Wakenitz bei Lübeck: Gerold Rahmann war mit Begleitung zu Hause in Schleswig-Holstein unterwegs
Wakenitz bei Lübeck: Gerold Rahmann war mit Begleitung zu Hause in Schleswig-Holstein unterwegs
Foto: Gerold Rahmann

Reisetipps der SPIEGEL-Leserinnen und Leser "Statt Fernweh habe ich nun fast Nahweh"

Wohin im Herbst? Schon wieder sind viele Regionen in Europa zu Risikogebieten erklärt worden. Deutschlandurlaub ist oft der Plan B - aber ein sehr guter: Hier verraten SPIEGEL-Leserinnen und Leser ihre Tipps.
Zusammengestellt von Eva Lehnen

"Hat das Virus Ihr Fernweh gekillt?", haben wir gefragt - und bekamen Hunderte E-Mails, für die wir uns herzlich bedanken.
Nein, antworteten manche SPIEGEL-Leser und -Leserinnen, für sie sei Deutschland keine Urlaubsalternative. "Zu voll, zu teuer, die Bestimmungen der Bundesländer zu unterschiedlich und überdies dauernd geändert", schrieb einer, der eigentlich am liebsten weit weg gewesen wäre. Im Offroader über die Türkei und Iran nach Dubai - so war der abenteuerliche Plan, aus dem coronabedingt nun nichts wurde.

Viele kamen zu einem anderen Urteil: Auch wenn Urlaub in der Heimat vielleicht nicht die erste Wahl war, im Corona-Sommer war er gut für überraschende Erkenntnisse und neue Entdeckungen. Lesen Sie hier eine Auswahl der schönsten Erlebnisse - vielleicht finden Sie dabei Inspiration für Ihre Herbstferien oder ein Ausflugswochenende:

Rothaarsteig statt Highline – "Ich war noch nie so entspannt"

"Meine Reisepläne hätten mich in diesem Jahr normalerweise nach Japan und New York geführt. Ich liebe Reiseabenteuer in die Ferne, habe im Corona-Sommer 2020 aber die Erholung in der Nähe schätzen und lieben gelernt. Als Nordrhein-Westfale habe ich den gesamten Sommer sicherheitshalber im eigenen Bundesland verbracht. Ich bin alleine insgesamt fast 300 Kilometer auf dem Rothaarsteig und dem Natursteig Sieg gewandert und bin dabei kaum einer anderen Menschenseele begegnet. Die schönste Erkenntnis des Sommers: Ich war nach einem Urlaub noch nie so entspannt wie in diesem Jahr." Sebastian Wuwer

Dowesee statt schottische Lochs – "Wunderschön und idyllisch"

"Erst mal war die Enttäuschung riesengroß, dass unsere Reise nach Schottland nicht stattfinden konnte. Aber meine Freundin Barbara und ich (beide im Rentenalter) sind nicht von der jämmerlichen Sorte und hatten uns schnell wieder gefangen. Corona hat uns gelehrt, wie schön unser Deutschland ist und dass schlimme Umstände auch manchmal Gutes hervorbringen können. Wir haben eine Liste geschrieben, wo man überall in der Nähe hinfahren könnte.

Niedersachsen ist ein großes Bundesland und hat viel zu bieten: den Dowesee in Braunschweig zum Beispiel, wunderschön und idyllisch, oder den Heiligen Hain, eine Heidefläche, die gerade herrlich blüht. Oder auch die mannigfaltige Bauhausarchitektur in Celle - wir hatten überhaupt keine Ahnung, dass 27 Kilometer vor unserer Haustür solche interessanten Kulturgüter auf uns warten. Und wenn die Laubfärbung einsetzt, fahren wir in den Harz zum Baumwipfelpfad. Das sind nur drei Beispiele, die wir ohne Corona niemals entdeckt hätten. Und wir werden auch in Zukunft, wenn irgendwann wieder alles 'normal' läuft, gern unsere Umgebung erkunden." Lisa Erdmenger

Pfalz statt Südfrankreich – "Abseits, klein und idyllisch"

"Schon längst hatte ich unsere beiden Reisedomizile in Frankreich storniert. Doch gar nichts machen? An die Ostsee? Getümmel, überfüllte Strände? Nein, in Corona-Zeiten ganz sicher nicht unser Ziel. An meinem letzten Arbeitstag vor meinem Urlaub im Sommer buchte ich spontan ein Zimmer in einem kleinen Hotel in Landau in der Pfalz. Abseits, klein und idyllisch. Eine Woche mal rauskommen.

In der Nacht vor unserer Abreise schliefen weder mein Mann noch ich. Unser Sohn hatte uns ins Gebet genommen: Wir müssten aufpassen - keine Autobahnraststätten, Ansammlungen vermeiden, nur draußen essen gehen. Wir entdeckten eine wunderschöne Region Deutschlands, nahmen reichlich Eindrücke und leckeren Wein mit nach Hause. Die gesamte Woche über Sonne pur und über 30 Grad Celsius.

Der Urlaub war so ganz anders als alles, was wir zuvor gemacht haben. Doch, er war schön und erholsam. Bei allem schwang aber immer ein wenig die Angst mit: War es richtig, wegzufahren? Jetzt haben wir schon für 2021 gebucht: Wir fahren wieder in die Pfalz. Es gibt noch viel zu entdecken. Nach Frankreich, das uns sehr ans Herz gewachsen ist, reisen wir vielleicht 2022. Überseeziele? Fliegen? Das hat sich erst mal auf lange Zeit wieder erledigt. Mein eigenes Auto ist gerade mein liebstes Reisegefährt." Antje Radloff

Sächsische Schweiz statt USA – "Hat uns sehr gut gefallen"

"Dass man in Deutschland schöne Urlaubsregionen finden kann, ist für uns keine Frage. Hier machen wir sowieso einmal im Jahr einen Kurzurlaub. Da wir wandern wollten, haben wir uns wegen der Verfügbarkeit von Hotels für die Sächsische Schweiz entschieden.

Wir haben ein Hotel in Papstdorf gefunden, das uns als Basis diente. Klar standen auf dem Programm: Bastei und Schwedenlöcher, Lilienstein, Wolfsschlucht. Das Highlight war auf der tschechischen Seite das Prebischtor (oder Pravčická brána). Was wir uns nach der Wende nicht mehr angesehen hatten, war Görlitz. Das Städtchen ist sehr schön geworden. Die Sächsische Schweiz hat uns sehr gut gefallen, außer einem stabilen und schnellen Internetzugang ist eigentlich alles an Infrastruktur vorhanden. Die Menschen sind freundlich, die Preise erträglich. Leider ist hier Bargeld immer noch das bevorzugte Zahlungsmittel, Wanderparkplätze sind zum Beispiel nur mit Münzen zu bezahlen." Steffen Krug

Mittelgebirge statt Mallorca – "Tolle Trips"

"Corona hat uns tolle Trips ermöglicht, insbesondere die Rhön und der weitläufige Oberharz haben uns super gefallen." Verena Tonn

Nienwohlder Moor statt Niger – "Es ist schön vor Ort"

"Ich würde mich als Vielreisenden bezeichnen. Jahrzehntelang war ich jedes Jahr beruflich oder privat in 30 bis 40 Ländern der Erde unterwegs. Beruflich ging es mir als Agrarwissenschaftler um weltweite Netzwerke, Wissen sammeln und Austausch, privat um mein Ziel, alle Länder dieser Erde einmal besucht zu haben. Mein Plan: Ich will bis zur Rente in ein paar Jahren die Welt der Landwirtschaft aus der Sicht eines Bauern vor allem bebildert in einem Buch veröffentlichen. Bislang habe ich 167 Länder bereist.

Aufgegeben habe ich mein Ziel nicht, aber 2020 eine Vollbremsung hingelegt. Statt neue Länder wie Pakistan, Algerien, Sierra Leone, Guinea, Liberia im Frühjahr und im Herbst Niger, beide Kongos und die Zentralafrikanische Republik zu bereisen, sind es Fahrradtouren in das Nienwohlder Moor und Kanufahrten auf dem 'Amazonas des Nordens', der Wakenitz bei Lübeck, geworden. Und was muss ich erfahren? Es ist schön vor Ort in Schleswig-Holstein, in der Nähe von zu Hause.

Dafür hatte ich bislang keine Zeit, nun aber gezwungenermaßen. Und ich habe es genossen. Das hat nicht nur meine Freunde, sondern am meisten mich selbst gewundert. Seit 40 Jahren war ich nicht mehr so lange an einem Stück zu Hause, und es gefiel und gefällt mir. Statt permanentes Fernweh habe ich nun fast schon Nahweh, für mich ein neues und schönes Wort. Aber es ist auch klar, dass ich wieder reisen werde, allein um mein Buch fertigzustellen. 28 Länder fehlen noch. Ich weiß nicht, wann das Reisen in diese meist schwierigen Länder wieder möglich sein wird, aber machen werde ich es. Es wird aber ein anderes Reisen sein." Gerold Rahmann 

Potsdam statt Pisa – "Die Kinder waren glücklich und zufrieden"

"Unsere Familien kommen aus Sachsen und Thüringen, und diese Bundesländer hatten wir in den letzten zwei Jahren schon mit Kurzausflügen beackert. So sollten die Kinder nun also Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern mit 'repräsentativen' Orten beziehungsweise Erlebnissen kennenlernen. Es hat uns etwa zwei Wochen gekostet, die Route bis Rügen festzuklopfen, und dann ging es mit dem Wohnmobil los - über einen Stellplatz an der Elbe mit Besuch des Wörlitzer Parks zu einem wunderschönen Campingplatz in der Nähe von Potsdam zum Besuch von Sanssouci und dem Berliner Fernsehturm weiter zu einem Sommer-Sonne-Spiel-Spaß-Campingplatz am Plauer See und nach Stralsund ins Meeresmuseum.

Alles hat wunderbar geklappt, und die hygienebedingten Einschränkungen waren überwiegend moderat. Gelegentlich nicht sonderlich nachvollziehbar, aber machbar. Die Kinder waren glücklich und zufrieden. Und damit waren wir es auch. Nur würden wir nie wieder mit einem Mietwohnmobil und gerade mal Schulkindern in der Art eine Urlaubsreise machen. Wohnmobile sind eben nicht kindgerecht gebaut (als Klettergerüst und Sportgerät) und gerade in Innenstädten extrem unhandlich!" Thomas Knöfel und Familie

Oder-Neiße-Radweg statt Baltikum-Tour – "Sehr erholsamer Urlaub"

"Wir hatten Lust auf eine Fahrradtour in Deutschland, zumal beim Radfahren automatisch der Abstand zu anderen eingehalten wird. Als dann im Laufe des Juni immer mehr Hotels wieder öffneten, entschieden wir uns für eine Reise von Görlitz nach Berlin mit Übernachtungen unterwegs und Gepäcktransport. Gut hundert Kilometer auf dem Oder-Neiße-Radweg, immer an der polnischen Grenze entlang, dann durch den Spreewald. Es war herrlich, durch wunderschöne Landschaften zu radeln und viele neue Eindrücke sammeln zu können.

Sorbische Dörfer, alte Kirchen, die Auen der Spree, Tier- und Pflanzenwelt sehen und einige Tage in Berlin mit entspanntem Museumsbesuch und seinen besonderen Plätzen ohne Menschenmassen verbringen zu können, sich dabei recht sicher zu fühlen, hat das Ganze zu einem sehr erholsamen Urlaub gemacht. Wir sagten uns immer wieder, dass wir keinesfalls in ein Flugzeug steigen würden, und hatten außerdem das befriedigende Gefühl, dass wir die Umwelt durch diese Art des Reisens nur wenig belasten. Auch im nächsten Jahr werden wir in Deutschland bleiben, eine Wanderung auf dem Heidschnuckenweg ist geplant und eine Radreise auf die Ostseeinseln." Bethina Röser

Wendland – "Was für eine Wohltat"

"War wie jedes Jahr zehn Tage im Wendland, da gibt es kein Internet und keine Handyverbindung. Habe nur sehr wenige Menschen getroffen. Was für eine Wohltat." quidquidagis (aus dem Leserforum)

Tagesausflüge in Baden-Württemberg – "Kein Reisestress"

"Wie schön ist doch unsere Heimat. Grün und bunt, warm mit kurzen, kühlen Erholungspausen. Kultur und Natur. Erlebnis und Sport. Seen und Meer, Berge und Flüsse - wo bietet die Welt sonst mehr auf so kleiner Fläche? Wie der Urlaub im Corona-Sommer war: von zu Hause mit zwei Töchtern in den Kletterwald und die Tiefenhöhle in Laichingen. Boot fahren auf dem Neckar. Europapark für die Jugend und die, die sich so fühlen. Zwetschgen ernten im Garten und einfrieren für die Zwetschgenkuchen des Jahres.

Wandern und Holz sammeln, daraus Fotoständer bauen. Fahrrad fahren. Neues erkunden. Schwarzwald, Schömberg, Federsee, im Brenztopf baden, Höhlen der ersten Jäger und Sammler rund um die Vogelherdhöhle erkunden. Das Nördlinger Ries mit all seinen Wundern entdecken und, drüben in Bayern, Nördlingen auf der Stadtmauer umrunden. Neresheim, Steiff-Museum in Giengen. Da bleibt so viel Geld, dass wir auch die Gaststätten und Lokale besuchen konnten, die unter Corona leiden. So mancher kleine Luxus wird möglich. Essen gemütlich à la carte statt pauschal im Lärm eines Speisesaals. Gesundes Essen, gute Luft, erträgliches Klima, gute Klimabilanz, kein Reisestress - Urlaub! Simon Steiff

Ostdeutschland mit dem Mietwagen – "Viel schöner als gedacht"

"Wegen der Corona-Pandemie wollten wir so oft wie möglich zu Hause in Leipzig übernachten. Da wir kein eigenes Auto besitzen, haben wir uns ein Auto gemietet. Unseren Sommerurlaub 2020 haben wir dann vor allem in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg verbracht.

Unsere erste Reise mit dem gemieteten VW Golf ging nach Potsdam in den Schlosspark Sanssouci. Danach haben wir mit einem Ausflugsdampfer eine Sieben-Seen-Rundfahrt über den Berliner Wannsee und das Havelland unternommen. In den folgenden Tagen besuchten wir Erfurt, Chemnitz und Görlitz. Spannend war unser Besuch auf dem 448 Meter hohen Löbauer Berg in der Oberlausitz. Den 1854 erbauten gusseisernen Aussichtsturm hatten wir zufällig auf der Karte unseres Navigationssystems entdeckt. Auf der Aussichtsplattform erinnert ein Zeitungsartikel daran, dass selbst der Bergsteiger Reinhold Messner diesen Berg schon erklommen hat.

Anschließend fuhren wir zum Gartenreich Dessau-Wörlitz in Sachsen-Anhalt. Die dortigen Parkanlagen sind beeindruckend, auch wenn die Dürre der vergangenen Jahre dem Baumbestand sichtlich zugesetzt hat. Auf dem Rückweg machten wir in Bitterfeld-Wolfen Halt. Der Bitterfelder Bogen ist eine Stahlkonstruktion auf einer Bergbauhalde und bietet eine herrliche Aussicht über die ganze Region. Der erste Blick fällt auf den Großen Goitzschesee, der Bitterfeld zu einem echten Naherholungsparadies gemacht hat. Auf der anderen Seite lässt sich bei gutem Wetter das 30 Kilometer entfernte Leipziger City-Hochhaus entdecken. Wir können jedem empfehlen, die schönen Seiten Ostdeutschlands zu bereisen. Vor der eigenen Haustür ist es manchmal viel schöner als gedacht." Torben und Michelle Schröder

Ahrtal statt Toskana – "Genau das Richtige für Kurztrips"

"Wir haben im Frühsommer lange überlegt, was wir machen. Normalerweise verbringen wir im Sommer einige Zeit in Italien, zumeist in der Toskana oder Umbrien, aber durchaus auch einige Zeit an den oberitalienischen Seen. Typisch deutsch eben. Beruflich gab es coronabedingt einige Baustellen, sodass wir wussten, dass es spontan werden würde. Da meine Frau und ich zu dem Zeitpunkt aufgrund der unklaren Ansteckungsgefahr keine Lust auf Fliegen hatten, haben wir uns entschieden, irgendetwas in Deutschland zu machen. Da wir beide Weinliebhaber sind, sind wir ins Ahrtal gefahren. Für uns noch eine Terra incognita.

Es war eine sehr schöne Woche mit interessanten Weingütern entlang der Ahr und Besuchen in exzellenten Restaurants. Wir haben erkannt, dass der deutsche Weinbau durch junge Winzerinnen und Winzer tolle, ja beeindruckende Rotweine im Burgunder-Stil hervorbringt.

Urlaub in Deutschland zu machen, hat seinen Reiz, aber zumindest für mich auch klare Nachteile: Ich bin nie ganz im Urlaub und schalte auch nicht ab. Deshalb werden wir uns nächstes Jahr wieder für längere Zeit auf den Weg machen in das Land, wo die Zitronen blühen. Das Fernweh ist einfach zu groß. Deutschland bleibt uns für die Kurztrips, ob Ahrtal, Hamburg, Markgräflerland oder Elbsandsteingebirge." Volker Lohweg

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.