Behinderte Kinder auf Reisen Nordseekrabbe mit Sprechcomputer

Ronald Frommann / DER SPIEGEL

Von Kerstin Walker

2. Teil: Im Notfall schnell vor Ort sein


Anders sieht es bei geistig behinderten Reisenden aus. "Die Nähe zum Betreuer und das Gemeinschaftsgefühl in der Gruppe stehen bei diesen Reisen im Fokus", betont Fischer. Vor allem autistische Kinder, für die YAT Reisen einmal jährlich mit dem Autismuszentrum Köln-Bonn eine einwöchige Fahrt organisiert, brauchen erhöhte Aufmerksamkeit. "Tagsüber lassen wir es für diese Kinder langsamer angehen", sagt die Sprecherin. "Abends spielen wir Karten oder die Betreuer lesen vor. Manchmal verbringen Eltern ihre Ferien im gleichen Ort, um im Notfall schnell da sein zu können." Vor allem beim ersten Abnabeln kann das eine entspannte Variante für beide Seiten sein.

"Der organisatorische Aufwand für jede unserer Reisen ist enorm groß", sagt Fischer. Zum Packaufwand im Vorfeld kommt die Herausforderung, barrierefreie Unterkünfte zu finden. Zudem braucht man die Unterstützung durch verlässliche Pflegedienste und gut geschulte Betreuer. "Sich da einzuarbeiten und ein Netzwerk aufzubauen ist mühsam und kostet viel Zeit."

Die Angebote von YAT Reisen sind zwar teurer als Ferienreisen für Nichtbehinderte. Allerdings können Eltern über die Kurzzeitpflege und die sogenannte Verhinderungspflege bezuschusst werden. Der verbleibende Eigenanteil ähnelt dem organisierter Ferienreisen für nichtbehinderte Kinder.

Schnitzeljagd statt Hüpfburg

Heinz Bender, Gründer des Kinder-Reiseveranstalters Bambino-Tours, kennt all die organisatorischen Hürden und Probleme. Der dreifache Familienvater hat einen 15-jährigen behinderten Sohn, um den er sich persönlich halbtags kümmert.

In seinem hessischen Unternehmen geht es nicht bloß ums Reisen. Große und kleine Bambino-Tours-Teilnehmer verbringen viel Zeit miteinander -"Quality Time", wie es heute heißt. Auszeiten garantiert die Kinderbetreuung, die ohne Hüpfburgen und Computerbespaßung auskommt. Stattdessen wird gebastelt und gemalt, werden beim ortsansässigen Bauern die Tiere mitversorgt oder Nachtwanderungen und Schnitzeljagden durch die Umgebung veranstaltet. Bambino-Tours bietet Familienreisen in die Toskana oder in die französische Camargue, nach Tirol oder ins Berner Oberland an. In kleinen Anlagen wohnen Familien in separaten Unterkünften.

"Ich habe lange überlegt, wie wir spezielle Wochen für Familien mit gehandicapten Kindern organisieren könnten", sagt Heinz Bender. Doch immer, wenn er einen in Frage kommenden Zielort fand, war der entweder zu weit weg, oder es gab weder barrierefreie Unterkünfte noch geschulte Betreuer. Mittlerweile beschränkt sich Bambino-Tours darauf, Kinder mit Behinderung bei möglichst vielen der angebotenen Reisen zu integrieren. "Eine von zehn Familien, die mit uns reisen, hat ein behindertes Kind", sagt der Firmenchef. Durch die eigene Geschichte hat er bei persönlichen Buchungsgesprächen keine Berührungsängste. "Das spüren unsere Gäste."

Ein integratives Konzept verfolgt auch der Eltern-Kind-Spezialist Vamos: "Wir bieten einen engen Informationsaustausch", sagt Pressesprecherin Bettina Böll. "Damit möchten wir verhindern, dass Gegenwelten von Behinderten und nicht Behinderten geschaffen werden." Vor der Buchung findet ebenfalls eine persönliche Befragung statt, ob und inwieweit Einschränkungen bei mitreisenden Kindern bestehen, damit ein geeignetes Ferienhaus gefunden werden kann. Anschließend wird der Gastgeber vor Ort individuell gebrieft, um die Kinderbetreuung auf die persönlichen Bedürfnisse abzustimmen.

Familie Paulsen-Whyman dagegen pflegt und organisiert ihr ausgeklügeltes Reise-Netzwerk seit Jahren selbst. Erfahrung genug haben sie mittlerweile. Der kleine Oscar reiste ja schon ans Meer, als er noch ein Kleinkind war. "Je älter er wird, desto größer wird unsere Sehnsucht, entfernte Orte zu entdecken," sagt Christine Paulsen. Ein Wunsch von Oscar Whyman ist es, endlich einmal mit dem Zug zu verreisen. Eine Reise, die logistisch einfach noch nicht machbar ist. Wo es mit dem ICE hingehen soll, davon hat Oscar sehr genaue Vorstellungen. In seinen Sprechcomputer tippt er: "Dorthin, wo was los ist. Am liebsten in Richtung Berge."



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Quatschtuete 06.06.2011
1. Nicht nur ein logistischer Kraftakt
Zitat von sysopEine Familienreise als logistischer Kraftakt:*Wer mit einem körperbehinderten Kind verreist,*braucht*jede Menge Zusatzgepäck. Für die Mühen entschädigt das sichtbare Urlaubsglück des Nachwuchses - solange es nicht zu einem medizinischen Notfall kommt. http://www.spiegel.de/reise/deutschland/0,1518,766532,00.html
Ich nehme hier nur auf die Individualreisen Bezug, da das angebotene organisierte Vereisen sicher eine tolle Sache ist, die aber wohl jede betroffene Familie auch super im Rahmen einer "Mutter-Kind-Kur" machen kann. Das das Verreisen mit einem behinderten Kind ausserordentliche Umsicht und Vorbereitungen benötigt wird jedem einleuchten. Ich halte aber die hier beschriebenen Probleme für eine reine Luxusdiskussion. Um mit seinem behinderten Kind verreisen zu können, benötigt man schon einmal zwingend einen PKW mit dem entsprechenden Raumangebot. Wenn man von einer durchschnittlichen Behinderung ausgeht wird i.d.R. nur ein Ehepartner einer Vollzeitbeschäftigung nachgehen können. Der finanzielle Rahmen wird in den allermeisten Fällen für einen PKW gar nicht reichen. Dies ist z.B. bei unserem Sohn der Fall, unser 8-jähriger Enkel (Pflegestufe II) ist auf einen Rollstuhl angewiesen. Ansonsten geistig fit und agil. Hier kann nur Sohnemann arbeiten gehen, so dass kein Pkw vorhanden ist. Wir als Oma und Opa haben lediglich einen Kleinwagen. Hier reicht der Platz tatsächlich nur für den Rollstuhl und Gepäck für 2 Personen( im Fahrgastraum) . Sicher würden gerne alle Familien mit ihren behinderten Kindern verreisen oder auch nur gerne Ausflüge unternehmen, da das positive Feed back unübersehbar ist und für jeden Aufwand entschädigt. Leider wird es in den meisten Fällen an der finanziellen Ausstattung scheitern. Zum Glück gibt es aber auch die eingangs beschriebenen Mutter-Kind-Kuren. Mein Enkel hat davon schon zwei d total begeistert absolviert. An dieser Stelle recht herzlichen Dank an die Einrichtung in Mardorf/Steinhuder Meer.
Gaida1 06.06.2011
2. Luxusthema???
Aus persönlicher Betroffenheit heraus kann ich dieses Thema keineswegs als Luxusthema empfinden. Behinderte Kinder sind gleichmäßig über alle Bevölkerungsschichten verteilt, kommen folglich auch bei Leuten vor, die sich einen Urlaub leisten können. Meine Eltern hatten auch nur ein Einkommen, das eher bescheiden war. Und der Rollstuhl meiner Kindheit war ein wahres Monster. Das Auto meiner Eltern war ein Kleinwagen, dessen Kofferraum mit dem zerlegten Rollstuhl sehr gut gefüllt war. Aber wir sind trotzdem zu viert immer zwei Wochen in irgendeinen preiswerten Urlaub gefahren. Das Gepäck kam eben auf's Dach, unter die Beine, zwischen die Sitze... Oft ist es mehr eine Frage der Phantasie, was alles möglich ist. Wenn ein Auto nicht vorhanden ist, kann man sehr wohl auch mit Rollstuhl mit dem Zug in verreisen. Die Logistik ist hierbei zwar schon etwas anspruchsvoll, aber die Erfahrung lohnt sich. Eine Mutter-Kind-Kur ist zwar gewiß für die Mutter hilfreich, hat aber doch das medizinische Gschmäckle mit Therapie und Co. und ist deshalb kein Ersatz für einen schönen Urlaub. MfG Gaida1
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