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17. Dezember 2013, 08:09 Uhr

Winzer im Odinstal

Besuch beim Rebenversteher

Von Rainer Schäfer

Rebstöcke werden nur bei abnehmendem Mond beschnitten - und bei Kalziummangel bekommen sie Eichenrindentee: Der biodynamische Weinanbau wird selten so konsequent betrieben wie auf Gut Odinstal in der Pfalz. Das Ergebnis sind tiefenentspannte Tropfen, fern jeder Konvention.

Wachenheim - Achtung, hier verlassen Sie die breit getrampelten Pfade der Pfalz, wo Weintouristen in Horden marschieren: Das Weingut Odinstal ist nur über einen Schotterweg zu erreichen. Die letzten Häuser des Weindorfs Wachenheim bleiben zurück, zwischen Wald und Rebbergen führt der Weg steil nach oben. Auf der Anhöhe endlich thront das Gut.

Andreas Schumann sieht müde aus, die Ringe unter den Augen lassen sich nicht verbergen. "Dieses Jahr hat Nerven gekostet", sagt er. Der 35-Jährige ist Winzer und Betriebsleiter des Weinguts. "Wir hatten noch nie so viele Erntetage", erzählt er. Das Frühjahr war kalt, die Vegetation kam nur langsam in Schwung, im Herbst setzten Regenfälle ein. Mühsam mussten sie immer wieder Trauben aussortieren.

Ein frischer Wind zieht durch die Reben, drinnen im Gutshaus knistert das Kaminfeuer. Im Odinstal herrschen besondere Bedingungen für den Weinbau: Auf 350 Metern über dem Meeresspiegel stehen die höchsten Weinberge der Mittelhaardt. Für Rotweine ist es hier oben zu kalt, die weißen Trauben reifen 20 Tage länger als unten im Tal. Durch die lange Vegetationsperiode konzentrieren sich die Aromen in den Trauben.

Dass im Weingut Odinstal biodynamischer Weinbau betrieben werden sollte, darüber waren sich Andreas Schumann und Thomas Hensel einig, als sie 2004 loslegten. Damals galten biodynamisch arbeitende Winzer noch als Sonderlinge, die sich in esoterischen und okkultischen Handlungen verlieren. Den beiden war es einerlei.

Rebschnitt nur bei abnehmendem Mond

Hensel ist Eigentümer des Weinguts, sein Geld verdient der 60-Jährige mit Immobilien. "Ich will nicht abends nach Hause kommen, und tagsüber wurde im Weinberg Gift gespritzt", sagt er. Winzer Schumann hat sich akribisch in die Biodynamik eingearbeitet. "Die entscheidende Frage für meine Arbeit lautet: Was ist gut für die Rebe?", erklärt Schumann. "Es ist nebensächlich, was gut für den Winzer ist."

Im Hof wird währenddessen in einem Metallkessel ein Hornmist-Präparat angerührt. Das soll die Durchwurzelung im Weinberg und die Verbindung von Pflanze und Boden verbessern. Wein, sagt Schumann, sollte nach dem Boden schmecken, auf dem die Rebe steht. "Das klappt am besten mit der biodynamischen Bewirtschaftung." Man schmecke die unterschiedlichen Lagen viel besser heraus, den Charakter des Basalts, des gelben Buntsandsteins und Muschelkalks.

Wie alle biodynamisch arbeitenden Winzer vergräbt auch Schumann Kuhhörner mit Präparaten wie Hornkiesel, und er orientiert sich an den Mondphasen. Der Rebschnitt etwa wird bei abnehmendem Mond durchgeführt. Schumann ist überzeugt, dass die Weine durch die Biodynamik "weicher, harmonischer und komplexer werden".

Aber auch beim Pflanzenschutz ist sie für ihn die einzige Methode. Im konventionellen Weinbau ist es üblich, chemisch-synthetische Pestizide einzusetzen. Schumann lehnt das kategorisch ab. Und das Spritzen von löslichem Mineraldünger kommt für ihn einer "Zwangsernährung der Reben" gleich. Inzwischen hätten immer mehr Winzer erkannt, dass aus einem geschundenen Weinberg keine großen Weine kommen: "Die entstehen immer mit der Natur, nie gegen sie", sagt Schumann.

Schumann umsorgt und bekocht seine Reben

Der Winzer ist kein dogmatischer Eiferer, keiner der anthroposophischen Kollegen, die ergeben den mitunter wunderlichen Vorschriften Rudolf Steiners folgen. Schumann ist ein Rebenversteher. Er studiert ihr Wesen, er umsorgt sie und kocht Tee aus Kräutern für sie. Vor Pilzkrankheiten schützt Schachtelhalmtee, gegen Kalziummangel hilft Tee aus Eichenrinde.

So konsequent wie im Odinstal wird Biodynamik selten betrieben. Schumann sucht ständig nach Wegen, um die natürlichen Prozesse weiter auszuloten. Einen seiner Weinberge hat er 2008 zum letzten Mal geschnitten. "Die Rebe ist eine Lianenpflanze, die wir Winzer zum Obstbäumchen machen", erklärt er. "Sie zu schneiden bedeutet Stress für die Rebe und beeinträchtigt die Harmonie der Weine." Schumann hat beobachtet, dass die Trauben "in völliger Freiheit" kleiner, lockerbeeriger und aromatischer werden. Allerdings sei die Ernte im Wildwuchs "gnadenlos arbeitsintensiv, mit doppelt so vielen Arbeitsstunden".

Insgesamt sind es rund 20 Hektar, die zum Gut gehören. Auf fünf Hektar werden Riesling, Weißburgunder, Auxerrois, Silvaner und Gewürztraminer angebaut. Acht Hektar Mischwald umgeben den Hof und die Grünflächen, auf denen Charolais-Rinder weiden und auch sieben Bienenvölker unterwegs sind. Biodynamik funktioniert für Schumann nur als "geschlossener Hofkreislauf". Die Fläche der "ökologischen Nische" Odinstal ist komplett arrondiert, hier stört kein Nachbar mit anderen Vorstellungen, kein Winzer, der zur Chemiekeule greift.

Auch im Keller vertraut Schumann den natürlichen Rhythmen. Er verzichtet auf Reinzuchthefen, "weil sie die Weine gleich machen". Seine Moste bleiben bei der Vergärung ungekühlt, "um ihr Temperament zu erhalten". Und wenn die natürlichen Hefen länger brauchen mit der Vergärung als erwartet, dann muss die Kundschaft eben warten.

Lichter der Großstadt flackern in weiter Ferne

Dafür bekommt sie ungewöhnliche, tiefenentspannte Weine, die eine große innere Ruhe ausstrahlen, trotzdem mit ihrer Spannung fesseln wie der Riesling Basalt mit den Aromen reifer Zitrusfrüchte. Oder der Weißburgunder vom Basalt, der Schmelz, Substanz und Tiefe verknüpft. Es sind schlanke Weine, die nicht schwer am Alkohol tragen. Da sie kaum den Konventionen entsprechen, finden sie nicht überall Freunde. Schwer tun sich vor allem konservative Kritiker.

Bei Experimentierfreudigen aber sind die Weine begehrt - und in den nordischen Ländern: Die Skandinavier lockt auch der Name Odins, des bedeutendsten nordischen Gottes, obwohl gar nicht erwiesen ist, ob das Odinstal tatsächlich nach ihm benannt wurde. Die Naturweine werden in berühmten Restaurants wie Noma und Geranium in Kopenhagen ausgeschenkt, oft sind skandinavische Sommeliers auf dem Gut zu Besuch.

Hensel hat das Anfang des 19. Jahrhunderts erbaute klassizistische Gutshaus 1998 gekauft und mit seiner Frau Ute renoviert und umgebaut. Seinen Gästen serviert er die Weine gern in der geräumigen Küche. Draußen plätschert der Brunnen, die großen Sprossenfenster bieten eine beeindruckende Aussicht: Weit entfernt, wie auf anderen Planeten, flackern die Lichter von Darmstadt, Heidelberg und Karlsruhe.

Es ist dunkel geworden, der dänische Praktikant Tobias Nilsson fährt noch mit dem Quad durch die Rebzeilen und versprüht Kräutertee. Gleich wird er belohnt mit einem Glas der Weine, an denen nicht nur Nachfahren der Wikinger Gefallen finden.

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