79 Prozent."

Konkurrenz: Druck von allen Seiten

Die Deutsche Bahn muss sich strecken, um im Wettbewerb zu bestehen. Auf den Lang- und Mittelstrecken sind Billigflieger oft nicht nur schneller, sondern auch billiger als die Bahn - ökologisch fragwürdig und ökonomisch kaum nachvollziehbar. Neue Konkurrenten von Überlandbussen bis zu Schienenkonkurrenz, die Fernstrecken günstiger anbietet, setzen die Bahn unter zusätzlichen Preisdruck.

Auch bei Nebengeschäftsfeldern erlebt der Ex-Monopolist, dass Wettbewerb auch heißen kann, Aufträge zu verlieren. In Berlin verlor die Bahn kürzlich den Zuschlag für die Verlängerung des Vertrages über das öffentliche Fahrradverleihsystem "Call a bike". Das übernimmt nun nach öffentlicher Ausschreibung ab Frühjahr 2017 das Unternehmen Nextbike mit 5000 Fahrrädern an 700 Stationen.

Die Deutsche Bahn ist über ihre Tochter DB Rent seit fast 15 Jahren im Fahrradverleihgeschäft aktiv. In 50 Städten stellt das Unternehmen rund 10.000 Fahrräder zum Ausleihen bereit und will sich dieses Geschäft auch in Berlin nicht nehmen lassen: Mit Hilfe des kommerziellen Partners Lidl will die Bahn nun ein eigenes Verleihsystem ohne feste Stationen aufziehen. 3500 "Lidl-Bikes" sollen dann innerhalb des Berliner S-Bahn-Rings zur Verfügung stehen. Ob die dann pünktlich abfahren und ankommen, wird ganz und gar vom Kunden abhängen.

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insgesamt 187 Beiträge
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hatrecht 03.11.2016
1. Schönrechnerei
Diese 'Pünktlichkeitsquote' ist doch eine arge Schummelei. Gezählt wird ja nachwievor offensichtlich nur, wieviele der Züge pünktlich sind und nicht, wieviele Reisende in Ihnen sitzen, also wieviele FAHRGÄSTE wirklich von Verspätungen betroffen sind. Will sagen, natürlich sind fast alle Züge von Dienstags bis Donnerstags tagsüber pünktlich (außer im Berufsverkehr), am späteren Abend Alltags dito. An Freitagen und Sonntagen, wenn die Bahn voll ist, ganz zu schweigen von 'überraschenden Ferienterminen', (siehe Reformationstags-Wochenende) kommt kaum ein Fernzug pünktlich...die Quote der verspäteten Menschen, nicht Züge, ist also um Einiges höher.
paul40545 03.11.2016
2. Gute Idee, ...
...denn der nächste Zug kommt oft keine 60 Minuten später. Aber bitte nicht den Flugverkehr als Beispiel nehmen. ""Boarding completed", Tür zu und ab geht es." stimmt nämlich nur bedingt. Zwar geht es häufig los, wenn "Boarding Completed" ist, nur wird bis dahin eben sehr oft auf etwaige Passagiere gewartet - sehr gerne Vielflieger, die noch in einer Lounge sitzen oder erst auf den letzten Drücker aus dem Büro zum Flieger rasen. Sich dafür feiernd, den Flieger als letzter erreicht zu haben, kommen diese gerne auch einige Minuten nach dem "Gate Closed" an. Die Flieger machen es genau so wie die Bahn heute: Warten.
joki81 03.11.2016
3. Schwachsinnige Initiative
Wenn Grube wirklich etwas für die Pünktlichkeit unternehmen wollte, dann würde er dem Fahrplan wieder etwas Flexibilität geben, damit Probleme (Lokführer krank, technischer Defekt im Zug, usw.) besser bewältigt werden können statt immer gleich zu langen Verspätungen führen. Aber das würde ja Geld kosten, Symbolpolitik dagegen ist umsonst...
Theya 03.11.2016
4. Kommt darauf an.
Wenn ich bereits in dem Zug sitze, der seine Türen eine Minute vor Abfahrt schließt, würde ich mich vermutlich freuen. Wenn ich gerade aus dem Zug hetze, der an einem anderen Bahnsteig mit Verspätung angekommen ist, nur um dann eine Minute lang vor verschlossenen Türen zu stehen, werde ich mich wahrscheinlich weniger freuen. Starres Reglementieren ist meist weniger sinnvoll als Handeln mit Augenmaß.
peterregen 03.11.2016
5.
Das ist jetzt aber ein Witz, oder? Rüdiger erlaubt sich ein Späßchen mit uns, oder? 30 Sekunden hin oder her bei der Abfahrt sind egal. Die Abfahrtszeit ist eigentlich komplett egal, solange der Zug nicht zu früh abfährt und, das Wichtigste(!), pünktlich ankommt! 30 Sekunden Verspätung lassen sich im Normalfall auf der Strecke wieder einholen, wenn sonst alles passt (also keine "Langsamfahrzone" wegen schlechter Schienen, o. ä.). Hier geht es doch nur um einen Marketinggag, daß man irgendwann schreiben kann: "95% der Züge fahren pünktlich ab." Naja, "Spitzenmanager" halt... :-(
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