Abenteuer Campingplatz: Zelten will gelernt sein
Abenteuer Campingplatz: Zelten will gelernt sein
Foto: Ute Mans/ plainpicture

Anleitung für Erstcamper You camp, you learn!

Eigene Camping-Erfahrung: kaum vorhanden. Die Hoffnung: dass im Zelt zwischen Isomatten völlig ungeahntes Familienglück liegt. Was eine Zeltanfängerin an einem Wochenende gelernt hat.
Von Eva Lehnen

Als wir am vergangenen Freitag auf einem Campingplatz an der Ostsee eine grüne Rolle aus dem Kofferraum holen, habe ich nur einen Wunsch: dass sich ihr Inhalt, unser neues Zelt, wirklich so leicht aufstellen lässt, wie es im Herstellervideo zu sehen war.

Zum besseren Verständnis meiner inneren Anspannung sollte ich vielleicht kurz bemerken, dass es uns im letztjährigen (Ferienhaus-) Urlaub gelungen ist, mit dem umständlichen Aufbau einer Strandmuschel - die ja nur ein halbes Zelt ist - viele Franzosen zu amüsieren.

Diesmal schirmt uns immerhin eine Hecke ab, als wir auf der Wiese vor dem ausgerollten Fünf-Personen-Tunnelzelt herumstehen. Schreitet der Aufbau komplikationslos voran, würde ich das (als eine, die mit dem Thema Camping noch warm werden muss) als gelungenen Start in unsere Karriere als Camping-Familie werten.

Fails bereits in der Frühphase unseres 2,5-tägigen Mini-Adventures würde ich eher als Warnung werten: Vielleicht sollten wir künftig lieber weiterhin in festen Wänden urlauben. Eine Einsicht, zu der wir hoffentlich nicht gelangen, denn eigentlich gefällt uns die Vorstellung sehr, als vierköpfige Großstadt-Familie viel Zeit draußen zu verbringen. Unser Traum: norwegische Wildnis, irgendwann.

Zeltvideos sind unser Netflix

Mein Mann, der Outdoorigere von uns beiden, ist sich der Brisanz dieser Minuten bewusst. Nichts fürchtet er mehr als ein "Oh Gott, ist das alles umständlich" aus meinem Mund.

Um praktische Erfolge nicht zu gefährden, überlasse ich ihm den Aufbau unseres "Lofoten Trek 5 Camp". Auch die Kinder, vier und fünf Jahre alt, haben sich offenbar vorgenommen, sich als vielversprechende Mitcamper zu präsentieren. Eifrig und mit der gebotenen Sorgfalt schieben sie Zeltstangen durch die Kanäle und assistieren an den Leinen.

Zu meiner Erleichterung steht unser Tunnelzelt binnen einer Viertelstunde - obwohl es sich bei unserem Zelt nicht um ein Wurfzelt handelt, das sich quasi im Luftumdrehen aufbaut.

Es ist niedriger als das Kuppelzelt der dreiköpfigen Familie von gegenüber, die in ihrem Zelt problemlos stehen kann, während wir hineinkriechen. Dafür ist unser Zelt ein echtes Platzwunder: Im Schlafabteil können wir auf 2,40 Metern zu viert bequem schlafen. In der vorderen, komplett aufrollbaren Apside ist viel Stauraum - an Regentagen könnten wir darin sogar kochen. Stürme müssen wir nicht fürchten.

Auch das Gewicht war für uns beim Kauf (wir haben bei einem österreichischen Händler mit guter Telefonberatung ein erfreulich reduziertes Ausstellungsstück gefunden) ein wichtiges Argument. Sollte unsere Camping-Karriere tatsächlich weitergehen, wollen wir unsere Zeltrolle - sobald die Kinderbeine länger sind - auch auf dem Fahrradgepäckträger oder im Wanderrucksack transportieren. 4,8 Kilogramm kommen uns noch einigermaßen machbar vor. Klar, es gibt natürlich wesentlich leichtere, dafür aber auch deutlich teurere Zelte.

Während mein Mann die Kinder brieft, dass sie beim Herumlaufen ums Zelt auf keinen Fall mit nackten Füßen auf die Heringe treten sollen (Aua!) und Strandsand am besten vor dem Reinklettern abklopfen (klappt nur mittelgut, weshalb ich zur Mitnahme von Handfeger und Kehrblech rate), komme ich meinen Aufgaben als Isomatten-Beauftragte nach.

Was ich bei der Materialrecherche gelernt habe: "Selbstaufblasend" ist eine relative Fähigkeit moderner Matten. Bei vielen muss man selbst noch ordentlich nachpusten. Auch für unsere brauche ich längeren Atmen. Dafür lagern wir sehr bequem, als ich abends aus der "Kleinen Hexe" vorlese.

Die Kinder haben sich in ihre mitwachsenden Schlafsäcke eingemuckelt und ich freue mich, dass wir unsere Ausrüstungsrecherche bereits in den Wintermonaten vorangetrieben haben, wenn gute Camping-Schnäppchen zu machen sind. Sollte das Camping für uns gar nicht funktionieren - so unser Käuferkalkül - würden wir unsere Ausrüstung notfalls bei Ebay-Kleinanzeigen einstellen.

Waschhaus-Sause: "Ich muss Pippiiiii. Jeeeetzt!"

Es ist zwar optisch etwas gewöhnungsbedürftig, für unsere Konstellation mit einigermaßen viel Gepäck aber sehr praktisch: Auf unserem Campingplatz dürfen die Autos neben dem Zelt parken. Man wacht also mehr oder weniger direkt neben der Motorhaube auf. Dafür ist es nicht weit zur Kühlbox im Kofferraum, wenn die Kinder morgens nach ihrer Milch rufen.

Klamotten, Geschirr und weitere Lebensmittel laden wir erst gar nicht aus: Sie bleiben in zwei großen durchsichtigen Boxen. So lässt sich ohne großes Gewühl noch fix ein Waschlappen schnappen, bevor wir mit dem ersten "Ich-muss-Pipiiii-jeeeetzt-Schrei" Richtung Waschhaus zu stürzen. Immerhin gegen 7 Uhr, was mich als Dunkelschläferin äußerst positiv überrascht. Vielleicht liegt es an der Meeresluft hier direkt an der Ostsee.

Obwohl entsprechend ausgeschlafen, vergesse ich leider ständig meinen Mundschutz und muss kurz vorm Ziel umdrehen. Einerseits ist es lästig, den Weg doppelt zu laufen (Profis unternehmen keine Toilettengänge, sondern fahren mit dem Rad vor). Andererseits macht es Spaß zu sehen, wie der Campingplatz erwacht: Wohnmobiltüren (irre, was für Riesengefährte es gibt) und Bulliklappen öffnen sich, Zeltverschlüsse ratschen. Hinaus treten lauter Leute, die ebenso verwuschelt sind wie ich. Hier riecht es nach Kaffee, dort nach gebratenem Speck.

Etwas neidisch blicke ich auf die gut gepolsterten Sitzmöbel ringsum. Vor Abfahrt, als mein Mann sich noch einen Dreibeinhocker besorgte, hatte ich verkündet, dass mir unsere Picknickdecke als Sitzgelegenheit reicht. Was für ein Anfängerfehler! Denn natürlich ist es nur mittel erfreulich, mit einem Käsebrötchen wahlweise auf einer Morgentau- oder gar regennassen Wiese zu sitzen oder kauend herumzustehen. You camp, you learn!

Zum Glück haben wir wenigstens einen kleinen Klapptisch (Erbstück) dabei, um darauf die geliehene Gaskochplatte aufzustellen, auf der wir das Kaffeewasser zum Kochen zu bringen (für die zweite oder dritte Tasse ist eine Thermoskanne praktisch) oder die Spaghetti (Parmesan nicht vergessen!).

Zwischendurch wird ein Gaskartuschenwechsel nötig. Dann wiederum gilt es, auf dem Spielplatz verbuddelte Sandalen zu bergen. Schmutziges Geschirr zum Abwasch zu tragen. Oder bei heraufziehenden schwarzen Wolken (die sich natürlich auch entluden), die trocknenden Handtücher von der Autotür zu retten.

Grundsätzlich, so mein Eindruck, haben campende Eltern ziemlich viel zu tun. Das viel gelobte einfache Leben - auf unserem Stellplatz findet es an diesem Wochenende jedenfalls nicht statt. Mein Lieblingssatz in diesem Zusammenhang stammt von einem Dauercamper, der mit zwei vollen Eimern Grünabfall unsere Parzelle passiert. "Was machst du da?", will unser Sohn wissen. "Ich mähe Rasen." "Warum?" "Damit ich mich danach wieder erholen kann."

Als wir am Sonntagabend wieder in Hamburg ankommen, bin ich leicht ermattet. Woran ich merke, dass unsere Camping-Karriere dennoch am Anfang und nicht kurz vor Abbruch steht? Ich schreibe mit, als meine Kollegin - Outdoor-Vollprofi - mir am Montag Tipps gibt, womit wir unsere Ausrüstung mit Blick auf möglichst wenig Gewicht und Platzbedarf vervollständigen könnten.

Statt einem Gaskocher empfiehlt sie das kompakte, mit Spiritus betriebene Trangia-Sturmkocher-Set und zum gemütlichen Sitzen die Investition in einen Helinox-Stuhl. Den Preiswecker im Internet habe ich gestellt. Auch das ist eine Ersterfahrung: Noch nie wusste ich bereits im Sommer, was ich mir zu Weihnachten wünsche.

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