Komoot-Rose von Volker Weinlich
Komoot-Rose von Volker Weinlich
Foto: Volker Weinlich / Komoot

Der GPS-Maler von Braunschweig Street-Art per Fahrrad

Pinguin, Löwe oder Schnecke: Rund um Braunschweig zeigt eine Outdoor-Karten-App immer neue GPS-Figuren. Unsere Autorin hat den Urheber gesucht – und ist mit ihm auf Rosentour gegangen.
Von Anja Tiedge

»Hier müssen wir rein!« Volker Weinlich streckt seinen Arm nach rechts aus, bremst sein E-Bike ab und biegt in eine kleine Straße ein. Nach 20 Metern wird er wieder langsamer, macht eine Kehrtwende und fährt zurück zur Hauptstraße. »Das war der erste Dorn. Jetzt rechts und weiter den Stiel entlang!«, ruft er, biegt ab und tritt in die Pedale.

Weinlich malt gerade eine Rose in der Braunschweiger Innenstadt. Dafür braucht der 62-Jährige weder Stift noch Papier, sondern ein Handy, das per GPS-Signal seine Spur verfolgt. Eine App wandelt seinen gefahrenen Weg auf der Landkarte in eine rote Linie um.

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GPS-Maler: Eine Rose per Rad

Foto: Anja Tiedge

Läufer, Wanderer oder Radfahrer nutzen das Programm normalerweise, um ihre Touren zu archivieren und sie anderen Nutzern zur Verfügung zu stellen. Meistens kommt dabei am Ende eine unförmige Figur mit demselben Anfangs- und Endpunkt heraus. Bei Weinlich sind es dagegen Wasser spritzende Elefanten, ein Nashorn, ein pinkelnder Hund – und heute eine Rose. Seine kleinen, auf die Karte gemalten Kunstwerke sind kein Zufall, er hat sie vorher am Rechner penibel geplant.

Seit einem halben Jahr malt er zu Fuß oder mit dem Rad GPS-Bilder von Tieren, Gesichtern oder Schriftzügen  in die Landschaft und stellt sie dann ins Netz. Meist in seinem Wohnort Braunschweig, ab und zu in der Umgebung. In Salzgitter hat er einen Frosch gezeichnet, in Gifhorn einen Pinguin, in Wolfsburg eine Schnecke.

Sein erstes Bild war ein Löwe. Die GPS-Aufzeichnung einer Radtour rund um Braunschweig hatte ihn an das Wappentier der Stadt erinnert. Er wandelte die Tour ab, arbeitete die Beine und das Maul heraus. »Da bin ich neugierig geworden und habe im Internet recherchiert, ob es solche Bilder schon gibt.«

Die digitale Community ersetzt ein Stück echter Gemeinschaft

Weinlich wurde fündig: Unter Hashtags wie #gpsart oder #gpsdrawing gibt es auf Instagram Tausende Bilder, von krakeligen Schriftzügen und Strichmännchen bis hin zum fein ausgearbeiteten Beethoven-Porträt – und momentan jede Menge Spritzen, mit denen Freizeitsportler für die Coronaimpfung werben. Kürzlich machte ein gigantisches GPS-Bild weltweit Schlagzeilen: Die Crew des Containerfrachters »Ever Given«, das im Suezkanal havarierte und dort tagelang den Schiffsverkehr blockierte, malte kurz zuvor einen Penis ins Meer.

Überhaupt sind männliche Geschlechtsteile beliebte GPS-Motive. Eine Amerikanerin, die regelmäßig Routen in Form von Penissen joggt und die Bilder auf Instagram postet , hat knapp 56.000 Follower. Davon inspiriert hat auch Weinlich zwei Phallus-Bilder gemalt und auf seiner Website veröffentlicht. Seine Routenbeschreibung: »Start ist im Wolfsburger Stadtteil EICHELkamp, danach kommt der HOCHring.« Ein bisschen Spaß gehöre dazu, sagt Weinlich. »Wer die Bilder nicht mag, guckt eben weg.«

Weinlich muss niemandem gefallen. Der gelernte Systemanalytiker, der sein Leben lang bei Volkswagen gearbeitet hatte, ist vor anderthalb Jahren in den Vorruhestand gegangen. Jetzt kann er seine Zeit frei einteilen und seinen Hobbys nachgehen: Radfahren, Fotografieren und Modellflugzeuge bauen.

Vor Corona gern in Gesellschaft, jetzt eben allein. Seine Frau fährt nicht gern Rad; während sie liest oder fernsieht, plant er seine Radtouren am Tablet. »Ich muss nicht weit reisen«, sagt Weinlich, der in Braunschweig aufgewachsen ist. Durch die GPS-Malerei lerne er seine Heimat neu kennen. »Für die Bilder komme ich oft durch Straßen und Gegenden, in denen ich noch nie war.«

Am liebsten ist er im Grünen unterwegs, wegen des dichten Straßennetzes eignen sich Innenstädte für die Bilder aber oft besser. Um im Wirrwarr der Wege Figuren zu erkennen, braucht es viel Fantasie und Geduld. Vier Stunden hat Weinlich die Planung der Rose gekostet – von der Überlegung, welche Blume es überhaupt werden soll – »keine Osterglocke, weil symmetrische Formen schwierig zu finden sind« – über die Frage, welche Straße sich für den Stiel eignet – »am besten eine breite, weil wir zwei parallele Linien brauchen« – bis hin zur technischen Umsetzung.

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Die Figur soll aus einer Linie bestehen, weil es beim GPS-Tracking keine Lücken gibt, und am Ende einen Rundkurs ergeben, damit Nutzerinnen und Nutzer, die Weinlichs Touren nachfahren wollen, an jedem beliebigen Punkt starten können.

Für den ersten Entwurf macht Weinlich einen Screenshot der Landkarte und zeichnet das Bild auf dem Tablet mit einem Touchscreen-Stift ein. Danach überträgt er es ins Navi-Programm auf seinem Computer. Das ist einigermaßen mühsam, denn das Programm ist darauf ausgerichtet, die kürzeste Strecke zwischen zwei Punkten zu finden. Deshalb gibt Weinlich Start, Ziel und Dutzende Zwischenziele der Tour ein, die er verschiebt, bis sie das gewünschte Bild ergeben. Anschließend lädt er die Route auf sein Smartphone und lässt sich während der Fahrt per Sprachansage navigieren. Gleichzeitig zeichnet das Handy seine GPS-Spur auf und malt so das Bild.

Auf der Rosen-Tour hält Weinlich immer wieder an, um markante Punkte zu fotografieren und sie später zusammen mit der Route hochzuladen: Brunnen, Brücken oder zwei Wege, die die Spitze des linken Rosenblatts bilden. »Fotos kommen bei den Followern immer super an«, sagt er.

Volker Weinlich, 62: E-Bike, Navi und Smartphone sind seine Zeichengeräte

Volker Weinlich, 62: E-Bike, Navi und Smartphone sind seine Zeichengeräte

Foto: Anja Tiedge

Mehr als 700 Nutzer folgen ihm in der App . Ein bisschen stolz ist er darauf schon. »Klar spornt das an. Viele von ihnen hinterlassen nette Kommentare.« Einigen folgt er zurück. Er kennt ihre Namen und Hobbys, man tauscht Nettigkeiten aus. So ersetzt die digitale Community ein Stück echter Gemeinschaft, die vielen gerade fehlt. »Ich würde gern mal mit Freunden fahren, aber wegen Corona geht das nicht«, sagt Weinlich.

Der Weg führt durch die Braunschweiger Altstadt mit historischen Bauwerken und restaurierten Fachwerkhäusern, einen großen Park und die Fußgängerzone. Weinlich plant die Touren immer im Fußgängermodus, so findet das Programm mehr Wege. Auf falschen Straßenseiten und in einer Passage schiebt er sein E-Bike. Ab und an, wenn Treppenstufen im Weg sind, muss er es tragen.

»Die Arena eignet sich gut als Pupille«

Einmal bremst er scharf: Er hat an einer Gartenbank Rosen aus Metall entdeckt und will sie fotografieren. Weinlich liebt es, wenn sich das Thema der Route in seinen Fotos wiederfindet. Bevor er im März einen Osterhasen malte, war er durch die halbe Stadt gefahren, um österliche Straßenschilder zu fotografieren, vom Haseweg bis zum Eiermarkt. Weinlich braucht auf seinen Routen eine Mission – und freut sich diebisch, wenn er sie erfüllt.

Da im Moment noch keine echten Rosen blühen, sollen die metallenen als Ersatz dienen. Zögerlich betritt er den Vorgarten, offensichtlich ein Privatgrundstück. »Ob ich hier kurz rein darf? Bestimmt!«, sagt er leise zu sich selbst, kniet sich vor die Gartenbank und knipst mit seinem Handy ein Bild.

Ein paar Leute, die aus dem Bürogebäude nebenan kommen, schauen kurz rüber und gehen dann weiter. Ärger hat Weinlich auf seinen Touren noch nie bekommen, obwohl er für einen spitzen Mundwinkel oder ein abgerundetes Ohrläppchen auch mal über Privatgrund fährt. Mit Fahrradhelm und leuchtend roter Funktionsjacke wirkt er wie der freundliche Vorruheständler, der er ist.

Für Weinlich ist die Stadt ein riesiges Blatt Papier. Gebäude und Plätze beurteilt er danach, welche Figuren er mit ihnen malen kann. »Die Arena eignet sich gut als Pupille«, ruft er und zeigt auf die ovale Volkswagen-Halle. Erst vor Kurzem hat er damit das Porträt einer langhaarigen Frau gemalt. Er nannte sie »Madame Ringgleis«, nach einer ehemaligen Bahntrasse, die heute als Rad- und Fußweg genutzt wird.

Auf einer weiteren Tour kürzte Weinlich die Strecke ab, Madame Ringgleis bekam kurze Haare. Später setzte er ihr noch einen Fahrradhelm auf. Das Problem: An einer Stelle hatte der Helm eine Beule, ein Fluss war im Weg. Weinlich machte aus dem Huckel kurzerhand eine Actionkamera. Dadurch wurde die Tour zwar länger als gedacht, aber er ist flexibel. »Ich bin im Vorruhestand! Mich hetzt keiner mehr.«