Parkplatz der Kochschule Neumünster: Stimmungsvoller Ersatz für den Restaurantbesuch
Parkplatz der Kochschule Neumünster: Stimmungsvoller Ersatz für den Restaurantbesuch
Foto: Janko Tietz / DER SPIEGEL

Gastronomie trotz Corona Vier-Gang-Betriebe

Essen auf Rädern exquisit: In Neumünster stemmt sich eine Hotelierfamilie gegen den Existenzverlust. Sie serviert Vier-Gänge-Menüs ins Wohnmobil. Die Wirtsleute sind permanent ausgebucht – und ermutigen deutschlandweit Nachahmer.
Von Janko Tietz

Natürlich kann man es machen wie viele derzeit in der Pandemie: Schimpfen auf den Staat, schimpfen auf das Impfchaos, schimpfen auf den Lockdown. Oder man macht es wie Bettina Seitz: Man macht einfach.

Als die Politik im vergangenen März anordnete, Kontakte einzuschränken und Herbergen zu schließen, als feststand, dass Freizeitangebote und Restaurants ihren Betrieb wegen der Ausbreitung des Coronavirus einzustellen haben, war die Bodenplatte ihres Hotel-Erweiterungsbaus gerade gegossen. Bettina Seitz und ihr Mann Thomas Hildebrandt hatten große Pläne und nur kleine Chancen, dass nicht alles zusammenfällt.

Unternehmerin Bettina Seitz: »Frau Seitz, wir können gerade gar keine Zahlungseingänge auf Ihrem Konto feststellen.«

Unternehmerin Bettina Seitz: »Frau Seitz, wir können gerade gar keine Zahlungseingänge auf Ihrem Konto feststellen.«

Foto: Janko Tietz / DER SPIEGEL

Vor sechs Jahren zog die gelernte Köchin Bettina Seitz für ihren Mann aus dem Allgäu in die platte norddeutsche Tiefebene, das Outlet-Center gilt hier als größte Attraktion, zum Meer sind es noch weitere 70 Kilometer. Allein den Umzug kann man als riesigen Liebesbeweis deuten.

Dass sie auch ihre berufliche Existenz in den Bergen aufgab und im – nun ja – nicht gerade als kulinarisches Mekka bekannten Neumünster ihm zuliebe eine neue Selbstständigkeit aufbaute, auch das zeugt von großer Zuneigung.

Die beiden hatten gerade hohe Kredite aufgenommen, das Hotel ihres Mannes sollte auf das Doppelte vergrößert werden, die Einnahmen aus dem laufenden Betrieb sollten das Darlehen tilgen. Die dazugehörige Kochschule  war gerade gut genug etabliert, um genügend abzuwerfen. Der erste Lockdown war der sprichwörtliche Knüppel zwischen die Beine.

Zwar entspannte sich die Situation während des Sommers wieder ein wenig, der Hotelneubau wurde fertiggestellt, die Kochschule war wieder in Betrieb. Doch als im November der nächste Lockdown verhängt wurde, drohte Bettina Seitz und ihrem Mann, dass sie den Überlebenskampf verlieren.

Wasserpistölchen statt Wasserwerfer

»Irgendwann rief die Bank an und sagte, ›Frau Seitz, wir können gerade gar keine Zahlungseingänge auf Ihrem Konto feststellen‹«, erzählt die Bayerin. »Ja, wie auch?«, habe sie verzweifelt zurückgefragt. Außer Hotel und Kochschule betreibt das Ehepaar auch einen Catering-Betrieb und den Bistro-Pavillon im Zoo von Neumünster. Aber im Lockdown gilt: keine Tierbesuche, keine Feiern, keine Gäste. Nirgendwo Einnahmen, überall laufende Kosten für Pacht, Personal und Energie. Da alle Betriebsstätten in einer GmbH zusammengefasst sind, gab es auch nur einmal Unterstützung vom Staat – und nicht viermal.

Und diese Hilfen kamen auch nur schleppend. »Statt des versprochenen Wasserwerfers war das eher ein Wasserpistölchen, aus dem tröpfchenweise ein bisschen Geld kleckerte.« Seitz hätte sich ihrem Schicksal ergeben können, hätte warten können, bis der Lockdown vorbei ist, der nächste kommt, sie pleite ist oder der Staat doch noch Geld schickt. Aber sie wartete nicht.

Immerhin erlaubten die Politikerinnen und Politiker den Gastronomen im Land den Außer-Haus-Betrieb. Doch die Kochschule von Seitz in Neumünster war nicht als klassisches Restaurant bekannt. Niemand wäre auf die Idee gekommen, dort Essen abzuholen, allenfalls zu lernen, wie man es kocht.

Als Seitz in der Zeitung las, dass im Corona-Jahr 2020 der Absatz von Wohnmobilen sprunghaft angestiegen ist, kam ihr die zündende Idee: das Wohnmobil-Dinner. Sie kocht und serviert das heiße Essen in die rollenden Wohnzimmer, dessen Insassen draußen auf dem Hotelparkplatz auf die Bedienung warten.

Zwischen 2015 und 2020 wuchs der Bestand an Wohnmobilen in Deutschland von gut 390.000 auf knapp 590.000. Allein im Mai nach dem ersten Lockdown stieg der Absatz um 29 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. »Irgendwas müssen die Leute ja jetzt mit den Dingern anstellen«, sagte sich Seitz. Ihr schwebte vor, dass die Leute damit zu ihr fahren. Und so war es.

Seitz druckte einen Flyer, stellte ein Foto davon in den Status ihres WhatsApp-Profils, für mehr Marketing-Aufwand fehlte das Geld. Doch mehr war auch gar nicht nötig. Die Mechanismen von Social Media funktionierten prächtig. Viele in Seitz' Telefonbuch teilten den Status unter ihren Kontakten, und so verbreitete sich ihre Idee in ganz Deutschland.

Das Außer-Haus-Geschäft ist schön und gut, sagt Seitz, aber mit ihren Vorstellungen von Gastronomie geht es nicht zusammen. »Man hat hochwertigste Zutaten, verbringt Stunden in der Küche, dann landet es in Plastikschachteln, und wenn man zu Hause ist, ist es kalt?«

Köchin Seitz bei der Arbeit: Sie hätte sich ihrem Schicksal ergeben können. Aber sie wartete nicht.

Köchin Seitz bei der Arbeit: Sie hätte sich ihrem Schicksal ergeben können. Aber sie wartete nicht.

Foto: Janko Tietz / DER SPIEGEL

Am ersten November-Wochenende starteten Seitz und Hildebrandt. Ihr Hof hat Platz für 15 Mobile, Thomas Hildebrandt stattete jeden mit einem Stromanschluss aus, illuminierte die Umgebung mit stimmungsvollem Licht. Seither sind er und seine Frau vier- bis fünfmal pro Woche die Gastgeber für Deutschlands Camperfans in Campervans. Die reisen mittlerweile aus allen Regionen an. Man sieht Kennzeichen aus Rendsburg, Bochum, Winsen an der Luhe oder Leipzig. Am Anfang kamen die Anfragen vereinzelt, inzwischen summieren sie sich auf 600. Das Ehepaar könnte – wenn es denn ginge – ganz Neumünster in eine geschäumte Gaumenfreude in Gefährten verwandeln.

An vier bis fünf Abenden pro Woche kreiert Seitz ein Vier-Gänge-Menü, serviert wird auf vorgeheizten Porzellantellern. Wein gibt es nur in ganzen Flaschen, weil das Ordnungsamt verboten hat, ihn offen auszuschenken. Für jene, die am Abend wieder wegfahren, halten die Wirtsleute alkoholfreie Ersatzgetränke von schwäbischen Streuobstwiesen parat. Die Gläser sind geschliffen, die Tischwäsche ist gestärkt, das Besteck poliert.

Menü im Mobil: Alles soll authentisch sein, wie ein echter Restaurantbesuch.

Menü im Mobil: Alles soll authentisch sein, wie ein echter Restaurantbesuch.

Foto: Janko Tietz / DER SPIEGEL

Inzwischen findet das Konzept in ganz Deutschland Anklang. In Bielefeld hat das Restaurant Habichtshöhe  auf Camper umgerüstet, in München sagt Erik Herz von Herzis Wirtschaft »Zum fleißigen Gartler « Servus zu den Gästen, in Berlin hat Tom Boye sein »Kochwerk « in ein Outdoor-Restaurant verwandelt. Auf Facebook gibt es mittlerweile eine Fangruppe mit mehr als 33.000 Mitgliedern , es wurde eigens eine interaktive Deutschlandkarte  erstellt, auf der sich die Betriebe eintragen können, wenn sie mögen.

Auch Bettina Seitz ist natürlich dabei, bei ihr soll alles so authentisch sein wie bei einem echten Restaurantbesuch. Ein bisschen Galgenhumor erlauben sie sich dann aber doch: Hildebrandt empfängt die Gäste in der Uniform eines Zirkusdirektors, die Bedienungen haben warme Ganzkörper-Onesies an in Einhorn-, Pinguin- oder Löwenoptik. Es ist aber wirklich der einzige Gag, den sich Seitz' Team erlaubt.

Die Lage ist ernst genug. Das Ordnungsamt patrouilliert regelmäßig und überprüft, ob der Wein tatsächlich in Flaschen kommt oder nicht vielleicht hier und da doch illegalerweise in einem Glas. Es überprüft, dass die Camper ihre Mobile ja nicht verlassen, es überprüft, ob die Kennzeichen auf den Teilnehmerlisten auch wirklich mit den angereisten Fahrzeugen übereinstimmen, ob sich in jedem wirklich nur maximal zwei Haushalte versammeln, ob jedes Auto ein Klo hat, denn die des Hotels dürfen nicht benutzt werden, ob wirklich um 23 Uhr Schluss mit dem Service ist. Mag das Geld vom Staat auch schleppend fließen, wenn es ums Verhängen von Ordnungswidrigkeiten geht, funktioniert er tadellos.

Regelmäßig flattern Anzeigen ins Haus

Bettina Seitz erträgt das alles mit stoischer Gelassenheit, Hauptsache ihr Unternehmen bleibt am Leben. Mit ihrer Aktion gegen den Corona-Blues erwirtschaftet sie monatlich eine fünfstellige Summe, ihre Fixkosten sind allerdings genauso hoch. »Bis jetzt sind wir allenfalls kostendeckend, von Gewinnen kann keine Rede sein.« Bis zu 16 Stunden täglich arbeitet sie an den geöffneten Tagen, kauft Zutaten ein, nimmt Reservierungen entgegen, bestimmt das Personal. Immerhin musste sie bislang niemanden entlassen, niemanden in Kurzarbeit schicken – im Gegenteil: An besonders gut gebuchten Tagen beschäftigt sie sogar Servicepersonal von anderen Hotels in Neumünster, das sonst arbeitslos wäre.

Nicht allen in der Stadt gefällt die Umtriebigkeit der Bayerin. Regelmäßig flattern Anzeigen ins Haus, weil angeblich irgendwas nicht Corona-konform läuft. Erst vergangene Woche tauchte das Ordnungsamt wieder auf, weil sie irgendjemand aus der Nachbarschaft verpetzte. »Wahrscheinlich ein Neider«, sagt Seitz und schlägt die Soße auf.

Draußen füllt sich gerade wieder der Hof.