Seeluft statt U-Bahn-Muff in Berlin Vom Campingplatz direkt ins Büro

Campen und gleichzeitig zum Job pendeln? Im Berliner Umland geht das.

Leon Ginzel

Von Leon Ginzel


Das Thermometer kratzt an den 40 Grad. Der Kreuzberger Altbau wird zum Ofen, die Ringbahn mutiert zur stickigen Gruppensauna, und auf den Gehwegen in Neukölln schleppen sich die Hipster von Schatten zu Schatten. Ein paar Stunden am See? Der kühlende Effekt ist schon bei der Fahrt zurück verpufft. Der Sommer in Berlin ist heiß, klebrig und kräftezehrend.

"Genau das wollten wir uns nicht mehr antun!" Volker Baumann sitzt im blauen Campingstuhl vor seinem Wohnwagen. "Herzlich willkommen in unserem Sommerdomizil!" Die Füße im Wasser, gelbes Käppi auf dem Kopf, verspiegelte Sonnenbrille, das "Kindl" im Sand abgestellt. Der Templiner See schwappt fast auf den kleinen Klapptisch.

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Campen bei Berlin: Großstadthektik? Ganz weit weg

Vier Wochen lang haben er und seine Frau Melanie, beide Physiotherapeuten aus Lichterfelde, sich auf dem Campingpark Sanssouci in Potsdam einquartiert. Von hier aus pendeln sie ab sofort nach Berlin. Campen - arbeiten - campen. Vier Wochen lang. Der Platz in einem Waldstück auf einer Halbinsel liegt ideal für hitzegeplagte Großstädter: Nur eine Stunde mit dem Auto oder der Bahn von Berlin entfernt.

Schon der Blick aufs Wasser entspannt. Segelschiffe statt überfüllte U-Bahnen, das sanfte Rauschen der Bäume statt des Lärms von Großbaustellen, Seeluft statt Abgase. Es dauert nicht lange, bis der klebrige Hauptstadtfilm sich löst und einem luftigen Urlaubsgefühl weicht.

Gleich hinter der Einfahrt führen links ein paar Holzstufen in den Sand. Vor einer Holzbude stapeln sich SUP-Boards und Kajaks. Nur grünes Schilf trennt die Stellplätze vom Wasser. "Für uns ist das perfekt. Wir sind gern am Wasser und paddeln", sagt Melanie Baumann.

Tochter Marie, 18, ist zu Besuch im temporären Sommerwohnsitz der Eltern. "Ich finde das super, dass meine Eltern das machen! Ich liebe die Atmosphäre beim Campen. Man kommt so schnell mit anderen Leuten in Kontakt, fühlt sich nie verloren, es ist eine total offene Atmosphäre. Und die Lage hier ist natürlich top."

"Hier ist jeden Tag Urlaub"

"Wir haben oft Gäste aus Berlin, die für ein paar Tage Ruhe suchen", erzählt Chef Dieter Lübberding. Er nennt sich selbst "Bürgermeister" seines "Campingdorfs" - immerhin gibt es hier einen kleinen Lebensmittelladen mit überwiegend regionalen Produkten, ein Restaurant und sogar einen Friseur.

Nach der Wende hat der gebürtige Ostfriese das Areal zusammen mit seiner Schwester gekauft, ausgebaut und kontinuierlich modernisiert. Was Lübberding an seinem Job liebt? "Hier ist jeden Tag Urlaub, die Leute sind gut drauf, international." Und bunt gemischt: Junge Familien im nagelneuen "Pössl" stehen neben erfahrenen Campern oder dem Pärchen im gelben Bulli.

Weiter hinten, in der Nähe der Badestelle, ist Platz für die Camping-Puristen. Axel und Anastasia Schmieder haben gerade ihr gelbes Dreier-Zelt für sich und ihre kleine Tochter aufgebaut. Währenddessen wird über die riesigen Wohnmobilschiffe in Sichtweite gelästert. "Wer braucht so viel Luxus beim Campen?"

Die Schmieders sind der Outdoor-Gegenentwurf zu den hochgerüsteten Komfort-Campern. Ein Zelt, Isomatte - das muss reichen. So etwas wie die Kreuzberger unter den Campern. In Berlin wohnen sie allerdings in Prenzlauer Berg.

Sie arbeitet in einem EU-Projekt im Auftrag des Justizministeriums, er verkauft Luxusuhren am Ku'damm und hat die Camping-Leidenschaft in die Beziehung gebracht. Axel Schmieders Motto? Allzeit bereit für die Großstadtflucht: "Bei mir ist der Rucksack immer fertig gepackt. Ich schnapp mir nur schnell alles andere und dann geht's los!"

Beim Campen kennengelernt und verliebt

Inzwischen ist auch seine Frau Campingfan. "Ich stand heute Morgen in der aufgeheizten Wohnung und habe zu Axel gesagt: 'Komm, lass uns spontan rausfahren!' Dann hab ich ein bisschen recherchiert und gesehen, dass die hier die Gäste mit einem Shuttle vom Bahnhof abholen, und danach sind wir losgefahren", erzählt die 35-Jährige. Der Service ist Gold wert: Das Paar hat kein Auto. "Braucht man in Berlin ja nicht!"

Schmieder hat inzwischen das T-Shirt ins Zelt geworfen, so als wollte er auch den letzten Rest Großstadthektik abstreifen. "Campen, das ist für uns Ruhe finden. Wenig Menschen. Entspannen." Erst hat der 45-Jährige abends noch online gearbeitet, dann spontan frei bekommen. Seine Frau hat Urlaub eingereicht.

Kennengelernt haben sie sich in Japan. Natürlich beim Campen. "2009, auf einem Festival. Da war damals die längste Sonnenfinsternis ever", erzählt er. Zwei Jahre später haben der Ur-Berliner und die gebürtige Russin geheiratet. Sie ist hochschwanger - in zwei Monaten kommt das nächste Kind. "Langsam wird es etwas anstrengend mit dem Bauch im Zelt, aber noch ist es okay." Zwei, drei Tage wollen sie bleiben, bis es wieder etwas kühler geworden ist in Berlin.

Der heiße Sommerstart ist für "Campingplatz-Bürgermeister" Lübberding ein Segen. Die Tische auf der Restaurantterrasse sind gut gefüllt. Vor der Einfahrt stehen neue Gäste Schlange. "Die Saison lief schon mal super an. Man merkt einfach: Camping boomt", sagt er. Der Stellplatz kostet für zwei Personen pro Nacht 41 Euro in der Hauptsaison. Nicht ganz günstig, aber der Standard ist verglichen mit anderen Plätzen in der Region auch hoch. Und die Lage direkt am Wasser unschlagbar.

Lebensmittel in ein Bodenloch, Erde drüber, fertig

Ein paar Schritte die zentrale Allee des Platzes runter, vorbei am Gemüse- und Obststand, verfolgen Christine und Klaus Brandt das Treiben. In aller Seelenruhe, mit einer Tasse Filterkaffee vor ihrem Camper. Wenn die Schmieders die Camping-Variante Kreuzberg sind, dann stehen die Brandts eher für einen gemütlicheren Stil. "Wir kommen aus Pankow!". Das passt.

Auch die zwei sind spontane Hauptstadtsommerflüchtlinge - und Camping-Comebacker. "Ganz früher hatten wir einen Wohnwagen, seit März jetzt das Ding hier", sagt der ehemalige Kraftwerksingenieur und klopft auf die Tür des großzügigen Wohnmobils hinter sich. "Das liegt uns im Blut, dieses Freiheitsgefühl. Und gleichzeitig das Zuhause immer dabei."

Über ihre gestiegenen Ansprüche müssen sie selber schmunzeln. "Als wir zu DDR-Zeiten an der Ostsee campen waren, haben wir die Sachen in 'nem Loch im Boden gekühlt, Erde drüber, fertig. Am Ende der Ferien gab's da teilweise keine Lebensmittel mehr zu kaufen, kein Bier. Wir sind dann immer zum Wolgast-Express gelaufen, zum Zug. Da gab es noch Bier!"

Campingplätze im Berliner Umland
Camping am Oberuckersee
Herrliche Stellplätze unter Bäumen, schöne Badestelle mit Sonnenuntergangssteg. Die Natur rundherum ist perfekt zum Abschalten. Ein mobiler Marktwagen verkauft regelmäßig regionale Produkte an die Gäste. Nette Betreiber. Stellplatz pro Nacht für zwei Personen: circa 25 Euro. Adresse: Lindenallee 2, 17291 Oberuckerse; www.camping-oberuckersee.de
Zeltplatz Kuhle Wampe
Wer ganz klassisch Campen möchte, nur mit Zelt, der kann das im Osten der Stadt, in Schmöckwitz. "Kuhle Wampe" heißt der geschichtsträchtige Platz. Schon die Anreise per Fähre hat Urlaubsflair. Sehr naturnah und direkt am Wasser. Zwei Personen mit Zelt: 16 Euro. Adresse: Straße zur Krampenburg, 12559 Berlin; www.zeltplatz-kuhle-wampe.de
Spreewald-Natur-Camping Am Schlosspark
Mitten im Spreewald gelegen, am Rand von Lübbenau. Der Platz ist umgeben von Wasser. Mit dem Kajak geht's direkt auf die kleinen Kanäle. Moderne Ausstattung. Mittelgroßer Stellplatz pro Nacht für Zwei: 28 Euro. Adresse: Schloßbezirk 20, 03222 Lübbenau; www.spreewaldcamping-schloss.de
Campingpark Sanssouci
Adresse: An der Pirschheide 41, 14471 Potsdam; www.camping-potsdam.de

Klaus Brandt nimmt einen Schluck Kaffee. Auf dem Tisch steht das Sonntagsfrühstück. Er ist seit einem Jahr Rentner - seine Frau fährt nach dem Wochenende vom Platz mit dem Zug ins Büro. Vom Campingstuhl auf den Bürosessel. Das Modell der Baumanns in der Light-Version. "Das wollen wir jetzt im Sommer ein paar Mal machen. Auch, um die neue Kiste kennenzulernen!" Wenn Christine in Rente ist, soll's auf die großen Touren gehen.

Im Restaurant ist mittlerweile auch der letzte Platz gefüllt. Die braun gebrannten Mitarbeiter am Paddelstand geben ein Boot nach dem anderen raus. Kinder und junge Paare in Bikini und Badehose strömen zum Wasser. Ein kühler Wind streicht über den Platz.

Zeltlageratmosphäre und Urlaubsflair. Die eigentlich nur eine Stunde entfernte Berliner Großstadthektik? Ganz weit weg.



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Seite 1
nuramnoergeln 26.07.2019
1. Wieso Campingplatz
Wenn ich in Berlin nicht im hippen Zentrum wohne, sondern mich in den äusseren Bezirke niederlasse (Reinickendorf, Pankow etc.) bin ich trotzdem mit Öffentlichen schnell im Zentrum aber habe das ganze Jahr über das Grün um mich. Auch jetzt im zweiten Hitzesommer hintereinander, ist es abends im Norden der Stadt noch schön kühl.
ichbinsdiesusi 26.07.2019
2. Geile Idee
Da es ja noch was anderes als hippe Innenstadtbezirke gibt und auch nicht jeder in Potsdam - Brandenburg - Werder - Wannsee etc. wohnen kann, finde ich die Idee absolut großartig. Es ist nun mal einen fantastische Gegend, die sich zu genießen lohnt, wann immer es möglich ist.
three-horses 26.07.2019
3. Romantik.
Zitat von ichbinsdiesusiDa es ja noch was anderes als hippe Innenstadtbezirke gibt und auch nicht jeder in Potsdam - Brandenburg - Werder - Wannsee etc. wohnen kann, finde ich die Idee absolut großartig. Es ist nun mal einen fantastische Gegend, die sich zu genießen lohnt, wann immer es möglich ist.
Wo geil? Was kostet so ein Campinglatz, wo das Wasser, Strom gut doppelt so teuer ist wie sonst? Die Gas Heizung dann auch mal 300 je Monat so durch das Kamin jagt? Hier ist nicht Amerika, es ist Deutschland und alles teuer. Da gibt es keine Alternative. Ja gut, unter der Brücke geht noch.
112211 26.07.2019
4.
Zitat von three-horsesWo geil? Was kostet so ein Campinglatz, wo das Wasser, Strom gut doppelt so teuer ist wie sonst? Die Gas Heizung dann auch mal 300 je Monat so durch das Kamin jagt? Hier ist nicht Amerika, es ist Deutschland und alles teuer. Da gibt es keine Alternative. Ja gut, unter der Brücke geht noch.
Die Gasheizung können Sie knicken. Ich glaube nicht, dass irgendwer dort im Moment die Heizung anmacht.
emil7685 26.07.2019
5.
Zitat von three-horsesWo geil? Was kostet so ein Campinglatz, wo das Wasser, Strom gut doppelt so teuer ist wie sonst? Die Gas Heizung dann auch mal 300 je Monat so durch das Kamin jagt? Hier ist nicht Amerika, es ist Deutschland und alles teuer. Da gibt es keine Alternative. Ja gut, unter der Brücke geht noch.
Ich habe einen 10 Meter langen 14-Tonner-Wohn-LKW. Wenn ich den durchgängig im tiefsten Winter mit Gas heize dann reicht mir eine 12kg-Gasflasche für 15 Euro etwa fünf bis sechs Tage. Wie man in einem normalen Camping-Wohnwagen "300 je monat so durch das Kamin" jagen kann ist mir schleierhaft.
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