Deutschland zu Fuß 900 Kilometer mit Brennnessel-Snack

Vom flachen Niedersachsen bis auf die Zugspitze: Zwei junge Männer aus Nordrhein-Westfalen wollen Deutschland von Nord nach Süd durchwandern - ohne Geld im Gepäck. Betteln lehnen sie ab. Um nicht Hunger und Durst zu leiden, wollen sie den Müll plündern und Friedhöfe besuchen.

DPA

Wilhelmshaven - Kaum Gepäck, nichts zu Essen und keinen Cent in der Tasche: Mit spärlicher Ausrüstung wollen zwei junge Männer aus Wermelskirchen bei Köln vom 16. September an Deutschland von Nord nach Süd durchqueren. "Wir wollen uns selber die Grundlagen entziehen", sagt Dennis Bettin, der in Köln Sport studiert.

Gemeinsam mit seinem Freund Marco Storsberg, 22, will der 24-Jährige beweisen, dass man auch ohne den gewohnten Überfluss extreme Leistungen bringen kann. 16 Tage und 8 Stunden haben die beiden Abenteurer für ihre 895 Kilometer lange Tour eingeplant. Start ist an diesem Sonntag im niedersächsischen Wilhelmshaven. Am 2. Oktober wollen die beiden die Zugspitze erreichen.

"Wir haben ja normalerweise immer fast alles verfügbar: Nahrung, Kleidung, Schutz und Wärme", sagt Bettin. Und darauf zu verzichten, sei sicherlich auch täglich "ein Kampf im Kopf". Denn Aufgeben kann das Duo natürlich jederzeit. Aber: "Wir wollen unsere Grenzen austesten und überschreiten."

Regenwürmer auf dem Speisezettel

Ernähren wollen sich die Wanderer von dem, was sie am Wegesrand finden. "Betteln oder gar etwas kaufen kommt nicht infrage", sagt Bettin, der sich schon darauf vorbereitet hat, dass es vermutlich häufig Äpfel oder Brennnesseln geben wird. "Wir haben uns auch intensiv mit Pilzkunde befasst. Und vielleicht finden wir auch mal Kartoffeln an Feldrändern oder können uns an Mülleimern bedienen."

Der Kölner Sportwissenschaftler Ingo Froböse rät den Extremwanderern, ihren Speisezettel um Regenwürmer und Insekten zu erweitern. "Wenn man nicht jeden Tag Proteine und Aminosäuren zuführt, knabbert der Körper an der eigenen Muskelmasse", sagt Froböse. Dann komme es zu einer Art "Selbstkannibalismus".

Dass die jungen Männer während ihrer Tour abmagern, sei klar, sagt der Experte. Wichtiger sei aber die Stoffwechseländerung aufgrund der Mangelernährung: "Das verzeiht der Körper nicht so einfach." Aber ein gesunder Organismus nehme durch solch eine Wanderung keinen dauerhaften Schaden.

15 Akkus fürs Mobiltelefon

Wasser wollen sich die Wanderer aus Quellen oder öffentlich zugänglichen Hähnen wie beispielsweise auf Friedhöfen zapfen. Gekocht wird auf offenem Feuer in Dosen, die sich das Duo aus dem Müll klauben will.

Eine Plane soll bei den Nächten im Freien zumindest vor der Feuchtigkeit schützen. Sieben Kilo Gepäck haben sich die beiden jeweils zugestanden. Ein wenig Kleidung, Schlafsack, Ersatzschuhe. Und als "Luxus" ein Messer, ein Feuerzeug und eine Kopflampe. Außerdem will Bettin noch 15 Akkus für sein Mobiltelefon einpacken. "Damit wir erreichbar sind." Teilweise will ein Fernsehteam mit einem Sportmediziner die Wanderer begleiten. "Die müssen uns ja finden können."

Storsberg und Bettin sind nicht die ersten, die unter extremen Bedingungen durch Deutschland wandern. Vor zwei Jahren bewältigte Ausdauersportler Joey Kelly die Strecke in 17 Tagen und 23 Stunden. "Der war allein unterwegs. Wir können uns bestimmt besser motivieren, deshalb wollen wir schneller sein", sagt Bettin.

1981 hatte der Survival-Experte Rüdiger Nehberg Deutschland ebenfalls zu Fuß durchquert und sich nur von dem ernährt, was die Natur hergegeben hatte. "Mit dem wollen wir uns aber ganz sicher nicht vergleichen. Der hatte wirklich nur das mit, was er am Leib trug", sagt Bettin.

Jörg Taron/dpa/jus



insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
user543 13.09.2012
1. Grenzen testen und überschreiten?
Der menschliche Körper kennt nur eine Grenze, und die ist sein Tod. Das erfahren auch manche Ausdauersportler. Manche mit "weniger starkem" Willen brechen vor Entkräftung zusammen und können von Ärzten wieder aufgepäppelt werden, dauerhafte Organschäden wie Vernarbungen am Herz sind die Folge. Einige wenige können auch die letzten Warnsignale ihres Körpers ignorieren und sich gegen die Entkräftung stemmen, bis am Ende der Kreislauf versagt und der Tod eintritt. Mission erfüllt - Grenze überschritten. Herzlichen Gückwunsch! Das selbe gilt auch für das Berufsleben "Grenzen testen" oder das Bedürfnis mancher Vorgesetzter "Mitarbeiter an ihre Grenzen heranzuführen" heißt schlichtweg: Diese Menschen in den Bereich der dauerhaften Gesundheitsschädigung zu treiben. Und darum reagiere ich auf solche markigen Sprüche sehr allergisch.
iqual 13.09.2012
2. Kennt ihr
Deutschland umsonst, Untertitel: Zu Fuß und ohne Geld durch ein Wohlstandsland, von Michael Holzach http://www.amazon.de/Deutschland-umsonst-Fuss-durch-Wohlstandsland/dp/3455103022/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1347529926&sr=8-1 Sehr interessant und auch IMHO sehr gut geschrieben
eukaryot 13.09.2012
3.
Zitat von user543Der menschliche Körper kennt nur eine Grenze, und die ist sein Tod. Das erfahren auch manche Ausdauersportler. Manche mit "weniger starkem" Willen brechen vor Entkräftung zusammen und können von Ärzten wieder aufgepäppelt werden, dauerhafte Organschäden wie Vernarbungen am Herz sind die Folge. Einige wenige können auch die letzten Warnsignale ihres Körpers ignorieren und sich gegen die Entkräftung stemmen, bis am Ende der Kreislauf versagt und der Tod eintritt. Mission erfüllt - Grenze überschritten. Herzlichen Gückwunsch! Das selbe gilt auch für das Berufsleben "Grenzen testen" oder das Bedürfnis mancher Vorgesetzter "Mitarbeiter an ihre Grenzen heranzuführen" heißt schlichtweg: Diese Menschen in den Bereich der dauerhaften Gesundheitsschädigung zu treiben. Und darum reagiere ich auf solche markigen Sprüche sehr allergisch.
Genau, dass ist der Punkt! Seine Grenzen austesten heist mit seinem Leben spielen, denn es gibt nur diese eine Grenze. Und auch diese ist hochindividuell und beeinflußbar! Aber wen interessiert das? Als ehemals zeitgetriebener Ausdauersportler habe ich mich vom Grenzenaustesten verabschiedet, die "Antennen" nach innen gerichtet und bezeichne mit nun als Genußsportler ohne Grenzen. Nun muß jedem das Recht auf Fehler zugestanden sein....
ornis 13.09.2012
4.
Zitat von user543Der menschliche Körper kennt nur eine Grenze, und die ist sein Tod. Das erfahren auch manche Ausdauersportler. Manche mit "weniger starkem" Willen brechen vor Entkräftung zusammen und können von Ärzten wieder aufgepäppelt werden, dauerhafte Organschäden wie Vernarbungen am Herz sind die Folge. Einige wenige können auch die letzten Warnsignale ihres Körpers ignorieren und sich gegen die Entkräftung stemmen, bis am Ende der Kreislauf versagt und der Tod eintritt. Mission erfüllt - Grenze überschritten. Herzlichen Gückwunsch! Das selbe gilt auch für das Berufsleben "Grenzen testen" oder das Bedürfnis mancher Vorgesetzter "Mitarbeiter an ihre Grenzen heranzuführen" heißt schlichtweg: Diese Menschen in den Bereich der dauerhaften Gesundheitsschädigung zu treiben. Und darum reagiere ich auf solche markigen Sprüche sehr allergisch.
Beispielsweise, indem man für einen Krankenpfleger im 3-Schicht-Dienst einen Dienstplan schreibt, nach dem dieser über Monate im Durchschnitt alle anderthalb Tage die Schicht wechselt! (so geschehen vor etwa 3 Jahren am Universitätsklinikum einer westdeutschen Landeshauptstadt) Abstruserweise war dieser Dienstplan sogar zu 100% konform mit dem Arbeitsschutzgesetz. Wenn diese beiden Spinner unbedingt ihre Gesundheit aufs Spiel setzen wollen, sollen sie das meinetwegen tun. Aber eine Kostenerstattung für gesundheitliche Folgeschäden sollte ihnen von ihren Krankenkassen strikt verweigert werden!
ulli7 13.09.2012
5. im September ist diese Wanderung machbar-
da kann man sich schon mit Obst und Gemüse über Wasser halten. Trinkwasser gibt es auf allen Friedhöfen. Aber auch der geniale Survival-Experte Rüdiger Nehberg hatte Deutschland ebenfalls zu Fuß durchquert und sich nur von dem ernährt, was die Natur hergegeben hatte. Dabei war sogar Nehberg ziemlich abgemagert.
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