Flusskreuzfahrt von Berlin nach Stralsund "Steuerbord schwimmt ein Wildschwein"

Seerosenbuchten, Schilf - und ab und zu ein Seeadler. Eine Kreuzfahrt mit der "Mona Lisa" von Berlin gen Rügen ist eine geruhsame Angelegenheit. Bis das Meer stürmisch wird.

Marlis Heinz/ srt

"Titanic"-Feeling kann auch bei Flusskreuzfahrten aufkommen. Wenn nämlich die Wellen an die Fenster der unteren Kabinen klatschen und der Passagier für Sekunden in eine Unterwasserwelt blickt. Wenn die Crew die Liegestühle auf dem Sonnendeck einklappt und der Kapitän eine Kursänderung ankündigt.

Die einwöchige Reise von Berlin nach Stralsund ist zwar unter der Kategorie Flusskreuzfahrt zu buchen, aber eigentlich wird alles präsentiert, was die Schifffahrt hergibt: gewundene Flüsschen und schnurgerade Kanäle, winzige Buchten, ein weites Haff und sogar das offene Meer.

Einschiffung ist in Berlin-Spandau auf der Spree. Weil am ersten Abend die "MS Mona Lisa" noch am Kai liegt, haben die Passagiere Zeit, das schwimmende Hotel zu inspizieren. Das Schiff der Reederei CroisiEurope ist 82 Meter lang und zehn Meter breit und kann bis zu hundert Passagiere beherbergen. Es wirkt wie eine charmante, gepflegte, ältere Dame, mit kleinen Zipperlein hier und da.

Seit die "Mona Lisa" im Jahr 2000 in Dienst gestellt wurde, sagt ihr Kapitän Dieter Motek, wo es lang geht. Motek findet man meist auf der Brücke. Hingegen scheint es nicht gerade die Lieblingsaufgabe des seit 1967 als Schiffer arbeitenden Magdeburgers zu sein, im feinen Zwirn und mit Sektglas in der Hand die Passagiere zu unterhalten. Aber heute muss er. "Vorstellung der Besatzung" lautet der erste offizielle Programmpunkt.

"Kopf einziehen!"

Was dem Kapitän wichtiger als Smalltalk ist, sind diverse Sicherheitshinweise. Vor allem, wenn er vor einer Brücke mit einem Tut-Signal auffordert: Kopf einziehen! Das ist häufig nötig, denn nach der halbtägigen Stadtrundfahrt durch Berlin wird endlich abgelegt.

Ab Oranienburg, wodurch man gleich auf der Oder-Havel-Wasserstraße unterwegs ist. Die ist - wie alle Kanäle - optisch erst einmal nicht besonders spannend. Aber spätestens, als das Schiffshebewerk Niederfinow auftaucht, werden selbst silberlockige ältere Damen zu Technik-Freaks und rangeln auf dem Sonnendeck um die beste Fotoposition. Mit dem Schiffsfahrstuhl geht es für die "Mona Lisa" samt Passagieren 36 Meter abwärts.

Für die Übernachtung festgemacht wird in Oderberg. Das Städtchen ist nicht gerade ein Top-Spot der Kreuzfahrtbranche. Hier werden nicht wie an Rhein oder Donau die Schiffe nebeneinander vertäut, hier muss nur der Wirt des Bistro "Am Bollwerk" die Tische am Kai beiseiterücken. Dann nehmen dessen Gäste wieder Platz und schauen dem Anlegemanöver zu.

Ist die Tour zwischen Berlin und der Küste noch ein Geheimtipp? Kapitän Motek schüttelt den Kopf und sagt: "Fast alle Reedereien haben die schon entdeckt. Aber zugegeben, die meisten Gäste absolvieren erst die Klassiker, ehe sie nach Alternativen wie dieser schauen. Dann sind sie begeistert von der Vielfalt, die diese Strecke bietet."

Erst einmal geht die Reise über die Hohensaaten-Friedrichstaler-Wasserstraße durch das Oderbruch, dann auf der West-Oder durch den Nationalpark Unteres Odertal. Mal ist ein Dorfkirchlein zu sehen, mal ein Herrenhaus, aber eigentlich dominiert weite, unberührte Natur. Seerosenbuchten, Schilf, abgestorbene Bäume. "Seeadler backbord!", sagt der Kapitän durch, oder "Steuerbord schwimmt ein Wildschwein".

Unermüdlich erklärt Motek den Passagieren das filigrane Wasserstraßennetz dieser Gegend: die West- und die Ost-Oder, die Verbindungkanäle dazwischen, die Schleusen und die Wasserstände und dann die Hafenanlagen von Stettin. Dann muss die zierliche "Mona Lisa", die ja kein Hochseedampfer ist, Tapferkeit beweisen. Mutig kämpft sie sich ab dem Stettiner Haff durch die immer höher werdenden Wellen - bis Wolgast. Von dort aus startet die vormittägliche Busrunde über die Insel Usedom und die nachmittägliche nach Greifswald.

"Umplanen ist Alltag"

Das Schiff wagt sich noch bis Peenemünde, doch schaukelt und spritzt es schon etwas. Der Kapitän - immer die Tabellen des Seewetterdienstes auf dem Smartphone - erklärt beim Abendessen seinen Plan: "Es ist noch nicht klar, ob wir bei Windstärke sechs oder sieben über die Ostsee bis nach Rügen fahren können. Die Wellen können bis zwei Meter hoch werden. Ich werde ganz früh ein Stück auf die offene See fahren und die Entscheidung treffen."

Kein Murren im Publikum - das am nächsten Morgen in Stralsund am Festland aufwacht und eben nicht vor Lauterbach auf der Insel. Als die See sich beruhigt, gibt es aber doch noch die Rügen-Rundfahrt per Schiff. "Umplanen ist für uns Alltag", sagt die Zahlmeisterin. "Mal ist das Wasser zu niedrig, mal zu hoch, mal zu bewegt. Bei etwa jeder dritten Fahrt müssen wir uns etwas einfallen lassen. Aber unsere Gäste sehen immer fast alles, was auf dem Plan steht."

Wären die Wellen zu hoch gewesen, wären die Passagiere halt mit den die Tour ohnehin begleitenden Bussen auf die Insel Rügen gefahren worden und hätten von dort mit der robusteren Fähre nach Hiddensee übergesetzt. War aber nicht nötig. Am Nachmittag steigen die Sturmerprobten von Bord auf die bereitstehenden Pferdefuhrwerke, Kremser genannt, und lassen sich über die von den Tagestouristen bereits verlassene Insel kutschieren.

In Vitte sieht man nicht viel vom Sonnenuntergang. Aber am letzten Abend der Kreuzfahrt wird manchem dennoch romantisch und etwas abschiedlich ums Herz. In aller Frühe macht sich die "Mona Lisa" gen Stralsund auf den Weg - dort wirkt sie fast winzig im Vergleich zur neben ihr festgemachten "Gorch Fock". Ein paar Stunden Verschnaufpause für den Kapitän, ein paar Stunden Putzstress für die Crew. Dann kommen die nächsten Passagiere. Die reisen dann vom Meer zu den Kanälen.

Marlis Heinz, srt/abl



insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
hakmak 17.04.2016
1. ich erinnere mich
noch an meine Greifswalder Zeit während des Studiums. Damals haben viele Flusskreuzfahrtschiffe im Hafen gelegen. Die Tour Berlin nach Rügen ist also ein Klassiker.
note4shape 17.04.2016
2.
Hauptsache, Koch und Kellermeister bringen nur das Beste auf den Tisch. Champagner darf keinesfalls fehlen, denn es ist sehr effektiv bei der Vorbeugung von Seekrankheit. Am besten Veuve Cliquot Rose Reserve.
jeepster 17.04.2016
3. ♪♪
Was kostet ?
blindpflug 17.04.2016
4. Des Rätsels Lösung
Letzten Sommer stand ich morgens fassungslos in Vitte und habe mich gefragt, wie dieses Flussschiff da hinnimmt. Nun ist der Bodden nicht gerade hohe See, aber erstaunt war ich schon.
nils1966 18.04.2016
5. Gorch Fock, I und II
Hinweis: Bei der in Stralsund liegenden "Gorch Fock" handelt es sich um die originale Goch Fock von 1932, aber nicht um jene der Bundeswehr (Nachbau von 1958; seeamtlich, aber nur intern, als Gorch Gock II geführt). Die in Stralsund liegende Gorch Fock ist derzeit nicht hochseetauglich, was sich aber in Falle ausreichender Mittel ändern wird.
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