Den Schwarzwald neu entdecken Into the Wild

Stolze Auerhähne und vernebelte Hänge statt Kuckucksuhren und Bauernhäuser: Der Bildband "Nationalpark Schwarzwald" verzichtet auf Folklore und zeigt die wilde Seite des Gebirges.

Joachim Wimmer/ Knesebeck

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Als das eiskalte Wasser in seine Wathose drang, wurde Klaus Echle leicht panisch. Er riss die Kamera hoch. "Soll man eher auf seine Fotoausrüstung aufpassen oder darauf, nicht abzusaufen", beschreibt er das Dilemma der Situation in einem Schwarzwälder Karsee. Getarnt von einem schwimmenden Versteck, hatte er sich gerade seinem Zielobjekt angenähert: einem Zwergtaucher, einem "extrem scheuen, nur faustgroßen" Wasservogel.

Herr Echle, was ist Glück für Sie? "Je schwieriger die Tierarten zu fotografieren sind, desto glücklicher bin ich, sie gefunden zu haben", sagt der 52-Jährige. Dann lacht er: "Und wenn man in seinem Tarnversteck absäuft, dann ist es Glück, wenn man am Ende einen warmen Kaffee bekommt." Das Foto des kleinen Zwergtauchers zeigt nichts von der Dramatik: Der schwarzbraune Vogel hockt gelassen auf seinem Nest im hellgrünen Weidengebüsch, den Kopf mit den rostroten Wangen zum Fotografen gedreht.

Zwergtaucher
Klaus Echle/ Knesebeck

Zwergtaucher

Klaus Echle und Joachim Wimmer haben zwei Jahre lang im erst 2014 eröffneten Nationalpark im Nordschwarzwald fotografiert. Wenn ihnen ihre Jobs als Förster und Umweltingenieur Zeit ließen, streiften sie tagelang durch Wälder, liefen auf stundenlangen Touren mit bis zu 20 Kilogramm Fotoausrüstung über Hochflächen, zu Seen und Felsen. 30.000 Fotos entstanden dabei, 150 schafften es in den Bildband "Nationalpark Schwarzwald", der im Verlag Knesebeck erschienen ist.

Wie, Herr Echle, wie erwischt man denn wilde Tiere mit der Kamera? "Man braucht einen langen Atem", sagt er, "viel Geduld." Man müsse immer wieder die Orte aufsuchen, an denen sich etwa Füchse zeigen. Tag für Tag, immer wieder zur gleichen Zeit, sich nicht verstecken. So lange, "bis die Tiere merken, ihnen passiert nichts". Unter ihnen gebe es die Introvertierten, die Extrovertierten, die Scheuen und die eher Mutigen - wie bei den Menschen. Das Fotografieren der Tiere sei etwas Intimes für ihn, habe nichts "Paparazzi-artiges". Spielt Glück nicht auch eine Rolle? "Natürlich", sagt er, "doch den Zufallsmoment muss man sich hart erarbeiten."

Wird der Schwarzwald unterschätzt, Herr Echle? "Ja. Aber vor allem von denen, die dort wohnen", sagt der Badener, der wie Wimmer in Freiburg wohnt. "Mit dem Buch wollen wir zeigen, dass wir als Baden-Württemberger etwas wirklich Schönes vor der Haustür haben." Den ersten Nationalpark des Bundeslandes konnte Ministerpräsident Winfried Kretschmann nur gegen erheblichen Widerstand durchsetzen. Bei der Eröffnung im Mai 2014 in Seebach wurde gepfiffen und geschimpft.

Die Gegner fürchteten um Arbeitsplätze, beschworen Waldsterben durch den Borkenkäfer und dass die Touristen wegblieben. "Viele Argumente konnte ich nicht nachvollziehen", sagt der Förster, dessen Revier der Freiburger Stadtwald ist. Und: "Der Nationalpark ist eine Investition in die Zukunft. Große Waldgebiete, die sich selbst überlassen werden, sind rar in Deutschland." Vielleicht würde das Schutzgebiet erst später wirklich wertgeschätzt werden. So wie es die Natur jetzt schon tut. In die Kernzone, einem schon seit über hundert Jahren unberührten Bannwald, wandern Arten ein, die es dort lange nicht gab.

Der Wendehals zum Beispiel, sagt Echle, der Dreizehenspecht oder auch der Sperlingskauz. Diese winzige Eule hat einen Niedlichkeitsfaktor, der durchaus Facebook-tauglich wäre, und ist das Maskottchen des Nationalparks. Noch nicht mal so groß wie eine Amsel, hat der Kauz ein braun-weiß getupftes, puscheliges Federkleid und einen runden Kopf. Dieser kleine Raubvogel, der erfolgreich Mäuse jagt, hat aber eine wilde Seite. Wie der Schwarzwald. Wann ist eine Landschaft wild, Herr Echle? "Wenn man keine Spuren von Menschen mehr sieht, wenn die Natur übernommen hat", sagt er.

Klaus Echle
Knesebeck

Klaus Echle

Und diese Wildnis zeigen die beiden mehrfach ausgezeichneten Naturfotografen in ihrem Bildband, fernab jeglicher Klischees und Schwarzwald-Folklore, fern von Bollenhüten, Kuckucksuhren und röhrenden Hirschen. Bei ihnen bilden die verschneiten Stämme junger Fichten fast abstrakte Muster, Makroaufnahmen von Blättern, Moossporenkapseln und Auerhahnfedern zeigen Ästhetik im Detail. Großaufnahmen von Rehen oder Füchsen gibt es kaum, Dachs, Fuchs oder Marder werden samt ihrem Lebenraum gezeigt - manchmal fast als Suchbild. Der Schwarzwald wirkt so verlockend wie Nationalparks in den USA - und ist doch so nah.

Was waren die schönsten Momente während Ihrer Recherche, Herr Echle? "Das sind vielleicht die, die ich auf meiner Festplatte im Gehirn habe und nicht auf dem Chip in der Kamera", sagt er. "Ich liebe zum Beispiel Auerhennen, sie sind viel attraktiver als die Gockelhähne. Viel scheuer und viel schwieriger zu fotografieren. Wenn ich eine Henne mit ihren Küken sehe, dann lasse ich schon mal die Kamera links liegen und nutze die Chance, sie einfach nur zu beobachten."

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insgesamt 5 Beiträge
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rambazambah 14.10.2016
1. Der Schwarzwald bietet auch wirklich spektakuläre Aussichten
Ich kann von meinem Balkon aus jeden Morgen den Sonnenaufgang über dem Schwarzwald bewundern. Er ist auch aus dieser Entfernung wunderschön. Dunkel und geheimnisvoll, wenn sich jetzt im Herbst der Nebel um ihn schmiegt und er seinem Namen alle Ehre macht und er schwarz und verwunschen aussieht. Aber auch von oben bieten sich tolle Bilder - vor allem von der Rheinebene. Frühherbst, leichter Nebel, Sonnenuntergang. Wirklich empfehlenswert. Ich rate jedem, der sich das anschauen möchte, es nicht an einem Sonn- oder Feiertag zu tun.
Wackadoo 14.10.2016
2. Traumhaft
Vielleicht hilft dieser Artikel dabei, sich auf das zu besinnen, was in der Nähe liegt.....
postit2012 14.10.2016
3. Das schlechteste, was man über den Schwarzwald sagen kann,
ist, dass er gnadenlos verkitscht worden ist (mitsamt Trachtentrallala) . Aber dafür kann er nichts und die Schwarzwälder im Grunde auch nicht. Die Kuckucksuhr und der ganze Zimt war nur eine Möglichkeit, ihre Familien nicht verhungern zu lassen.
Hamberliner 14.10.2016
4. Sperlingskauz
Den Sperlingskauz kenne ich aus Spanien, genauer gesagt Katalonien, noch genauer gesagt Parc de Collserola hinter Barcelona, wo ich aufgewachsen bin. Man nannte ihn dort mochuelo oder umgangssprachlich den Put-Put. Man sieht ihn nicht, aber seine Laute tragen zusammen mit dem Singen der Grillen und gelegentlichen Eulenschreien sehr zur Romantik einer warmen Sommernacht unter Aleppo-Kiefern bei. Ich bin überrascht dass es ihn auch im Schwarzwald gibt. Wenn sich seit den 1970ern nichts geändert hat ist übrigens das Verbreitungsgebiet in der Wikipedia falsch.
oekolf 15.10.2016
5. Kalter Kaffee
Interessant, Glück ist es also eine warme Tasse Kaffe zu bekommen. Dachte Hr Echles größtes Glück wäre es Tiere aus der Entfernung zu beobachten und zu fotografieren. Aber letztendlich zählt nur das Individuum selbst, und trinken Tiere Kaffee ? Ansonsten gibt's offensichtlich bei Speed-Datings mit Kauz, Auahhahn und Luchs keine Kontaktängste, man lernt sich kennen, kommt sich näher, alles für die große Show, raus aus der Anonymität, einfach in den Schritt fassen, schließlich ist man Star. Ja, so ein gemeinsames Photo sollte, wenn man nicht gerade Lady Di heißt, eine Lebensversicherung sein, so jedenfalls die Hoffnung. Mögen die Konten der Tiere profitieren.
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