Warteschlangen im Düsseldorfer Flughafen
Warteschlangen im Düsseldorfer Flughafen
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David-Prado / Getty Images/iStockphoto

Zehn Tipps eines Ex-Flugmanagers So bewältige ich den Reisestress

Wie früh oder spät sollte ich am Flughafen sein? Woher bekomme ich Infos? Und was erwartet mich zurzeit überhaupt? Ein ehemaliger Flugmanager und heutiger Flugkurier gibt Tipps.
Von Antje Blinda

»Wir erwarten keinen fliegerischen Katastrophensommer. Wir sind mittendrin.« Das schreibt Robert Revet auf seinem Facebook-Account . Der ehemalige Flightmanager war fast 45 Jahre bei der Lufthansa und lange Zeit am Frankfurter Flughafen am Boden für die Abwicklung von Flügen zuständig. Als »Lebensgenießer / Levensgenieter« bezeichnet er sich auf seiner Social-Media-Site. Inzwischen ist der 69-jährige gebürtige Niederländer in Rente und kennt nun auch die Perspektive des Vielfliegers: Zwei- bis dreimal im Monat ist er als Kurier für Stammzellen per Flugzeug unterwegs .

Auf Facebook gab er Tipps, um besser durch das Flugchaos zu kommen. Im Interview erzählt er von seinen Erfahrungen.

SPIEGEL: Trotz aller Querelen, die Reisende gerade an Flughäfen erwarten, und trotz Ihres Rentnerstatus sind Sie mehrmals im Monat in der Luft. Nervt das nicht? In Warteschlangen auszuharren und Stunden im Flugzeug zu verbringen?

Revet: Nein. Was mir mehr auf den Geist geht, ist, allein zu Hause zu hocken – das ist einfach langweilig. Ich bin gern unterwegs und komme so an Ziele, zu denen ich privat nie fliegen würde. Manchmal kann ich ein paar Tage dranhängen: Ich war gerade in Minneapolis, in Genua und Mailand.

SPIEGEL: Dennoch – was ist Ihr größtes Ärgernis?

Revet: Dass die Flugzeuge immer schmaler werden, die Anzahl der Sitze in der Reihe aber gleich bleibt. So ist die Boeing 747 fast einen halben Meter schmaler als der A380 und die Boeing 777 noch mal 25 Zentimeter – und das bei jeweils zehn Sitzen pro Reihe. Die Sitze werden also enger. Den A380 finde ich superbequem, der Dreamliner ist eher ein Alptraum-Liner. Natürlich nerven die Staus an den Flughäfen und die Drängelei beim Einsteigen von Passagieren, die noch gar nicht dran sind. Das war im Coronalockdown vollkommen anders.

SPIEGEL: Sie sind dennoch geflogen?

Revet: Ja. Leukämie interessiert sich nicht für andere Krankheiten – und Stammzellen sind zum größten Teil für Leukämiepatienten bestimmt. Ich konnte mir sogar ganze Reihen in den Flugzeugen aussuchen. Ich stand als einziger Mensch auf dem Petersplatz in Rom, und auf dem Bahnsteig von Piccadilly Circus in London war ich mitten an einem Werktag auch der Einzige.

SPIEGEL: Ihre Lieblings-Airline?

Revet: Ich fliege als Kurier ja mit allem, was Tragflächen hat. Lufthansa mag ich natürlich immer noch. Aber neulich mit KLM war es toll – ich konnte mich als Niederländer mit der Crew in der Galley unterhalten. Und auf dem Rückflug wurde ich schon an der Tür von derselben Crew mit einer Postkarte begrüßt. Wenn die Crew gut ist, ist jede Airline gut. Wenn die keine Lust haben und muffelig sind, dann macht es weniger Spaß.

SPIEGEL: Was kann man als Passagier falsch machen?

Revet: Am Flughafen bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Druck zu machen, ist sinnlos. Die sind sowieso schon enormem Druck ausgesetzt und fix und fertig. Es ist ein Albtraum zurzeit. Früher hatten wir auch solch stressige Situationen – zum Beispiel, als Lufthansa nach der Wiedervereinigung den Betrieb der Pan Am und British Airways in Tegel übernommen hat –, wir wussten aber, dass sich das wieder einrenkt. Jetzt ist aber keine Rede von Normalisierung. Die Flugstreichungen sind eine kleine Erleichterung, ändern aber nichts an den Problemen.

SPIEGEL: Ein Beispiel?

Revet: Bei der Fraport in Frankfurt etwa gibt es nicht genügend Gepäckarbeiter. Also fehlen Menschen, die die Koffer aus den Flugzeugen holen. Da diese aber weiterfliegen müssen, ist es schon mal passiert, dass das Gepäck an Bord blieb und einfach neues dazu geladen wurde. Dazu kommt, dass die Arbeiter in Deutschland nur zehn Stunden arbeiten dürfen – was ja gut ist –, die ausgeladenen Koffer bleiben dann abends einfach in der Halle stehen. Solches Chaos gab es aber auch schon in London, Düsseldorf und Amsterdam.

SPIEGEL: Eigentlich war der Personalmangel abzusehen.

Revet: Ja, ein Chaos mit Ansage. Ich halte die Entscheidungen der Vorstände der Flughäfen und der Airlines weltweit für komplett falsch, alles automatisieren zu wollen und das Personal so stark abzubauen. Apps sind ja wirklich sinnvoll, ersetzen die Menschen am Schalter aber nicht. Gerade wenn die Passagiere, die selten fliegen, schon beim Betreten des Terminals sehr nervös und durcheinander sind.

SPIEGEL: Wann wird sich die Lage an den Flughäfen beruhigen?

Revet: Bestimmt nicht vor Ende der Sommerferien, und auch dann nur das allergrößte Chaos. Die Passagiere werden sich dann daran gewöhnt haben und sich darauf einstellen. Ich schätze, dass es erst im neuen Jahr wirklich besser wird, allerdings nicht so wie vor der Pandemie, weil die Arbeitskräfte einfach nicht da sind.

Robert Revets zehn Tipps für besseres Fliegen:

(zuerst veröffentlicht auf Facebook, redaktionell ergänzt und überarbeitet)

  1. Überlege genau, ob du wirklich fliegen oder reisen willst. Auch die Bahnen sind oft voll, Speisewagen funktionieren manchmal zur Hälfte, und im ICE fällt nicht selten die Klimaanlage aus. Verspätungen gehören auch dort zum Programm. Über Autobahnstaus muss ich nichts erzählen. Sei dir im Klaren, dass Murphys Gesetz (»Alles, was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen«) 2022 anscheinend zum Grundgesetz des Fliegens und des Reisens generell erhoben wurde.

  2. Immer die App der jeweiligen Airline auf dem Handy installieren und die Buchung speichern. Dann bekommst du frühzeitig Information zu Annullierungen, Umbuchungen, Gate-Wechsel, Gepäckband und so weiter. Im Problemfall kannst du oft nur über die App umbuchen. Alle sind unterschiedlich, sich am besten also schon zu Hause damit vertraut machen. Manche Apps – vor allem der großen Airlines – sind sehr gut, andere nicht. Alles ist aber besser als keine App. Erlaube Benachrichtigungen, und gib der Airline auch deine E-Mail. Wundere dich nicht, wenn du eine Nachricht bekommst und die Mitarbeiterin am Schalter hat noch keine Info über was auch immer gerade passiert. Automatisierte Systeme sind einfach schneller.

  3. Buche bei den Airlines direkt und nicht über Zwischenkanäle, die dir bei Flugausfällen oder sonstigen Problemen nicht helfen können. Wenn ihr als Familie unbedingt zusammensitzen wollt: Bucht Sitze, auch wenn's etwas kostet.

  4. Probleme am Flughafen bauen sich im Laufe des Tages auf, frühe Abflüge sind daher oft besser. Dafür sind die Security-Gates morgens sehr gern komplett überfüllt.

  5. Vergiss alles, was du mal gehört oder gelesen hast über Check-in-Deadlines der Fluglinien und Umsteigezeiten. Rechne mindestens das Doppelte. Es kann trotzdem nicht reichen. So gibt Lufthansa in Frankfurt als Deadline 60 Minuten vor Abflug an – das ist zu kurz und die Chance groß, den Flug zu verpassen. Früher als die empfohlenen 2,5 bis 3 Stunden vor Abflug zu kommen, ist aber auch nicht hilfreich: Die Wartenden überfüllen dann die Terminals und blockieren alles.

  6. Versuche, mit Handgepäck auszukommen, zur Not einmal öfters waschen. Denn die Gepäckausgabe an den Flughafen ist ein großes Problem: Es fehlt überall an Ladepersonal. Nutze den Platz unter dem Vordersitz für das Handgepäck.

  7. Vor der Security: Trinke deine Wasserflasche aus, wisse, wo deine Zahncreme-Deo-etc.-Sammlung ist sowie dein Laptop, damit du schnell und ordentlich alles in die Wannen legen kannst. In Amsterdam kannst du alles im Handgepäck lassen, in den USA gilt das für die Flüssigkeiten – Staus gibt's dort aber trotzdem. Wichtig ist, dass es schnell geht – jede Minute, die du länger benötigst, verlängert die Warteschlange.

  8. Wenn du Loungezutritt hast: Nicht wenige Lounges sind immer noch geschlossen, die geöffneten oft überfüllt.

  9. Verpasst du einen Anschlussflug, dann checke die App (siehe Punkt 2). Innerdeutsch nimm die Bahn. Lufthansa schaltet in bestimmten Fällen an den Check-in-Automaten Bahnfahrkarten frei, dafür die Bordkarte scannen. Bei Flugausfällen die nötige Hotelübernachtung selbst buchen (bis vier Sterne bei Economy-Buchung) und einreichen. Wird erstattet, auch wenn's wahrscheinlich dauert.

  10. Last, but not least: Sei freundlich zu den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen! Sie haben die Probleme weder verursacht noch zu verantworten. Sie wollen dir gern helfen, wenn sie können. Manchmal will das System aber nicht, und manchmal gibt es keine Alternative. Jeder Airliner, Flughafenangestellte oder Handling-Agent kennt einen pünktlichen Feierabend schon seit Ostern nicht mehr und ist am Ende seiner oder ihrer Kräfte. Also Geduld und Contenance! Für alles Weitere gibt's den Beschwerdeweg.

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