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Pop-up-Camps für den Corona-Sommer Platz? Da!

Campen könnte in der Coronakrise die perfekte Urlaubsform sein - sofern nicht bald alle Plätze ausgebucht sind. Ein neues Portal aktiviert nun Flächen, die ohnehin brach liegen. Vor allem Festivalgelände.
Von Julia Stanek

Die Deutschen haben ein Problem: Sie sehnen sich nach Urlaub, der Sommer ist fast da, aber das Coronavirus macht ihnen die schönste Zeit des Jahres madig.

Ja, es infizieren sich derzeit nicht mehr so viele Menschen mit Sars-CoV-2; aber die Gefahr ist nicht gebannt - und die langen Wochenenden im Mai haben gezeigt: An normalen Urlaub ist derzeit nicht zu denken. Auch nicht im eigenen Land. Überfüllte Strände, überforderte Touristenorte, die Urlauberinnen und Urlauber an Pfingsten baten, doch bitte zu Hause zu bleiben. Das Problem sind die vielen Menschen an Küsten, in Hotels - und bald vermutlich auch auf Campingplätzen.

Dabei ist Camping durchaus coronakompatibel: Das Nachtlager (Zelt, Bus oder Wohnmobil) muss nicht für den nächsten Gast gereinigt und desinfiziert werden, die Reisenden halten sich permanent an der frischen Luft auf. Allein die sanitären Anlagen könnten ein Problem werden: Wie Abstand halten, wenn sich nicht mal Platz für einen Kulturbeutel findet? Dies wiederum ist für Camper und besonders ehrgeizig ausgebaute Wohnmobile kein Problem: Bei ihnen reisen Toilette und Dusche schließlich mit.

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So geht Pop-up-Camping in der Lüneburger Heide

Foto: bsp media GmbH

Eine "Welle an Buchungsanfragen" habe die Campingplatzbetreiber überrollt, teilte vergangene Woche das Portal Camping.info mit, nachdem sich Anfang Mai die ersten Bundesländer wieder für Touristen geöffnet hatten. Der Bundesverband der Campingwirtschaft in Deutschland (BVCD) warnte: Die Kapazitäten werden nicht für alle reichen, wenn die Betreiber ihre Plätze nur anteilig belegen dürfen, wie es derzeit in Niedersachsen und dem Saarland der Fall ist. (Hier informiert der BVCD über die aktuellen Auflagen in den Bundesländern. )

Von einem Kapazitätsproblem spricht auch Jobst Paepcke. Der 43-jährige Unternehmer aus Hamburg ist eigentlich Inhaber einer Eventagentur mit zehn Angestellten. Doch sein Geschäft liegt wegen Corona brach - und nun ist Paepcke Betreiber von Pop-Up Camps , einer Buchungsplattform für temporäre Campingplätze.

Er sagt, mangelnde Camping-Möglichkeiten führten zu einem Problem: dem Wildcamping. An Himmelfahrt hätten Outdoor-Touristen auf Fehmarn stark verdreckte Parkplätze hinterlassen - übersät mit Müll und Ausscheidungen. "Ein Schlachtfeld", sagt Paepcke, der am liebsten mit seiner Familie und dem Wohnmobil unterwegs ist, meist mit Surfbrettern oder Mountainbikes an Bord.

Stellplatz im Kreidekreis

Vor fünf Wochen hatte er die Idee zu der neuen Buchungsplattform, der erste verfügbare Platz hatte bereits an Himmelfahrt geöffnet. Bisher ist nur ein Pop-up-Camp in der Lüneburger Heide im Angebot - eine Art Probewiese, um das kontaktlose Campen unter Coronabedingungen zu testen.

Auf einem derzeit 18.000 Quadratmeter großen Areal im Süden von Hamburg sind 45 Stellplätze mit weißen Kreidekreisen ausgewiesen, hier müssen die Gäste Wohnmobil, Van, Caravan oder Wohnwagen abstellen. Jede Parzelle ist zwischen 160 und 200 Quadratmeter groß, eine Anreise mit Auto und Zelt ist derzeit nicht erlaubt.

Es gebe "weder einen Kiosk noch eine Rezeption, dafür viel Platz" - so das Versprechen des neuen Portals. "Was wir den Gästen garantieren wollen, ist kontaktloses Einchecken und Abstand beim Campen." Das, was es an manch einem Ort an der Küste derzeit nicht gibt. "Da wollen alle zum Strand - und dann füllt es sich."

Am Pfingstwochenende zählte Paepcke insgesamt 50 Buchungen, Bullis waren da, Familien im Wohnmobil und "Overland-Fahrer mit geilen Faltdach-Aufbauten", wie er sagt. Aber auch Menschen der Risikogruppe, also jenseits der 60.

Manche der Gäste haben sich für ihren Aufenthalt den Luxus gegönnt, im Camp eine private Kompost-Toilette zu mieten. Die wird direkt neben dem Bus oder Wohnwagen platziert, steht zur exklusiven Nutzung und wird nach Abreise gereinigt. "Das kostet zwar 35 Euro extra", sagt Paepcke. "Aber offenbar ist diese Investition aktuell vielen Campern was wert." Ob sanitäre Anlagen auf den temporären Campingplätzen erlaubt sind oder nicht, hängt von den Bestimmungen in den Bundesländern ab. Im niedersächsischen Westergellersen gibt es welche: Dusche, WC, Waschbecken. Betreten nur mit Mundschutz und Abstand erlaubt.

Warum nutzen die Leute so ein Pop-up-Camp? "Einige waren coronabedingt aus ihrer Buchung geflogen, andere hatten sich an der Ostsee so bedrängt gefühlt, dass sie abgereist und zu uns gekommen sind", sagt Paepcke. Er wolle eine Alternative schaffen, "das gesellschaftliche Problem der zu geringen Übernachtungskapazitäten lösen" - und dabei auch noch Unternehmerinnen und Unternehmern helfen, die, wie er selbst, geschäftlich unter der Coronakrise leiden. Zum Beispiel die Betreiber von Musikfestivals.

Camping auf dem Festivalgelände

Da solche Großveranstaltungen in diesem Sommer nicht stattfinden dürfen, haben nun viele Organisatoren finanzielle Schwierigkeiten. Die Veranstaltungsorte - oft große Flächen auf dem Land - seien teilweise bestens als Campingplätze geeignet, sagt Paepcke. Also schrieb er 160 Betreiber an und schlug vor: Mach aus dem Gelände einen temporären Campingplatz - und ich vermarkte ihn.

Einige Zusagen gebe es schon - zum Beispiel von Ferropolis, der Veranstaltungsarena bei Dessau, in der sonst immer das Melt! Festival stattfindet. In Bayern sei nun ein Anbieter von Abenteuerparks dabei, einige Pop-up-Camps an Seen zu planen.

Interesse gezeigt habe außerdem der Besitzer einer Burg in Mecklenburg-Vorpommern, vor der Coronakrise ein Ort für große Hochzeitsfeiern. Dessen Idee: Stellplätze anbieten - und der Caterer vor Ort soll den Gästen das Abendessen bis zum Campingtisch bringen.

Nachhaltig soll das Vorhaben auch sein, nicht nur wegen der Mülltrennung vor Ort. "Die Campingplätze werden nur in der Hochsaison existieren", sagt Paepcke. "Wir bauen nichts Bleibendes." Herkömmliche Campingplätze seien über das ganze Jahr gesehen Orte mit extrem schlechter Auslastung. Beim Pop-up-Camping soll das vermieden werden, aus wirtschaftlichen Gründen - und auch, um Flächen in der Natur nicht unnötig zu belagern.

Langfristig soll die Datenbank auf mehr als 10.000 Parzellen in ganz Deutschland anwachsen. "Natürlich findet alles unter strengsten Auflagen statt", sagt er. Schon aus eigenem Interesse: "Dieses Business wird eine Luftnummer, sollte es im Sommer eine zweite Welle geben und damit einen neuen Lockdown."

Paepcke weiß um die zerstörerische Kraft des Coronavirus - nicht nur wirtschaftlich betrachtet: Anfang März brachte es seine Frau aus dem Skiurlaub in Ischgl mit - und steckte die gesamte Familie an.

Infektionsschutz im Urlaub, den Gästen Sicherheit bieten, darauf käme es nun an, sagt Paepcke. "Das Coronavirus sollte nicht bagatellisiert werden."

Reiseziel: Abgeschiedenheit

Wer große Ansammlungen von Urlaubern meiden möchte und gern mit dem Bulli unterwegs ist, der findet schöne Stellplätze in der Natur auch auf Websites wie Landvergnügen , CampSpace  oder Homecamper  - wobei Letztere den Schwerpunkt eher im europäischen Ausland haben. Das Prinzip: Privatleute öffnen ihre Gärten für Reisende im Kleinbus, Camper oder Wohnmobil.

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Ein neues Buchungsportal für Deutschland entsteht gerade: Das Start-up Vansite  will einige Dutzend Stellplatz-Anbieter auf einer Website listen. "Wir haben Ferienhöfe angefragt, Sportflugplätze, Resthöfe und landwirtschaftliche Betriebe", sagt der Gründer Sebastian Siegbert, 28. "Auch der Betreiber eines Trekkingplatzes in der Uckermark ist interessiert, der bietet eigentlich Fahrten mit dem Planwagen an." Im Juli sollen erste Übernachtungen buchbar sein.

Siegbert war die Idee zum Portal nach einer Schweden-Reise mit dem Bulli gekommen - und zwar schon im Herbst 2019, einige Monate vor Beginn der Coronakrise. Zusammen mit zwei Studienfreunden hat er eine Plattform aufgesetzt, die selbst in Pandemiezeiten praktikablen Urlaub möglich machen könnte - kontaktlos und mit ausreichend Abstand.

Das Versprechen: "Die Reisenden sollen relativ abgelegen und alleine stehen - möglichst naturbelassen, möglichst mit toller Aussicht", sagt Siegbert. Jetzt fehle es nur noch an genügend geeigneten Flächen, etwa am Rande von Wiesen und Feldern. Die Idee zeigt: Mit den richtigen Konzepten kann der Corona-Camping-Sommer kommen.