Sylts Bürgermeister über die Coronakrise "Es gibt leider Gäste, die sich weigern zu gehen"

Sylt wurde am Wochenende von Touristen überrollt – trotz Corona-Epidemie. Nikolas Häckel, Bürgermeister auf der Insel, warnt eindringlich vor den Folgen.
Ein Interview von Jan Petter

SPIEGEL: Herr Häckel, wo erreichen wir Sie gerade?

Häckel: Die meiste Zeit verbringe ich im Büro. Hier können wir die notwendigen Schritte immer noch am einfachsten planen. Außerdem gibt es im Besprechungszimmer einen schönen großen Tisch, der es uns erlaubt, bei Gesprächen den aktuell empfohlenen Mindestabstand einzuhalten.

SPIEGEL: Ihre Insel ist seit Montagmorgen, 6 Uhr, für den Tourismus abgeriegelt. Wie ist jetzt die Lage?

Häckel: Es wird zum Glück langsam etwas ruhiger. Die letzten zwei Tage war es hier schon sehr voll. Das ändert sich. Viele Besucher sind bereits abgereist, andere warten noch auf die Züge. Es gibt leider aber auch Gäste, die sich weigern, abzureisen.

SPIEGEL: Wie kann man sich das vorstellen?

Häckel: Manche Menschen glauben, dass die frische Seeluft sie vor dem Coronavirus schützt. Sie bestehen dann darauf, in ihrer Ferienwohnung zu bleiben. Wenn ich so etwas höre, bin ich wirklich sprachlos. Wir sind hier nicht in der Lage, Tausende Urlauber medizinisch zu versorgen. Das ist einfach unverantwortlich.

SPIEGEL: Sie haben in den vergangenen Tagen gleich mehrere Appelle veröffentlicht. Was hatte es damit auf sich?

Häckel: Das, was wir gerade erleben, hätte sich vor 14 Tagen keiner vorstellen können. Ich denke, das ist überall so. Ich erhalte seit der vergangenen Woche sehr viele Anfragen. Pensionsbetreiber fragen sich, wie sie bei all den Stornierungen überleben sollen. Gäste möchten wissen, was die Situation für den Urlaub bedeutet. Angestellte brauchen kurzfristig eine Kinderbetreuung. Und dann gibt es eben auch soziale Probleme. Wenn die Sylter Tafel mir mitteilt, dass sie ihr Angebot aufrechterhält, dann kommunizieren wir das natürlich. Ich kann es gut verstehen, dass die Menschen Ängste haben, Transparenz kann da helfen.

SPIEGEL: Welchen Einfluss haben Sie als Kommunalpolitiker in solch einer Situation überhaupt noch?

Häckel: Wir setzen hier das um, was das Land und der Kreis beschließen. Insofern bekommen wir viel mit und können auch Feedback geben. Das ist wichtig, wenn wir das Virus eindämmen wollen. Meine Mitarbeiter haben am Wochenende Extraschichten geschoben. Wir haben innerhalb von drei Tagen alles umgestellt. Gemeinsam mit einer Sylter Firma ist ein Chatbot entstanden, der jetzt die wichtigsten Fragen beantwortet: Wann fährt die Fähre, wie öffnen die Kitas und was wird aus den Abiprüfungen? Außerdem haben wir 15 Mitarbeiter, die jetzt im Schichtsystem unsere Hotline betreuen.

SPIEGEL: Können Sie sagen, wie viele Menschen in den vergangenen Tagen auf die Insel gekommen sind?

Häckel: Ich weiß nicht, wie viele Menschen in den vergangenen Tagen nach Sylt gereist sind. Es gibt natürlich Zahlen durch die Kurtaxe, aber ich habe aktuell andere Prioritäten. Ich kann auch so sagen, dass es sehr viele Menschen waren. Normalerweise würde man bei einer Pandemie ja menschenleere Straßen erwarten. Das Gegenteil war der Fall. Wir hatten hier so viele Gäste wie sonst an Ostern.

SPIEGEL: Inzwischen hat Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) Touristen aufgefordert, die Nordseeinseln zu verlassen. Hat das geholfen?

Häckel: Ich habe Respekt vor dem Ministerpräsidenten für seinen Appell. Für uns ist die Situation nicht einfach. Wir leben vom Tourismus. Aber momentan hat das Leben von Menschen einfach Vorrang. Deshalb war seine Aussage sehr wichtig. Ich habe das Gefühl, viele Menschen beginnen den Ernst der Lage erst zu verstehen, seitdem die WHO eine weltweite Pandemie ausgerufen hat.

SPIEGEL: Haben Sie den Eindruck, dass die Coronakrise von der Politik verschlafen wurde?

Häckel: Ich halte den Föderalismus für ein gutes System. Es gibt historisch gute Gründe, weshalb man in unserem Land nicht durchregieren kann. Hinterher ist man natürlich immer schlauer, insofern möchte ich mich nicht beschweren. Aber hätte es manchen Erlass schon vorher gegeben, wären am Wochenende sicherlich nicht so viele Menschen auf die Insel geströmt.

SPIEGEL: Viele Ihrer Gäste und Einwohner sind älter. Ist das Gesundheitssystem auf der Insel auch nur ansatzweise auf solch eine Situation wie jetzt vorbereitet?

Häckel: In unserer Klinik gibt es fünf Intensivplätze mit Beatmung. Das Gesundheitssystem ist auf 18.000 Einwohner ausgelegt. Wir bemerken schon in der Hochsaison die Leistungsgrenzen, aber jetzt ist es natürlich noch etwas anderes. Wir haben eine Quarantänestation eingerichtet, die man im Notfall noch ausbauen könnte. Zum Glück haben wir noch keine gemeldeten Corona-Fälle, nicht notwendige Operationen wurden zur Sicherheit dennoch abgesagt. Wir werden vor große Herausforderungen gestellt, wenn zu viele Menschen auf der Insel sind. Wenn es nicht anders geht, muss man die Triage einführen. Aber bislang hoffe ich darauf, dass die Besucher erkennen, dass Sylt in solch einer Situation kein Zufluchtsort ist.

SPIEGEL: Ihre Gemeinde besteht aus sechs Ortsteilen. Unter welchen Umständen ist in solch einer Situation Kommunalpolitik überhaupt noch möglich?

Häckel: Wir arbeiten derzeit nach Weisung. Wir machen das, was von Land und Kreis vorgegeben wurde. In der Gemeinde sind alle Sitzungen im März abgesagt. Ich treffe heute die sieben Fraktionschefs, um die wichtigsten Themen zu besprechen. Wir werden dabei natürlich den Sitzabstand einhalten.

SPIEGEL: Der österreichische Ferienort Ischgl war offenbar Ausgangspunkt für sehr viele Corona-Fälle in Europa. Wie wollen Sie sicherstellen, dass Ihre Besucher auf dem Heimweg möglicherweise nicht weitere Menschen anstecken?

Häckel: Wir haben bislang keine Fälle. Ich hoffe sehr, dass es dabei bleibt. Aber es ist natürlich klar: Wenn das Land früher entschieden hätte, uns abzuriegeln, hätten mögliche Ansteckungen verhindert werden können.

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