Auch im Spessart helfen Freiwillige des Bergwaldprojekts
Auch im Spessart helfen Freiwillige des Bergwaldprojekts
Foto: Bergwaldprojekt e.V.

Bäume pflanzen im Urlaub »Eine Woche bei uns kann ein Leben verändern«

Schlichte Unterkünfte, harte körperliche Arbeit: Beim »Bergwaldprojekt« soll Bäume pflanzen zum Erlebnis werden. Vorstandsmitglied Peter Naumann über Sinnsuche, Naturverbundenheit – und warum er sich Konkurrenz wünscht.
Ein Interview von Franziska Bulban

SPIEGEL: Herr Naumann, Ihre Organisation will, sofern möglich, Anfang Juli wieder Freiwillige in die deutschen Wälder schicken, um aufzuforsten. Wie läuft so eine Reise ab?

Peter Naumann: Das kommt ein bisschen auf den Ort an. Bei einer klassischen Woche reisen die Leute Sonntagnachmittag an, Zimmer werden aufgeteilt – manchmal machen wir auch Zeltlager – und abends gibt es eine erste Vorstellungsrunde.

SPIEGEL: Und Montag geht die Arbeit los?

Naumann: Genau. Um viertel nach sieben zieht man los in den Wald, fertig ist man meist zwischen halb fünf und fünf, dazwischen gibt es eine Mittagspause. Und natürlich darf jeder in seinem oder ihrem individuellen Tempo arbeiten. Wir arbeiten ja nicht im Akkord, und es reicht auch durchschnittliche Fitness.

SPIEGEL: Was genau macht man dann?

Naumann: Unsere Freiwilligen pflanzen Standort-heimische Bäume, sie bauen Wildschutzzäune und Hochsitze und kümmern sich um Wege. Wir versuchen natürlich, in der Gruppe zu rotieren, damit alle alles ausprobieren konnten.

SPIEGEL: Und tut man sich so etwas nur einmal an? Oder kommen die Leute wieder?

Naumann: 80 Prozent der Projektteilnehmerinnen und Teilnehmer kommen wieder. Das kann man sich vielleicht nicht vorstellen, aber ich habe oft beobachtet, dass so eine Woche bei uns das Leben verändern kann.

SPIEGEL: Inwiefern?

Naumann: Ich glaube, die Menschen, die zu uns kommen, fragen sich ohnehin schon, welchen Einfluss ihr Leben auf die Welt hat. Wir hatten zum Beispiel einen Chemiker, der nach der Woche seinen Industriejob hingeworfen hat. Wenn man mal eine Woche in einem Ökosystem verbracht hat, das Hilfe braucht, das löst etwas in einem aus.

Pflanzung: Das Bergwaldprojekt kooperiert mit Gemeinden, deren Wald Hilfe braucht

Pflanzung: Das Bergwaldprojekt kooperiert mit Gemeinden, deren Wald Hilfe braucht

Foto: Bergwaldprojekt e.V.

SPIEGEL: Was für Menschen sind das denn, die sich solche Fragen stellen?

Naumann: Früher waren wir, flapsig gesagt, hauptsächlich Ökos. Aber heute sind wir in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Zu uns kommen alle Einkommens- und Altersgruppen und auch Menschen mit ganz unterschiedlichen politischen Ansichten.

SPIEGEL: Knallt es in so diversen Gruppen dann nicht auch öfter mal?

Naumann: Sehr selten. Ich arbeite jetzt seit mehr als 30 Jahren beim Bergwaldprojekt, und meistens ist die Stimmung in den Gruppen enorm gut. Es hilft der Dynamik, wenn man zusammen etwas schaffen will. Aber natürlich sind unsere Projektleiterinnen und Leiter auch für Konfliktsituationen geschult. Und es gibt Grenzen: Falls sich zum Beispiel mal irgendwo Teilnehmer menschenverachtend äußern sollten, werden sie nach Hause geschickt, das ist klar. Wir müssen schließlich einen Raum schaffen, in dem sich alle sicher und wohlfühlen.

»Nach Asien fliegen, um Meeresschildkröten zu retten? Der Schildkröte wäre mehr geholfen, wenn man zu Hause bliebe.«

SPIEGEL: Ihre Organisation bietet diese Art von Naturerfahrung seit 1987 an. In der Zwischenzeit ist Voluntourismus, also Urlaub mit Freiwilligenarbeit, zu einem eigenen Wirtschaftszweig gewachsen. Was denken Sie darüber?

Naumann: Generell finde ich es gut, wenn sich Menschen mit ihrer Umgebung auseinandersetzen wollen. Aber wenn jetzt jemand nach Asien fliegt, um Meeresschildkröten zu retten, dann muss einem schon klar sein, dass der Schildkröte mehr geholfen wäre, wenn man zu Hause bliebe. Das Bergwaldprojekt in Katalonien kümmert sich zum Beispiel um die dortigen Wälder – aber nicht, damit die Leute aus Deutschland da dann hinfliegen, das wäre absurd.

SPIEGEL: Oft bezahlen Reisende auch ordentlich Geld, um vor Ort Schildkröten zu retten oder Englisch zu lehren. Bei Ihnen zahlt man dagegen nur die Anreise. Warum?

Naumann: Wir wollen keine falsche Erwartungshaltung wecken. Unsere Unterkünfte sind sehr schlicht, das Essen wird von tollen Köchinnen und Köchen gemacht, ist aber keine Sterneküche und so weiter. Es macht einen großen Unterschied, ob jemand glaubt, für eine bestimmte Erfahrung bezahlt zu haben, oder ob es wirklich um den Austausch von Erfahrung und Arbeitskraft geht. Deshalb finanzieren wir unsere Projekte mit Spenden, Kooperationsbeiträgen und Mitteln unserer Waldpartner. Wir arbeiten nur im öffentlichen Wald.

SPIEGEL: Apropos Arbeitskraft: Drückt Ihre Organisation nicht die Preise, wenn Freiwillige kostenlos arbeiten – und die Waldarbeiter müssen sehen, wo sie bleiben?

Naumann: Nein, die Gefahr besteht wirklich nicht. Es gibt einfach zu viel Bedarf an allen Ecken. Dem deutschen Wald ging es noch nie so schlecht. Die Forstunternehmen sind komplett ausgebucht, wir nehmen da nichts weg. Ob mit oder ohne das Bergwaldprojekt, der Erhalt der Wälder bleibt eine riesige Herausforderung. Und dazu kommt: Bei uns steht die Bildungsarbeit natürlich im Vordergrund.

Fichten im Nationalpark Harz: Abgestorben aufgrund von Stürmen, Hitze und Borkenkäferbefall

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Foto: Swen Pförtner / picture alliance/dpa

SPIEGEL: Wegen Corona bleiben viele Deutsche dieses Jahr lieber im Land, noch dazu sieht man, dass es dem Wald wirklich schlecht geht. Merken Sie, dass bei Ihnen die Nachfrage steigt?

Naumann: Ja, die Menschen merken, dass sich etwas tun muss. Viele leben in Regionen wie dem Sauerland oder dem Harz, wo Trockenheit und Borkenkäfer ganze Wälder zerstört haben – oder sie haben in den Coronazeiten einen Ausflug dahin gemacht und waren schockiert, wie schlimm es aussieht. Und andere haben Fotos davon gesehen und wollen nun wissen, was sie tun können.

SPIEGEL: Wenn jetzt jemand das Interview liest und gern mit Ihnen spontan eine Woche im Wald verbringen will – ginge das?

Naumann: Spontan wahrscheinlich nicht, Ende des Jahres gibt es noch ein paar Plätze. Wir haben, aufgrund der Situation, einen Großteil der Saison in die zweite Jahreshälfte verlegt und starten mit sechs verschiedenen Teams gleichzeitig an den Einsatzorten. Mit etwa 4000 Freiwilligen sind wir meist das komplette Jahr ausgebucht – sogar viele unserer Wartelisten sind voll. Der Andrang ist riesig, von beiden Seiten: Wir können nicht allen, die gern eine Woche mitmachen würden, einen Platz bieten. Und wir können längst nicht allen Gemeinden und öffentlichen Waldbesitzern helfen, die Kontakt zu uns suchen.

SPIEGEL: Wünschen Sie sich da manchmal ein bisschen mehr Konkurrenz?

Naumann: Ja, obwohl Konkurrenz nicht das richtige Wort ist. Wir bieten schon zusätzlich einzelne öffentliche Pflanztage an, um möglichst vielen Freiwilligen eine Teilnahme zu ermöglichen. Deshalb: Wir freuen uns über jeden, der mit nachhaltigen Konzepten anfängt, Wald und Menschen zusammenzubringen. Denn uns ist klar: Dieses Problem ist so groß, das schaffen wir eh nur, wenn alle zusammenarbeiten.

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