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06. Juni 2011, 05:19 Uhr

Behinderte Kinder auf Reisen

Nordseekrabbe mit Sprechcomputer

Von Kerstin Walker

Eine Familienreise als logistischer Kraftakt: Wer mit einem körperbehinderten Kind verreist, braucht jede Menge Zusatzgepäck. Für die Mühen entschädigt das sichtbare Urlaubsglück des Nachwuchses - solange es nicht zu einem medizinischen Notfall kommt.

Es sieht aus wie ein Umzug, wenn die Paulsen-Whymans aus Hamburg mit ihren Kindern verreisen. Vier bis fünf Koffer und Kisten benötigt Sohn Oscar. Sie sind randvoll gepackt mit medizinischem Zubehör, mit Ersatzschläuchen, Absaugkathetern, Kompressen und Windeln. Alles, was der behinderte Achtjährige zum Leben braucht, wird doppelt mitgenommen. Auch ein Rollstuhl muss mit. Vom Gepäck der Eltern und Schwester Carla ganz zu schweigen.

Oscar Whyman kam behindert zur Welt, er leidet an einer Muskelschwäche. Ein Kunststoffröhrchen in der Luftröhre, die Trachealkanüle, ermöglicht dem Kind die Atmung. Nachts wird der blonde Junge mit dem langen Seitenscheitel an eine Beatmungsmaschine angeschlossen. Im Wechsel begleiten ihn drei Intensivkrankenschwestern beim Schulbesuch in der Othmarschener Schule für körperbehinderte Kinder. Den größten Teil der Betreuung übernimmt die Familie. Auch in den Ferien.

"Wir reisen wahnsinnig gern", erzählt Christine Paulsen, Oscars Mutter. Dunkelblondes langes Haar, Anfang 40, auf dem Arm trägt sie die 14 Monate alte Tochter Carla. Vergangenes Jahr fuhren sie mehrere Male an die Nord- und Ostsee. "Eigentlich vor allem deshalb, weil wir Oscar damit glücklich machen." Das Klima ist ideal für das Kind. "Selbst wenn Oscar krank ist, bessert sich sein Zustand am Meer und wir können nach wenigen Tagen auf die Beatmung tagsüber wieder verzichten." Ihr Sohn, der über einen Sprechcomputer kommuniziert, weil ihm das Reden schwerfällt, schreibt: "Reisen ist toll, weil ich so gern woanders schlafe. Besonders auf Fehmarn." An der Küste leihen seine Eltern Fahrräder. Eins mit einer großen Kiste vorn bietet Platz für Oscar. Er liebt es, am Meer entlang gefahren zu werden.

Nordseekrabbe auf Reisen

"Als Oscar als kleiner Kerl das erste Mal mit nackten Füßchen auf den Sandstrand gesetzt wurde, war er völlig überrascht", erinnert sich seine Mutter. "Anders als Kleinkinder, die das Krabbeln lernen und die auch mal in einer Sandkiste sitzen, fand er das Gefühl unangenehm." Das ist lange her. Heute ist Oscar gern an der Küste. Er mag Muscheln und findet es schön, Reisesouvenirs mit nach Hause zu nehmen. Sein auf Büsum gekauftes rotes Shirt zeigt einen kleinen Krebs und darunter die Aufschrift: "Ich bin eine Nordseekrabbe."

Wochen bevor die Familie mit dem VW-Bus an die Küste startet, schreibt Christine Paulsen Exceltabellen. Detailliert stellt die Marketingfrau die notwendige medizinische Ausrüstung für Oscar zusammen und bestellt, was noch fehlt. Ist alles da, braucht sie Tage zum Packen.

Die Gewissenhaftigkeit, mit der sie das Reisegepäck prüft, ist keine übertriebene mütterliche Vorsicht, sondern Lebensnotwendigkeit für ihren kleinen Sohn. "Im letzten Urlaub hat sich die Magensonde gelöst", sagt Christine Paulsen. Da war die ganze Familie gerade im Ostseebad Pelzerhaken angekommen. Die Mutter unterdrückte die aufsteigende Panik und setzte selbst eine neue Sonde samt Schlauch ein, die sie mitgebracht hatte. Kein Arzt, keine Apotheke vor Ort hätte dieses Teil vorrätig gehabt.

Urlaubsplanung für Logistikprofis

Viele Eltern fahren samt Nachwuchs in die entlegensten Länder, als hätten sie nie etwas anderes getan. Andere empfinden es als ungewohnt, mit einem kleinen Kind zu reisen. Eine echte Herausforderung ist es jedoch, mit einem behinderten Kind unterwegs zu sein. Eltern wie die Paulsen-Whymans müssen dabei zu einer patenten Mischung aus Logistikexperte und Organisationstalent mutieren - die wichtigsten Betreuer ihrer Kinder sind sie ohnehin.

Vor hohe Anforderungen gestellt sieht sich auch ein Veranstalter, der betreute Gruppenreisen für Kinder mit einer Behinderung anbietet. Das mag der Grund sein, warum es in Deutschland bloß einen einzigen gibt. Beim nordrhein-westfälischen Reiseanbieter YAT Reisen buchen Familien, die ihrem behinderten Kind zutrauen, dass es auch einmal ohne sie reisen kann. Viele Eltern brauchen einfach mal eine Auszeit für sich.

"Wir haben etliche Kinder, die seit der Firmengründung vor sieben Jahren jedes Jahr aufs Neue mit uns reisen", sagt Franziska Fischer, Sprecherin des Paderborner Unternehmens. Trotzdem ist es für die Eltern ein großer Schritt, das Kind loszulassen. Rund 50 betreute ein- bis zweiwöchige Gruppenreisen bietet der Veranstalter für Kinder und Jugendliche jährlich an. Die Buchungs-Möglichkeiten richten sich nach Handicap und Altersstufe. Teilnehmer zwischen 6 und 13 Jahren verreisen innerhalb Deutschlands. Wer älter ist, kann unter Urlaubszielen in Holland, Spanien, Österreich oder Italien wählen.

"Bei unseren Angeboten machen wir feine Unterschiede", sagt Fischer. "Kinder haben - je nachdem, wie schwer ihre Behinderung ist - verschiedene Wünsche und Bedürfnisse." Tagsüber am Strand abhängen, mit dem Rollstuhl zu Ausflügen durchstarten oder abends die Disco besuchen - die Erwartungen an den perfekten Ferientag sind häufig nicht viel anders als bei Kids ohne körperliches Handicap.

Im Notfall schnell vor Ort sein

Anders sieht es bei geistig behinderten Reisenden aus. "Die Nähe zum Betreuer und das Gemeinschaftsgefühl in der Gruppe stehen bei diesen Reisen im Fokus", betont Fischer. Vor allem autistische Kinder, für die YAT Reisen einmal jährlich mit dem Autismuszentrum Köln-Bonn eine einwöchige Fahrt organisiert, brauchen erhöhte Aufmerksamkeit. "Tagsüber lassen wir es für diese Kinder langsamer angehen", sagt die Sprecherin. "Abends spielen wir Karten oder die Betreuer lesen vor. Manchmal verbringen Eltern ihre Ferien im gleichen Ort, um im Notfall schnell da sein zu können." Vor allem beim ersten Abnabeln kann das eine entspannte Variante für beide Seiten sein.

"Der organisatorische Aufwand für jede unserer Reisen ist enorm groß", sagt Fischer. Zum Packaufwand im Vorfeld kommt die Herausforderung, barrierefreie Unterkünfte zu finden. Zudem braucht man die Unterstützung durch verlässliche Pflegedienste und gut geschulte Betreuer. "Sich da einzuarbeiten und ein Netzwerk aufzubauen ist mühsam und kostet viel Zeit."

Die Angebote von YAT Reisen sind zwar teurer als Ferienreisen für Nichtbehinderte. Allerdings können Eltern über die Kurzzeitpflege und die sogenannte Verhinderungspflege bezuschusst werden. Der verbleibende Eigenanteil ähnelt dem organisierter Ferienreisen für nichtbehinderte Kinder.

Schnitzeljagd statt Hüpfburg

Heinz Bender, Gründer des Kinder-Reiseveranstalters Bambino-Tours, kennt all die organisatorischen Hürden und Probleme. Der dreifache Familienvater hat einen 15-jährigen behinderten Sohn, um den er sich persönlich halbtags kümmert.

In seinem hessischen Unternehmen geht es nicht bloß ums Reisen. Große und kleine Bambino-Tours-Teilnehmer verbringen viel Zeit miteinander -"Quality Time", wie es heute heißt. Auszeiten garantiert die Kinderbetreuung, die ohne Hüpfburgen und Computerbespaßung auskommt. Stattdessen wird gebastelt und gemalt, werden beim ortsansässigen Bauern die Tiere mitversorgt oder Nachtwanderungen und Schnitzeljagden durch die Umgebung veranstaltet. Bambino-Tours bietet Familienreisen in die Toskana oder in die französische Camargue, nach Tirol oder ins Berner Oberland an. In kleinen Anlagen wohnen Familien in separaten Unterkünften.

"Ich habe lange überlegt, wie wir spezielle Wochen für Familien mit gehandicapten Kindern organisieren könnten", sagt Heinz Bender. Doch immer, wenn er einen in Frage kommenden Zielort fand, war der entweder zu weit weg, oder es gab weder barrierefreie Unterkünfte noch geschulte Betreuer. Mittlerweile beschränkt sich Bambino-Tours darauf, Kinder mit Behinderung bei möglichst vielen der angebotenen Reisen zu integrieren. "Eine von zehn Familien, die mit uns reisen, hat ein behindertes Kind", sagt der Firmenchef. Durch die eigene Geschichte hat er bei persönlichen Buchungsgesprächen keine Berührungsängste. "Das spüren unsere Gäste."

Ein integratives Konzept verfolgt auch der Eltern-Kind-Spezialist Vamos: "Wir bieten einen engen Informationsaustausch", sagt Pressesprecherin Bettina Böll. "Damit möchten wir verhindern, dass Gegenwelten von Behinderten und nicht Behinderten geschaffen werden." Vor der Buchung findet ebenfalls eine persönliche Befragung statt, ob und inwieweit Einschränkungen bei mitreisenden Kindern bestehen, damit ein geeignetes Ferienhaus gefunden werden kann. Anschließend wird der Gastgeber vor Ort individuell gebrieft, um die Kinderbetreuung auf die persönlichen Bedürfnisse abzustimmen.

Familie Paulsen-Whyman dagegen pflegt und organisiert ihr ausgeklügeltes Reise-Netzwerk seit Jahren selbst. Erfahrung genug haben sie mittlerweile. Der kleine Oscar reiste ja schon ans Meer, als er noch ein Kleinkind war. "Je älter er wird, desto größer wird unsere Sehnsucht, entfernte Orte zu entdecken," sagt Christine Paulsen. Ein Wunsch von Oscar Whyman ist es, endlich einmal mit dem Zug zu verreisen. Eine Reise, die logistisch einfach noch nicht machbar ist. Wo es mit dem ICE hingehen soll, davon hat Oscar sehr genaue Vorstellungen. In seinen Sprechcomputer tippt er: "Dorthin, wo was los ist. Am liebsten in Richtung Berge."

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